Süden 2016 – Eins

18. September

Heute war großer Abschiedstag. Offenbar ist das so, dass man aus dem Urlaub an Sonntagen abreist. Und zuvor neue Freunde gewonnen hat, von denen man nun tränenreich Abschied nimmt. Auf den nicht leer gebliebenen Stellplätzen trösten Frauen ihre Männer, die einen neuen besten Freund verabschieden mussten, mit den Worten „bist Du nun durstig“ und man geht frühmorgens zu Prosecco über. Das ist die Variante „deutsch“. Die Variante „italienisch“ sieht anders aus. Man reist an, mit zwei oder mehr Wohnmobilen und hat alles dabei: zwei oder mehrere Kinder, drei oder mehrere Enkelkinder, eine unverheiratete Tante oder einen Onkel im Rollstuhl, einen Opa, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht und jede Menge Campingzubehör, vom Fahrrad bis zur Sandkiste. Das alles wir lautstark arrangiert, dann wird Abend gegessen und am nächsten Abend fährt man wieder nach Hause. Auch schön. In einer italienischen Familie ist man nie allein. Und hat immer was zu tun.

Als Alleinreisender ist man gefeit von alldem, denn man wird schlicht nicht angesprochen. Alleinreisende sind gefährlich. Denn warum würden sie allein reisen, wenn sie nicht komplett crazy wären? ALLE reisen mindestens zu zweit. Nur der Onkel im Rollstuhl hat mich angesprochen und das war cool.

Ansonsten aber alles im grünen Bereich, laufen am schönen See, muskelzerrende Radtouren und dazwischen Arbeiten. Heute einen Sonnenbrand vom Arbeiten bekommen, wer außer einem Asphaltierer kann das schon von sich behaupten?

19. September

Ich merke, dass ich hier Wurzeln schlagen könnte. Was ganz Neues bie mir! Also gehe ich heute in die Planung, sorgfältiger als letztes Jahr, entspannender und angenehmer. Nicht mehr fahren bis zum Umkippen, sondern überschaubare, kleine Etappen, die es möglich machen, dazwischen Luft zu holen. Und das ist dringend notwendig. Im Moment ist der Status 13 Stunden Schlaf pro Tag. Ich wache tatsächlich immer erst bei der täglichen Lautsprecherdurchsage am Platz auf – um 10.30 wird man darauf hingewiesen, dass es ärztliche Sprechstunden gibt, wann die Messe in der Kirche ist und was sonst noch zu sagen ist. Hahahahaha…. so cool.

20. September

Nachdem ich gestern Ohrenzeugin einer gar eigenwilligen Konversation im Cafe geworden bin – zwei Damen aus Bayern unterhielten sich über Gott und die Welt im kleinen Rahmen, wussten dann irgendwie kein Thema mehr, bis ihnen eine Freundin einfiel, über die sie gemeinsam herziehen konnten und das taten sie dann eine ganze Stunde lang – musste ich abreisen. Ich muss irgendwohin, wo ich die Sprache nicht verstehe. Gott, ich LIEBE diesen Platz hier am Gardasee! Wahrscheinlich wäre ich kleben geblieben. Aber nun los. Nachdem ich mir versprochen habe, mich besser um mich, um Carissima und um die Routenplanung zu kümmern, studiere ich die Karten ausführlich und markiere waypoints, die ich nicht versäumen darf. Heute soll es auf den Abetone gehen. Oben gibt es einen Campingplatz.

Am Morgen nehme ich zehn Geräusche und zwei Gerüche wahr, die hier nicht hergehören und bin von einem Unruheschub befallen, der dann aber durch die Konzentration auf den wahnsinigen Verkehr überdeckt wird. Erstes Etappenziel Mantua erweist sich als schwierig, da hier groß gebaut wird. Mein Wunschziel Reggio Emilia wird also Opfer einer großräumigen Umleitung. 28 Kreisverkehre und zwei komplette Stadtumrundungen später befinde ich mich endlich auf der Strada 62, die ich geplant hatte. Ich habe mich vorzüglich um alles gekümmert. Bier ist im Kühschrank, für die Fahrt Obst gekauft (habe ich noch NIE vorher geschafft) und getankt ist auch. Und jetzt fahren wir. Ich finde ja, dass die Italiener ihre Straßenschilder nach folgendem Konzept anbringen. „Hej, hast Du gewusst, dass *** jemanden interessieren könnte? Nein? Ich weiß es. Aber ich finde, wir sollten den Weg dorthin nicht beschildern. Sondern erst einen Kilometer vorher. Denn dann freuen sich die Menschen. Statt dieser Beschilderung lass‘ und doch einfach Bologna anschreiben. Und zwar von überall in alle Richtungen. Das freut die Menschen sicher auch, wenn sie das Gefühl haben, dass es immer nach Bologna geht. Denn in Bologna, da hat Tante Cecarelli Liebe gemacht.“

 

 

In diesem Sinne habe ich irgendwann den Weg nach Maranello gefunden und in der Folge auch auf den Abetone. Ich wusste nicht mehr, wie unglaublich anstrengend dieser Pass ist! Mit dem Motorrad sicher mindestens dreimal drüber gefahren, und das vor über zwanzig Jahren. Jetzt – WOW – anstrengend. Meistens bin ich das „Vorsicht Stau – erstes Fahrzeug“. Ganz oben am Pass ist der frühe Nachmittag angebrochen und es hat genau 16 Grad. Und ich denke mir, das muss eigentlich nicht sein, hier zu übernachten. Und so rollen wir den Abetone wieder runter. Und trotz all der guten Planung, der Vorsorge, der Umsicht und des wunderbar neuen Kartenmaterials ist wieder mal alles anders. Es kommt der Punkt, da sitzt mal schon sechs Stunden im Auto und plötzlich wird nicht mehr angehalten und schon gar nicht ausgestiegen. Wie immer dieses Phänomen zu erklären ist, es ist so – man steigt einfach nicht mehr aus. Ich weiß irgendwann nicht mehr genau, wohin ich will, will es aber einfach nicht so kalt haben und fahre und fahre. Und endlich vom Pass wieder in der Fläche, da bleibt nur noch Lucca. Denn zwischen Abatone und Lucca kommt kein Campingplatz mehr. Das war vor zwanzig Jahren schon so und so ist es auch heute noch. Im Gegensatz zu vor zwanzig Jahren weiß ich heute, dass der einzige Platz in Lucca „Il Sergio“ heißt und nicht beschildert ist. „Wir wollen die Menschen überraschen“.

Und so geigen wir souverän durch den Hauptabendverkehr, ich habe die Heizung voll an, damit die Temperaturanzeige schön unten bleibt und während der Fahrtwind meinen Nacken kühlt, werden meine Füße gegrillt. Carissima findet das ok, denn jeder muss seine Opfer bringen. Der Meinung bin ich ja auch. Und dann, nach über zehn Kilometern Innenstadtumkreisung, das erste und einzige Schild zu „Il Sergio“. Wir kreuzen drei Spuren, ich liebe Italien, denn wegen sowas hupt hier keiner, und fünf Minuten später sind wir da. Ich lasse die ausführlichen Erklärungen des Campingplatzmannes über mich ergehen, das kennen wir auch schon, und kaum habe ich das Auto abgestellt, ruft Claus an. Ob ich Lust hätte, ein wenig im Olivenhain zu arbeiten, in der Toskana. Ich sage nur noch, „rate mal, wo ich bin“ und mache mir ein Bier auf.

21. und 22. September

Erst mal einen Tag arbeiten. Die große Reise Teil 2 hat ja einen enormen Vorteil zum Jahr davor: jetzt weiß ich, was ich will. Mindestens drei Tage an einem Ort, um sich zu sortieren, Zeit nutzen, denn Zeit ist genug da. Kein Stress. Viel lesen. Und das funktioniert. Also heute ein Arbeitstag. Und rumsitzen und beobachten. Zu Mittag habe ich einen Gast zum Essen, eine kleine Katze bettelt und freut sich über trockene Nudeln. Ich denke mir, da muss man als Katze vermutlich ziemlichen Hunger haben, um das als volle Mahlzeit zu akzeptieren.

Und dann beobachte ich andere Camper. Die gut Organisierten sind mir ja die liebsten. Sie kommen am frühen Nachmittag am Campingplatz an, finden sofort den Platz Ihrer Wahl, sie springt aus dem Fahrzeug, weist ihn wortlos ein, klemmt zwei Keile unters Fahrzeug und fertig. Dann werden die Fahrräder vom Auto genommen, Tischchen und Stühlchen aufgebaut, um das Revier zu markieren und ab geht es in die Stadt.

Aber die Unorganisierten!!!!!! Es wird angekommen, sie springt aus dem Fahrzeug und versucht, mittels lautstarker Anweisungen zu überspielen, dass sie nicht einweisen kann, während er mit lautstarkem Gas-Kupplungsspiel versucht zu überspielen, dass er nicht fahren kann. Nach mehrfachen Wende-, Ein- und Ausparkmanövern steht man schief und krumm in einer Lücke. Dann wird versucht, sich zu organisieren und nach spätestens zehn Minuten dringen laute Rufe aus dem Wohnmobil, weil man sich tierisch auf die Nerven geht „auf so kleinem Raum“. Und ich denke mir, je größer die Wohnmobile um mich herum, umso größer das Bedauern, dass die Kinder aus dem Haus sind, nicht mehr mit auf Urlaub fahren und überhaupt alles nicht ganz so gelaufen ist wie geplant.

Aber dazwischen gibt es eben Highlights. Gott segne die, die in der Lage sind, zu reisen. Und während ich schreibe und schreibe, zieht ein Gewitter heran und es beginnt ganz wild zu donnern, ich denke mir, oh damnit, ich war noch kein Wasser besorgen, denn das Wasser aus dem Wasserhahn, das soll man aus einem mir unbekannten Grund in Lucca nicht trinken. Dafür gibt es Stationen der Stadtverwaltung, an denen man seine mitgebrachten Flaschen auffüllen kann und so geselle ich mich fünfzehn Minuten später unter die Einheimischen, die hier auffüllen und mache meine Flaschen voll. Rundherum blitzt und donnert es schon sagenhaft und ich radle zurück wie vom Teufel geritten, aber schaffe es nicht mehr. Mit einem lauten Donnerknall und tropfnass plumpse ich vor Carissima unter den Sonnenschirm. Wasser. Überall.

Und am nächsten Morgen! 26 Grad, blauer Himmel, Sonnenschein. Heute also Lucca besuchen und mal so richtig sightseeing. Ich radle ein langes Stück der alten Stadtmauer entlang und dann durch die Mauer hinein in die Innenstadt, komme direkt beim Palazzo Pfanner raus, wo im Garten Statuen aller Götter stehen, ALLE, nur Pluto finde ich nicht, was ich sehr bedauerlich finde. Meine Frage am Kartenschalter bringt nichts, denn die junge Frau, die hervorragend englisch spricht, meint, dass alle da sein müssten. Ist aber nicht so. Egal. Palazzo Pfanner trotzdem cool. Und dann zum Turm mit den Bäumen drauf und auf den Platz Anfiteatro, den ich so sehr liebe.

Viele Radlkilometer mit vielen schönen Bildern. What a wonderful day!

23. September

Heute geht es weiter. Am Vormittag versuche ich noch ein wenig zu arbeiten, was durch zwei Paare, die einander hier am Platz kennen gelernt haben und in den frühen Morgenstunden beschließen, direkt vor meinem Schreibtisch all ihre bisherigen Reiseerlebnisse zu besprechen, nahezu komplett vereitelt wird. Die Welt ist ein Großraumbüro? Hoffentlich nicht.

Während ich durch das Tor des Platzes fahre, stelle ich zwei Geräusche und einen Geruch fest, die nicht hierhergehören. Ich gehe einmal intenisv lauschend um mein Auto und merke, dass der Typ vom Campingplatz einigermaßen verwirrt aus seinem kleinen Rezeptionshäuschenfenster schaut. Ich winke ihm fröhlich zu und fahre ab. Nach vier Kilometern bin ich im milden, verzeihenden Stadtverkehr von Lucca gefangen und finde den Weg nach Pontedera nicht. Dafür sind die Geräusche aber auch weg. Und der Geruch.

Nach einer kompletten Stadtumkreisung finde ich die Ausfahrt nach Pontedera und fahre auf einem winzigkleinen Sträßchen weiter. Manchmal muss ich stehen bleiben, damit der entgegenkommende Verkehr, gnadenlos schnell fahrende Lkw und Busse, vorbei können und manchmal fahre ich einfach rechts ran, um eilige Einheimische vorbei zu lassen. In der Ferne zeichnen sich braungrüne Hügel ab, die von einem toskanischen Sommer erzählen, trocken und gnadenlos heiß, mit lauen Abenden und zirpenden Grillen. Die Sraße von Pontedera nach Volterra ist in genau diese Landschaft gebettet, Hügel, kleine Dörfer und braune Felder, die bereits abgeerntet und gepflügt auf den nächsten Frühling warten. Es ist kurz nach Mittag und ich bin erst zwei Stunden ab Weg, als wir Volterra erreichen und obwohl ich heute weiter fahren wollte, springt mich der kleine Campingplatz am Ortseingang dermaßen an, dass ich einfach stehen bleiben muss.

Ich halte an der Rezeption, hier ist man easy going, Rezeption erst ab 15.00 Urh wieder besetzt, aber man möge sich einen Platz suchen und alles cool. Finde ich auch, steige ein und… Carissima springt nicht an. Der Schock fährt schnell und gründlich durch meinen Körper, NEIN nicht schon wieder, verdammt. Mit zitternden Knien versuche ich, noch einmal zu starten, wissend, dass mich sowas normalerweise nicht schockiert, aber wir haben jetzt einfach schon zu viel versucht. Und sie springt an. Ich fluche. Ach, dreh doch nicht gleich durch, sagt Carissima. Aha, sage ich, sagst Du auch mal wieder was? Was denn, motzt sie. Na, entschuldige, sage ich, seit einer Woche kein Wort, ich meine, sorry?!?!? Ach lass mich doch, sagt sie. Du bist unverlässlich. WAS?!?! Ja, Du hast mir versprochen, dass wir eine Ausfahrt mit dem DeLaurean machen und das haben wir dann nie gemacht, den ganzen Sommer nicht.

Oh nein. Ich habe ihr noch nicht erzählt, dass der DeLaurean verkauft worden ist und kein Kontakt mehr zu ihm möglich ist. Das erzähle ich jetzt. Wir suchen uns einen Platz unter einem Olivenbaum und schweigen einander an. Das ist ziemlich fies, sagt sie. Ja, sage ich, das ist ziemlich fies. Ich meine, sowas passiert bei uns Menschen ja auch. Entschuldige bitte, aber dass zwei Menschen einander nicht mehr sehen können aufgrund solcher Umstände, das passiert ja wohl kaum, oder? Ja, sage ich. Aber ist es nicht genauso schlimm, wenn sie einander nicht mehr sehen, weil einer von beiden nicht mehr will? Du weißt zumindest, dass ihr beide wolltet. Ich denke, das kann einen ziemlich lange trösten. Hm, sagt Carissima. Darüber muss ich nachdenken. Ok, sage ich. Aber vergiss dabei nicht, wie starten geht. Haha, sagt sie. Ich hole Wasser und Bier aus dem Kühlschrank und versorge uns beide. Irgendwer muss hier einfach für Ordnung sorgen.

Jetzt ist erst mal ein paar Tage Offline. Und dann geht es mit Teil 2 weiter!

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