Southbound

18. September 2017
Gestern abend habe ich meine uralte Reisegeschichte aus Thailand gelesen. Wanda ist dabei wie verrückt durch den Bus gesprungen, sie liebt es, wenn es warm ist und sie diese kleine Fläche, die unser Bett ist, bespielen kann. Auf jeden Fall: wir müssen in den Süden, das ist die conclusio nach dem Reisebericht lesen. So, und jetzt geht’s los.

Wir brechen früh auf, denn heute ist der Besuch in Tellaro, dem zweiten magischen vergessenen Dorf, geplant. Es wird dann sogar noch früher als geplant, weil meine Nachbarn gegen acht Uhr früh aus Versehen irgendwas auf die Hupe ihres Wohnmobils legen. Es dauert eine Weile, bis das Hupen aufhört. Ist aber gut, so können wir uns noch verabschieden, ein morgendlich unausgeschlafenes Gruppenfoto vor dem ersten Kaffee und weg sind sie. Ich habe dann auch relativ rasch alles gepackt und es geht los.

Das Örtchen Berceto lassen wir hinter uns und es geht wieder in die Berge. Die Wolken hängen dick und schwer auf dem Land und kurz vor dem Passo Ciso kommen wir in dichten Nebel und Regen. Nach dem Pass wird es ein wenig besser und auf jeden Fall wärmer, wir sind aus den Bergen raus. Aulla, La Spezia und dann das Meer, aufgewühlt und wild. Über Lerici nach Tellaro. Und wie vorab besprochen, beginnt es zu regnen, als ich ankomme. Was eben noch aussah, wie ein Sonnentag, der sich langsam, aber beharrlich durch die Wolkendecke kämpft, ist plötzlich düsteres Irlandwetter und ich komme zu dem Schluss, dass die geheimen Dörfer Italiens wohl gruppendynamisch beschlossen haben, sich zu verpissen, wnn immer ich ankomme. Und das tut nun auch Tellaro. Bei immer stärker werdendem Regen fahren wir zurück Richtung La Spezia und dann auf die wohlbekannte Aurelia Richtung Pisa.

 

Die Aurelia, zitiert Carissima, „ist eine Römerstraße, die der Censor Gaius Aurelius Cotta im Jahr 241 v. Chr. in Auftrag gab. Sie verlief im Endausbau von Rom aus die Küste entlang bis ins heutige Pisa. Erst in späterer Zeit wurde der Name Via Aurelia auf ihre Fortsetzung, den küstennahen Teil der Via Aemilia Scaura und die Via Iulia Augusta, ausgedehnt, wodurch sich die Via Aurelia schließlich bis hinter das heutige Arles erstreckte, um dort Anschluss an die Via Domitia zu finden. Die Strecke von Rom bis Arles beträgt 962 Kilometer. Im heutigen Italien ist die Via Aurelia die Staatsstraße 1, SS 1 Via Aurelia, die auf der antiken Trasse Rom mit der Hafenstadt Civitavecchia verbindet“. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Via_Aurelia). Ja, sage ich, genau. Woher hat sie bloß immer… Ausm Netz, sagt sie. Achja. Genau.

Wir hatten heute einen Campingplatz an einer Burgruine angepeilt, ein Agroturismo, das wunderbar aussieht, zumindest im online Camping Guide. Es ist erst kurz nach Sarzano, also nicht weit von Tellaro, in Castelnuova Magra. Die Ortschaft liegt auf einem Hügel, eine steile Straße führt hinauf und die Sicht ist trotz nachlassendem Regen grandios. Ab und an kommt sogar wieder die Sonne heraus. Nur von dem Agriturismo fehlt jede Spur. Ich fahre die ganze steile Straße nach oben, umrunde das mittelalterliche Städtchen, suche an der Straße nach einem Hinweisschild und halte schließlich an, um noch einmal nachzusehen, was meine Internetangaben dazu sagen. Falsch bin ich nicht, aber in der Vielzahl kleiner Straßen und Gassen ist es unmöglich, die richtige zu finden, da es nicht ein einziges Hinweisschild gibt. Fast eine Stunde lang kurve ich am Fuß des Hügels herum und bemühe mich redlich, den verdammten Capingplatz zu finden. Ergebnislos. Die angenehmer Erkenntnis dabei: es ist noch nicht spät, ich habe NICHT vergessen, was zu essen oder zu trinken, ich muss nicht aufs Klo, bin nicht am Rande der Verzweiflung und es passiert trotzdem. Es könnte also sein, dass solche Situationen einfach passieren, auch wenn ich nicht komplett neben den Schuhen stehe.

Mit dieser wohltuenden Erkenntnis gebe ich die Suche schließlich auf. Wir tanken und fahren die Aurelia weiter, ich finde, eine Stunde suchen ist genug. Wenn sich ein Campingplatz so gut versteckt, wird das seine Gründe haben. Die Frage ist nur, wohin. Wohin? Du hast doch gestern von Montecatini erzählt, sagt Carissima, da waren wir noch nie. Stimmmt, da waren wir noch nie. Ich war da schon… vor 25, 26 Jahren? Die Sache ist rasch beschlossen, nach Montecatini finde ich im Blindflug. Einfach weiter die Aurelia, bis die Autobahn Richtung FLorenz kommt, kurz vor Pisa, und dann ins Landesinnere. Und so machen wir es.

Eine Stunde später sind wir da und Erinnerungen kommen hoch. Der Blick vom Platz hinaus in die Hügel der Toskana, der Nebel, der im Abendlicht hochsteigt, es ist warm und riecht nach Feuer. Es hat auch hier viel geregnet und der Stellplatz ist ein wenig matschig. Ich überlege lange, ob ich das Zelt aufstellen soll, denn wenn ich das mache, ist es mit aller Wahrscheinlichkeit innen und außen voll Schlamm. Also nur die Plane. Und das war eine super Idee, denn kaum habe ich sie gespannt, bricht ein Gewitter über uns herein, rasch und unerwartet. Bis ich meine Schaufel aus dem Auto geholte habe, hat es bereits unseren sicher überdachten Platz mit Tisch und Stühlchen geflutet und ich beginne, den kleinen Bach, der über meine Füße sprudelt, umzuleiten. Nach wenigen Minuten spüre ich Wasser, Schlamm und aufgeweichte Socken in meinen Crocks, arbeite aber wacker weiter, bis der kleine Platz vor dem Auto zumindest nicht mehr geflutet ist. Rund um uns bewegt sich nun ein Bach, der dank meiner Grabungsarbeiten in einer eleganten Kurve auf den Nachbarplatz fließt.

Und dann sehe ich ihn. Ein muskelbepackter Italiener fährt mit seinem Jeep den Campingplatz entlang und hilft all jenen, die mit Joghurtbechern und Tupperware versucht haben, Gräben zu ziehen. Packt seine große Schaufel und gräbt RICHTIGE Gräben. Ich bereue es zutiefst, so gute Arbeit mit meinem nicht so großen, aber professionellen Schäufelchen geleistet zu haben. Hole meine Gitarre und spiele noch, bis der Regen die Luft so sehr befeuchtet, dass das Nachstimmen unmöglich wird.

 

19. September 2017
In der Nacht war wieder einmal eine Katze da, hat das Hundefutter gefressen, den Müllsack aufgemacht und alles, was nicht essbar war, im Schlamm vor Carissima verteilt, meinen Tisch mit Pfotenspuren verziert und meinen Abwasch umgeworfen. Der Vormittag vergeht mit Aufräumarbeiten, während derer Wanda eine Böschung nach unten klettert und zurück kommt, als wäre sie in einen Schlammsee gesprungen. Irgendwie komme ich aus dem Waschen nicht heraus. Ist aber völlig egal, denke ich mir, während ich selbst immer noch ungewaschen und im Nachtgewand an meinem Tischlein sitze und das Wetter checke. Denn ab morgen soll es 20 Grad bekommen, Tendenz steigend. Ich denke, wir halten es hier eine Weile aus.

Und außerdem, sagt Carissima, stehst Du ja nicht barfuß im Schlamm, so wie manch andere. Ich schauen sie mir an. Sie sieht aus, als wäre sie die Dakar bei strömendem Regen gefahren. Du verstehst aber schon, dass ich jetzt nicht auch noch zum Autowaschen anfange, oder, sage ich. Verstehen nicht, aber akzeptieren, sagt sie großmütig und widmet sich wieder ihrer Lektüre. Sie hört gerade das Gesamtwerk von Tolstoi, mir wäre das ja zu schwermütig. Aber bitte. Wanda und ich machen eine kleine Wanderung nach Montecatini Alto und lassen Carissima und Tolstoi zurück.

 

20. September 2017
Regen over – Sonne kommt raus. Aus einem mir unerfindlichen Grund werde ich zur Morgendämmerung wach und schlafe dann nochmal ein, bis Mittag. Sprich, das bestellte Frühstückscroissant kann ich jetzt frühestens um 16.00 Uhr im Geschäft am Platz holen. Richte zwei Waschmaschinen her, um das Schlammdesaster der vergangenen beiden Tage endgültig zu entsorgen. An der Waschmaschine diskutieren bereits zwei Damen, denn die Maschine hat grad fertig gewaschen, will sich aber nicht mehr öffnen lassen. Ich verweise auf den Geheimschalter, den jede Waschmaschine hat, für so einen Fall, aber keine von uns hat einen Schraubenzieher mit, um das Fach zu öffnen. Nach ewigem Herumgedrücke an der Maschine meine ich, ob man nicht an der Rezeption fragen soll und eine der beiden macht sich auf den Weg. Kommt zurück mit: Muskelmann! Der zückt behende einen Schraubenzieher, öffnet das Geheimfach und dann die Tür.

Ich verschiebe mein Gewasche auf später, wer weiß, wann die beiden vor mir dann fertig sind. Kämpfe eine Weile mit meinem Computer, der plötzlich wieder einen DPC Watchdog Error bringt, wie immer, wenn wir auf Reisen sind, und sich permanent runterfährt, mal mit bluescreen, mal ohne. Es ist schwierig, jetzt nicht auszuflippen, merke ich, aber es ist machbar. Schlimmstenfalls muss ich meine Online Zeiten reduzieren. Wir spazieren in die Stadt, das ist besser, als vor dem vermaledeiten Computer zu fluchen. Ich lerne drei Amerikaner kennen, die ihren Chihuahua ganz fürchterlich vermissen und Wanda zeigt sich von ihrer besten Seite. Ob es wirklich möglich sei, einen Chi so gut zu erziehen, fragen die Amerikaner. Wir spazieren mit stolzgeschwellter Brust weiter und ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass das Hündlein jedes Wort versteht.

 

21. September 2017
Ich werde von einem lauten Schluchzen wach. Benötige eine Weile, um festzustellen, dass es Carissima ist und sinke in mein Bett zurück. „Krieg und Frieden“, frage ich. Nein, „Wieviel Erde braucht der Mensch“, schluchzt sie. Ich dachte, das sei einigermaßen sarkastisch, sage ich. Nicht im russischen Original, sagt Carissima. Woher… nun ja, woher wird sie schon russisch können.

Kannst Du Dir vorstellen, dass die Russen die Dinge meist mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachen, zumindest in der Literatur, frage ich. Ja, sicher, sagt sie, aber nun stell Dir das vor, der arme Mann kämpft und rackert, weil er wirklich glaubt, dass Besitz etwas bringt und auf einmal fällt er einfach tot um, schluchzt sie. Ich muss mich bemühen, ernst zu bleiben, da bei solcherlei Vorstellungen immer der Schelm in mir erwacht. Ist das nicht gerecht, meine ich, dass er drauf kommt? Ja, aber das ist ja das Problem, heult Carissima, dass er eben nicht draufkommt, er stirbt ja vorher. Hm… wollen wir noch ein wenig schlafen, schlage ich vor. Ach, macht doch alle, was Ihr wollt, sagt sie trotzig und widmet sich „Wo Liebe ist, da ist auch Gott“. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass ihr das besser bekommt.

Am Nachmittag bekomme ich von meiner Freundin Elisa aus Rom eine Einladung zum Slow Travel Festival in der Nähe von Siena. Na, wenn das nicht passt. Wir werden also morgen abreisen und uns dem Thema Slow Travelling genauer widmen. Vielleicht mit ein paar guten Kontakten zum Thema Bullreisen!

 

22. September 2017

Nachdem ich dem ehemals fast besten aller Männer ausführlich zum Geburtstag gratuliert habe, geht es los. Wir sind früh dran, für unsere Verhältnisse, weil ich einfach keinen Nerv mehr zum Arbeiten hatte. Irgendwie genügen zwei Stunden am Vormittag für einfach nichts. Die verbringt man besser anders. Zum Beispiel auf der Suche nach einem Supermarkt, der nie kommt. Wie schon vor 26 Jahren kann ich bestätigen, dass es mit dem Reisen immer so ist: wenn Du eine Tankstelle suchst, kommen mindestens 38 Tabaktrafiken am Wegesrand daher. Willst Du aber Tabak kaufen, findest Du ausschließlich hervorragende Restaurants. Hast Du Hunger, kommen Tankstellen und möchtest Du Wasser kaufen, dann kommt alles, nur kein Supermarkt. Und die kleinen Lebensmittelgeschäfte, die Du dann siehst, die haben alle geschlossen.

Ein wenig durcheinander ob der Tatsache, dass wir einfach keinen Supermarkt gefunden haben, obwohl diese Art des aktiven Verschwindens verschiedenster Ziele seit über 26 Jahren bekannt ist, treffen wir in Abbadia a Isola ein. Ein winziges Dorf mit einem mittelalterlichen Kloster als Mittelpunkt. Giovanni, einer der Veranstalter, mit dem ich gestern Abend noch gemailt habe, weil die Website nur auf Italienisch gemacht ist und ich einen Großteil der Informationen nur halb verstehe, hat mir gesagt, dass man am Parkplatz campen kann. Ich parke also vor dem Kloster und mache mich auf den Weg. Das Festival ist noch in den Vorbereitungen, wie so oft, bin ich die erste irgendwo, eine Sache, die ich mir nicht abgewöhnen kann. Sobald ich mich beim Info Point für den Festival Pass vorgestellt habe, wird Giovani geholt, man weiß, dass ich erwartet werde. Und Giovanni lädt mich ein, denn er findet, dass ein Travel Blogger aus Österreich auf dem Festival gut passt. Leider, so meint er, kann er mir weder zum Festival Pass noch zu den Veranstaltungen viel sagen, alles ist noch am Vorbereiten. Aber ich kann auf dem großen Parkplatz schon mal mein Plätzchen beziehen. Er erklärt mir noch, wo der nächste Supermarkt ist und ich fahre los.

Blöd nur, dass der geschlossen hat, und zwar noch ganze drei Stunden. Also zurück. Ich suche mir einen guten Stellplatz, baue das transportable Hundeställchen auf und stelle fest, dass der Energiewandler der Solaranlage kaputt ist. Als ich ihn einschalte, bringt er noch zwei Fehlermeldungen, bevor er das Zeitliche segnet. Und das war’s. Wanda hat sich in der Zwischenzeit unterm Auto verkrochen, denn die Sonne knallt vom wolkenlosen Himmel und hier ist weit und breit kein einziger Baum. Geschweige denn sonst etwas, das Schatten macht. Ich bin ein wenig verzweifelt, denn ohne Strom UND ohne Schatten werden unsere Lebensmittel bald verderben und wir geröstet. Also packe ich alles wieder zusammen und fahre nach Monteriggione, wo es einen Campingplatz geben soll. Der ist weit außerhalb, ich denke noch, das wird ein Akt, da mit dem Fahrrad zum Festival zu fahren, doch dann sind wir angekommen und der Campingplatz hat zu. Na super. Also wieder zurück nach Abbadia. Wer Carissima bis jetzt nicht kannte, kennt sie nun, nachdem wir gefühlte 100 Mal durch das Dörfchen gefahren sind. Ich fahre zurück auf den Parkplatz, packe meinen „Fattore Amico“ Reiseführer aus und sehe nach, ob es hier in der Nähe was gibt. Irgendwie habe ich das in Erinnerung, weil ich mir ja immer mögliche Ziele ansehe, bevor ich losfahre. Und schau an, nur einen Kilometer entfernt soll ein Betrieb sein, der bei „Fattore Amico“ Mitglied ist. Kurze Erklärung: so wie bei Landvergnügen kauft man sich eine Jahresvignette um 39 Euro, bekommt dazu einen Katalog und kann dann bei allen Mitgliedern gratis stehen bleiben. Das sind zum Teil Gasthäuser, Ölmühlen, Bauernhöfe oder wie in diesem Fall: Schlösser!

 

Als ich die Auffahrt vom Castel Pietraio hochfahre, kann ich nicht glauben, dass ich hier richtig bin und gehe ein wenig beklommen an die Rezeption des Hotels. Die Dame dort kann kein Wort Englisch, aber JA, KLAR!!! Fattore Amico, sicher kann ich hier stehen bleiben. So lange ich will. Nur Strom gibt es keinen. Und so stehe ich vor einem wunderbaren Schloss auf dem gepflegten, SCHATTIGEN Parkplatz mit Blick in die toskanische Landschaft. That’s life.

Nachdem ich mich ein wenig organisiert habe, biegt der nächste Camper auf den Parkplatz ein, niederländisches Kennzeichen, zwei Frauen mit Hund. Sie stellen sich bei mir vor, ich finde das sehr sympathisch, wei „Fattore“ Mitglieder tun, und wollen wissen, ob man sich hier irgendwo melden kann. Ich erkläre, was ich weiß. Dann packe ich Wanda in den Rucksack und wir radeln den Hügel hinunter zum Festival. Angesichts des langen Weges bergab graut mir jetzt schon vor dem Zurückfahren, aber es sind ja nur eineinhalb Kilometer.

Am Fest gibt es das große Einschreiben für Kurse und Exkursionen, die meisten sind leider schon ausgebucht, weil das online gebucht wurde. Habe ich leider nicht verstanden. Aber immerhin gibt es morgen nachmittag noch einen „Francigena“ Walk, denn wir sind hier direkt an der berühmten Pilgeroute. Und heute Abend gibt es Essen und Trinken, ich lerne die beiden Damen vom Tourismusbüro des Ortes kennen, es wird Musik gespielt und die Stimmung ist wunderbar offen und friedlich. Nach zwei herrliche frischen Bieren aus einer kleiner Brauerei in San Gimignano und vielen Gesprächen radle ich – mit Wanda im Rucksack – zurück zum Schloss und jammere ganz fürchterlich ob der Steigung.

 

23. September 2017
Nun ist das ja so, dass normale Camper Wasser, Dusche und WC an Bord haben. Ich aber nicht. Genaugenommen führe ich drei Liter Wasser mit und that’s it. Das Thema Dusche ist nicht das Riesending, mit ein wenig Frischwasser und frisch gewaschenen T-Shirts kann man einige Tage überleben. Ohne Klo eher weniger. Ich bin also hochnotdankbar, dass mein Hündlein mich weckt, als es noch dunkel ist, weil sie aufs Klo muss und nutze die Gelegenheit. Untertags kommt das ja nicht so gut, wenn man in den Schlosspark pieselt. Aber in mir steigt der Verdacht auf, dass ich für meine Reise ans Nordkap – und in weiterer Folge für meine USA Reise – alles andere als gut gerüstet bin.

Nach dem Frühstück mache ich mich also auf zum Supermarkt, kaufe Wasser und noch ein paar Kleinigkeiten (finde natürlich kein Klo) und bringe Carissima zurück zum Schloss, weil ich im Vorbeifahren gesehen habe, dass rund um das Kloster wirklich keine Chance mehr auf Parken ist. Heute hat das Festival tatsächlich begonnen. Ich packe ein Kilo gefrorene Erbsen in das nicht stromversorgte Kühlschränkchen, weil das ein paar Stunden Kühleffekt bringt. Vom Schloss zum Kloster ist es entlang der Straße mühsam zu gehen, ich entscheide mich also für den Waldweg und der kostet uns eine Stunde. Mittlerweile scheint sich mein Körper damit abgefunden zu haben, dass er nie mehr, NIE MEHR, ein Klo sehen wird. Ich grüble über Lösungen. Wir müssen Carissima neu gestalten, abspecken bei Kleinigkeiten, umräumen, damit auch an Regentagen mehr Bewegungsfreiheit möglich ist. Ein Klo einbauen. Und eine Dusche. Da fällt mir ein, dass ich eine Dusche bestellt habe, über so ein Crowdfunding Projekt. Die müsste ja irgendwann ankommen. Das wäre also besprochen.

In Abbadia angekommen also erster Weg… nun, ich glaube, darüber haben wir genug gesprochen. Ich jedenfalls stelle mich für die „Francigena“ Wanderung an, die von einer extrem schnell sprechenden Dame und ihrem jungen Kollegen in Ausbildung geleitet wird, und lasse mir erst mal die Kirche vom Kloster erklären. Die Dame spricht extrem enthusiastisch und ich bedaure es sehr, dass ich so wenig verstehe. Der junge Mann, er kommt aus Siena, bietet mir an, mir all die Dinge, die ich wissen will, auf Englisch zu erklären. Darauf greife ich gern zurück und erfahre so einiges um das Land rund um Monteriggione, die Kultur und die Pflanzen entlang der Francigena. Wir kosten Kräuter und Beeren, die ich mich hätte im Alleingang nicht essen gertraut um im Nichts sind fast drei Stunden vorbei. Ich muss zusehen, zurückzukommen, denn meine niederländischen Nachbarinnen haben eine Weinverkostung im Schloss vereinbart und gefragt, ob ich mitkomme.

 

Zurück beim Schloss sind wir heute also fünf Stunden durchgehend gewandert und Wanda hat sich den ganzen Weg zurück tragen lassen. Ich definiere also den Begriff „Wandarung“ mit „einen kleinen Hund stundenlang herumtragen“ neu. Meine Nachbarinnen kommen auch knapp zurück, sie sind mit ihrem Hunde heute bis Monteriggione gewandert, hin und zurück über zehn Kilometer. Ein wenig geschlaucht, aber durstig, finden wir uns also im Schloss ein und dürfen Wein verkosten. Ich kaufe einen Karton Chianti und darf mein Notebook in Ermangelung von Strom nochmal bei meinen Nachbarinnen anhängen. Achja. Vor der Weinverkostung hatte ich ein erbsengekühltes kleines Bier, wohlgemerkt.

Nach dem Abendessen hole ich das Notebook wieder und wir setzen uns noch auf ein Glas zusammen – leider vergesse ich dabei, dass Wandas Knochen und Spielsachen draußen liegen bleiben. Irgendein Hund ist wohl vorbei gekommen und hat alles mitgenommen, sogar die Tasche mit den Leckerlis, an der meine Pfeife hing. Das finde ich sicher wesentlich bedauerlicher als Wanda, aber dass jemand an ihren Knochen war, empört sie sehr. Was Futter angeht, ist sie unglaublich heikel geworden, oft spielt sie mit anderen Hunden vor dem Auto, aber kaum kommen die Hunde näher (ans Auto heißt an ihr Futter), beginnt sie zu kreischen und zu schreien, als wäre sie hinterrücks überfallen worden.

 

24. September 2017
Ich wache auf, mache Kaffee und genieße den Blick in die wunderbare Landschaft. Heute wird’s weitergehen, zum Campingplatz nach Sovicille… wegen… ich hör‘ eh schon auf. Nach dem Frühstückskaffee verabschiede ich mich also von meinen Nachbarinnen und mache mich über den Waldpfad in Richtung Dorf. Wanda verfolgt Mountainbiker und schweigt bei Pferden, die sind ihr unheimlich. Es ist warm und der angekündigte Regen bleibt offenbar aus. Im Kloster treffe ich noch einmal Giovanni und seine Geschäftspartnerin und dann ELISA! Elisa aus Rom, auf deren elterlichem Bauernhof ich eine Nacht bleiben wollte und dann wurden fast zwei Wochen daraus. Wir waren zusammen in der „Back to the future“ Filmnacht, denn 2015 war ja bitteschön DAS Jahr, in dem Marty McFly in der Zukunft angekommen ist. Elisa hat sich mittlerweile wieder auf den Weg gemacht, sie arbeitet nun in Florenz und nach der Saison wird sie Urlaub in Vietnam machen. Mit dabei ihr neuer Freund, den sie bei der Arbeit kennen gelernt hat und ein Paar aus Amerika, die auch in Florenz arbeiten. Ich sauge sofort USA-Erfahrungen auf und einmal mehr merke ich, dass Carissima umgerüstet werden muss. Wir sprechen über Yellow Desks, Coworking und die neue Work – Life – Travel Gesellschaft, die Zeit vergeht wie im Flug. Dann wandare ich (wieder mit Wanda am Arm) zurück zum Schloss und es geht weiter.

 

Es waren nur zwei Tage, aber zwei Tage so voll mit Gesprächen und neuen Menschen, Kontakte knüpfen und Ideen, dass ich richtig müde bin. Ich fahre keine 40 Kilometer nach Sovicille, aber es fühlt sich an wie eine Weltreise. Carissima kichert vor sich hin. Sie weiß, dass sie jetzt nichts sagen muss. In Sovicille werfe ich mal all mein Gewand in die Waschmaschine, denn neben Wanderstaub und Hundepfotenabdrücken auf der Hose habe ich mir vor meinem Abschied auch noch einen Espresso über die Jeans gegossen, und mache Abendessen. Was? Erbsencurry. Was sonst.

Nachtrag. Die patscherten Dinge vergisst man ja gern einmal… bei dem Treffen mit Elisa musste ich Wanda in der Kaffee Bar hochnehmen, weil eine etwas unfreundliche Bulldogge nicht zu knurren aufhörte. In der Folge verschüttete ich meinen brühheißen Espresso großteils über meine Hand und Jeans, zum Glück. Trotzdem bin ich sofort zum Dorfbrunnen gelaufen und habe erst Wanda und dann meine Hand gekühlt. Ich glaube zwar, dass Wanda nichts abbekommen hat, aber sicher ist sicher. Meiner Hand hat es jedenfalls gut getan und ich bekomme nur eine rote Stelle am Gelenk, aber keine Brandblase. Ich sehe dann auf jeden Fall aus, als wäre ich wochenlang durch die Wälder gestreift, kaffeebespritzt und patschnass. Wanda hat seitdem großen Respekt vor Waschbecken und Dorfbrunnen in jeder Form und stemmt alle Viere in den Boden, wenn auch nur einer in Sichtweite kommt.

Und dann, als wir in Sovicille angekommen sind und nun schon zwei Tage Zeit zum Neuordnen hatten, stellen wir fest, dass jemand unser Leckerlibeutelchen gestohlen hat!!! Es ist einfach fort. Vermutlich hatte ich es in der Nacht am Campingstuhl hängen lassen und ein hungriges Tier ist gekommen. Oder so. Es fehlt ganz fürchterlich.

 

27. September 2017
Das war jetzt einfach notwendig. Waschen, Bus umräumen und mal etwas Arbeit nachholen, bevor es weiter geht. Ich bin ein wenig planlos, weiß aber nicht warum. Wanda findet das großartig, denn sie überredet mich fünfmal am Tag zum Spazierengehen und ich folge gehorsam. Wer hier wen führt, sei dahingestellt.

Sovicille ist noch wie vor 26 Jahren, nur das wunderbare Retaurant im Dorf hat geschlossen. Wäre ich Koch, würde ich das jetzt übernehmen. So bin ich nur Travel Blogger, seit einer Woche so richtig offiziell, und berichte, was ich erlebe. Sollte ich jemals davon leben können, haben sich all die Jahre ruheloses Herumzigeunern doch irgendwie ausgewirkt. Und sonst war’s einfach schön. Das sind so die Gedanken an einem Ort, an dem man schon mal war, als man noch sehr, sehr jung war.