September – es geht los

Samstag, 11. September.

Auf dem Weg nach München. Im Radio laufen Berichte zu 9/11.

Ich erinnere mich an diesen Tag. Ich war im Mai 2001 in New York, mit meiner Mama. Und wir waren oben, in der Bar des World Trade Center, haben einen Cocktail genossen und diesen grandiosen Ausblick.Und im September habe ich versucht, die unglaublich netten Vermieter unseres Appartements zu erreichen, um zu erfahren, ob sie save sind, ob alles in Ordnung ist mit ihnen und ihren Familien.

Gedanken dieser Art beschäftigen mich auf meiner Reise nach München genau bis Bad Reichenhall, ab da stehe ich dann im Stau. Und zwar bis zum Irschenberg. Weder die Routentante noch der Verkehrsfunk berichten darüber, weil es in deren Augen offenbar kein wirklicher Stau war, sondern „zähfließender Verkehr“. Sprich, wir eiern mit 40 bis 70 km/h durch Bayern. Und das bringt Carissima natürlich dazu, warm zu laufen. Same Procedure as every year: Heizung voll an, Fenster auf, ich danke Marco für das Montieren der neuen Fensterkurbeln, schicke radar love gen Freilassing und quäle mich mit heißen Füßchen Richtung München.

Dreieinhalb Stunden für 140 Kilometer. Als ich ankomme, bleiben genau noch 25 Minuten zum Check In am Campingplatz und dem Fußmarsch zum Seminarzentrum. Und dann geschieht das kleine Wunder. Kaum habe ich Carissima abgestellt, ist es, als würde der „Travel Mode Schalter“ ganz langsam, in ultra Zeitlupe, von OFF auf ON kippen. Und mit einem Mal ist alles gut.

München war ein Kurztrip, für ein Seminar, dann zurück nach Salzburg. Zwei Tage Zeit, um Carissima zu packen und die üblichen Dinge zu erledigen, Blumen gießen, Rasen mähen, Kleinkram erledigen und selbstverständlich noch all jene Klienten empfangen, die mich gern persönlich treffen. Meine Arbeit hat mir noch nie so viel Spaß gemacht wie jetzt und doch merke ich die Erschöpfung. Auch das was Spaß macht, kann zu viel sein. Seit zwei Tagen plagen mich entsetzliche Magenprobleme, jedes Essen verursacht Schmerzen und ich merke, es wird wirklich Zeit, endlich loszufahren. Es war ein Fehler, vergangenes Jahr im Hinblick auf die Situation auf eine Reise zu verzichten, aber der Mensch macht halt mal Fehler.

Jetzt geht es los. Eine Reise innerhalb Europas ist mittlerweile wieder zum Abenteuer geworden. PCR Test, dann warten, um die Einreiseformalitäten für Kroatien auszufüllen, an die der Test angehängt werden muss. Apotheke, um ein Medikament für den Magen zu erwerben. Das, das helfen würde, gibt es nur auf Rezept, keine Ausnahmen. Ich mache bei meinen Eltern Halt, bekomme dort das Medikament (YEAH!!!), nehme dort auch ein Brieflein von der oberbayerischen Polizei in Empfang, wir sind wieder mal zu schnell gefahren (CARISSIMA!!!I) und schütte mir zur Feier des Tages einen Viertelteller Kürbiscremesuppe über meine Hose. Bei dieser Gelegenheit stelle ich auch fest, dass ich mich heute nicht geduscht und umgezogen habe und hätte ich nicht in einem T-Shirt geschlafen, stünde ich jetzt im Pyjama da.

Oder hätte ich es dann bemerkt???

Völlig egal. Ich muss los. Auf die Autobahn Richtung Süden. Ziel wäre heute ein Campingplatz bei Klagenfurt, einfach, weil er so unglaublich hundefreundlich sein soll und Freundlichkeit kann ich jetzt brauchen. Ich bin bereits vor dem Tauerntunnel so müde, dass ich auf der Stelle einschlafen könnte und als sich kurz vor Villach ein Stau ankündigt, werfe ich die Nerven weg. Wenn meine Frustrationstoleranz so klein ist, darf ich nichts mehr nachreichen, das weiß ich. Also runter von der Autobahn, einen Campingplatz gesucht, heiße Dusche, kaltes Bier und aus. Ganz ehrlich braucht es heute auch nicht mehr, um zu 100 Prozent glücklich zu sein. Was ich heute am meisten vermisst habe? Den Blues. Denn obwohl ich wirklich on the edge bin, ist er nicht gekommen. Bin ich so leer, dass nicht einmal ein Blues Platz hat???

Zum Glück habe ich meine Gitarre mit. Falls der Bursche mit seiner Gitarre nicht mehr auftaucht, habe ich wenigstens meine eigene.

Um 20.17 Uhr, ich schlafe schon fast, kommt das negative PCR Ergebnis via mail. Ich fülle die Einreiseformalitäten für Kroatien aus und morgen geht es weiter. Vorher aber noch zum Campingfachhandel, denn ich habe meinen Wasserkocher zu Hause vergessen. Das geht gar nicht.

Wenn alles gut geht, melde ich mich das nächste Mal aus Kroatien.

Donnerstag, 16. September

Was für ein Tag!

Gestern Abend tauchte noch ein kompakte Liste der Dinge auf, die ich zu Hause vergessen habe. Besagter Wasserkocher. Ein Weinglas. Wandas Reisekorb!!! Ein Hundedeckchen! Letzteres führte zu einer prekären nächtlichen Situation, denn in Anbetracht des fehlenden Körbchens okkupierte Wanda meine Tuchent. Das war bis drei Uhr früh ok, doch danach wurde es kalt und meine halbherzigen Versuche, dem Hündlein die Tuchent zu entreißen, führten zu nichts. Ich verbrachte den Rest der Nacht also frierend und saß dann frühmorgens vor dem ewig und drei Tage brauchenden Gaskocher, um meinen morgendlichen Kaffee zubereiten zu können.

Glücklicherweise befindet sich ganz in der Nähe ein Campingshop und den suchen wir gleich nach dem Frühstück, das nur aus Kaffee besteht, auf. Ich sag nur eins: Camping Falle in Villach ist der Hammer! Wir stürzen völlig unerwartet in ein Camping Wunderland, voll mit Gadgets, von denen ich noch nie gehört habe. Zum Beispiel ein faltbarer Wasserkocher, der sich nun in meinem Besitz befindet, genauso wie ein elegantes Weißweinglas aus KUNSTSTOFF. Ich bin völlig perplex und könnte hier noch Stunden einkaufen, zum Glück hat das Hündlein keine Lust mehr und drängt nach dem Futterhaus gleich nebenan. Hier erwerben wir ein neues Hundebett und eine Kuscheldecke sowie eine Zehnerpackung Kauknochen. An der Tankstelle gleich daneben gibt es dann nochmal Kaffee und ein Croissant für mich und gleich daneben gibt es auch eine ÖAMTC Stelle. Und siehe da: Hier bekomme ich die Autobahnvignette für Slowenien und die ACSI Ausgabe 2021, die ich auch nicht mehr rechtzeitig bestellt habe.

Der ÖAMTC Mann ist mehr als hilfsbereit und macht mich darauf aufmerksam, dass alle VW Modelle von T3 bis T7 (ich wusste gar nicht, dass wir schon SO weit sind!) nicht als Pkw durchgehen, weil die Achshöhe zu hoch ist, somit also schlicht das Doppelte der normalen Pkw Maut zu bezahlen sei. Das passt mit nicht und ich hole meinen Typenschein aus dem Auto, in dem ja vermerkt ist, dass Carissima keine Sitz- oder Ladeflächen mehr verbaut hat, sondern ein Bett und somit offiziell als Camper einzustufen ist. Die dürfen nämlich nach Ansicht der slowenischen Autobahnmautvergeber egal welche Achshöhe haben. Der Mann muss telefonieren und dann ist es geklärt – auch bei einer genaueren Kontrolle (die vermutlich nie erfolgen wird) dürfte ich mit der Pkw Vignette durchkommen.

Ab nach Slowenien. Ich würde gern länger hier bleiben, habe aber keine Lust, das Testen in Slowenien zu erforschen, dieses Mal muss ich wohl oder übel einfach so machen, wie alle anderen. Vignette geklebt und durch. Ich habe ja eine neue Routentante, von Garmin, die ich irgendwie falsch eingestellt habe und das noch nicht behoben habe. Schalte also die Google Routentante ein – denn grundsätzlich kann ich ja bis zur kroatischen Grenze auf der Autobahn bleiben, denke ich. Doch was kommt danach?

Nun, erstens, die Routentanten schicken mich beiden irgendwann nach Ljubljana von der Autobahn runter, quatschen dann lustig durcheinander, zweitens, was denke ich überhaupt, es kommt ja eh immer anders, als geplant. Irgendwann also, am frühen Nachmittag, stehe ich auf einem Pass, der mit „Zweiter Gang, hinter mir der Stau“ zu bewältigen war, bin froh, dass es hier ein Pixie Klo gibt und schalte die Quatschtanten aus. Als ich wieder ins Auto steige, sitzt der Blues am Beifahrersitz. „Alter, bin ich froh, dass Du hier bist“, entfährt es mir. „Also… wenn man sich über mich freut, dann gehe ich lieber“, schnauzt er und will die Tür öffnen. Ich drücke den Blues fest an der Schulter, quetsche ihn förmlich in den Sitz und schnalle ihn an. „Du bleibst da“, sage ich, in einem Ton, der keine Widerreden duldet. Der Blues seufzt.

Das Tolle am Routentantenterror: Wir gelangen zu einem winzigen Grenzübergang, auf dem kaum was los ist, während im Verkehrsfunk für alle großen Übergänge die Vorhölle gemeldet wird.

Der Pass hat uns aber richtig viel Zeit gekostet – wir waren irgendwo bei Metlika – und nun werde ich langsam aber sicher richtig müde. Also doch wieder die Routentante, aber nur eine davon. Der Blues kichert in sich hinein. Ich bin so froh, dass er da ist, ich kann es nicht in Worte fassen. Würde es ihm auch nie sagen. Aber ein Zustand, in dem Du gar nichts mehr spürst, ist tausendmal schlimmer als den Blues zu haben.

Gegen vier Uhr am Nachmittag erreichen wir Ogulin und WUNDER! Ich finde auch den Campingplatz sofort. Dort kann man einchecken, soll sich gegen 17.00 Uhr wieder melden, da sei die Rezeption besetzt, und ich gehe mit Wanda spazieren. Frieden. Als wir zurückkommen, zieht ein Gewitter auf und ich sehe zu, die Formalitäten an der Rezeption zu erledigen, bevor es losgeht. Der Mann ist langsam und genau und jeder Gast bekommt nach Abschluss der Formalitäten ein großes Glas Slivowitz. Nachdem ich es getrunken habe, fällt mir wieder ein, warum man harte Sachen nach Indien, Thailand oder sonstwohin mitnimmt. Weil es hilft. Jameson hilft gegen Durchfall, Asia Flue und gröbere Reisebeschwerden, warum also soll Slivo nicht gegen alles andere helfen. Ich nehme mir vor, morgen eine Flasche zu erwerben. Während ich mit der drohenden Slivo Umnachtung kämpfe, hat das Hündlein das neue Bett in Beschlag genommen und für gut befunden. Was für ein Glück.

Freitag, 17. September 2021

Gegen vier Uhr früh werde ich von Donnergrollen geweckt. Der Boden bebt und rund um uns zucken Blitze. Einmal mehr stelle ich mir die Frage, ob ein Auto tatsächlich ein Faradayscher Käfig bleibt, wenn durch ein Fenster ein Stromkabel nach innen geht. Ich will gar nicht weiter darüber nachdenken und so nah, wie das Gewitter nun ist, ist es wahrscheinlich gefährlicher, jetzt raus in den Regen zu laufen und den Strom abzustecken als einfach alles zu lassen, wie es ist.

Noch während ich wieder eindöse, beschließe ich, diesen Regentag nicht zum Fahren zu nutzen, sondern einfach hierzubleiben. Bekanntermaßen reist die Seele mit 80 km/h, was ja unsere Reisegeschwindigkeit ist, aber auf der Autobahn sind wir zwischendrin immer wieder mal 100 oder 120 gefahren. Ich habe also ausgerechnet, dass meine Seele heute zum Abendessen ankommen wird.

Im Lauf des Vormittags reisen alle ab, bis auf mich und ein Schweizer Paar, das zum Radfahren hier ist. Beim Abwaschen unterhalte ich mich mit der Bereiberin des Campingplatzes. Sie macht das hier zusammen mit ihrem Sohn, dem Slivo Mann, spricht ausgezeichnet Englisch und lernt mir meine ersten Wörter auf Kroatisch. Mein „Dobar Dan“ passt, meint sie, danke heißt „hvala“ und ja heißt „da“. Im frühen Sommer, erzählt die Frau, hat es ein paar Mal so fest gehagelt, dass der ganze Garten ruiniert war. Ich bin froh, dass es jetzt nur regnet.

Mittags hört es mal kurz auf und ich gehe mit Wanda einkaufen, das Dorf ist ein ziemliches Stück entfernt, aber wir finden einen minikleinen Supermarkt, besser ein Zimmer, das vollgestopft mit Waren ist und sogar eine Wursttheke hat noch Platz. Ich werde richtig melancholisch. Man soll ja nicht sagen, dass früher alles besser war, heißt es immer, aber dieses kleine Lebensmittelgeschäft erinnert mich so sehr an meine Kindheit. Als es noch viele dieser Ein Zimmer Supermärkte gab und dafür keine Supermärkte und keine Einkaufszentren. Alles war langsamer und so wie hier in diesem Dorf roch es im Herbst nach Kartoffelfeuern. Ja, schon klar, ist gut fürs Klima, dass man das nicht mehr macht. Ich versthehe es.

Auf dem Rückweg holt uns der Regen ein und mit nassen Schuhen und nassem Rucksack, in dem die protestierende Wanda sitzt, komme ich am Campingplatz an. Der Blues fläzt auf dem Bett und hat die Standheizung angemacht. Gut, dass er da ist, denke ich mir und sage nichts. Ich prüfe den Kühlschrankinhalt, es fehlt nur ein Bier. Offenbar hat er also Manieren gelernt. Oder ist einfach bei Regenwetter weniger durstig.

Samstag, 18. September. Tag 4

Der Blues ist früh wach und klimpert auf meiner Gitarre. Ich werde von einem sentimentalten Riff wach. Es hat zu regnen aufgehört und ich beginne, die nassen Sachen von gestern in die Sonne zu hängen.Während mein erster Kaffee noch im Entwicklungsstadium ist, lerne ich Wernie kennen. Er macht, was ich mache, nur ohne arbeiten, hat sich selbst einfach in Frühpension geschickt, weil das Geld jetzt dafür reicht. Seit fünf Jahren fährt er kreuz und quer durch die Lande, seit zwei Jahren allein, so ich das richtig verstanden habe. UND: Er hatte genau denselben Plan, den ich hatte, mit USA, Seabridge und Halifax. Seine Reise ist aufgrund von Covid gescheitert. Aber naturgemäß stehen wir über eine Stunde zusammen und plaudern, ich im Pyjama, er mit seinem Klo im Schlepptau. Wernie reist mit einem Wohnwagen und da gibt es tatsächlich ein richtiges Klo an Bord.

Auch Wernie kennt den Reiseblues und kauft mir ein Buch ab. Als wir uns verabschiedet haben, sehe ich, wie der Blues versucht, sich davon zu schleichen. Nix da, rufe ich, und schnappe ihn beim Hemdkragen. Seit wann trägt mein Blues Hemden? Ich kann der Blues sein und trotzdem adäquate Kleidung tragen, mault er. Liest hier jeder meine Gedanken, denke ich. Ja sicher, und Du kannst das auch, sagt Carissima. Ich rolle mit den Augen, dränge den Blues auf den Beifahrersitz und mache uns abfahrbereit. Das Hündlein hat keine Lust ud wäre gern noch hier geblieben.

Wir fahren los, halten zuerst bei einer der alten Bäurinnen, die ich auf der Herfahrt schon gesehen habe. Sie verkaufen Kartoffeln und Zwiebeln und ich möchte gern zwei Kilo Kartoffeln mitnehmen. Geht gar nicht, gibt mir eine zahnlückige, sehr alte Frau zu verstehen, fünf Kilo müsse ich schon nehmen, die würde der Enkel dann höchstpersönlich ins Auto tragen. Der Enkel erscheint prompt, will erst wissen, wie man die altertümliche Waage auf fünf Kilo umstellt, denn normalerweise verkauft man hier nur 10 Kilo Säcke. Ich gebe mich geschlagen und erwerbe fünf Kilo Kartoffeln. Die der attraktive Enkel dann in das Chaos stellt, denn ich bin immer noch nicht organisiert, was meine Reiseutensilien angeht.

Es geht weiter durch kleine Dörfchen und Städtchen über einen Pass mitten in den Wald. Unglaubliche kilometerlange Kurven durch Wald und Hügel folgen, ich habe keine Ahnung, wo ich wirklich bin und genieße einfach. Carissimas Motorgeräusch ist grandios und draußen riecht es nach Herbst und nach Bäumen. In Brinje halte ich an, besuche die Burgruine und kaufe noch Gemüse ein – Kartoffeln allein werden ja nicht reichen. Eine Dame verkauft am Straßenrand frisches Gemüse aus dem Garten, Pfirsiche und Feigen und ich darf kosten, was ich will – es ist herrlich.

Wir kämpfen uns den nächsten Pass hoch und ganz oben, hinter der letzten Kurve, bevor es wieder nach unten geht, sehe ich auf einmal das Meer! Die Inseln vor der Küste strahlen im Licht der frühen Nachmittagssonne und ich kann mein Glück kaum fassen. Der Rest ist einfach Staunen. Staunen, immer wieder anhalten, Meeresluft atmen und wieder staunen.

Ich habe gestern Abend einen Campingplatz an der Küste ausgesucht, ganz klein, am Velebit, und steuere diesen an. Anfangs bin ich herb enttäuscht. Es gibt hier gar nichts und Wanda darf nicht ans Meer, weil im Ferienappartment nebenan junge Eltern mit Kleinkindern sind, die keine Hunde wollen. Leider bin ich dermaßen erschöpt, dass ich es nicht mehr schaffe, weiterzufahren. Und gegen Abend wird alles ganz wunderbar – denn als die Kinder im Bett sind, ist der Hund am Strand kein Thema mehr und ich sitze mit Wanda und einem kühlen Bier und sehe in die Wellen. Bis die Sonne weg ist.

Sonntag, 19. September, Tag 5

Am Morgen stelle ich fest, dass ich noch nicht weiterfahren kann. Offenbar ist meine Seele noch nicht angekommen, nebsstbei sind die Handtücher, die gestern im Regen hängen geblieben sind, nicht trocken und ich fühle mich alltogether nicht wohl. Und letzlich ist es ja auch egal. Letzlich spiegelt diese Reise wohl das komplette vergangene Jahr, mit dem nie wissen, was nun hält, von den Versprechungen, nie wissen, welche Termine dann tatsächlich eingehalten werden können, nie wissen, ab wann man einfach sinnlos zu schreien beginnt, weil es reicht.

Ich fühle mich ein wenig unrund, erledige, als es zu regnen aufhört, einige Arbeiten und beschließe dann, die Gegend zu erkunden. Daraus wird eine mehrstündige Wanderung nach Karlobag, etwa 11 Kilometer zusammen, und das Hündlein ist empört, weil ich keine Jause mitgebracht habe und lässt sich ab der Hälfte tragen. Immerhin erwerbe ich in Karlobag einen Regenschirm, denn meiner ist auf der Strecke kaputtgegangen und ich vermisse ihn sehr.

Die Wanderung ist wunderschön, ein Schotterweg führt direkt am Meer entlang bis in die Stadt.

Der Nachmittag verläuft in sonderbaren Etappen zwischen schlafen, den Blues dazu zwingen, dass er bleibt und dem Versuch, Essen zu kochen. Ich habe schon mal besser gekocht, soviel ist klar. Am Abend gehe ich hinunter ans Meer und dort sieht man schon, dass ein heftiges Gewitter aufzieht. Wanda und ich hocken da noch eine Weile, aber irgendwann wird das Donnergrollen zu beängstigend und wir gehen zurück und machen Carissima einmal mehr regenklar.

Neue Campinggäste kommen an und verschwinden in der kleinen Rezeption. Das Gewitter zeigt sich nun vom Feinsten, Wanda sucht Schutz unter der Tuchent, während es draußen blitzt und donnert und die Stimmung zum Zerreißen gespannt ist. Plötzlich höre ich ohrenbetäubendes Kleinkindgeschrei, kann das nicht so stehen lassen und mache mich auf die Suche. In einem der geparkten Autos sitzt ein Mädchen und brüllt sich die Seele aus dem Leib. Ich frage, ob ich die Tür aufmachen kann und wir plaudern ein wenig. Das Kind ist vielleicht drei oder vier Jahre alt, fürchtet sich hellfire vor dem Gewitter und sitzt allein im Auto. Ich versuche, es soweit wie möglich zu beruhigen, erzähle von meinen eigenen Gewitterängsten und das klappt ganz gut. Dann taucht die Mutter auf. Maske vorm Gesicht brüllt sie mir von weitem entgegen, dass „die im Auto warten soll“. Mir kommt meine buddhistische Gelassenheite abhanden und mit Müh und Not vermeide ich, dass ich das gesamte Repertoire, das nach „Arschgeige“ kommt, ablasse.

Ich gehe zurück zum Auto, tröste Wanda, die sich nun wirklich sehr fürchtet, checke noch einmal, ob ich alles ins Auto verfrachtet habe, bevor der Regen kommt nund plötzlich: Alarm vom Solarsystem. Alles crasht, kein Strom mehr. Und in diesem Augenblick beginnt es, wie aus Kübeln zu regnen. Ich flüchte ins Auto und beschließe, das alles auf morgen zu verschieben. Jetzt ist der Kühlschrank noch kalt, es gibt noch eine Flasche eisgekühlten Weißwein und der Computer ist noch zu 98% geladen. Wenn das vorbei ist, ist’s vorbei.

Nicht Dein bester Tag, sagt der Blues.

Nö, sage ich. Ist jetzt aber auch egal.

Montag, 20. September

Als ich am Morgen aufwache, ist der Himmel blitzblau, als wäre nie etwas gewesen. Ich kontrolliere gleich mal die Anzeige des Solarmoduls, da schau her, das zeigt nur noch 4 Prozent. Kein Wunder, dass es gestern Alarm gegeben hat. Ich beschließe, dass das ein wunderbarer Moment ist, um loszufahren, denn dann lädt die Batterie besser und wird sich bald wieder fangen. Es geht der Küste entlang und die Ausblicke sind so bezaubernd, dass ich nach jeder Kurve wieder neu staune. In meine Richtung fährt nur einer: Ein Wohnmobil aus Polen, der Lenker extrem vorsichtig. Der Gegenverkehr sieht anders aus, Wohnmobil um Wohnmobil reiht sich aneinander, alle auf dem Weg zurück in den Norden, überholen nicht möglich.

Mir fällt auf, dass es mich null tangiert, hier mit 40 km/h hinter einem Wohnmobil herzufahren und es mir auch keine großen Sorgen macht, dass die Batterie sehr langsam lädt. Der Blues ist wieder eingeschlafen, hat den Kopf gegen das Beifahrerfenster gelehnt und schnarcht leise. Für die Fahrt von Ribarice bis Jasenice, von wo es dann auf die Insel Pag geht, brauchen wir zwei Stunden und es ist mir egal. Der Wind stürmt und auf dem Velebit türmen sich die dicken Wolkenbauschen, die die Bora ankündigen. Auf dem Meer sieht man bereits die weißen Schaumkrönchen.

Ich bin sehr unschlüssig, wohin auf Pag ich genau möchte und lasse dann einfach die Gegebenheiten entscheiden: Ein Campingplatz, der MEGA Internetverbindung verspricht, der wird es. Das sind dann noch einmal knapp 150 Kilometer, aber hier geht es gut voran.

Der Platz ist am Ende der Welt und hier ist gar nichts, kein Restaurant, keine Bar, kein Dorf in der Nähe. Wunderbar! Keine Ablenkung. Der junge Mann an der Rezeption ist more than happy, dass er schnelles Internet hier hat, er zeigt mir noch, wo im Boden das Glasfaserkabel vergraben wurde. Ich sage ihm, dass ich ihn liebe, bestelle für morgen zum Frühstück ein Croissant und mache mich an die Arbeit. Und ja, Arbeit habe ich diesmal viel mitgebracht. Tausend Kleinigkeiten, die zum Abschluss gebracht werden wollen. Tausend offene Dinge. Wäre nicht das Meeresrauschen, da draußen irgendwo, dann könnte es einen glatt in die Verzweiflung stürzen.

Am späten Nachmittag stelle ich dann fest, dass der Kühlschrank nicht mehr geht. Ach nein. Ist wohl bei dieser Fehlermeldung doch mehr passiert? Ich habe leider keine Zeit, mir das näher anzusehen, da ich einen Live Kurs habe und diesen noch üben möchte. Damnit. Als der Kurs vorüber ist, ist es stockdunkel und einen Augenblick bin ich versucht, einfach ins Bett zu gehen. Aber dann schaue ich auf die Uhr, es ist erst halb neun. Also die Makita gesucht und gefunden, Verkleidung vom Sicherungskasten abgeschraubt, Sicherungen kontrollieren. ALLE. Dazu brauche ich das „How to“ Video, dass ich mit Elektrikermeister Wolfgang gemacht habe, ich arbeite jeden einzelnen Schritt ab. Alle Sicherungen sind ok, bei einer kann ich es nicht feststellen, tausche diese also vorsorglich. Der Wechselrichter funktioniert, aber weder Kühlschrank noch Innenbeleuchtung laufen. So ein Mist. Ich gehe dann doch ins Bett.

Irgendwann mitten in der Nacht höre ich, wie der Kühlschrank anspringt.

Dienstag, 21. September

Ich muss mein Ändern leben.

Beschließe also gleich einmal, mein erstes Meeting heute unten am Meer zu verbringen. Der Strand hier ist unglaublich schön angelegt, ein wenig fühlt sich das an wie Club Med um 15 Euro die Nacht. Liegestühle, Sonnenschirme, liebevoll angelegte Nischen, Steinmäuerchen, hier hat jemand echt Geschmack. Trotzdem klettere ich über einen großen Stein hinauf in die Macchia und wandere einen Trampelpfand entlang, hinaus in die Einsamkeit, wo keiner mehr ist. Zugegeben, bevor ich aufgebrochen bin, habe ich noch meinen Reparaturanfall von gestern Abend in Ordnung gebracht, die Verkleidung wieder angeschraubt und das Werkzeug verräumt. Mein lieber Freund Tobias hatte dann auch die Erklärung für das Mirakel – die Batterie wollte einfach auf 50 Prozent geladen werden, bevor der Kühlschrank wieder Strom bekam. Klare Ansage, finde ich.

Mittwoch, 22. September, Tag 8

Ich komme mit der Arbeit nicht gut voran, fühle mich immer noch erdrückt und versuche, über Wasser zu bleiben. Außerdem, verflixt nochmal, so denke ich mir, will ich mir ja Gutes tun. Trotz allen Drucks gehe ich am Vormittag weit spazieren. Neben mir steht ein Paar aus Bayern mit einem Yorkshireterrier, der reviertechnisch genauso garstig ist wie Wanda, aber wesentlich mehr bellt. Etwas weiter unten, direkt am Meer, steht ein Paar aus Norddeutschland mit einem Malteser, der einzige Hund am Platz, mit dem sich Wanda soweit versteht. Die treffe ich dann auch beim Spazieren und sie zeigen mir den Weg in eine kleine, einsame Bucht. Da sitze ich dann am Wasser und schaue einfach auf das Meer, den halben Tag lang.

Im Moment läuft ja die Happiness Mindset Woche und ich freue mich jeden Tag auf meine Live Beiträge, allerdings ist es auch rechtschaffen anstrendend, denn wenn ich so sitze, dass ich super Internet habe, reicht mein Stromkabel nicht und wenn ich so sitze, dass ich Srom habe, schirmt Carissima das Internet fast perfekt ab. Das hatte ich bei der Wahl des Stellplatzes nicht bedacht – aber solcherlei Dinge eröffnen sich meist erst nach ein paar Tagen.

Nachdem das Tageswerk vollbracht ist, bin ich bei zwei Münchnern zum Wein eingeladen. Die beiden stehen ein Stück weiter oben und haben einen prachtvollen Blick in die Ferne. Auch ein guter Platz, denke ich mir. Bei den Bayern war ich auch schon, zum Kaffeetrinken. Nachdem mir ein Mann einen riesigen Sack voller Weintrauben geschenkt hat und ich diese großzügig verteile, werde ich nun überall eingeladen. Langsam stellt sich Reisefeeling ein.

Donnerstag, 23. September, Tag 9

Irgendwie habe ich gestern zu viel Sonne erwischt und der Wind, der sich auf meinem Stellplatz schön kanalisiert, macht mir ein wenig zu schaffen. Seit ich angekommen bin, liebäugle ich mit dem Platz gegenüber, auf dem ein junges Paar mit einem Zelt ist. War, besser gesagt, denn heute früh sind sie abgereist. Ich mache das selten, dass ich Paltz wechsle, einerseits, weil die gewählten Plätze eigentlich immer passen, anderseits, weil ich mich dann als mühsam empfinde. Aber heute muss es sein. Dennis von der Rezeption ist es ohnehin egal, ich bin nun Nummer 5 und nicht mehr Nummer 6, notiert er, denn er schreibt die Frühstückscroissants auf eine Liste.

Und mit einem Mal merke ich, wie alles gut ist. Manchmal genügt es, seinen Stand Punkt zu ändern und es verändert sich mit einem Mal alles. „Eigentlich kannst Du ja jetzt gehen“, sage ich zum Blues, während ich mich gemütlich am Schreibtisch zurecht setze und mein Tagwerk beginne. „Jetzt mag ich aber nimmer“, sagt der, macht es sich auf der Picknickmatte bequem und öffnet sich um 9.30 Uhr sein erstes Bier. Naja, denke ich mir. Soll er halt bleiben.

Der Tag vergeht so schön im Schatten, windgeschützt, ich wasche meine erste Ladung Wäsche und koche mir eine Kürbispfanne mit dem Kürbis, den ich vor vielen, vielen Kilometern in den Bergen gekauft habe. Zwischendrin gehen wir einige Runden, Wanda und ich, sehen nach, ob das Meer noch da ist und ich sitze am Steg und schaue den Fischen zu. Am Nachmittag dann, ich bin richtig zufrieden, mit allem, was das Leben so bringt, ist dann natürlich wieder mal was passiert. Ich merke aber, dass ich das jetzt einfach gelassener nehmen kann.

Eine junge Frau mit einem Baby am Arm stürzt den Weg vom Meer herauf und ruft um Hilfe. Ich frage, ob man einen Sani brauche. Sie meint, ja, eine Frau sei gestürzt, man habe sie bereits aus dem Wasser gezogen, aber sie sei ohne Bewusstsein. Ach, Leben. Ich binde Wanda an einen Baum, schnappe meinen Erste Hilfe Koffer und renne los. Während ich laufe und die junge Frau mir noch nachruft, ich solle aufpassen, dass ich nicht selbst stürze (ich trage nur Flipflops), denke ich mir, ich mag jetzt nicht wiederbeleben. Bitte nicht das.

Irgendeine ferne Kraft erhört mich und die Patientin ist erstens schon wieder bei Bewusstsein und zweitens zumindest äußerlich nicht schwer verletzt. Nach drei Fragen weiß ich aber, das ist ein schweres Schädel Hirn Trauma. Die Dame weiß definitiv nur noch ihren Namen und welcher der vielen Anwesenden ihr Mann ist. Sonst nichts. Ihr Mann kann nicht fassen, dass er nun ins Krankenhaus fahren soll, wo seine Frau doch mehrfach bestätigt, dass es ihr bereits wieder super geht und ich brauche eine Weile, bis ich ihn überzeugt habe. Als sie dann nach zwei Schritten kotzen muss, ist er endlich restlos überzeugt, dass etwas nicht stimmt.

Als Dennis die beiden in sein Auto gepackt hat, um sie nach Novalja zu fahren, merke ich, dass ich nur noch müde bin. Ein Ehepaar aus Deutschland kommt den Weg herunter, sie waren zu Beginn der Rettungsaktion dabei und sind nun zu meinem Platz gelaufen, um Wanda zu holen, die bitterlich geweint hat, nachdem ich einfach weggelaufen bin. Mit ist zum Heulen, mein armes Hündlein hat wohl geglaubt, ich habe es verlassen. Die beiden merken wohl, dass mich das alles ein wenig mitgenommen hat und laden mich auf ein Bier ein. Das tut gut. Einfach da sitzen und Bier trinken. Wenn das so weitergeht, war ich bald bei jedem Wohnmobil hier am Platz eingeladen…

Freitag, 24. September

Heute schließe ich ein Großprojekt ab, gehe oft zum Meer hinunter und mache große Pläne.

Außerdem ist die erste Woche der Happiness Mindset Journey vorbei und ich habe ab heute keine regelmäßigen Live Termine mehr. Mein erstes internationales Podcast Interview geht on Air und ich baue noch rasch meine Website um, damit auch englischsprachige Personen sich darauf zurecht finden.

Es passiert nichts. Wie gut das tut.

Ich schaue einfach den Fischen beim Schwimmen zu.

Samstag, 25. September, Tag 11

Nach einem zweistündigen Call am Vormittag wird mir wieder einmal klar, dass das vergangene Jahr zwar deppert war, mir aber viel Neues gebracht hat, von dem ich vor eineinhalb Jahren noch gar nichts gewusst habe. Ich bin nun beliebter Gast in Podcasts rund um die Welt, erzähle in zwei Sprachen vom Scheitern, vom wieder Aufstehen und vom Glücklich werden, bin in einem internationalen Verband von Coaches, habe Freunde und Unterstützer rund um die Welt gefunden und das zweite Buch meiner mittlerweile ansehnlichen Liste an Veröffentlichungen wird gerade ins Englische übersetzt – wer hätte das vor einem Jahr für mich gesehen? Ich nicht. Oftmals übersehen wir im Getriebe des Alltags, was wir eigentlich geschafft haben und dass es ein tägliches Fest sein sollte, dieses Leben.

Während ich hier täglich am Meer sitze und ganz bewusst runterkomme vom Wahnsinn, gehen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Wie oft ich schon in Kroatien war zum Beispiel. Einmal als Kind. In Yugoslawien. Wo waren wir da genau??? Irgendwo am Meer. Einmal Anfang der 1990er, als Kroatien immer noch Yugoslawien hieß und der Krieg schon an der Tür klopfte, da fuhren wir mit dem Motorrad einmal quer durch bis nach Athen. Lange Strecken auf der Bundesstraße, um nicht den gefürchteten „Autoput“ nehmen zu müssen, die unfallträchtige Gastarbeiterstrecke. Während ich schreibe, klärt Carissima mich auf: „Unter Autoput versteht man im deutschen Sprachgebrauch die 1188 Kilometer lange von Westen nach Südosten durch die ehemalige Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien verlaufende Transitstrecke von Österreich nach Griechenland (sowie über Bulgarien in die Türkei). Das Wort „autoput“ bedeutet allerdings auf serbokroatisch schlicht Autobahn (heute: kroatisch autocesta, serbisch autoput). In Jugoslawien selbst wurde die Strecke als Autoput bratstva i jedinstva bezeichnet und hatte die offizielle Nummer M1. Und Autoput bratstva i jedinstva bedeutet Autobahn der Brüderlichkeit und Einheit und JA, ich war in der wikipedia!“

Alles klar. Wäre das auch geklärt. Große Teile des Autoput wurden dann im Krieg zerstört, genauso wie wichtige Brücken entlang der Küste. 2004 war ich wieder in Kroatien, damals hieß es dann auch Kroatien, wir waren mit dem Boot unterwegs und sahen vom Wasser aus die Zerstörung. Und jetzt? Jetzt scheint alles wieder in Ordnung zu sein. Gerade heute hat Serbien wieder mobil gemacht, an der Grenze zum Kosovo und ich denke mir, ist dieser verückte Wahnsinn immer noch nicht vorbei. However, hier in Kroatien ist die Welt in Ordnung. Man hat lockere Regeln geltend gemacht, um den Tourismus zu retten und damit Kroatien zum Urlaubsland des Jahres 2021 gekürt. In Griechenland, so wird erzählt, seien die Regelungen wieder sehr streng, die Fähren nach Italien lassen sich nicht mehr online buchen, so what, man bleibt einfach hier. Einmal mehr gelüstet es mich, mich fix auf einer dieser Inseln niederzulassen, weit weg vom täglichen Irrsinn, an einem Ort wie hier, der so abgelegen ist, dass jegliche Kontrollorgane schlicht zu faul sind, hier aufzutauchen. Ja, man könnte im Moment bequem mit der Faulheit eines verrückten Systems jonglieren,. Vielleicht sollte ich das zu meinem Hauptanliegen machen. Vorher aber Sonnenuntergang schauen.

Sonntag, 26. September, Tag 12

Bittesehr, Tag 12 erst!!! Und ich kämpfe mit mich gehetzt fühlen, denn Slowenien ist nun wieder auf der roten Liste, wie wird die Rückreise sein, und mit HEJ, lass alles gut sein, Du kannst unterwegs sein, so lange Du willst. Was für eine verrückte Zeit. Ich habe mich nicht darauf eingestellt, war das vergangene Jahr einfach auf einer geistigen Insel.

However. Wie ist es hier?

An der Rezeption sitzt Dennis, der maximal 30 ist und den Campingplatz von seinem Opa übernommen hat. Der Opa kommt dreimal am Tag vorbei, mit seinem Elektroscooter, und dann sitzen Dennis und er auf der Steinbank vor der Rezeption und plaudern. Opa fährt einen beigen Elektroscooter, Dennis einen roten. Dennis‘ Opa gehört viel Land hier, er hat einige Hektar Olivenhaine und war klug genug, einen Teil davon als Campingplatz zu betreiben. Öl stellt er aber immer noch her und auf dem Hügel hinter uns steht das wunderschöne Steinhaus des Opa. Das alles weiß ich von einem Paar aus Deutschland, das hier schon einige Jahre herkommt und immer einen Spezialplatz vorne am Meer bekommt. Die beiden haben einen weißen Maltesermischling und sie lacht, dass einem die Welt um die Ohren fliegt.

Mir gegenüber steht das Paar aus Bayern mit dem Yorkshireterrier, der heiser bellt. Die beiden haben nur noch eine Woche Urlaub und sind jetzt schon traurig, dass sie wieder heimfahren müssen. Angelika aus Landshut hat einen Beagle, den Wanda von Anfang an gemocht hat. Sie bucht, nachdem wir zehn Minuten geplaudert haben, eine Astro Session bei mir, weil sie unendlich traurig ist. Ihr Freund hat im Urlaub Schluss gemacht. Wäre ich nicht Astrologin, sondern einfach eine Freundin, hätte ich nun eine Flasche eisgekühlten Weißwein mit ihr getrunken und ihr bestätigt, dass sie froh sein kann, den A los zu sein. Ein aufdringlicher, extrem lauter Mann, der jedem, der sich nicht gleich zur Wehr setzt, seine Meinung kund tut. Entsetzlich.

Nachdem ein Campingplatz ein Dorf ist, kommt kurz darauf Anna, auch aus Bayern, zur Beratung. Hej! Namen von der Redaktion geändert! Keine Sorge 😉 Sie wurde nach 37Jahren Dienst in einer bekannten deutschen Bank gekündigt und ist außer sich vor Wut. Ja, das kriegt man, wenn man angestellt ist. Nichts, nicht einmal einen feuchten Händedruck. Einmal mehr bin ich froh, dass es in meinem Leben nun so ist wie es ist, auch wenn es nicht immer einfach ist. Anna jedenfalls erzählt mir, dass es um die Ecke eine feine, kleine Bucht gibt und dorthin wandern Wanda und ich am Nachmittag.

Für Beratungen unterwegs verlange ich nur Naturalien, da ich mich nicht in der Art vorbereiten kann, wie ich das normalerweise machen würde und die Gespräche auch dementsprechend kürzer sind. Der heutige Tag beschert mir also vier Flaschen Weißwein und eine Packung Erdnüssse und ich hoffe aus ganzem Herzen, dass die Damen ihren Weg finden, Mut fassen und sehen, wie wunderbar sie sind.

Dann zieht ein Gewitter auf und vor der Rezeption entsteht das Dorfplatz Feeling. Man versammelt sich und ich sehe, dass Dennis das Wetter deuten von seinem Opa gelernt hat. Nein, das könne man jetzt nicht sagen, man sei hier genau an der Grenze, nicht klar, ob es käme oder nicht. Und genauso verläuft dann der Abend, ganz an der Grenze. Viel Donner, große Blitze, drei Tropfen Regen. Irgendwie immer an der Grenze. Wanda verkriecht sich unter den Decken, sie mag Gewitter nicht, und ich stelle das erste Mal in meinem Leben fest, dass ich schräg geparkt habe, weil ich vom Schreiben einen Muskelkater im Rücken bekomme. Oft sind es zwei Zentimeter, die eine Sache definieren. Gute Nacht.

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