Süden ’16 – Sechs

17. Oktober 2016

Wir sind in einer Zeitschleife gefangen. Am Abend kamen die Moskitos. Nicht einer, nicht zehn. Tausend. Ihnen ist das „Autan Family“ in Cremeform („für die GANZE Familie“) genauso egal wie das in Sprühform, die „Panthenol Protection Lotion“ („mit pflegendem Olivenöl, Eukalyptus und Aloe Vera“) genauso wie das „Autan Tropical“ (schützt bis zu ACHT Stunden“), sie missachten die stinkenden, rauchenden Mückenspiralen genauso wie die „Mosquito Free Insect Lotion“ („für Kleinkinder geeignet“) und dass ich am Abend des 17. Oktober mit dem Blues eine ganze Flasche Weißwein geleert habe, ist ihnen auch wurscht.

In der Nacht träume ich schrecklich und werde in den frühen Morgenstunden munter, weil sich an meinem Unterarm eine brennende, kreisrunde, rote Wölbung gebildet hat und auf der Stirn genau das Gleiche. Auf dem Weg zur Morgentoilette fallen sie genauso über mich her wie auf dem Weg zurück und letztlich fahre ich, fiebrig, innerlich schreiend und wütend bis zum Anschlag mit dem Nachthemd in den nächsten Supermarkt, um dort alles Gift der Welt einzukaufen. Mir egal, ob das die Haut pflegt, für Kleinkinder geeignet ist oder in Innenräumen verwendet werden darf. Ich zünde vier Gelsenspiralen vor dem Auto an, werfe verschwitzte Wäsche, Bettwäsche und mein Nachthemd in die Waschmaschine und räuchere Carissima aus. Sag mal, bist Du irre, ruft sie, bevor sie ganz fest schweigt, weil ihr das Giftspray, das ich als nächstes nutze (auf dem Etikett ist einfach eine tote Mücke zu sehen, Punkt) nicht behagt.

Dann springe ich unter die Dusche und sprühe mich im Anschluss mit einem Mix aus allen Sprühfläschchen ein. Es ist bewölkt und windstill, die Mücken jubilieren und nun sind sie alle auf mir, denn im Auto können sie ja nicht mehr sein. Ich wollte einen Arbeitstag einlegen und verbringe die meiste Zeit damit, herumzutoben und zu recherchieren, was ich sonst noch tun kann Zu Mittag esse ich Knoblauch, bis mein Blutdruck in schwindelerregende Tiefen fällt und endlich stoße ich auf Apis Melifica, die D30 habe ich sogar mit. Nach vier Gaben hört zumindest das Pochen am Unterarm und auf der Stirn auf. Drei Besuche in der Rezeption bis zum Abend – mein Pass ist nicht da.

 

 

18. Oktober 2016

Wir sind in einer Zeitschleife gefangen. Am Abend kamen die Moskitos.

Am Morgen wieder. Als ich aufstehe, fläzt der Blues schon bei Tisch, wohlgemerkt auf meinem, dem intakten Stühlchen, und raucht. Frühstück? fragt er. Ja gerne, sage ich. Ich mag Kaffee, sagt er. Aha. Das hatte ich wohl missverstanden. So naiv zu glauben, dass der Blues schon beim Bäcker war, während ich noch schlecht geträumt habe, kann vermutlich nur ich sein. Ich mache uns Kaffe, trinke schnell, und laufe zum Strand. Denn dort ist viel Wind und dort sind sie NICHT. Ich lade mit meinem Amazon Geschenkgutschein drei Bücher auf meinen Kindle und beschließe, so lange am Strand zu bleiben, bis mein Pass wieder da ist.

Einen Sonnenbrand, ein halb ausgelesenes Buch und drei Besuche an der Rezeption später ist mein Pass immer noch nicht da. Ich will hier weg, aus diesem vermaledeiten Gelsenparadies.

Ich rufe noch mal in Olympia an. Vermutlich hat sie einen Staffelläufer losgechickt, in einer Hand das Olympische Feuer, in der anderen meinen Pass. Wie lange braucht der für 150 Kilometer? Das müsste doch in einem Tag zu schaffen sein. Außer, der Zweite in der Staffel ist nicht gekommen. Oder so. Nein, mein die Dame, kein Staffelläufer, sondern den Kurierdienst. Aber sie wird da mal hinterhertelefonieren. Ich beschließe, eine Runde mit dem Rad zu fahren. Bringst Du Bier mit, ruft mir der Blues hinterher. Und was Süßes, ruft Carissima.

Am Abend kommt der Wind. Der kalte, starke Wind. Endlich erwischen sie mich nicht mehr.

 

Am frühen Abend bekomme ich die ersten Bilder – mein neues Buch ist da! Ich bin stolz wie Oskar und weine vor Rührung, als ich die Bilder vom Paketwagen und von Mama sehe. Liebe Mama, wir haben das super durchgezogen. All die Monate knallharte Arbeit, WOW und nun ist es fertig! Ich bin in Feierlaune und freue mich… und schau her, so viel Freude erträgt der Blues so gar nicht. Ich sehe gerade noch, wie er die kleine Anhöhe hochgeht und hinter der Bougainvillea verschwindet.

HA! Spät am Abend, als ich meine Rührung sich wieder so weit in Grenzen hält, dass ich ohne Taschentuch durchkomme, bekomme ich auch noch eine Antwort. Vom Starterschrauber mit seinem süßen Freund, der auch Guggaschecken hat wie ich. Die Antwort finde ich tröstlich:

„Hey 🙂 kann eigentlich nur sein das der magnetschalter am anlasser vom stehen bissal fest wordn is und von erschütterungen beim schieben wieder freigängig geworden is, anders gehts eigentlich nicht…. Strom liegt an, anlasser funktioniert also wäre das die einzige lösung wenn du nicht mal das ausrücken des ritzels hörst beim startversuch“

Baby, sage ich zu Carissima. Hmmmmm, meint sie, etwas schläfrig und immer noch ein wenig verschnupft wegen des vielen Sprays, ich werde Dich nun einmal pro Tag schütteln. Ist gut, sagt sie, aber heute nicht mehr. Nein, sage ich, heute PARTY!!!!!!!!!!!!!! Und dann bin ich wohl über dem zweiten Glas Wein eingeschlafen….

19. Oktober

Wir sind in einer Zeitschleife gefangen. Am Abend kamen die Moskitos.

Am Morgen kam der Regen.

Ich könnte den Tag küssen, von Anfang an. KEINE Moskitos mehr. Dem Regen folgt der Wind. Keine Moskitos mehr. Und mein Pass auch nicht. Ein weiterer Anruf in Olympia zeigt auf, dass man das Poststück im Internet tracken kann und laut dem Track müsste es da sein. Aber an der Rezeption des Platzes weiß man nichts. Nachdem ich nun langsam richtig unwillig werde, nötige ich die Dame an der Rezeption, beim Kurierdienst anzurufen. Ich muss das tun, denn sie ist nur am Vormittag da und am Abend kommt Costas, der sich beharrlich weigert, mich zu verstehen und mir immer wieder die Lade mit den Pässen, die er aufbewahrt, zeigt. Bei ihm kommt nichts weg, betont er stets. Ja eh. Eh nicht.

20. Oktober

Zeitschleife gelöst. Am späten Nachmittag, gestern, kam ein sehr g’schaftiger Deutscher, der mit einem Smart und Minizelt reist, zu mir und fragte mich, ob ich die Frau soundso wäre, denn da läge wohl ein Kuvert für mich an der Rezeption. MEIN PASS!!! MEIN PASS MEIN PASS MEIN PASS! Ich hatte mir schon ausgemalt, wie ich nach Athen auf die Botschaft fahren muss und dort glaubhaft nachweisen, dass ich aus Österreich bin. Die Zeiten in Europa sind schlecht geworden, ohne Pass ist man verloren, und vor allem mit dem „falschen“ Pass noch viel mehr. Ich frage mich, wie lange ich noch zu den Menschen zähle, die einen „richtigen“ Pass haben. Also. Wenn man überlegt, wie lange die Griechen geknabbert haben an den Ungerechtigkeiten und Schweinereien, die ihnen im zweiten Weltkrieg widerfahren sind, dann könnte es sein, dass die Erinnerung an diese Zeit wieder hochommt, wenn man kommendes Jahr einen österreichischen Pass sieht. Ich hoffe nicht. Aber wie gesagt. In Europa und auch sonstwo einen Pass zu haben, das ist zurzeit Gold wert. Einen „richtigen“ Pass zu haben noch viel mehr.

Wie ist das eigentlich mit Fahrzeugpapieren, will Carissima wissen. Gibt’s da auch gute und schlechte? Naja, sage ich, wichtig ist mal das Pickerl, in Deutschland der TÜV. Ohne dem sieht’s nicht so gut aus mit reisen. Dann sollst Du noch die grüne Versicherungskarte mithaben, tja, für deutsche Großstädte ein 4-er Pickerl, aber das kriegen wir eh nimmer… was sonst noch… Ich meine wegen Yannis, sagt sie. Wer ist Yannis, frage ich. Na, der von der Fähre…. meint sie. Achduliebezeit! Mein Auto ist verliebt. Na, der war doch topmodern, sage ich, der hat sicher alles tiptop. Also, noch viel tiptopper als wir zwei, sage ich, denn ich weiß ja, dass wir in die Jahre gekommen sind, alle beide. Meinst Du, er wird mich besuchen? Oh Gott. Ich will Dich nicht runterziehen, sage ich, aber weißt Du, die Männer sind da einfach nicht so wahnsinnig verlässlich. Also, ich würde mir keine zu großen Hoffnungen machen und einfach warten, geht das? Ja klar, sagt sie. Ich bin doch kein Weichei. Achso, sage ich.

 

 

Ich packe zusammen. Arbeite noch zwei Stunden, nachdem ich einfach unverschämt früh munter war und die Rezeption noch unbesetzt. Dann spreche ich mit Gott dem Herrn. Wenn Carissima jetzt einfach normal anspringt, dann werde ich mich ganz lieb von dem Deutschen verabschieden und von jetzt an freundlich sein, versprochen. Hahahahaha, sagt Gott der Herr, der neue Astrologenwitz. Carissima springt trotzdem an und ich gehe nach drüben, um mich zu verabschieden. Der Mann entpuppt sich als sehr nett und will wissen, was ich eigentlich den ganzen Tag vor dem Computer treibe, zeigt sich interessiert an meinen Büchern und das ist viel mehr, als mir in letzter Zeit passiert ist. Vielleicht sollte ich einfach manchmal trotzdem mit Menschen reden, auch wenn sie allzu schräg erscheinen.

An der Rezeption sitzt Costas. Ich sei seit Sonntag da? Er öffnet die vermaledeite Schublade mit den Dokumenten. Welches Dokument ich abgegeben habe? Campingkarte oder Pass? Ich könnte ihm an die Gurgel springen. Nein, erkläre ich geduldig, mein Pass war ja nicht da. Ah! Er scheint erstmals meinen Kummer in ganzer Tragweite zu verstehen und die Tatsache, dass ich nirgendwo aufscheine, auch. 10 Euro per night ok, fragt er? Ja, klar, sage ich.

Und dann fahren wir nach Kalamata und vorn dort durch die Berge nach Sparta, beeindruckend. Die Berge scheinen auf die Straße stürzen zu wollen und so mancher Felsbrocken unterstützt diese These. Kein Mensch weit und breit. Kein Fahrzeug, nichts. Ganz oben in den Bergen ein Dorf, still ist es hier, obwohl ein verlassenes Gebäude am Ortseingang darauf hinweist, dass hier im Sommer ein ganz spezieller Aussichtspunkt ist.

 

 

Und nun zu unserer Liste:

In Olympia:
Einmal nicht anspringen am Campingplatz mit null Bedrohung.
Einmal anspringen, nachdem mir der Passport eingefallen ist.
Einmal anspringen nach dem Einkaufen, das haben wir dann nämlich auch noch gemacht.
Einmal anspringen, nachdem ich mich in der Rezeption des Campingplatzes in Finikounda angemeldet habe.

In Finikounda:
Einmal anspringen am Campingplatz.
Einmal anspringen an der Tankstelle.
Einmal anspringen in den Bergen.
Einmal anspringen vor der Bäckerei.
Zweimal anspringen am Campingplatz.

Macht eins von zehn. Da würden andere Menschen was drum geben, wenn ihre Beziehungen so wenig Prozent Mängel aufweisen.

 

 

25. Oktober 2016

Was für eine grandiose Zeitschleife, in der wir jetzt sind!

Am Morgen ziehen Wolken über den Himmel, manchmal viele, manchmal wenige, große und kleine und sogar dunkle Gewittertürme sind dabei. Dann wird der Himmel plötzlich blau und die Luft warm und ich gehe an den Pool. Liege da in der strahlenden Sonne und lese Kriminalromane. Sehr zu empfehlen sind die „Kieffer“ Romane von Tom Hillenbrand. Vier gibt es mittlerweile. Zwischendrin stürze ich mich in die eiskalten Fluten des Pools, gehe am Meer spazieren oder fotografiere Schmetterlinge. Angeregt vom Spitzenkoch Kieffer koche ich jeden Abend fein für mich, mit Vorspeise und Hauptgang.

Um kurz vor sechs geht dann die Sonne unter und jeden Tag ist der Himmel ein wenig anders gefärbt, als würde er zeigen wollen, was er drauf hat, wenn schon die Tage so unglaublich kurz sind. Draußen auf der Straße, vor dem Campingplatz, ist ein kleines Cafe mit Tankstelle und Lebensmittelgeschäft und man bekommt fast alles, was man braucht. Es ist das Paradies.

Hm-hm-hm räuspert sich Carissima. Du weißt schon, dass ich im Winter noch genug rumstehen darf? Ja, sage ich, morgen fahren wir weiter. Wir müssen ja nachsehen, was die Statistik macht. Genau, sagt sie. Und jetzt geh schlafen, wir fahren morgen weit!

 

 

Fahr‘ mit zu Teil 7!

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