Sopron April 2010

…stelle fest, dass Sopron nicht, wie im Traum, ganz im Osten Ungarns liegt, sondern sehr, sehr nahe. Kurz vor Klingenbach, das Grenzhäuschen schon in Sicht, stelle ich fest, dass ich keinen Pass mithabe und überlege bereits, welche Geschichten ich erzählen werde, um diese Reise trotzdem antreten zu können, als ich auch schon über der Grenze bin. Achso. Schengen. Das hatte ich in der Eile vergessen. Vorbereitet bin nämlich nicht sehr gut. Ich habe eine Übersichtskarte Österreich, da ist Sopron gerade noch drauf, auf dem kleinen Zipfelchen, an dem die Karte an den Karton, in dem sie geschützt sein soll, befestigt ist. Alles an der Stelle ist schon ein wenig zerrissen und es ist gerade noch erkennbar, dass Sopron über Klingenbach zu erreichen ist und dass man von dort über einen Ort mit einem schier unaaussprechlichen Namen Fertöszentmiklos nach Pamhagen kommt. Mal sehen, ob das wahr ist.

Vorher aber Sopron erkunden…
Während ich nun also versuche, die Gefühle meines Traumes in Erinerung zu bringen, erkundigt sich Pamy, die spontan mitgefahren ist, im Viertelstundentakt danach, ob in bezug auf den Traum etwas passiert. Mir scheint, Pamy ist von der Sache mit dem Traum viel mehr in Bann gezogen als ich…

Wir schlendern durch das kleine Stadtzentrum, alte Häuser links und rechts, so schön renoviert, dass es fast ein wenig wie ein Filmkulisse wirkt. Zwei Straßen abseits dann das absolute Chaos – der schöne Feuerturm ist inmitten einer Baustelle gefangen und darum leider nicht zu besichtigen, die Kirche steht auf einem komplett umgegrabenen Platz und sieht innen aus wie eine Ruine. Offenbar muss hier ziemlich heftig renoviert werden. Ich staune über das viele Fremde so nah an uns, habe vergessen, dass es hier naturgemäß eine eigene Sprache und eine fremde Währung gibt. Wieso war mir alles so vertraut? Wegen des Traumes?

In den Nebengassen finden wir Galerien, Kunstwerkstätten, Ausstellungsräume und unzählige Gärten. Kaffeehäuser, Gastgärten, Fischrestaurants. Skulpturen und Denkmäler. Es ist so ver-träumt hier… Mir läuft die Zeit davon, denn irgendwann wird es Abend und ich habe beschlossen, nicht hier zu bleiben. Der nächste Campingplatz ist außerhalb der Stadt und in Podersdorf am See könnte ich noch köstlichen Wein probieren, ein verlockendes Angebot.

Ach! Die Welt ist zu groß für mich!!! Und nun habe ich einen Ort gefunden, an den es mich wieder zieht, so wie Bangkok und Südfrankreich und die Toskana. Verdammt.

Einer der sehr interessanten Aspekte einer Reise zu zweit ist übrigens die Tatsache, dass man sich beim Durchsehen der Fotos danach aus durchaus unbekannter Persepektive entdeckt, ein anderer, dass während einer Reise andere Gespräche entstehen, als daheim. Als würden die Worte, die guten, wohlüberlegten, das ganze Jahr über auf Urlaub sein und nur darauf warten, eingefangen zu werden, in dem Moment, in dem man sich selbst auf die Reise begibt. Die Tatsache, dass man nicht allein zu Tisch gehen muss, hat sich in den vergangenen Jahren als vernachlässigbarer Vorteil erwiesen.

Ich entdecke, dass der Sprit in Ungarn unangenehm teuer ist, bin aber aufgrund meiner mangelnden Vorbereitung nicht in der Lage, den genauen Literpreis zu ermitteln. Ich stelle nur bei der Kreditkartenabrechnung vier Wochen später fest, dass einmal nicht ganz volltanken über 50 Euro gekostet hat. Dafür ist das Essen hier äußerst preiswert und wie es aussieht, auch das Einkaufen. Die Straßen sind bevölkert von Österreichern und an den Geschäften ist alles auch in deutsch beschriftet. Außerdem scheint es, als würde man und frau unglaublich gern und zahlreich zum Haare waschen und zur Pediküre nach Sopron fahren und auch die ungarischen Zahnärzte scheinen sich größter Beliebtheit zu erfreuen. Das sind wohl alles Dinge, die mir hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen entgehen.

Außerdem stelle ich bei der Weiterfahrt fest, dass das kleine Zipfelchen Ungarn, das sich auf meiner stark benützten Österreichkarte befindet, nicht ganz ausreichend für mein Vorhaben, nach Pamhagen zu gelangen, ist. Nach zwei großräumigen Umrun-dungen der Soproner Innenstadt spuckt uns das Städtchen auf die Landstraße aus und in Ermangelung anderer Orietierungsmöglich-keiten folgen wir dem Sonnenstand und fahren Richtung Osten.

Wir kommen in die absolute Einsamkeit, Mensch ist das hier schön! Rapsfelder, Schilf, das zum trocknen zu riesigen Zelten aufgeschichtet wird, das Abendlicht und dann irgendwann die österreichische Grenze, so unscheinbar und verlassen, dass man es kaum merkt. Wie sonderbar sich das anfühlt, als ich das letzte Mal hier war, wurde man schon verhaftet, wenn man im See aus Versehen die Grenze überschritten hat.

Der Seewinkel. Bis auf ein paar Kreisverkehre, die es damals noch nicht gegeben hat und einer wesentlich besseren Beschilderung scheint alles noch so zu sein wie vor 20 Jahren.

Sogar die Czardas-Schenke in Illmitz gibt es noch! Ich falle fast aus dem Auto vor Lachen, ich habe mir ja vieles erwartet, aber das sicher nicht. Ich glaube, am tiefst gemessenen Punkt Österreichs war ich auch schon mal vor hundert Jahren, allein, damals war ich sicher noch nicht in Besitz eines Fotoapparates. Schade irgendwie, ein Vergleichsbild zu jetzt hätte mich interessiert…

Also, nun war ich schon am Mittelpunkt Österreichs, als dieses noch Kaiserreich war, am nördlichsten Punkt Schottlands, am 43. Breitengrad in der Toskana, am südlichsten Punkt Afrikas, am nördlichsten Punkt der USA und am tiefsten Punkt Österreichs. Weitere attraktive Reiseziele dieser Art bitte MELDEN!

Am Neusiedler See sind gerade die Graugansküken geschlüft und überall stehen Schilder, die vor straßenquerenden Graugansfamilien warnen. Die flauschigen Küken sind so entzückend, dass sie die beobachteten Graureiher, Hasen und Störche definitiv in den Schatten stellen. Und dieser Schatten kommt dann auch sehr schnell – während wir noch quietschend vor Freude am Straßenrand stehen, geht die Sonne unter. Und das ist am Neusiedler See wirklich bemerkenswert, keine Frage.

Im Übrigen hatte ich gerade gestern wieder einen Traum, in dem ein Ort nach mir ruft, es war ein kleines Dorf in Süditalien. Von dort bin ich nach Brindisi gefahren und habe eine Fähre nach Griechenland bestiegen. Stefan, volltanken. Das wird eine weite Fahrt!