Süden ’16 – Sieben

Während zu Hause einfach Staatsfeiertag ist und vielleicht noch einige Massen träge zu Ausflügen oder Kilometerläufen aufbrechen, fahnenschwingend am Ende gar, habe ich mich verliebt. Es passierte so, wie das mit dem Verlieben passiert. Um die Ecke gebogen und bang. Aber alles der Reihe nach!

Am Morgen lasse ich mir unglaublich viel Zeit. Unglaublich viel. Weil ich ja irgendwie nicht weg will. Carissima treibt mich an. Was Du heute vorhast, ist viel, mault sie, und einen Großteil der Arbeit habe ja ich! Jaja, entspann‘ Dich mal. Du musst cooler werden, sage ich, und schon liegen wir wieder vor Lachen auf dem Boden. Also, ich liege, sie steht auf den Rädern. Dann habe ich endlich alles verstaut, Tisch und Bänk‘ und Lebensmittel, Frischwasser abgefüllt und gehe zur Anhängerkupplung. Dort kann man sie richtig gut nehmen. Ich schüttle zehnmal fest. Spinnst Du, ruft Carissima! Was ist denn mit Dir los? Na, ich will uns ersparen, dass ich einen Plastikhammer kaufen muss, mit dem ich auf den Starter klopfe, sage ich, und der Mike meinte, schütteln hilft auch. Irgendwie. Offenbar tut es das auch, denn sie springt ohne Weiteres an.

Die Dame an der Campingrezeption ist sehr nett und verrechnet einen lachhaft niederen Preis, der sich mir nicht wirklich erschließt. Sie kommt aus Deutschland, hat einen Griechen geheiratet und arbeitet nun hier. Am 31. Oktober schließt der Platz und dann geht es ab nach Hause, Oliven ernten. Wie viele Bäume sie haben? Das weiß sie nicht, will sie auch nicht wissen, denn dann würde sie beim Ernten verzweifeln, sagt sie. Aber heuer sei eine Bombenernte zu erwarten. Ja, sage ich, das ist mir schon aufgefallen, überall hängen die Bäume prall mit Oliven, auch am Campingplatz. Aus diesen wird dann das eigene Campingplatzöl gemacht und an der Rezeption verkauft.

Wir fahren von Gythio nach Trinisa, der Küste entlang, hier liegt auch das berühmte Schiffswrack, um das sich viele Legenden ranken. Der Rest ist einfach nur zauberhaft, das Meer, die Landschaft, die Küstenlinie, das erste Mal auf dieser Reise bleibt mir der Mund offen stehen und ich denke an meine erste Motorradreise in den Süden Frankreichs, die Fahrt über Bagnuls nach Spanien macht ebensolche Gefühle. Und dann habe ich ja eine Strecke durch die Berge ausgesucht. Also, die auf der „großen“ Straße. Weil die andere kam mir dann doch ein wenig nach Güterweg vor. Allein, bei einer Kartenauflösung von 1:150000 ist auch die „große“ Straße sehr klein. Als wir nach Geraki abbiegen und dann weiter nach Kallithea fahren, wird mir zeitenweise mulmig. Die Natur erobert die Straße zurück. Blühende Sträucher nehmen das Asphalt wieder ein, kraterförmige Schlaglöcher und zentimeterhohe Asphalteinbrüche machen das Fahren über 20 km/h nahezu unmöglich. Dazwischen wieder ein, zwei Kilometer intakte Straße, als wäre jemand vorbeigekommen, der zufällig drei Tonnen Asphalt übrig hatte. Über drei Stunden lang begegne ich keinem einzigen anderen Fahrzeug, wir fahren höher und höher auf einen Pass, dessen Namen ich nicht mehr eruieren kann. Wir sind auf über 1500 Metern Seehöhe, es ist bereits früher Nachmittag und ich sehe außer Bergen und dem dünnen Bewuchs über der Baumgrenze nichts. Es ist wie in einer anderen Welt.

Als wir nach Kastanitsa kommen, erklärt sich mir auch, was die Menschen, die kurz vor der Stadt im Wald herumstapfen, machen. Die Stadt hat den Namen tatsächlich wegen der Kastanien, der essbaren, also Maroni. Das Städtchen selbst ist wie aus einem Film aus den 60er Jahren, die Straßen mit Steinen gepflastert und so eng, dass ich ein paar Mal ordentlich ins Schwitzen komme und schließlich in einer Taverne nach dem Weg frage, weil ich nicht glauben kann, dass ich die vor mir liegende steile Anhöhe fahren soll, um wieder aus der Stadt zu kommen. Ist aber so. Und ohne Übertreibung, mit der Ersten bei Regen hätten wir es nicht gemacht. Übrigens. Seit wir in den Bergen sind, ist alles nur noch in kyrillischer Schrift markiert. Vor jedem Vekehrsschild spiele ich Memory mit meiner Karte. Welchen Schriftzug, der auf diesem Schild steht, findest Du auf Deiner Karte wieder?

Ab Kastanitsa wird die Straße ein wenig besser und plötzlich lugt irgendwo dort vorne am Horizont das Meer zwischen den Bergen hervor. Es ist zwar immer noch weit, aber ich weiß zumindest, dass die Richtung stimmt. Ich finde den Weg nach Argos und weiter nach Nafplio. Ab hier bin ich bereits out of order, merke ich. Ich mache mir noch eine Randnotiz in meinem Hirn, dass ich hier mal extra herfahren muss, unbedingt, denn die Festungsanlage ist beeindruckend und immerhin war Nafplio mal die Hauptstadt von Griechenland, und zwar von 1829 bis 1834, um genau zu sein. Ich bin leider nicht mehr in der Lage, jetzt einfach eine Entscheidung zu treffen, hier ein Zimmer zu nehmen und morgen die Stadt zu besichtigen, ich bin müde, hungrig, durstig, sitze seit sechs Stunden im Auto und bin bereits auf Autopilot. Nicht wegen der sechs Stunden, nein, eher war es die Streckenführung. Du musst schon wieder aufs Klo, lästert Carissima. Genau, presse ich zwischen den Lippen hervor, und Du musst tanken. Das machen wir dann auch ein paar Kilometer später, also, tanken und einkaufen. Klo bringe ich nicht mehr unter, wie gesagt, Autopilot.

Es gibt ja Menschen, wenn die hungrig einkaufen gehen, dann machen sie Hamsterkäufe und erstehen alles, wonach ihnen die kommenden vier Jahren der Sinn stehen könnte. Ich bin da eher das Gegenteil. Als ich nach dem Einkauf wieder auf der Straße bin, überlege ich mir, was ich allen Ernstes mit einer Melanzane, einem Joghurt, zwei Dosen Bier und einer Flasche Retsina kochen könnte. Sowas Blödes. Ich brauche einen Beifahrer, der am Abend kocht, keine Frage. Und dann soll er von mir aus Biersuppe mit gerösteten Melanzanewürfeln machen, mir egal.

Die Sonne geht bereits unter, als wir Epidaurus erreichen. Ich verfahre mich gezählte viermal, bevor ich an einer Tankstelle nach dem Campingplatz frage, der laut meiner Liste noch geöffnet hat. Man weist mir den Weg. Nach dem alten Epidaurus. Und als ich um die Ecke biege und in das Städtchen einfahre, ist es geschehen. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Ich verfahre mich noch einmal kreuz und quer, frage in einer Bäckerei nach dem Weg, erstehe dort einen halben Kilo Weißbrot, alles egal, I’m in love. Auf dem Campingplatz schlage ich bereits völlig umnebelt auf, ich will hier bleiben, bis in alle Ewigkeit. Der Mann auf dem Campingplatz ist relaxed, er meint, ich soll mir einen schönen Platz suchen, vielleicht am Meer? Der Platz ist klein, lieblich, außer mir stehen vier Wohnmobile dicht gedrängt an der Wasserlinie. Ich suche mir einen geschützten Platz unter einem Baum und denke, ich mag hier nie mehr weg. Und was ist mit Delphi, fragt Carissima? Der Platz dort macht auch am 31. Oktober zu! Ich mache mir ein Bier auf und lege die Beine auf den Tisch. Dann nehmen wir uns dort ein Hotel, sage ich, und schlürfe das eiskalte Bier.

Und dann feiern wir unsere 22.000 Kilometer Party.

Nachtrag zu unserer kleinen Starterliste:

Olympia: 3 aus 4
Finikounda: 6 aus 6
Gythion Bay: 6 aus 6

Also, ich würde sagen, das ist richtig gut.

28. Oktober

Gerade radelt mein Nachbar vorbei, der Klaus aus Hamburg, und ruft „Du musst von uns schreiben, in Deinem Blog!!!“. Das mache ich also hiermit. Klaus kommt aus Hamburg und hat mir gestern sooooooooooo viel Wein zu trinken gegeben. Ojemine. Außerdem kommt er mit seiner Familie und Freunden schon seit den 80er Jahren nach Griechenland, viel sind sie herumgefahren, hat er erzählt, und irgendwann haben sie sich dann die Frage gestellt, warum sie eigentlich herumfahren, wo es doch in Epidavros am schönsten ist. Und seitdem bleiben sie einfach da, oft den ganzen Urlaub lang. Ich finde das weise.

29. Oktober

Ach Klaus. Der viele Wein 😉

Und all die lustigen Geschichten, sodass mir beim Schlafen gehen das Bäuchlein weh tut vom vielen Lachen. Das ist einfach schön.

Gestern habe ich irgendwo gelesen, dass es bei der Erfüllung eines Lebenstraums einen point of no return gibt. Und fest gestellt, dass der erreicht ist. Und ein paar Stunden später regt sich das erste Mal seit meiner Abreise ein sanfter Hauch von Heimweh. Ist das nicht wunderbar! Plötzlich zu wissen, dass der Traum überall gelebt werden kann, auch zu Hause.

Heute konnte man im Meer noch bequem schwimmen, obwohl die Lufttemperatur auf unter 20 Grad gesunken ist. Das Meer ist nun wärmer als die Luft! Auf dem Berg gegenüber starten unzählige Paragleiter und ich radle rüber, um den Landeplatz unter die Lupe zu nehmen. Ein handtuchschmaler Streifen Strand muss getroffen werden, aber bei null Wind, wie es heute ist, könnte das sogar ich schaffen.

 

 

30. Oktober

Was für eine Nacht! Nachdem ich früh zu Bett gegangen bin – die Abende sind jetzt schon sehr kühl draußen – schrecke ich gegen elf aus dem Schlaf. Irgendetwas oder irgendwer ist entweder gegen das Auto gerannt oder darauf gelandet, sodass es richtig gewackelt hat. Eine Katze? Hat sich eher nach Luchs angefühlt. Oder nach Bär. Ich denke eine Weile nach, vielleicht habe ich das nur geträumt, doch kaum dass es mich wieder ganz leicht ins Reich der Träume zieht, das Gleiche noch einmal. Ich reiße die Schiebtür auf, schreie mein obligatorisches „schleichts eich“ in die Nacht, doch draußen höre ich nur den Wind in den Bäumen. Danach ist es mit schlafen vorbei. Als das Gewackle noch einmal ausbricht, wackle ich zurück, bis meine Kleinigkeiten, die am Seitenbord stehen, alle nach unten gefallen sind. Zahnbürste, Taschenlampe und was weiß ich noch. Mit schlafen ist es nun vorbei. Während draußen ein Wettstreit der Katzen beginnt, die einen im Liebestaumel, die anderen im Streit, fauchend, kreischend und jammernd, überlege ich, was das gewesen sein könnte. Irgendwann mache ich den Computer an und gucke Jimmy Fallon bis zwei Uhr früh, weil das einigermaßen die Panik in Schach hält. Ich bin völlig allein am Campingplatz und als ich endlich einschlafe, träume ich von Katzengöttinnen und Horrorclowns. Man kann sich an Vieles gewöhnen. Doch den eigenen Horror mit sich selbst ausmachen zu müssen, immer, das ist sehr schwer zu nehmen. Auch wenn man ein Held ist.

 

 

Dass ich dann um halb acht schon wieder munter bin, durchgeschwitzt und mit pochenden Kopfschmerzen, liegt sicher an diesen doofen Träumen. Ich mache Kaffee, packe schnell zusammen und kontrolliere das Auto sicher zehnmal, ob nicht doch eine Katze eingestiegen ist. Das machen die nämlich dauernd, kaum dass man eine Sekunde nicht aufpasst. Um neun sind wir abfahrbereit, ich weiß wieder mal nicht, auf welchem meiner Geräte nun welche Uhrzeit zu finden ist, denn auch die Griechen haben die Zeit umgestellt, aber die sind ohnehin eine Stunde vorn. Oder hinten? Muss ich am Abend nachsehen.

Starte. Carissima hustet kurz und fertig. Noch einmal. Husten. Sonst nichts. Was ist los,. frage ich. Shhhhhhhhhhhhhhh…. flüstert sie, sei leise. Was ist denn los, flüstere ich. Dabei werfe ich kurz einen Blick in den Rückspiegel. Ach verdammt. Der Blues schleicht an der Hecke entlang in unsere Richtung. Die Hecke mit den vielen Katzen. Ich seufze. Mache die Tür auf und schreie, pass auf, dass Du nicht in Katzenscheiße steigst! Das ist nämlich so knapp an der Hecke ein echtes Problem. Und wenn er schon mitfährt, dann wenigstens mit sauberen Schuhen. Wieso hast Du Dich nicht still gehalten, fragt Carissima. Baby, sage ich, wir sind das einzige Fahrzeug weit und breit. Ich glaube nicht, dass man uns übersehen kann. Auch wieder wahr, sagt sie. Und springt einwandfrei an. Der Blues fläzt sich auf den Beifahrersitz und nimmt sofort eine Karte zur Hand, diesmal richtig rum. Offenbar hat er sich mit der Rolle des Navigators anfreunden können. Wohin, fragt er knapp. Zur berühmten Senkbrücke von Isthmia, sage ich, der kleinsten Brücke über den Kanal von Korinth, am wenigsten weit vom Wasser weg, befahrbar bis 3,5 Tonnen. Hmhm, sagt der Blues. Er hält eine Albanienkarte vor sich aufgefaltet und sucht konzentriert den Kanal von Korinth.

 

 

Die Brücke von Isthmia lässt vermuten, wie beeindruckend der Kanal ist, in der Ferne sieht man die anderen Brücken, hoch oben. An dieser Brücke kann man einfach im Kaffee sitzen und warten, bis ein Schiff kommt. Dann wird die Brücke im Wasser versenkt. Leider ist heute kein Schiff in Sicht. Also fahren wir weiter zur nächsten Brücke, die in gleicher Höhe wie die Eisenbahnbrücke und die Autobahnbrücke über den Kanal führt. Beim Blick hinunter reißt es in meinen Knien. Hier ist der touristische Mittelpunkt, Andenkenläden, Souvenirshops, ein Kaffeehaus, ein Restaurant und eine geschätzte Million Menschen. Und ich kriege langsam Hunger. Bring mir ein Bier mit, ruft mir der Blues hinterher. Und mir was Süßes, sagt Carissima. Also kaufe ich für mich ein ziemlich großes Gebäck mit richtig viel Schokolade, für den Blues einen griechischen Kaffee mit Zucker, doppelte Portion und für Carissima einen süßen, runden Magneten fürs Armaturenbrett. Schmatzend fahren wir weiter.

Es ist anstrengend heute. Theben, Levadhia. Der Himmel ist blau und der Blues raucht wie ein Schlot. Arachova. Eine Stadt, die offenbar das Wintersportzentrum Griechenlands ist. Schi, Anoraks und Fellmützen werden in den engen Gassen verkauft und es sind so viele Menschen hier, dass man mit dem Auto kaum durchkommt. Selbst wenn die Menschen nicht auf der Straße gehen würden, hätten zwei Autos Mühe, aneinander vorbei zu kommen. Manchmal frage ich mich, ob ich am Ende gegen eine Einbahn fahre, aber nein, es IST hier so eng. Nach der Stadt bin ich unglaublich erschöpft und könnte sofort einschlafen. Und plötzlich ist Delfi da. Und der bestens ausgeschilderte Campingplatz. Ich bin so froh! Als ich im Restaurant einchecke, denn auch hier ist die Rezeption schon geschlossen, sehe ich die wunderbar gedeckten Tische an der Fensterfront mit einem atemberaubenden Blick auf das Meer. Ob ich für heute einen Tisch am Fenster resevieren könne? Leider, meint der Mann an der provisorischen Rezeptionstheke, der Campingplatz habe noch offen, das Restaurant seit gestern geschlossen. Der Blues lehnt lässig an der Tür, zündet sich eine Zigarette an und zeigt mir eine lange Nase. Manchmal ist er echt ein Arsch.

 

 

Bis die Sonne dann weg ist, sitzen wir und genießen die Aussicht. Wie haben nämlich einen Stellplatz genau mit dieser Aussicht bekommen. Und der nette Mann vom Resturant kommt dann auch noch mal vorbei, um zu fragen, ob es mir gefällt. Tut es, unglaublich. Ich sitze hier bei einem Glas Wein, es ist immer noch warm genug, obwohl es schon dunkel ist und der Blues raucht so viel, dass die lästigen Katzen irgendwann in der Dunkelheit verschwinden.

 

Nachtrag

Hahahaha… Katzen, die auf Autos springen.
So was Blödes. Es war ein Erdbeben. Auf Korfu war in der Nacht ein Erdbeben, das anscheinend bis Rhodos spürbar war. Und ich Trottel träume von Katzengöttern und Horrorclowns und gehe mit dem Pfefferspray aufs Klo. Hahahahaha……

 

 

 

Teil 8.