Toskana Oktober 2014

20. Oktober

Na sowas. Gestern mit drei Tagen delay angekommen. Ich dachte immer, der beste aller Männer sei für Verzögerungen dieser Art zuständig, jetzt stellt sich heraus, das kann ich allein auch sehr gut.. Gestern   Nacht war der Sternenhimmel über Scansano fast so großartig wie über den Stubaier Alpen, ich schwöre es, und ich fand es extrem bedauerlich, dass aufgrund des Genusses von zu viel Weißwein die Fähigkeit, die Kamera richtig einzustellen, abhanden gekommen war. Vielleicht ist dies aber auch weißweinunabhängig. Claus meint ja, dass Weißwein ein spitze Antidämonikum sei und das braucht man, wenn man sich allein in der Natur wiederfindet. Raus aus dem Alltag und plumps im Olivenhain aufgeschlagen, das ist nicht so einfach.

Zusätzliche Herausforderungen: heute nach Grosseto gefahren, um ins Internetcafe zu gehen, das ich sonst immer auf Anhieb finde. Diesmal fand ich das Cafe nicht, dafür aber den Bahnhof und den OBI, die mir beim letzten Mal auf unergründliche Art und Weise abhanden gekommen waren. Es ist wie mit den Bäckereien, Tankstellen und Tabaktrafiken. Das, was man sucht, ist immer weg und dafür findet man die anderen beiden. Mehr gibt es zurzeit nicht zu vermelden, bis auf die Tatsache, dass mir der Typ in der Tankstelle gestern Abend angeboten hat, mein Bier gleich aufzumachen. So sehe ich also aus. Als würde ich mit einer Literflasche Bier am Steuer lustig durch die Toskana cruisen. Muss an meinem Outfit arbeiten. Roger and over.

21. Oktober

Nach ausgezeichnetem Erfolg in der Dämonenbekämpfung gestern verlief die Nacht – zumindest aus meiner Wahrnehmung – ereignislos. Der Morgen ist kühl und von den taufeuchten Wiesen steigen die feinen Nebel wie kleine, übermütige Gespenster hoch und lösen sich im Sonnenschein zu Nichts auf. Die Vögel zwitschern, als wäre Frühling und bis Mittag hat sich ein beständig kühler Wind durchgesetzt, der die kleinen Mücken wegbläst und an den Olivenbäumen zerrt und rüttelt. Alles auf der Welt hat mindestens zwei Seiten. Während mein zerstochener Körper aufatmet und ich voll Dankbarkeit an die Verkäuferin im Supermarkt denke, die mir Gel gegen die Stiche und Sprühzeugs gegen neue Angriffe empfohlen hat, sagt ein Teil in mir, wenn der Wind so weiter macht, sind bis übermorgen keine Oliven mehr auf den Bäumen. Hm.

Gerade greifen die Ameisen an. Offenbar stimmt das Gerücht, dass Ameisen keinen Pfeffer mögen, nicht, denn sie spazieren in Armeeaufstellung über meine Pfefferstraße, als hätte ich einen kleinen, roten Teppich ausgelegt, der direttissima zu den Ameisenfilmfestspielen führt. Grundsätzlich muss ich zugeben, dass mir die Ameisen aber egal sind. Wichtiger ist die Sache mit den Oliven. Vielleicht fange ich einfach mal mit einem Baum an.

Die Bibliothek in Scansano hat dreimal die Woche geöffnet und bietet dann Internet für drei Stunden. Das ist wunderbar. Bis Scansano sind es acht Kilometer, besser als nach Grosseto zu fahren, und auf der Strecke liegen eine Tankstelle (gut zu wissen, wo eine ist, siehe oben), die Weinkellerei (what

else) und ein Coop, in dem man alles bekommt, was man nicht schon im Lagerhaus eine Tür weiter erstanden hat. Es ist skurril eigenwillig, wie ich jetzt arbeite. Ich mache am Morgen eine Liste, was zu arbeiten ist. Das setze ich dann als Textdatei um, benenne es, lege Bilder, so notwendig, im dazu gehörigen Ordner ab, damit nichts durcheinander kommt und dann fahre ich in die Bibliothek und schicke alles zusammen auf seine virtuelle Reise. Wie ganz früher, als wir noch mit fidonet gearbeitet haben, irgendwie. Einzig facebook ist live wie immer, zumindest für das Stündlein, das ich in der Bibliothek verweile.

In der Biliothek ist das etwas anders als bei uns. Wo bei uns die Stille die große Freundin der Bibliotheksbesucher ist, wird hier getrascht und gelacht, einander über die Schulter geschaut und man ist ein wenig außer sich, weil ich hier mi einem eigenen Gerät antanze. Die eingabe des denkbar einfachen Paßwortes für das world wide web gestaltet sich schwierig, weil die Bibliothekarin nicht weiß, dass man Groß- und Kleinbuchstaben auch mischen darf und mir gegenüber sitzt ein junger Mann, der sichtlich irritiert von meiner sehr lauten Art, in die Tasten zu klopfen, ist, jedoch in voller Lautstärke Youtube-Videos schaut. Ja, die Welt. Ist überall so anders. Und auf ihre Art überall schön.

Erkenntnis des Tages: ich habe auf einer mechanischen Schreibmaschine schreiben gelernt und ich bin stolz auf mein Erbe, verdammt 😉

22. Oktober

So ein Wind! Draußen braust ein kalter, böiger Nordwind durch den Olivenhain und ich muss zusehen, wie die reifen Früchte runterpurzeln. Ist das äregerlich! Klar mache ich mich auf den Weg, das Netz auszulegen und dem Wind zuvor zu kommen, aber das ist allein eine echte Affenarbeit, kaum zu bewältigen. Ich schaffe ganze vier Bäume an einem Nachmittag, die Ausbeute ist gering und nun sitze ich rotbackig im Internetcafe und hoffe auf Verstärkung. War ja irgendwie klar, dass das alleine nichts bringt, aber zusehen schaffe ich dann auch nicht. Und was machen die Dämonen? Heute Nacht von einem lauten Klatschen aufgewacht, ich war der festen Überzeugung, dass es eine der Mausefallen war und traute mich nicht, nachzusehen. Was für eine doofe Idee, in Ermangelung einer Lebendfalle nun doch die gefährlichen Mörderfallen zu laden, nur weil ich im Korbstuhl etwas nagen gehört habe! Naja. Nach vielen schlaflosen Stunden im viel zu warmen Alaskaschlafsack dann Espresso gemacht und nachgesehen. Aber die Fallen sind immer noch in unverändertem Zustand. Was war wohl dieses Geräusch??? Ein Traum?

Ich muss heute anderes Antidämonikunm versuchen. Ein Bier im Internetcafe ist ein Anfang.

24. Oktober

Verstärkung ist angekommen. Dämonen inzwischen im Griff. Bis auf umfallende Mineralwasserflaschen, die uns aus dem Schlaf reißen und vor Rätsel stellen alles ruhig 😉 Vorgestern zu viel Antidämonikum konumiert und gestern den ganzen Tag mit Ballonkopf im Olivenhain verbracht.

Die Olivenbäume wiegen im Wind und haben in den vergangenen Wochen einfach schon zu viel von der ohnehin kärglichen Ernte auf den Boden geworfen. Da ist wohl nichts mehr zu machen, da gehen sich mit viel Motivation vielleicht 30 Kilo aus, eine Menge, die keine Presse verarbeiten wird. Also Umdisponieren. Nur noch wirklich ganz reife, intakte Früchte einsammeln und diese in Öl einlegen. Besser als gar nichts! Während also zu Hause der erste Schnee fällt, sitzen wir bei 25 Grad auf der Terrasse und ordnen Oliven. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Dann mit viel Salz ein paar tage einlegen. Waschen, trocknen, Öl und Kräuter dazu. Mal sehen, ob die so gut werden wie beim letzten Mal.

26. Oktober

Während zu Hause staatsfeiertägliche Veranstaltungen stattfinden und die Uhren umgestellt werden, machen wir uns hier über die Bäume her 😉

Die alten, morschen, von Ameisen und anderem Getier ausgehöhltn Burschen sind so trocken, als wären sie seit Jahrzehnten schon gut gelagert. Das wird sicher ein feines Brennholz für den Winter!

toskana2014_1427. Oktober

Und was, bittesehr, ist das???

Ist das das Leben, wie Douglas Adams es gesehen hat: außen gelb und riffelig und innen weich und saftig?

NO IDEA!

facebook sei Dank- nach einer knappen Woche nun die
Antwort: es handelt sich um die Frucht des weiblichen
Milchorangenbaumes! Keine Außerirdischen in
Scansano also! Essen kann man die Früchte anscheinend
nicht, da gehen aber die Meinungen auseinander.

Interessant ist, dass man anhand dieser Frucht relativ genau sagen kann, wo wir waren.

29. Oktober

ROM, ewige Stadt!
Endlich!

Mit schmerzenden Muskelkaterbeinen schleppen wir uns zum Bahnhof in Grosseto und besteigen dort den Regionalzug nach Rom. Zwei Stunden bummelt die Eisenbahn die 100 Kilometer der Küste entlang und gibt Zeit zur Erholung nach der gestrigen Arbeitssession. Dass Olivenbäume aber auch so viele Wassertriebe machen können. Entgegen der landläufigen Meinung ist die Eisenbahn gar nicht so übel – die Sitze neu und sauber, die Menschen freundlich. Und dass der Zug so langsam ist, liegt eben an der Tatsache, dass es ein Regionalzug ist.

In Rom entscheiden wir uns für die mit Abstand bequemste Methode, eine Stadt zu erkunden, wenn man sich erstens nur einen Tag Zeit genommen hat und zweitens nicht mehr gehen kann: den Hop on Hop off Bus. Der kracht hier durch die engen Gassen, dass es geradezu eine Freude ist und nicht nur einmal vergehen wir beinahe aus Hochahctung vor dem Busfahrer. Der hat mit Sicherheit jeden Tag was zu erzählen, wenn er von der Arbeit heimkommt!

Irgendwann biegen wir um eine Ecke und das steht das COLLOSEUM! So großartig, so groß vor allen Dingen, so alt und so immer noch da. Es ist einfach einzigartig.

Alles ist beeindruckend – wenn man das erste Mal in Rom ist, kriegt man angesichts all der Altertümer einfach den Mund nicht mehr zu. Also, mir ging es halt so. Es ist auch nicht möglich, bei allen Stationen auszusteigen, denn irgendwann ist man müde und durstig und hungrig und überhaupt. Schwierig also, nach einem einzigen Tag ganz klar zu sagen, was man meisten beeindruckt hat. Auf jeden Fall gehört zu den Favoriten die Basilika Santa Maria Maggiore mit ihren Goldkuppeln und den Beichtstühlen, die Erlösung in verschiedensten Sprachen versprechen. Kleine Schilder geben an, wann man wo in welcher Sprache beichten kann. Sehr elegant.

Ich glaube ja ehrlich gesagt, dass das dem Herrgott wurscht ist, in welcher Sprache, aber bittesehr… skurril ist es doch. Und somit absolut erwähnenswert!

Skurril auch, dass man vor dem Petersdom zwei Stunden anstehen muss, man jedoch keine Wartezeit hat, wenn man über das Vatikan-Museum hineingeht. Der einzige Unterschied ist der Eintritt und die Tatsache, dass das Museum pünktlich um 16.00 Uhr seine Pforten schließt, während sich in den Warteschlangen vor dem Dom noch hunderte Besucher drängeln.
Der Vatikan übrigens, da gehst Du nicht einfach rein und so. Da stehen viele Wachen und verweisen die Besucher auf die offiziellen Gebäude, die man besuchen darf. Also den Dom und das Museum. Nicht da einfach reinmarschieren, gell! Die Internetseite des Vatikans bedürfte dringend einer Überarbeitung, die Ladezeiten machen Onkel google sicher sehr unglücklich. Aber was kümmert den Vatikan sein Ranking… die haben sicher andere Probleme…

Der Blick auf dem Dom im Sonnenuntergangslicht ist so wunderschön und gleichzeitig macht das ein wenig traurig, denn wir stellen fest, dass der Tag einfach viel zu kurz war. Rom, wir müssen wiederkommen, unbedingt.

Die Fahrt am Doppeldeckerbus wird erfrischend kühl und mit roten Ohren erreichen wir den Bahnhof Roma Termini, vorher noch ein Kurzbesuch am Trevibrunnen, der leider renoviert wird und darum mit Plexiglas verbaut ist. Dass die Touristen ihre Münzen trotzdem in den Brunnen werfen, in dem kein Wasser ist, naja, was soll ich sagen. Die Macht der Gewohnheit? Oder der tiefe Glaube ans Glück? Apropos Glück, nachdem ich letztens „Hectors Reise“ gesehen habe, widme ich mich wieder mal diesem Thema.

 

Wo finden wir unser Glück? Kann es uns jemand schenken? Kaufen können wir es nicht, das wissen wir ja bereits.

Fragen über Fragen.