Süden 2016 – Fünf

11. Oktober 2016

Noch nie war ich so auf Rosen gebettet und umsorgt wie auf dieser Überfahrt. Der Mann an der Rezeption hat mir nicht nur den Weg zurück aufs Camperdeck erklärt, nein, er ist mit mir bis zu der Schleuse gegangen und hat mir noch gezeigt, wie ich meine Zugangskarte anwenden muss. Danach kam der Mann im orangen Overall noch zweimal vorbei, klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und erklärte (in bestem Englisch), dass wirklich alles, alles ok ist. Ich erkläre ihn zu meinem heimlichen, höchst persönlichen Fährmann. Wir verlassen den Hafen von Bari bei Donnergrollen und Blitzgewitter und fahren bis nach 23 Uhr immer in Sichtweite der italienischen Küste. Dies beruhigt, auch wenn das Land sehr, sehr weit weg ist. Ein Koch kommt, um Kisten zu entsorgen, die Maschine hierfür befindet sich am Camperdeck, und fragt mich, ob ich Angst habe. Ja, sage ich, ist aber schon besser. Er beruhigt mich, alles ok, sagt er und lächelt. Ich beschließe ob so viel Zuneigung sofort, ein Bild von mir zu machen, ich muss ja grauenhaft aussehen. Oder habe ich ein Schild umhängen, „Alleinreisendes Kind“? Nein. Alles ok. Die sind einfach so nett.

Dann beginnt es zu regnen und zu stürmen und ich spüre, wie sich das Schiff anders zu bewegen beginnt als vorher, aber irgendwann schlafe ich ein. Als ich von der Durchsage, dass wir in einer halben Stunden Igoumenitsa erreichen, aufwache, steht kurz darauf der runde Mann im orangen Overall bei meinem Auto und sieht nach, ob ich wach bin. Ich mache die Tür auf und er erklärt mir, dass es zwar kalt sei, aber alles in Ordnung. Er bewundert die Innenausstattung meiner Carissima und dann geht er an die Arbeit. Als wir den Hafen von Igoumenitsa verlassen, sind wir fast allein am Deck. Nur der wunderbar chromblitzende Lastwagen neben uns ist noch da. Carissima flirtet. Es ist knapp sechs Uhr früh. Ich schlafe wieder ein. Die nächste Durchsage, die mich weckt, gibt an, dass das Restaurant nur noch eine halbe Stunde geöffnet habe. Ich schaue auf die Uhr und weiß trotzdem nicht, wie spät es ist, weil doch… haben die Griechen nicht eine andere Zeit??? Also, entweder ist es halb neun oder halb zehn. Oder halb acht? Herrgott, vor lauter Panik und der Auseinandersetzung mit der letzten großen meiner Ängste habe ich mich damit überhaupt nicht beschäftigt.

Ich gehe ins Bad – am Camperdeck gibt es herrlich saubere und heiße Duschen – und gönne mir danach ein wunderbares Frühstück. Der Mann an der Theke ist verwirrt, nur ein Omelett? Ob ich keine Würstchen möchte, oder Speck? Nö, sage ich, Vegetarier. Er sieht besorgt aus und meint, ich solle mir dafür eine zweite Tasse Kaffee nehmen. Als ich schon sitze, in der Annahme, dass ich mir die zweite Tasse dann hole, irgendwann, kommt er an meinen Tisch geeilt und serviert gekonnt meine zweite Tasse. Und das in einem Selbstbedienungsrestaurant. Draußen regnet es mittlerweile und alles ist grau in grau. Ich stelle trotzdem wacker mein Campingstühlchen an die Reling und lese noch ein wenig. Dann wird durchgesagt, dass wir bald Patras erreichen. Männer in roten Overalls eilen an Deck und befreien die Lkw von ihren Sicherungsketten. Gesichert werden hier nur die großen Fahrzeuge, für die kleinen sind Keile bereit gelegt, die man selbst unterlegen muss. Ich packe mein Stühlchen ein und ein Mann im roten Overall stellt sich zu mir, um eine zu rauchen. Was am Unterdeck strengstens verboten ist. Ich frage ihn, was er macht und er erklärt mir den einigermaßen komplexen Vorgang der Leinensicherung, die großen, mit denen die Fähre dann am Hafen festgemacht wird. Dafür ist er zuständig. Ob er manchmal seekrank werde? Ohja, sagt er, leider. Das sei Glückssache und für ihn in diesem Job richtig öd, wenn es ihn mal wieder erwische. Ob er Patras gut kenne? Ja, klar, sagt er, er fahre die Route Bari-Patras schon lange und habe immer zwei Stunden Landgang, bevor es wieder retour gehe. Eine andere Route? Ja, unbedingt. Er versuche, die Routen alle drei, vier Jahre zu wechseln. Er fragt mich auch viel, woher, wie lange unterwegs, wie und warum. Ja, er sei auch so ein Reisender, meint er. Drei Monate durch arbeiten, so sieht das aus bei den Fährgesellschaften, dann einen Monat unbezahlten Urlaub. Und jedes Mal brauche er dabei sein ganzes Erspartes auf und – alles wieder von vorn. Ich muss lachen. Er hat ausgeraucht und kümmert sich wieder um seine Leinen.

Mein Fährmann ist nicht mehr aufgetaucht. Ich wollte noch so gern ein Bild von ihm machen! Zwischen Lkw eingeklemmt verlassen wir das Schiff. Carissima seufzt. Der Fahrer ihres Lkw zwinkert mir aus der Höhe verschwörerisch zu. Was immer die beiden in der Nacht geredet haben, offenbar weiß er was. Du bist gut, sage ich, gleich angesprungen und keine Geräusche. Ja, ich weiß, sagt sie, und der Typ hinter uns… hmmmmmmmm. Ja, sage ich, viel Chrom, das ist es, was? Genau, sagt sie. Ich weiß, was mir gefällt. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie heute besonders keck von Bord fährt. Das Hafengelände ist riesig und die in meinem Kopf gespeicherte Wegbeschreibung zum Vodafone Shop, der uns Internet in Griechenland ermöglichen soll, ist rasch ad absurdum geführt. Also halte ich ein Polizeiauto an und die Griechen machen das sofort nach meinem Geschmack: Blaulicht an. Alles, was Romana will. Ja, perfekt, meinen die beiden, genau richtig, wenn ich da gerade aus weiterfahre, komme ich in die betreffende Straße. Und so mache ich es. Es ist… Griechenland! Es ist schwül, mir ist heiß, der Verkehr ist dicht und alle außer mir parken wie verrückt. In zweiter Spur, in Kreuzungen, auf Gehwegen. Allein, ich sehe keinen Parkplatz. Fahre am Vodafone Shop vorbei, umrunde ein Gebäude und lande letztendlich am Parkplatz für Weicheier und Besitzer neu lackierter Wägen, 4 Euro mit Bewachung. Von dort marschiere ich zum Vodafone Shop. Ich liebe Griechenland. Ich meine, ich bemühe mich vor jeder Reise, die Sprache des entsprechenden Landes irgendwie in den Griff zu bekommen, aber bei meiner Reisetätigkeit müsste ich, wenn ich mich wirklich darum bemühen würde, mittlerweile Spanisch, Italienisch, Französisch, Tschechisch, Portugiesisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, Thai und selbstverständlich Griechisch können. Und das geht nicht. Aber ich liebe Griechenland, besser gesagt, die Griechen, weil sie einfach alle Englisch können! Alle! Vom Tankwart über den Parkplatzvermieter bis zum Campingplatzbetreiber und natürlich den Vodafone Mitarbeiter – alle sprechen fließend Englisch. Und das kann ich auch.

Ich erstehe also im Vodafone Shop Internet to go – 8 Giga um 10 Euro und frohlocke. Eine halbe Stunde später ist die Sache aktiviert und funktioniert. Danke Chris. Perfekt erklärt. APN Codes und so – da brauche ich keine Hilfe mehr!

Wir verlassen Patras und fahren Richtung Pirgos. Und was jetzt, fragt Carissima. Wie, was jetzt, sage ich. Naja, ich meine, die letzte große Angst überwunden – ich meine… was ist die nächste Herausforderung? Stimmt, sage ich. Die Angst vor dem Meer ist weg. Was immer geschehen ist in den vergangenen 18 Stunden, es war einfach nur gut. Menschen, die gut waren, Situationen, die gut waren, Unterstützung, die gut war. Alles gut. So, als ob es nicht von dieser Welt gewesen wäre. Und so fühlt es sich auch jetzt an, nicht ganz von dieser Welt. Also, fragt sie. Naja, sage ich, also, erst mal entspannt sein, oder? Und dann neue Herausforderungen suchen? Exakt, was ich denke, sagt sie. Indien?, frage ich. Ohja, das klingt sehr gut. Aber da müssen wir ein bisschen mehr Routenplanung machen als diesesmal. Ja, stimmt, sage ich, das ist sicher. Aber jetzt erst mal cool sein, ok? Ja, das brauchst Du ohnehin, sagt sie, eine Schulung im cool sein.

Ich habe Lust auf alte Gemäuer, irgendwas, was schon sehr, sehr lange hier ist. Das gibt ein eigentümliches Gefühl er Beständigkeit. Also fahren wir erst einmal nach Olympia, nicht allzu weit weg von Patras und vermutlich trotz aller Beständigkeit ein wenig anders als noch vor 25 Jahren, als ich das letzte Mal hier war. Damals bekam man irgendwo im Eingangsbereich gerade mal eine Ansichtskarte und ein Büchlein zu kaufen. Heute besteht der Eingangsbereich aus einer Straße, die rechts und links von Andenkenläden und Souvenirgeschäften gesäumt ist. Ich staune nicht schlecht und folge einfach einem Campingplatzschild, das verspricht, dass der Platz nicht allzu zentral liegt. In engen Serpentinen kämpfen wir uns eine Straße hoch, es dürfte viel geregnet haben, und landen an einem einsamen Platz mit einem atemberaubenden Panoramablick über das Land. Die Dame an der Rezeption spricht hervorragend englisch, sie sei hier alles in Personalunion, Rezeptionistin, Koch, Kellner und natürlich Verkäuferin im platzeigenen Geschäft, wenn ich was brauche, sie sei immer da.

Ich überlege eine Weile, ob ich das Zelt aufbauen soll, das Wetter sieht nicht soooooo schlecht aus, und gehe vorher schwimmen. Der Pool ist riesig und eiskalt und einfach wunderbar. Irgendwann schwimmt ein kleiner Frosch neben mir her und ich habe den Eindruck, dass ihm das Chlorwasser nicht wirklich bekommt. Als ich ihn ans Ufer gebracht habe, braucht er eine ganze Weile bis er sich wieder bewegen kann – ich übrigens auch. Zelt aufstellen war übrigens eine Mega-Idee, denn zwei Minuten später brach dann das Gewitter los.

12. Oktober 2016

Cool sein, die Erste.

Als ich aufwache, schaue ich in einen blitzblauen Himmel, vor dem ein paar riesengroße Blätter im Wind schaukeln. Es ist herrlich. Zwei Stunden später bricht aus dem Nichts der Wind durch und mein Zelt beginnt eine kleine Wanderung in Richtung Abgrund. Ich hechte ihm nach und stelle fest, dass ich gestern wohl zu müde war, um die Heringe einzuschlagen. Das mache ich jetzt.  Mit einem riesengroßen Stein, weil ich wieder mal keinen Hammer mithabe. Dann folgt eine wahre Sturzflut und das erste Mal in fünf Wochen bin ich wieder mal am Wasser schöpfen. Das hatte ich völlig verdrängt – meine ersten drei Wochen Reise im vergangenen Jahr befassten sich hauptsächlich mit der Technik des Wasserschöpfens! Was ich diesmal bloß für ein Glück habe!

However, heute ist der 13. Oktober und die Regenfront ist durchgezogen. Es ist warm und fein und ich verbringe den Tag am Pool. Das ist schon wieder so ein Platz, an dem ich festwachsen könnte…

 

 

14. Oktober 2016

Heute, nach zwei Tagen warten, bis der Regen geht und einem Tag überprüfen, wie der Pool bei Sonnenschein ist, mache ich mich auf nach Olympia. Ein Grund ist der, dass es ja hier, bittesehr, eine riesengroße Ausgrabungsstätte gibt, die Wiege der westlichen Kultur, was den Sport angeht und außerdem, dass mich ein entsetzlicher Ausschlag auf der Schulter quält. Ich spaziere also mit extrem leichtem Gepäck und einem Olivenölumschlag auf der Schulter eineinhalb Kilometer steil bergab, vorbei an unzähligen Hotels, Häusern und Bäumen. Dann kommt die Kirche in Sicht, so hat es mir die Dame vom Campingplatz Alphios beschrieben, und gegenüber gleich ist die Apotheke. Dort werde ich von einem extrem jungen und hoch motivierten Apotheker beraten. Ja, meint er, sieht so aus, als käme das entweder von der Sonne, von Schwitzen mit Druck und Reibung, wie zum Beispiel beim Tragen eines Rucksacks oder von einem Insektenstich. Bingo. Alles drei hat auf dieser meiner Schulter stattgefunden. Er gibt mir eine Cortisonsalbe, meint, er hätte da noch Tabletten, aber die würden extrem schläfrig machen und ich solle, falls die Salbe bis zum Abend nicht wirke, nochmal vorbei kommen. Bis 22 Uhr. Ich denke mir, ojemine, wenn mir DER Tabletten gibt, die schläfrig machen!!! Und hoffe, dass die Salbe wirkt.

Dann ab zu den Ausgrabungen – hier war ich schon mal, vor 25 Jahren. Es hat sich ziemlich verändert, denn im Gegensatz zu damals sind jetzt auch andere Menschen da 😉 Und es gibt eine Menge Souvenierläden und allerlei andere Touristensachen. Gar nicht schlecht, denn so erstehe ich eine Olivenölseife für meine demolierte Haut, einen Magneten für Carissima und ein Handtäschchen für mich. Ein sehr angenehmer Tag, abschließend gibt es Kaffee und Orangensaft im angesagtesten Hotel der Stadt, mit Klimanalage.

 

 

15. Oktober 2016

Heute also den inneren Rekord gebrochen – zehn Längen schwimmen im waldbadkalten Wasser PLUS freiwillig den Kopf untergetaucht. Ja, es war heiß heute. Am Abend habe ich dann auch alles zusammengepackt, das Zelt vom Regenschlamm gereinigt, getrocknet und verpackt und gönne mir ein Abendessen in der Campingplatz Taverne. Die Dame in Personalunion hat aufgrund meiner vergetarischen Lebenshaltung extra für mich gekocht, es gibt Okras in Tomatensauce mit frisch getoastetem Weißbrot und als Nachtisch selbst gebackene Kekse, die nach Orangen, Zimt und Kardamom schmecken, ich gehe emotional in die Knie, so viele Kindheitserinnerungen kommen hoch. Die Dame ist 71, lebt von Februar bis November hier am Campingplatz, um ihre Tochter zu unterstützen, den Rest vom Jahr in Athen. Ihr Mann betreut das Haus in Athen und kommt regelmäßig vorbei. Sie hat vier Töchter und eine will nicht heiraten. Die Familiengeschichten ziehen sich durch den Abend und zum Abschied bekomme ich ein Schiffchen an einer Kette, das ich ins Auto hängen kann, für immer gute Fahrt.

16. Oktober

Cool sein, die Zweite.

Gleich nachdem ich aufgewacht bin, meldet sich Carissima zu Wort. Wird Zeit, dass wir abhauen, sagt sie. Wieso, frage ich. Na schau doch mal, sagt sie, ein wenig empört. Ich schaue und sehe, dass sich am Kühlergrill ein sehr großes Spinnennetz befindet. Wenn man schon mal Spinnweben ansetzt! protestiert sie. Ja, geht klar, wir fahren weiter, sage ich, obwohl Du schon weißt, also, in jedem Leben kommt wahrscheinlich der Tag, an dem man beschließt, Spinnweben anzusetzen? Ja, aber nicht jetzt!!!! heult sie.

Die Dame vom Campingplatz gibt mir noch hilfreiche Campingplatztipps, eine Karte mit Partner-Campingsplätzen, den Hinweis, dass es morgen regnen soll, eine feste Umarmung und die Reise geht weiter.

Fast.

Denn als ich einsteige und starten will, wohlgemerkt, nachdem ich Carissima WIRKLICH gut zugeredet habe, tut sich genau nichts. Gar nichts, nicht einmal ein Klackern. Kein Klick, kein Klack. Einmal, zweimal, dreimal. Die Spinnwebe, beharrt Carissima. Ich steige aus und wische das Kunstwerk mit einem Taschentuch weg. Ewig schade um die viele Arbeit. Steige ein, starte. Nichts. Und wieder nichts und wieder nichts. Was mich verwundert ist, dass sich bei mir nichts regt, kein Ärger, keine Verzweiflung. Ich steige aus, begutachte das Gelände, nehme den Gang raus und schiebe sie erst mal aus dem Stellplatz. Dahinter geht es steil bergab, das müsste für einen Start rückwärts reichen. Oder sogar zum Umdrehen. Allein, die 1320 Kilo Eigengewicht sind gar nicht so einfach in Gang zu kriegen. Wir schaukeln, einmal, zweimal, dreimal, dann rollt sie. Gerade noch rechtzeitig hechte ich bäuchlings auf den Fahrersitz und ziehe die Handbremse an, bevor wir den campingplatzeigenen Sonnenschutz für zehn Stellplätze niederreißen. Das war kanpp, ruft Carissima! Stell‘ Dir vor es hätte meine neu lackierte Stoßstange erwischt! Ich seufze. Das wäre jetzt wahrscheinlich das kleinste Problem gewesen. Ich drehe noch einmal den Zündschlüssel um, und siehe da, sie startet. Ich bin verwirrt. Das kann nicht sein. Ich meine, ich weiß, wenn die Zündung an ist und der Gang drin ist und man schupft einmal drüber, dann kann das schon helfen. Aber im Leerlauf?

Wir fahren los. Ich grüble. Was zum Teufel kann das gewesen sein. Die Eckdaten passen wieder einmal zusammen: wir waren auf der Fähre, sind danach nicht lange gefahren, dann zwei Tage im Regen gestanden und drei weitere Tage, ohne Anstarten. Was kann das sein? In einer Kurve liegt ein toter Hund. Ich erschrecke. Auto, toter Hund, Regen, sagt eine tiefe, rauchige Stimme. Ich stoße fast ans Dach, so sehr erschrecke ich. Neben mir hockt der Blues. Ich dachte, Du hast Deinen Pass nicht dabei, sage ich und versuche, es möglichst sarkastisch klingen zu lassen. Ich dachte, Du brauchst einen Navigator, sagt er knapp. Er hält die Karte verkehrt herum und starrt aus dem Fenster. Warum jetzt? rufe ich. Auto geht nicht, toter Hund, Regen, sagt er, spuckt aus dem Fenster und zündet sich eine Zigarette an. Der hat echt grade noch gefehlt.

Wir fahren nach Kresteno, weiter nach Kiparissia. Ich denke nach. Versuche festzumachen, warum, verreckt noch einmal, das heute so war. Warum ich eh cool geblieben bin und der Blues jetzt trotzdem da ist und warum dieser arme Hund neben der Straße lag. Ich grüble.Die Batterie ist neu. Der Starter ist überholt. Das Massekabel gecheckt. WENN er startet, startet er normal, der Starter. Carissima klingt hervorragend, keine Nebengeräusche, alles gut. Also was ist das??? Also, wenn ich das jetzt pragmatisch betrachten darf, sagt Carissima. Entschuldige, aber mit 31 bist Du zu jung, um pragmatisch zu sein, werfe ich ein. Dann nennen wir es halt wissenschaftlich, sagt sie, also schau. Ich habe eine neue Benzinpumpe, eine neue Batterie, eine neue Kupplung und eine fast neue Wasserpumpe. Wenns eines von denen erwischt hätte, würden wir jetzt stehen. Tun wir aber nicht. So gesehen ist das Problem kein Großes. Ja, stimmt, sage ich, das ist richtig. Und es scheint ja wieder so eine Kombination zu sein, wie bei meiner Schulter. Also bei mir Sonne, Druck und Schweiß auf der Haut und es kommt zu einer extremen Reaktion. Bei Dir Wackeln auf der Fähre, Regen, Stehen. Ja, genau, sagt sie. Hm. Wir sind kurz hinter Pilos und es ist früher Nachmittag. Fast kommt es mir vor, als wären wir alleine auf der Welt, denn seit Stunden sind wir keinem anderen Fahrzeug begegnet. Dann fällt mir ein, dass Sonntag ist. Und dann fällt mir ein, dass ich meinen Pass an der Rezeption in Olympia habe liegen lassen. Ich bleibe stehen, wähle einen schönen Parkplatz mit Steigung, man weiß ja nie, und durchsuche noch einmal meine Sachen. Aber nein, ich erinnere mich wieder, den Pass habe ich nach der Abgabe nie mehr eingefordert. Mist. Ich starte den Rechner und suche auf der Website des Alphios nach einer Telefonnummer, leider Fehlanzeige. Die Website ist neu und verfügt sowohl über ein Kontaktformular als auch ein Buchungstool, aber keine Nummer. Nach einigem Suchen im Netz finde ich die Nummer eines Campingplatzportals, bei dem der Alphios Mitglied ist und rufe dort an. Der freundliche Herr gibt mir die Nummer durch. Die nette Dame vom Alphios sieht nach und ja, der Pass ist noch bei ihr. Während ich Passport stammle, fragt sich ein Teil meines Gehirns, was ein Ausweis mit einem Hafen zu tun haben könnte, ich sage aber nur, dass ich umdrehen werde. Nicht nötig, meint sie, ich solle mich melden, wenn ich einen Platz gefunden habe und dann schicke sie den Pass mit Kurier. Sie habe schon sehr viele Pässe hinterher geschickt.

Ich füge mich meinem Schicksal, packe mein Mini-Büro wieder ein und starte. Einwandfrei. Sag mal, verarschst Du mich, frage ich, damit mein Blog spannender wird? Nein, ehrlich nicht. Carissima ist empört. Auto, Hund, Regen, sagt der Blues und spuckt aus dem Fenster. Ich kann mich nicht erinnern, dass er bisher gesprochen hat. Und das Spucken ist auch neu. Was mir außerdem auf die Nerven geht, ist das Maß aller Dinge. Also, das Maß aller Dinge ist eine Hose, die ich bei meiner Abfahrt vor fünf Wochen nicht über die Hüften bekommen habe. Heute morgen habe ich sie zubekommen. Der Käse ist nur, dass das vermaledeite Maß aller Dinge nun beim Fahren so drückt, dass ich wirklich plötzlich sehr dringend aufs Klo muss.

Also, meint Carissima, ich würde eine Liste machen. Was für eine Liste, stammle ich mit zugebissenen Zähnen. Also, wie in einer Beziehung, Du weißt schon, da ist man ja auch manchmal nicht mehr ganz zufrieden und dann macht man eine Liste, was gut ist und was schlecht ist und was vom Schlechten man noch ändern könnte. Und dann trifft man eine Entscheidung. Und was soll ich jetzt für eine Liste machen, frage ich. Naja. Also. Wir schreiben auf, wann ich nicht anspringe. Und wie oft ich anspringe. Und wie bedrohlich die Szenarien sind, in denen ich nicht anspringe. Und dann kannst Du ganz cool entscheiden, wie schrecklich das wirklich ist. Hm, sage ich. Eigentlich eine gute Idee. Wir haben also heute:

Einmal nicht anspringen am Campingplatz mit null Bedrohung.
Einmal anspringen, nachdem mir der Passport eingefallen ist.
Einmal anspringen nach dem Einkaufen, das haben wir dann nämlich auch noch gemacht.
Einmal anspringen, nachdem ich mich in der Rezeption des Campingplatzes in Finikounda angemeldet habe.

Die Dame war übrigens so nett und hat gleich vom Festnetz aus in Olympia angerufen, um die Adresse durchzugeben, an die mein Pass geschickt werden soll. Kaum haben wir einen Platz gefunden – in leichter Schräglage, eh klar – fallen die Mücken über mich her. Es ist wirklich verrückt, aber sie lieben mich ähnlich wie der Regen, der in den Wolken schlummert und nur darauf wartet, dass er mich erblickt. Ich baue mein Tischchen auf, behandle fünf Mückenstiche, die ich innerhalb von drei Minuten abbekommen habe, greife zu Autan und härteren Maßnahmen und dann beginnt es zu regnen. Ich stelle meinen Sonnenschirm auf, zu mehr reicht es heute nicht mehr. Leute, mir reicht’s, sage ich, ich mache mir ein Bier auf. Es ist erst halb vier, ruft Carissima empört. Saugeile Idee, sagt der Blues, kramt aus der hintersten Ecke einen halbkaputten Campingstuhl heraus, den ich nur noch für Notfälle mithabe und setzt sich an den Tisch. Ich öffne ein „Alfa“, gekonnt mit dem Feuerzeug, wie ich es in der Autowerkstatt gelernt habe, und teile es auf zwei Gläser auf. Der Blues schnappt sich eines, trinkt, sagt „ist nicht kalt“ und bläst sich kühn eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich setze mich, trinke und denke mir, wenn der Volltrottel mich nicht immer so runterziehen würde, wäre er eigentlich ganz hübsch.

Und hier geht es dann weiter mit dem nächsten Teil.

Süden 2016 Teil 1

Süden 2016 Teil 2

Süden 2016 Teil 3

Süden 2016 Teil 4

Süden 2016 Teil 6

Süden 2016 Teil 7