Ungarn und so, Juli 2010

29. Juli 2010
Nungut. Nachdem die Himmelsrichtung fest gelegt war, ging es los Richtung Osten. Da die Besprechung zu diesem Vorhaben und das in der Folge chaotisch verlaufene andere-Karten-Suchen einige Zeit in Anspruch nahm, mit Entsetzen fest gestellt worden war, dass keine neuen Hörbücher mehr im Auto waren und somit noch ein Stopp in der Bibliothek zu Wals-Siezenheim vön Nöten wurde, war bald klar: heute ist nur noch der Neusiedlersee zu erreichen. Aber immerhin. Bei stockdunkler Nacht dort angekommen, wurde uns noch Pizza serviert und die folgenden Beobachtungen der Campingnachbarn erwies sich als durchaus unterhaltsam.

30. Juli 2010
Der Wettergott hat umdisponiert und es regnet nun auch in Ungarn. Und am Neusiedlersee. Somit vergeht der Vormittag mit wilden Spekulationen um den Antrieb der Dauercamper, sich das mobile Heim genauso zu gestalten wie das zu Hause zu Hause und die Frage, wieviel Bewegung Kleinkinder brauchen und warum es Menschen gibt, für die die Einhaltung der vorgegebenen Grundstücksgrenzen auf Campingplätzen ein echtes Lebensproblem darstellt.

Da der Regen zum Glück irgendwann aufhört, können wir die Betrachtung weiterer Fragen dieser Art vergessen und brechen zu einer Radtour nach Halburn auf, wo wir aufgrund meiner mangelnden Navigationskünste und des starken Windes nie ankommen. Statt dessen landen wir bei einem Heurigen in Gols und ich sinniere über alles, was sich seit meiner Jugend hier verändert hat.

Am Abend wird nochmal alles nachgeschaut, was sein muss, wer weiß, wann’s wieder Internet gibt, und die Filmanalyse zu „Pane e Tulipani“, den ich mir zur Feier des Tages zum ungefähr fünfzigsten Mal anschaue, kommt langsam zu einem Ende.

31. Juli 2010
Geburtstag!!!
Zur Feier des Tages krache ich mit dem in Wien lebenden Ungarn neben uns zusammen, der glaubt, sein Auto unter meiner Wäscheleine parken zu müssen, weil ICH NICHT KORREKT GEPARKT HABE. Stefan ist einigermaßen erstaunt, als er aus dem Bad zurück kommt und ich in äußerster Wut das Auto bereits abreisefertig gemacht habe. Vor dem zweiten Kaffee. Den gibt es dann nämlich mit Joghurtschnitte im örtlichen Kaffeehaus, vor dem sich um einige Minuten vor zehn bereits ungeduldige Urlauber reihen, die auf ihr Frühstück warten. Punkt zehn öffnet der Kellner die Tore und ich bekomme endlich mein Koffein-Update und beruhige mich schnell.

Heute soll es nach Ungarn gehen, die letzten von Stefan eingeholten Wetter-Nachrichten sagen herrliches Wetter für den Plattensee und nachdem wir da beide noch nie waren, ist es beschlossene Sache. In Ermangelung einer Karte fahren wir über Pamhagen nach Ungarn (denn die Strecke kenne ich von meinem Sopron-Ausflug noch) und erstehen an einer Tankstelle eine aktuelle Karte, auch eine für Tschechien. Dass eine Karte allein noch keine Route macht, stelle ich einige Stunden später fest. Vorerst aber staunen wir über dieses fremde Land, in dem kurz nach der Grenze die Straßen plötzlich so fein schmal sind, wie bei uns in den siebziger Jahren und die Menschen noch mit Pferdefuhrwerken ihre tägliche Arbeit auf dem Feld bewerkstelligen.

Während der Fahrt rätseln wir, welche Währung es hier gibt, wie man diese wohl umrechnen muss und ob es in Ungarn Autobahngebühren gibt, denn an manchen Straßen stehen Schilder, die selbiges vermuten lassen. Wir fühlen uns aber ohnehin auf den kleinen Nebenstraßen wohler und finden uns mit der neu erworbenen Karte auch einigermaßen zurecht.

Bis dann die Stelle kommt, an der ich, also, auf der Karte war das so eingezeichnet, dass wir ein Bahngleis kreuzen und danach geht es nach Süden und… tja, nun, als wir dann so weit sind, dass Umdrehen nicht mehr möglich ist, gestehe ich doch ein, dass ich mich da wohl irgendwo vergeigt habe…

So geht es über schmale Feldwege und durch kleine Wäldchen durch unbewohntes Gebiet. Endlich, nachdem schon dieses etwas angespannte Schweigen eingekehrt ist: ein Kirchturm in der Ferne. Die Bewohner des kleinen Dörfchens schauen und argwöhnisch nach, als wir aus dem Wald herauskommen und desorientiert in Richtung Kirche tuckern.

Aber siehe da, da ist ja auch schon die Eisenbahn! Die kreuzen wir nun endlich und erreichen nach weiteren, etwas schneller zurück gelegten Kilometern den Plattensee. Mensch, ist der groß. Und wohl ziemlich beliebt, denn hier sieht es aus wie in Bibione, nur halt mit dem postkommunistischen Plattenbau-Charme. Das hätte ich mir nicht gedacht!!! Den ersten Campingplatz, den wir ansteuern, verlassen wir fluchtartig, nachdem dort mehr das Gefühl vermittelt wird, man sei in ein Outdoor-Gefängnis eingeliefert worden.

Zum Glück habe ich nur wenige Kilometer vorher ein handgemaltes Camping-Schildchen bemerkt und dorthin fahren wir zurück. Zwei alte Leutchen vermieten hier ihren Garten, ganze acht Stellplätze bringen sie unter Weiden und Weinreben unter. Mehr als romantisch! Man geht genau zwei Minuten bis zu einem der wenigen freien Strandbäder, in dem es einen Bootsverleih, köstlichen gegrillten Fisch und am Abend eine Party mit Hits aus dem Ungarn der 70er gibt! Ich bin seelig 😉

Während ich mit Wildfremden Sirtaki tanze, schont Stefan seinen Körper mit Bier und der geheimen Schnapsauswahl des Barkeepers, der einen Verbündeten gesucht und gefunden hat, und wird ob dieses Genusses am nächsten Morgen von unerträglichen Kopfschmerzen heimgesucht…

1. August
Der Entschluss ist schnell gefasst: ich bin faul und Stefan hat Kopfschmerzen, wir bleiben noch eine Nacht! Die offenbar den 70er-Jahren entschlüpfte Gruppe aus Deutschen und Holländern, vor deren Zelt es immer so gut duftet, brechen auf. Wie schade. Wir gehen zum Trost hinunter zum See und rudern hinaus. Im Übrigen ist der Plattensee erstens viel größer und zweitens auch tiefer als der Neusiedlersee, was mittels der Stefan’schen Paddel-Tiefenmessung überprüft wurde.

2. August
Gut ausgeruht geht es auf die Suche nach der Dropzone in der Nähe von Budapest, die ich im Internet entdeckt habe. Es ist unglaublich heiß und nach dem Plattensee geht es hinauf Richtung Budapest, das bei 36 Grad zwischen lauschigen Hügeln rastet. Bevor wir jedoch diesen wunderbaren Anblick genießen, suchen wir nach einem Flugplatz. Fahren und fahren und fahren und finden schließlich einen aufgelassenen Militärflugplatz, auf dem zwei Antonovs auf ihren Einsatz als landwirtschaftliche Spritzflugzeuge warten. Keine Fallschirmspringer weit und breit, aber die beiden Piloten lassen und zumindest in die Flugzeuge steigen und alles genau inspizieren.

Auf der Suche nach einer Brücke über die Donau landen wir bei einer kleinen Fährstation. Die Fähre hat gerade abgelegt und das Schildchen an der Station entzieht sich unseren sprachlichen Möglichkeiten völlig. Während Stefan die Gegend erkundet, legt die Fähre auf einmal wieder an und ein kleiner, glatzköpfiger, braungebrannter Mann winkt mir heftig zu – ich soll noch mit auf die Fähre. Während ich La Carissima mit klopfendem Herzen über die schmalen Planken auf die Fähre manövriere, kommt Stefan auch noch angelaufen, zum Glück. Denn Rüberschwimmen ist hier nicht mehr möglich. Breit wie ein Ozean ist die Donau hier kurz vor Budapest und die Strömung sieht wenig verlockend für einen erfrischenden Schwimmausflug ans andere Ufer aus. Die kleine Fähre braucht eine halbe Ewigkeit von einer Seite zur anderen, sie fährt mit voller Kraft gegen die Strömung und macht null vorwährts. Und so landen die Passagiere mit ihren fahrzeugen genau dort, wo sie hinwollten.

Wenige Kilometer weiter erreichen wir die Vororte von Budapest und bald darauf eine Autobahnbrücke, die einen in knapp einer Minute die Donau wieder überqueren lässt. Genussvoller war auf jeden Fall die Fähre!!!

Budapest
Diese Stadt ist sehr, sehr groß. Die Hitze steht in den Sraßen, ähnlich wie in Wien im Sommer, und es wird eine Herausforderung, eine Sightseeingtour durchzusetzen. Letztendlich finden wir aber einen tollen Campingplatz in einer aufgelassenen Straßenbahnendhaltestelle, sehr charmant. Ein Campingplatz mit Frühstück, auch das ist neu für uns. Das schöne Plätzchen ist schmal, aber kühl und so können wir uns soweit stärken, dass ein Ausflug auf die Burg möglich wird. Wer noch nie in Budapest war und nicht viel Zeit hat, sollte vielleicht genau das machen: auf die Burg radeln und die Aussicht genießen. Unten die Donau, der Sonnenuntergang, die vielen Türmchen, Nischen und Ecken, die zum Verweilen einladen. Unten dann die Stadt, die pulsiert, an jeder Ecke ein Cafe, Restaurant oder ein Gastgarten. Viele junge Menschen, südliches Flair. Wieder einmal ein Platz, an dem es sich Lohnen würde, zu bleiben. ABER. Aber es warten noch zwei Stück Fallschirme im Auto, die darauf warten, sich endlich wieder einmal mit einem lauten Rascheln entfalten zu können. Und das bedeutet, dass die Reise wieder zurück in Richtung Westen führt, Nordwesten genau genommen. Strunkovice nad Blanici, der Ort, an dem ich das Springen gelernt habe, mehr oder weniger.

Strunkovice nad Blanice
Die Fahrt nach Strunkovice gleicht der Fahrt in den Weltuntergang. Dicke, schwarze Wolken und Gewittertürme bauen sich am Himmel vor uns auf. Wir genau in die Mitte hinein. Die Fahrt nach Strunkovice ist neben dem Himmelsschauspiel auch ein wenig wie in die Vergangenheit reisen, ich war seit 2002 nicht mehr hier. Dementsprechend groß ist das Hallo, als wir dann am Abend zur biertrinkenden Gruppe stoßen, mein lieber Lehrer ist auch da, viele neue Gesichter dazu. Leider wird nicht mehr aus der alten Antonov gesprungen, sondern aus einer Cessna 182, aber was soll’s endlich wieder mal springen. Im Vergleich zu den meisten anderen Plätzen, auf denen ich seit meiner Fallschirmkindheit gesprungen bin, ist der Platz hier rießig. So viel Platz zum Landen!!! Daran hatte ich mich nicht erinnern können.

Leider holt uns nach einem Sprungtag das schlechte Wetter ein und es beginnt zu regnen. Bei der Gelegenheit entledigt sich mein Navigator auch gleich mal wieder eines Paars Schuhe, wie er das immer macht, ist mir ein Rätsel. Die Schuhe waren offenbar auf der Stoßstange deponiert, was ich bei der Abfahrt nicht bemerkt habe. Und so kamen wir ohne Schuhe wieder gut zu Hause an.

Die Schuhe, die ein paar Tage später nachgeliefert wurden, waren übrigens so aufgeweicht, dass sie nie mehr in Verwenudng kamen.