Süden 2016

„Was ich grundlegend über das Leben gelernt habe: es geht weiter.“

4. September

Carissima seufzt. Was nimmst Du denn noch alles mit, fragt sie. Ich meine, wohin fahren wir??? Gibt es da nix einzukaufen??? Ich kann mich nicht entscheiden, sage ich. Also, irgendwie. Hm. Das ist immer so doof, wenn man nicht mal genau weiß, wohin es gehen soll, also so exakt, dann weiß man auch nicht, was man mitnehmen soll. Und dabei geht es nicht darum, was man anziehen soll. Also, bei mir nicht.

10. September

So. Aufgrund angeblich fortgeschrittener Blödheit so mancher Behörden, was an Anhängerkupplungen angebrachte Radlträger angeht (der ÖAMTC berichtet), überwinde ich mich und die tiefsten Ängste meiner Seele und buche ein Fähre nach Griechenland. Ab Venedig. Wenn ich daran denke, kollabiere ich fast. Stay cool, sagt Carissima jetzt. Obwohl ja sie eigentlich keine Fähren mag. Und ich schon gar nicht. Der Gedanke, völlig ausgeliefert ein mittleres Weltmeer zu überqueren, schürt leichte Panikattacken und ich denke, diese lassen sich unter Umständen mit italienischem Weißwein bekämpfen. Stelle Deinen inneren Dämonen immer einen kraftvollen Gegner gegenüber. Morgen geht es los. Oh Mann.

11. September

Genau elfeinhalb Kilometer gefahren und ich hänge das erste Mal wieder über dem Motor. Carissima knattert, als wäre sie ein Landwirtschaftsfahrzeug aus den 30er Jahren. Es ist halb elf Uhr und ich bin wieder mal bis über beide Ellenbogen ölverschmiert. Hauptsache, ich habe die weiße Sommerhose angezogen. Die Sache mit dem, was vererbt wird, kommt durch. Und so lehne ich mit meinem Papa über dem Motor und wir lauschen und legen unsere Hände auf verschiedene Teile. Dann tauschen wir den Luftschlauch, den ich vor einer Woche getauscht habe.

Zwei Alpenpässe später schnurlt Carissima wieder ganz normal. Damnit. Was so ein Schlauch alles machen kann. Es ist kurz vor Villach und ich habe mich schon zweimal verfahren plus fest gestellt, dass meine Autobahnvignette gestern abgelaufen ist, was dazu führt, dass ich von der Autobahn abfahre und mich wieder verfahre. „Fünfte Ampel links, dann Einkaufszentrum, dann Schild Arnoldstein. So kommst Du nach Italien ohne Autobahn“ erfahre ich auf einer Tankstelle. Das finde ich super. Und mache es so. Ich erfahre, dass der Wurzenpass der ist, der nach Slowenien führt und nach Italien ist es einfach Arnoldstein.

Als wir über die Grenze tuckern, schaue ich auf den Beifahrersitz und staune. Der Blues ist weg. Der Trottel hat sicher seinen Pass vergessen, ruft Carissima und mein Herz lacht. Alles wird ein wenig freier wenn der Blues nicht mit dabei ist. Ich habe den Eindruck, wenn Du Dein Leben in die Hand nimmst und weißt, wohin Du fahren willst, dann hat der Blues keinen Platz mehr im Auto.

Weiter nach Tarvis, Autobahn, Gemona di Friuli. Ich finde den angestrebten Campingplatz ohne Probleme, freue mich wie ein Kind, das gerade einen Clown gesehen hat, mache meinen Stellplatz klar, gehe zurück zum Auto und … NICHTS. GAR NICHTS. Nicht einmal mehr das Klackern der Magneten im Starter. WTF! Wir hatten das Problem doch gelöst! Und nun war es also doch nicht das verf***** Massekabel??? Ich bin am Boden zerstört. Bitte zwei Passanten, mich anzuschieben, das klappt wunderbar, aber auch danach springt sie nicht an. Das tat sie früher manchmal. Und nun schweigt sie beharrlich.

Ich parke unter einer Birke, packe mein Notebook aus und eile in die Bar, in der ein kleines Internetverbindchen wartet. Nichts großes. Ein dünner Faden raus ins Universum. Ein sehr dünner Faden. Und für mich meldet er permanenten Fehler. Nachdem ich mein Notebook zweimal neu hochgefahren habe und die Internetverbindungen per Hand eingestellt habe, kurz, bevor ich das Ding einfach an die Wand der Bar knalle, steht eine Verbindung. Ich storniere meine Überfahrt nach Griechenland. Und dann weine ich ein wenig.

12. September

Der immer noch fast Beste aller Männer ist mit dem Motorrad angereist und gibt Trost und Rat. Ich darf noch ein wenig weinen und mich auskotzen über die Tatsache, dass ein nicht starten wollendes Fahrzeug gleich am ersten Tag eine ziemliche Belastung darstellt. Der fast Beste aller Männer trinkt zwei Bier, steigt ein und startet. Einwandfrei. Ich könnte schreien. Und beschließe, diesmal nicht locker zu lassen, denn diesmal will ich mit diesem Thema nicht konfrontiert sein, von Anfang an. Es geht also zurück nach Hause. Es existiert eine kleine, schmale Liste bekannter Experten, die noch am selben Abend durchgerufen werden. Und morgen suchen wir den Fehler. Und dann fahren wir noch einmal los.

13. September

Nachdem es in Salzburg so heiß ist wie an der Cote d’Azur ist der Kurzaufenthalt zu Hause nicht ganz so schlimm. Am Nachmittag dürfen wir in die Werkstatt und nach wunderbaren zwei Stunden Schrauben am heißen Motor ist ein überholter Starter eingebaut, der hervorragende Dienste leistet. Trotzdem wird mir aufgetragen, nun noch hier zu bleiben und in den nächsten Tagen in greifbarer Nähe oft zu starten. Und zu prüfen, was das Ding macht, auch bei warmem Motor. Ich nehme den Auftrag an und habe mir zum Ziel gesetzt, mindestens 50 Mal zu starten. Heute haben wir es auf 15 Mal gebracht und jetzt bin ich müde. Einen großartigen Dank an die lieben, hoch motivierten Buben in der Werkstatt. Danke, danke, danke.

16. September

Wer bekommt schon von seinem Automechaniker SHOPPING Touren auferlegt? Wahrscheinlich bin ich die erste in diesem Club. Aber nach drei Tagen shoppen, fahren, starten, Auto abstellen, starten, shoppen und fahren startet der neue Starter immer noch. Also. Heute muss es losgehen, sonst schlage ich Wurzeln und davor fürchte ich mich noch mehr wie vor eifersüchtigen Liebhabern, unverbindlichen Zusagen und Menschen, die mir die Luft zum Atmen rauben. Selbstverständlich muss ich zweimal umdrehen, weil ich etwas vergessen habe, fahre dann völlig entnervt in die Stadt auf einen Kaffee – danke Loredana und Chris – und dann geht es nach einem kräftigenden Mittagssüppchen – danke Mama – endlich los. Carissima schnurlt und ich boxe mich über den Walserberg Richtung Westen. Viel Verkehr, egal, Hauptsache wir fahren. In St. Johann in Tirol ist dann erst mal Schluss und nach gemessenen 350 Metern in 40 Minuten höre ich im Verkehrsfunk, dass man in St. Johann mit 20 Minuten Verzögerung rechnen muss. Ich verfluche die schlechte Journalistenausbildung des ORF, drehe um und fahre über Kössen. Vermutlich bin ich hier immer noch schneller, als die, die gewartet haben, vor dieser vermaledeiten Baustelle.

Zwischen Kufstein und Innsbruck spiele ich mit einem Mann in einem orangen VW Pickup. Wir überholen einander und der IGL 100er verhindert konsequent, dass einer von beiden angeben kann, welcher VW nun besser geht. Bei jedem Überholen grinst ein jeder schüchtern in seinen Bart und als er nach Innsbruck Richtung Arlberg abbiegt, bin ich traurig. Wir winken einander heftig zu und weg ist er. Und ich auch. Rauf auf den Brenner, wo ich noch ein letztes Mal zu grundvernünftigen Preisen tanke. Ab jetzt heißt’s 1,50 pro Liter Minimum.

Seit 1989 ist in in einem kleinen, geheimen Kreis bekannt, dass ich ein Regengott bin. Aufenthalte auf Kreta, in der Wüste und in den verdorrtesten Gegenden Südfrankreichs geben Zeugnis davon. Und so begrüßen mich nach dem Brenner die schwarzen Wolken und rufen „wie wäre es, wenn wir Dir zu Ehren mal an der Alpensüdseite abregnen???“. Und das tun sie dann. Ich finde das hervorragend, denn das bedeutet, dass ich am Ende des Tages die Windschutzscheibe nicht mühsam von den darauf verstorbenen Insekten befreien muss. Es regnet in „Zweierstufe Scheibenwischer T3“, ein Regen, den ich besonders gern mag, weil er grade noch zu wischen geht und die Scheibe so schön sauber macht. Außerdem fahren die Italiener dann so vorsichtig, dass sogar ich mal einen Lastwagen überholen kann, ohne sofort angeblinkt zu werden. Langsam vermischt sich der Regen mit der Dämmerung und als ich endlich auf Höhe Gardasee bin und es noch immer wie aus Kübeln gießt, ist es fast ganz dunkel. Ich fahre ab und lasse wieder einmal mein Reptilienhirn fahren, denn alles andere schläft schon. Irgendwo ganz hinten blitzt eine Erinnerung auf, an einen Campingplatz mit einem riesengroßen grünen Baum im Logo. Und den finde ich dann auch. Man weist mir einen Stellplatz zu, den ich nach einigem Hin und Her, Aussteigen, unter Straßenlaternen die viel zu klein gedruckte Karte lesend (alt werden ist nichts für Weicheier) und fluchend finde. Die Nachbarn mir beleuchtunggegenüber sind entweder irre oder haben Angst im Dunkeln, aber ich genieße die Festbeleuchtung des Wohnwagens sehr. Und dann bin ich so unglaublich müde, dass ich es einfach nicht mehr schaffe, zur Rezeption zu gehen, das platzeigene WLAN zu nutzen und so den APN Code für meine eigenes Netz zu recherchieren, den ich blöderweise nicht gespeichert habe…………………soooooooo……..müüüüüüüüüüüde……………………

 

 

17. September

Nachdem ich das nun alles unter „Vorbereitungen“ verbuche, geht es mir „Teil1“ weiter. Also, Menü, Diary, 2016, Süden 2016 und dann kommen daneben die einzelnen Teile. Oder hier:

Süden 2016 Teil 1

Süden 2016 Teil 2

Süden 2016 Teil 3