Süden 2016 – Vier

5. Oktober 2016

Sorgengeplagt wache ich auf und bringe erste einmal demütig den Müll weg. Hier wird getrennt und das ist gut und ich habe doch eine ganze Menge Müll produziert. Dann noch einmal so richtig heiß duschen, ich glaube, ich habe noch nicht erwähnt, dass es die besten, wasserreichsten und heißesten Duschen von ganz Italien hier am Campingplatz in Assisi gibt. Nach einer Stunde sind wir soweit, Carissima springt gleich an und klappert. Nichts sagen, warnt sie mich. Bleib einfach EINMAL cool. Ich wünsche mir coolness herbei. Es gibt so viele Menschen, die fahren ihr Auto, bis der Arzt kommt. Und hören nichts und spüren nichts. Bis die Kisten einfach keinen Mucks mehr machen. Und ich HÖRE EINFACH ALLES. Wir stoppen an der Rezeption, um zu zahlen und die Dame zeigt sich einigermaßen erstaunt, dass ich acht Tage hier war. Ich erkläre ihr, dass ich es hier einfach super finde.

Dann steige ich ein und wir fahren auf den Subasio. Das habe ich nämlich noch nie gemacht und da oben soll es ja super zum Fliegen sein. Als wir aus dem Campingplatz auf dei Straße biegen, ist das Motorgeräusch normal. Und zwar völlig normal. Als wäre nie etwas gewesen. Ich öffne das Fenster, halte meinen Kopf in den mittlerweile kalten Herbstwind und lausche… und lausche. Hinauf auf den Subasio, von der Asphaltstraße auf den Schotterweg, immer weiter und weiter hinauf, bis über die Baumgrenze. Die Aussicht ist berauschend und das Fluggebiet muss einfach sagenhaft sein, so wie sich das darstellt. Sanfte Hänge mit vielen Startmöglichkeiten, weiche Hügel und trotzdem hoch oben über der Ebene. Ich bin begeistert. Bleibe stehen, um Fotos zu machen. Und dann rieche ich es. Kabel, verbrannte Kabel. Nein, besser, verschmorte Gummiteile. Korrekter. Verschmorte Kabel. Ich renne ums Auto rieche, kontrolliere, nichts. Dann rieche ich an mir. Ich rieche nach verbranntem Kabel. Genau genommen, verschmortem Kabel. Oh mein Gott. Am Ende hat Carissima gar nichts, ich dafür aber einen Schlaganfall? Der soll doch auf das Geruchszentrum gehen? Ich mache sofort ein Foto von mir selbst, kann aber keine medizinisch relevanten Veränderungen fest stellen.

Sonderbar. Carissima gluckst, Mann, sagt sie, Du musst echt cooler werden, Du machst Dich fertig. Erzähl‘ mir was, sage ich. Das ist ja nicht mehr auszuhalten. Wir fahren wieder hinunter ins Tal, vorbei an Pilgerscharen, die sich zu Fuß auf den Subasio quälen und ich denke mir, die Zeit wird auch noch kommen, da bin ich dann so motiviert, dass ich das auch mache. Schlimm kann’s ja nicht sein, im Vergleich zum Untersberg. Carissima schnurlt. Ich habe wieder mal keinen Plan, wohin wir genau müssen, also fahren wir mal so ins Land. Nachdem ich mich halbswegs orientiert habe, geht es über Foligno nach Terni und von dort über Rieti nach L’Aquila. Diese Fahrt ist einfach wunderschön, wir sind mitten in den Abbruzzen, meist über 1.000 Meter, es ist kühl, aber der Himmel knallblau und Carissima schnurlt. Es gibt nichts Schöneres. Ich denke mir, vielleicht ist das ja so, dass ich keinen Schlaganfall hatte, sondern so eine Art Superheldenschlag. Und da wache ich von nun an um Mitternacht auf, selbstverständlich in einem knallengen Trikot, das die überschüssigen zehn Kilo schon weg gemacht hat, mit einem großen „M“ auf der Brust. Super Mechanic bin ich dann. Dazu trage ich einen Umhang, auf dem LIQUI MOLY steht, eh klar. Und auf der Hose prangt das alte CASTROL Logo. Also, sollte es in meiner Leserschaft einen begnadeten Zeichner geben, immer her damit. Sonst werde ich in den nächsten Tagen ein Foto machen.

Super Mechanic steigt um Mitternacht aus der Kiste und repariert Fahrzeuge alles Art in Windeseile, mit ihrem 17-er Schlüssel ist sie immer zu Stelle! Ich liebe diese Vorstellung.

Nachdem mir trotz des Erwerbs einer feinen Süditalien Karte ein Stück Karte fehlt, und zwar genau jenes, das mir verrät, wie es nach Pesacara geht und vor allem, von dort weiter, muss ich zwischendrin mal stehen bleiben und den Computer anwerfen. Da stelle ich fest, dass es keinen vernünftigen Weg gibt, der Pescara vermeidet, denn – TADA – da stehen ja die Abbruzzen im Weg herum. Daran hatte ich nicht gedacht. Also wähle ich die SS 17 ab L’Aquila, auf der bin ich ja schon bis hierher gekommen, und fahre auf dieser weiter bis zur Autobahn. Die Strecke ist wunderbar und es gibt hier oben am Hochplateau auch einige Campingplätze, aber mir ist es einfach zu kalt. Mittlerweile hat der Wind ordentlich an Stärke zugelegt und es ist richtig, richtig kalt. Als wir also die A25 treffen, nehmen wir die bis Pescara und dann die A14 Richtung Bari. Mittlerweile bin ich richtig erschöpft von dem vielen Bergstraßen fahren und stelle mir den Wecker auf 17.00 Uhr. Dann sind wir genau sieben Stunden am Weg und dann werde ich beginnen, ein Quartier zu suchen, bevor wieder die große Verzweiflung ausbricht. Denn bis zu unserem eigentlich angepeilten Ziel werden wir es heute nicht mehr schaffen, so viel ist klar. Beim Tanken denke ich sogar daran, dass ich vielleicht mal einen Kaffee trinken sollte, das ist als interne Meisterleistung verbucht. Die Dame im Cafe nennt mich Carissima und ich grinse von einem Ohr zum anderen 😉

Leider bricht die große Verzweiflung dann doch durch, als ich gegen 18.00 Uhr, mittlerweile auf der „Adriatica“, der Bundesstraße an der Adriaküste entlang, an einem geschlossenen Campingplatz nach dem anderen vorbei fahre. In meinem Kopf beginnt es zu hämmern, verdammt, immer derselbe Scheiß. Ich muss cooler werden. Ich will einfach nicht mehr in der vollen Erschöpfung herumirren, das war letztes Jahr einmal zu oft. Plötzlich kreischt Carissima mit den Bremsen und wir biegen in eine klitzekleine Einfahrt ein. Cooler werden, grinst sie. Wir stehen vor einem Campingplatz, der geöffnet hat, auch wenn kein Mensch da ist. Ganz vorne steht ein Leuchtschild, „Restaurant open“ und auf dieses fahre ich zu. Im Restaurant sitzt ein vereinsamtes Ehepaar vor dem Fernsehapparat, ich erkundige mich nach dem Campingplatz, der Mann bietet sich an, mit zu kommen. Ob ich deutsch spreche? Ja, klar! Er erzählt mir, dass er 16 Jahre für VW gearbeitet hat, in Wolfsburg, und stolz zeige ich im Carissima. Der Mann ist locker 80 und behauptet, er könne nicht gut deutsch, obwohl er es fließend spricht. Ich finde das süß.

Ich bekomme einen Stellplatz, Strom und nachdem es schon dämmert und ich ziemlich fertig bin, gehe ich ins Restaurant. Ich habe noch niemandem meinen Pass gegeben und auch noch nichts bezahlt, aber hier sind alle ziemlich locker.

 

Gebet für den Benziner Wasserboxer Fahrenden

Ich wünsche Dir für Deine Reise
Wesentlich weniger Dumme als Weise
Essen und Trinken zu jeder Zeit
und schöne Männer weit und breit.
In Wäldern sollen warten Feen
und an den Stränden die tollsten Ideen
Nächte seien traumreich, ohne Angst
und dass Du mir kein‘ Diesel tankst!

 

Erkenntnisse des Tages und Neuigkeiten

  1. Ich tanke, bevor der Hut brennt
  2. Ich gönne mir einen Kaffee, wenn mir danach ist
  3. Ich gehe in ein Restaurant essen, wenn ich nicht mehr kochen will

 

 

6. Oktober 2016

Gestern Abend habe ich Weltklasse Nudeln gegessen. Papa, Du erinnerst Dich an die Weltklasse Arrabiata vor 25 Jahren, auf dem Weg nach Südfrankreich, irgendwo zwischen Mailand und den Bergen? Diese haben die Nudeln von damals geschlagen. Es waren Tagliatelle mit Waldpilzen und ein wenig Trüffel, es war der Hammer. Wie immer die Italiener das machen. Nudeln kann niemand so. Später am Abend kommt noch eine Freundin des Ehepaars ins Restaurant, setzt sich zu mir und erzählt mir aus dem Handstandüberschlag ihr Leben. Ich kapiere ja nicht so alles, aber sie heißt Maria, muss täglich Unmengen Medikamente nehmen, weil sie Diabetikerin ist und lebt hier am Campingplatz. Und in Bälde wird ihr Sohn, unverheiratet, vom Supermarkt zurück kommen und den muss sie mir unbedingt vorstellen. Ich deute auf meinen Ring und erzähle meine wunderbare Geschichte von meinem treusorgenden Ehemann, der brav zu Hause auf mich wartet, weil ich doch als Schriftstellerin viel reisen muss, um gute neue Ideen zu sammeln. Kinder? Nein, Gott der Herr habe uns keine geschenkt, leider, aber darüber sehe mein wunderbarer Ehemann selbstverständlich hinweg.

Was immer ich mit meinen dürftigen Italienischkenntnissen zusammen mit dem Google Translator WIRKLICH gesagt habe, die Dame hält meine Hand und beharrt darauf, dass ihr wunderbarer Sohn bald, sehr bald, aus dem Supermarkt zurück komme. Ich versuche, zu zahlen, werde aber strikt ignoriert, offenbar wird hier gemeinsame Sache gemacht. Zwischendrin geht Maria in die Küche, nicht, ohne mich verschwörerisch anzulächeln. Nachdem ich langsam panisch werde, springe ich irgendwann auf und schneide dem 80-Jährigen behende den Weg ab, um meine Rechnung einzufordern. Er lächelt bedauernd zu Maria und bringt mir die Rechnung. Ich kann mich ihrem Abschiedsgriff entwinden, „nur noch fünf Minuten, dann ist er da“, flüchte in mein Auto, stelle den Pfefferspray in Reichweite und schlafe so schlecht wie schon lange nicht mehr.

Am Morgen ist bei mir alles auf Flucht gestellt. In den beiden Männern, die mein Aufbrechen beobachten, sehe ich den unter die Haube zu bringenden Sohn und habe noch nie so schnell gepackt. Ohne Kaffee stürme ich das Rezeptionshäuschen, wo mir die Dame, die Gloria heißt, 20 Euro abnehmen will. Ich lege 15 auf den Tisch, wie auf der Preisübersicht angegeben, und sie meint „va bene“. Na also. Ich sprinte zurück zum Auto, starte, fahre los – und alles in bester Ordnung. KEIN KLAPPERN mehr. Irgendwann werde ich einfach verrückt werden. Oder mir als „Super Mechanic“ meinen Lebensabend verdienen. Nun ist es auch einigermaßen sinnlos, eine Werkstätte aufzusuchen, denn hier gibt es tatsächlich endlich wieder Werkstätten. Denn was würde ich erzählen? „Leute, stellt Euch vor, ich habe da vor zwei Tagen so ein schreckliches Klappern gehört, ja, das war vorher auch schon da. Und dann habe ich geträumt, dass ich die Hydrostößel repariert habe und seitdem ist alles in Ordnung. Könnt Ihr das mal checken?“ Nein, ich glaube, das könnte ich erstens nicht auf italienisch sagen und zweitens, was würden die Herrschaften dann tun??? Wo doch Italiener ohnehin nicht sehr gerne an deutschen Autos schrauben.

Naja. Ich fahre also einfach weiter zu dem Campingplatz im Nationalpark Gargano, den ich mir ausgesucht habe, die Strecke ist Wahnsinn. Obwohl dicke, graue Regenwolken über der Landschaft hängen, ist es wunderbar. Die Straße führt in vielen Kurven am Meer entlang, dazwischen durch Eichenwälder und Olivenhaine und kleine Städtchen. Anstrengend ist es auch, gefühlte 109 Kurven und 48 Kehren später sollte eigentlich der Campingplatz kommen, aber der ist nicht da. Dafür fahre ich an gezählten 38 geschlossenen Campingplätzen vorbei. Hm. Ich kaufe bei einem Gemüsehändler eine Melone, einen Kürbis, Zwiebeln und Tomaten, wer weiß, wann das nächste Geschäft daher kommt. Und das war eine weise Entscheidung, denn es kommt kein Geschäft mehr, dafür aber irgendwann doch noch ein offener Campingplatz. Es ist halb vier, schon wieder fast sieben Stunden unterwegs und es ist gut, hier halt zu machen, denn eine halbe Stunde, nachdem ich mein Zelt aufgebaut habe, beginnt es wie aus Kübeln zu gießen. Dieses Zelt ist wirklich Gold wert! Thanks, Stefan.

P.S. Die Straßen waren heute so schlecht, dass es mir die Verschraubungen der Schiebetürverkleidung gelockert hat, ohne Witz! Ich war eine halbe Stunde beschäftigt, sämtliche Schrauben nachzuziehen. Und der Kratzer im neuen Lack, der mich überhaupt auf das gebracht hat… nöööööööööööööööööööööööööööö……………………

9. Oktober 2016

Den dritten Tag hier in Viesto, ganz draußen am Sporn vom Stiefel. Einen Tag hat es noch wie aus Kübeln gegossen, jetzt den zweiten Tag blitzblauer Himmel und Sonnenschein. Draußen vor der Tür liegt das große Blaue, das mir so Angst macht und wenn man von hier gradaus segeln würde, also gradaus Richtung Osten, dann würde man genau in Ulqin, Albanien ankommen. Das große Blaue war am Tag meiner Ankunft aufgewühlt und grau. Am nächsten Tag war es wild und aufgeschäumt und braun vom Sand. Gestern war es tatsächlich blau und glatt und sehr unschuldig. Und heute ist es verspielt und tausend weiße Schaumkrönchen kündigen von mehr Wind und vielleicht auch wieder Regen.

Hier am Platz sind hauptsächlich Kitesurfer und Windsurfer und warten den ganzen Tag darauf, dass der Wind auffrischt, während ich darauf warte, dass er abflaut. Wenn der Wind dann richtig loskachelt, stürmen sie alle in ihren Neoprenanzügen hinaus auf den Strand und ins Wasser. Beim Fotografieren sandstrahlt es meine Unterschenkel, so stark ist der Wind. Und ich habe wieder eine Katze, die den ganzen Tag um mich herumschleicht und Parmesan frisst und in der Nacht auf meinem Campingstühlchen schläft.

Ich habe viel Zeit und Energie zum Arbeiten, sitze bis zum frühen Nachmittag im Zelt und schreibe und lege mich dann in die Sonne. Alles in allem ein sehr beschauliches Leben. Was ich jetzt noch bräuchte, wäre ein Koch, denn das freut mich gerade nicht (danke Mama für die virtuellen Zucchinilaibchen, sind angekommen!!!) und jemanden, der das Zelt heute abbaut und putzt und zusammenlegt, den schon in der Nacht sollen Gewitter kommen und ich werde morgen nach Bari weiterfahren. Um dort… oh, ich kann gar nicht dran denken, wird mir schon schlecht… die Fähre zu besteigen.

9. Oktober 2016, 12.36 Uhr: OMG. Ich habe die Fähre gebucht. Mein Herz klopft und dort draußen, hinter der Hecke, dröhnt das große Blaue, als würde es mich auslachen. Die Surfer kreischen laut und ich ganz leise, innerlich. Morgen um 19.30 Uhr werden wir von Bari auslaufen. OMG.

Im Laufe des Nachmittags holt mich die Angst völlig ein. Kleine Panikattacken, gefolgt von Weltuntergangsfantasien, ich auf hoher See, das Schiff am Untergehen, über mir die Wellen, ich bekomme kein Luft. Diese letzte große Angst zu überwinden, vor dem großen Blauen, ist offenbar eine wesentlich größere Herausforderung, als ich angenommen hatte. Als die Bestätigungsmail vom Fährbüro eintrifft, verliere ich fast die Fassung. Bin arbeitsunfähig und liege schwach in der Sonne. Die übrigens heute mit feschen 24 Grad herunterlacht. Die Wellen draußen lachen auch. Ich nicht. Schreibe mir die Bestätigungsmail akribisch genau ab und plane nun, was zu tun ist, wenn ich „drüben“ ankomme. Wie sich das schon anhört. Krieg‘ ich gleich die nächste Panik.

10. Oktober 2016

Ich wache früh auf, unausgeschlafen und ein klein wenig verwirrt von nächtlichen Träumen über Schiffsunglücke. Verabschiede mich von meinen Nachbarn, die aus Hallein kommen, erhalte dafür noch vor dem ersten Kaffee die neuesten Horrorgeschichten über den Hafen in Patras und fahre los. Bis Manfredonia (JA, das gibt es wirklich!!!) schlängelt sich die Straße durch Olivenhaine, kleine Dörfchen und einen Zauberwald, in dem es unglaublich nach Schwammerl riecht. Ob ich stehen bleiben soll und ein paar Steinpilze sammeln? Untersteh‘ Dich, sagt Carissima, Du willst doch nur die Fähre versäumen, gib’s zu! Nein, sage ich, ich wollte Steinpilze! Genau. Wo Du doch sonst auch so viel Pilze sammeln gehst. Hm. Da hat sie recht, Pilze sammlen gehört bei Gott nicht zu den von mir erwählten Lieblingstätigkeiten. Eine Stunde fahren wir durch den Wald und es begegnet uns kein Mensch. Niemand. Bis plötzlich, wie aus dem Nichts, ein Mann an einer Bushaltestelle steht, mit einem riesigen Korb voller Pilze. Siehste, sage ich, aber sehr leise, denn seit etwa einer Stunde ist mir unglaublich schlecht. Ich trinke etwas Wasser und wir fahren auf die SS16, die uns direkt nach Bari bringt, 65 Kilometer sind es noch. Ich höre Musik und erleide einen mittleren Schock, als wir kurz danach schon da sind, die erste Abfahrt. Wie in den meisten Hafenstädten ist der Hafen wirklich gut ausgeschildert und ich finde sofort hin, wenn auch zuerst zum falschen Gebäude. In dem verlassenen ehemaligen Hafenhauptgebäude werde ich von vier Polizisten aufgesammelt, die mir höflich den Weg zum neuen Hauptgebäude weisen. Dort hilft man mir beim Parkplatz suchen – sehe ich wirklich dermaßen hilflos aus??? – und am Fastferries Schalter erhalte ich dann auch mein reserviertes Ticket. Da steht dann plötzlich „Camping on Board“ obwohl das Buchungsportal mir dieses hartnäckig verweigert hat zu bestätigen. Jetzt bin ich aber sehr gespannt.

Mitten im Hafen liegt an präsenter Stelle eine ausgebrannte Fähre der Anek Lines. Danke, das habe ich noch gebraucht. Mittlerweile habe ich unsägliche Kopfschmerzen, was ich auf akuten Koffeinmangel zurückführe. Noch zwei Stunden Zeit bis zum Boarding, ich bin wieder mal das erste Fahrzeug in der Reihe, und da stehe ich nun, mutterseelenallein unter lauter großen Lastwägen und koche Kaffee. Den grauslichsten meins Lebens, übrigens, das muss am Wasser liegen. Offenbar habe ich am Campingplatz aus Versehen Salzwasser nachgefüllt. Noch eine halbe Stunde. Über dem Hafenbecken zieht eine Gewitterfront auf. Der Kern des Gewitters ist so beeindruckend, dass auch die Hafenangestellten aus ihren Büros kommen und gestenreich bewerten, was da über uns entsteht. Mir wird noch ein wenig schlechter, als mir schon nach dem grauslichen Kaffee war und ich füge mich meinem Schicksal.

Als es dann zum an Bord gehen ist, geht alles sehr schnell und das ist gut. Mein Herz schlägt so fest, dass ich kaum mehr atmen kann und Carissima schnurlt. Tranquilo, sagt sie, tranquilo, so, wie wir es am Lago d’Iseo gelernt haben. Ich bin der erste Camper an Bord und nachdem ich eingewiesen bin, kommt ein runder Mann in einem knallorangen Overall, hält den Verkehr hinter mir auf und fordert mich auf, wieder drei Meter zurückzusetzen. Damit ich bei der Überfahrt einen Fensterplatz habe. Das „Fenster“ ist eine hauswandhohe, drei Meter Breite Öffnung mit Geländer und da draußen ist das große Blaue. Ich muss ein bisschen weinen vor Stress, rufe den fast besten aller Männer an und mache einige Atemübungen mit ihm. Einatmen, Ausatmen, jeweils vier Sekunden, dazwischen einen kurzen Stopp. Dann mache ich mir ein Bier auf. Nach der leichten Hopfengabe bin ich wesentlich entspannter, begebe mich an Deck und kaufe Essen. Wow, da hat sich aber was getan in den vergangenen Jahren. Tipptopp saubere Lounges, ein Restaurant mit Teppichboden und eine Rezeption, an der man mehrere Sprachen spricht und mir somit auch den Weg zurück aufs Camperdeck zeigen kann, den ich aufgrund der leichten Hopfengabe nicht mehr finde.

Weiter zu Teil 5.

Süden 2016 Teil 1

Süden 2016 Teil 2

Süden 2016 Teil 3

Süden 2016 Teil 5

Süden 2016 Teil 6

Süden 2016 Teil 7