September 2

Tag 19, glaube ich. 15. September.

Verdun präsentiert sich unter einer dichten Wolkendecke. Irgendwo da draußen, so erklärt der Wetterbericht, hat es 25 Grad und der Himmel ist blau. Doch über Verdun liegt eine dicke Wolkenmatte und ich genieße die knapp 20 Grad und die kühlen Nächte. Verdun, das war bei meinem ersten Besuch ein wenig verzaubert. Was soll ich sagen, nicht Verdun war verzaubert, sondern lediglich der Campingplatz. Die Betreiber sind immer noch die selben, ein älteres Ehepaar mit einem erwachsenen Sohn. Alle sprechen englisch und sind auch nicht über die Maßen empört, dass man ihre Landessprache zwar versteht, aber kein Wort sagen kann.

Mein üblicher Beginn in einem Land. Als wäre ein Knoten in meiner Zunge und als ginge im Hirn ständig die falsche Schublade auf. Sobald ich etwas sagen will, springt die italienische Schublade auf, neuerdings sogar wieder die russische. Das ist so lange her!!! Doch die französische Schublade bleibt eisern zu, obwohl sie viel besser geschmiert sein müsste als die russische.

Ich richte mich am Platz ein. Gleich in der Nachbarschaft sind viele Handwerker untergebracht. Das ist in Frankreich nicht unüblich, dass Handwerker auf Montage am Campingplatz leben. Manche haben ihren Wohnwagen mit dabei, andere wohnen in den kleinen Häuschen, die man mieten kann. Am Abend kommen die Männer verschwitzt und in Montur zurück und diskutieren laut über was auch immer. Ich vermisse manchmal diese Baustellen. Das ist schon immer was ganz Besonderes, wenn man am Ende des Tages über nichts mehr reden muss als über den Tag selbst. Nicht über Eigenmarketing, nicht über neue Webdesigngeschichten, nicht über Buchhaltung, nicht über die kommenden 21 Veranstaltungen, von denen man hofft, dass sie den ganz großen Durchbruch bringen. Sondern nur über den Tag.

Als ich am nächsten Morgen mit Wanda spazieren gehe, finden wir am Wegrand ein totes Katzenkind. Es tut mir so unglaublich leid. Auf dem Rückweg zum Campingplatz überlege ich, was ich tun könnte. Ich spaziere entlang des Bahndamms und auf der anderen Seite des Damms steht der Blues. Ich sehe aber nur seinen Kopf und seine Schultern. Mehr sieht er vermutlich auch nicht von mir, wegen des Bahndamms. Aus seinem Mundwinkel hängt eine Zigarette. Er versucht, mich zu fixieren. „Du kannst mich mal!“, brülle ich über den Bahndamm, doch meine Worte gehen im Vorbeifahren eines Zuges unter. Als der Zug fort ist, ist auch der Blues fort. Ich stapfe zurück zu Carissima, wild entschlossen, etwas zu unternehmen.

Tag 17 und 18

Ich habe beschlossen, bis Sonntag hier zu bleiben und dann nach Paris zu fahren. Paris, das ist eine Großstadt. Und Großstädte haben Großräume. Da ist man dann im „Großraum Rom“ oder „Großraum Neapel“ unterwegs und mit beidem ist nicht zu spaßen, wie ich aus Erfahrung weiß. Also will ich den „Großraum Paris“ an einem Sonntag durchfahren. Die Entscheidung ist, wie ich später erfahre, sehr weise, denn heute ist Freitag, der 13. Und im „Großraum Paris“ steht alles still, weil gestreikt wird. 200 Kilometer Stau. God bless revolucion.

Bevor ich mich hinter meinen Schreibtisch sitze und allerlei aufarbeite, suche ich in den Untiefen und Geheimfächern Carissimas eine Schaufel und begrabe das Katzenkind. Irgendjemand, der vor mir hier vorbei gekommen ist, hat es mit einem Geschirrtuch bedeckt. Ich mache ihm ein Grab in den Brombeersträuchern und trommle eine Weile.

Dann arbeite ich, so gut es geht. Es ist heute sehr heiß geworden, die schützende Wolkendecke hat sich verzogen und die Sonne scheint. Am Abend springe ich in den eiskalten Pool und schwimme ein paar Längen. Gutes Leben.

Tag 19, 15. September

Auf nach Paris. Ich habe mir den Wecker auf acht gestellt, was völlig für den Hugo ist, denn mein Körper kann nach der letzten Trainingsetappe sowieso nie mehr aufstehen und Wanda will auch nicht. Sie schaut mich an, als wäre ich geisteskrank und so machen wir im 10 Minuten Verzögerungstakt weiter bis kurz vor neun. Dann muss es aber sein, immerhin soll es heute Nachmittag 28 Grad bekommen und da wäre ich gern nicht mehr on the road.

Im Bistro noch einen Kaffee und es geht los, über kleine Landstraßen Richtung Paris. Wir kommen in beeindruckend einsame Gegenden, quer durch die Champagne, wo wir vor zwei Jahren zum Champagnerfest waren. Ich navigiere immer noch mit Karte und habe mir die Navigation mit dem Smartphone für die letzten paar Kilometer aufgehoben, wo es unter Umständen knifflig werden könnte. Das tut es dann auch, doch nicht aufgrund der Kniffligkeit an sich, sondern weil die Smartphonetante sich eine extravagante Route durch Wohngebiete und 20km/h Zonen ausgedacht hat, die in der Grundbeschreibung des gewählten Campingplatzes sicher nicht vorkommen. Also komme ich so wie immer – also wenn ich nur selbst navigiere – völlig fertig und verschwitzt an einem Campingplatz in der Nähe von Paris an. Es ist noch früh am Nachmittag und die Rezeption hat geschlossen, dennoch empfängt mich eine junge Frau und fragt, ob ich reserviert habe. Natürlich nicht, tu ich nie. Die junge Frau ist so nett, sperrt die Rezeption für mich auf und prüft nach, ob noch Platz ist. Ja, ein Platz ist noch frei. Was für ein Glück. Der Platz ist ein Schotterplatz in der grellen Sonne und so wie die Lage aussieht, wird der Schatten der Bäume erst am Abend kommen. Ich packe also meine Lkw Plane aus und spanne erst einmal eine Schattenquadrat zwischen den Bäumen. In erster Linie für das Hündlein, das rechtschaffen erschöpft dreinschaut.

Kurz, nachdem wir uns eingerichtet haben, kommt vom Platz nebenan ein Franzose, der Interesse an Carissima zeigt und allerlei wissen möchte über das Leben „on the road“. Ich bin aber zu erledigt, um mich da näher einzulassen. Alles, was geht, ist noch ein Brot zu essen, einen Nachmittagsschlaf zu machen, dann mit Wanda spazieren zu gehen und danach ins Bett. Das Gebiet um den Campingplatz ist ein Naherholungsgebiet, in dem die Menschen Radfahren und Laufen, jede Menge Platz also für Wanda. Das ist gut. Den Wecker wieder auf acht gestellt.

Tag 20, 16. September

Acht Uhr Tagwache, jaja. Wir spielen wieder mit dem Wecker herum, bis es halb neun ist. Dann mache ich uns fit. Wanda versteht nicht wirklich, warum sie um diese Zeit aus den Federn soll, geht aber artig mit. Vor unserer Abfahrt gehen wir zum Bäcker, denn ich mag auf Frühstück und Wanda hatte ihres schon. Vor der Bäckerei treffen wir wieder den Franzosen, er meint, ob wir zusammen mit dem Zug fahren wollen. Also gut. Gemeinsam gehen wir zum Zug und los geht’s nach Paris. Er studiert Politikwissenschaften, möchte gern einen sicheren Job, aber irgendwie dennoch individuell sein, ist fast 40 und weiß nicht, was er wirklich will. Ich erzähle vom Reisen und vom Blues. Den kennt er auch.

Weil er zu wenig Geld für ein Zimmer hat, schläft er erst mal am Campingplatz. Dann will er wissen, was ich so mache und ich erzähle von meinen Büchern. Weil das alles auf dem Niveau von Englisch, das er spricht und dem Niveau von Französisch, das ich spreche, ein wenig schwierig ist, krame ich in meiner Tasche nach der Smartphonetante, um ihm meine Website zu zeigen und finde bei der Gelegenheit meine Unterwäsche vom Vortag und einen Socken. Wo die herkommen, ist mir schleierhaft. Aber wie gesagt, nicht meine Uhrzeit.

Irgendwann muss er aussteigen und ich konzentriere mich voll auf meine Station. Kurz nach der Stadtgrenze ist dieser Zug in den Untergrund gefahren und das ist ja absolut nicht meins. Also U Bahn nicht mein Ding. Darum habe ich mich auch entschlossen, nicht ein Tagesticket für die Metro zu nehmen und so von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit zu fahren, sondern mit einem Hop on Hop off Bus, ganz auf Touristenart. Ich habe diese Busse schon in verschiedenen Städten ausprobiert und muss gestehen, ich mag das sehr. Vor allem, wenn man auf dem Oberdeck sitzt, sieht man die Stadt aus einer Perspektive, wie man sie sonst nicht zu sehen bekommt. Und dann kann man sich eben aussuchen, wo man aussteigen möchte. Jetzt steige ich aber erst mal beim Eiffelturm aus der U Bahn und brauche eine Weile, bis ich den Turm sehen kann, weil ich fast darunter stehe. Oh er ist schön!!! Ich möchte in den Garten vor dem Turm, denn hinauf fahren darf ich mit Wanda ohnehin nicht. Nachdem hier rundherum und im Garten gebaut wird, ist das alles ein wenig kompliziert, ich quäle mich durch den Security Bereich beim Turm, um dann festzustellen, dass das gar nicht notwendig gewesen wäre. Dann aber endlich stehe ich dort, wo ich stehen wollte und der Eiffelturm steht vor mir, wunderbar angestrahlt vom Vormittagslicht. Es ist einfach nur wunderbar. Rückblickend sei gesagt, rein vom Gefühl her hätte es genügt, diesen Anblick eine Stunde zu genießen, einen Kaffee zu trinken und dann wieder zurück zu fahren. Ich bin, was Großstädte angeht, einfach heikel, ich gebe es zu.

Als nächstes gilt es, den Bus auszusuchen. Wie in vielen Großstädten gibt es mehrere Unternehmen, die das anbieten, ich entscheide mich für den eher teuren „Big Bus“, weil dieser auch zum Sacre Coeur fährt und das machen die anderen nicht. Und wie gesagt… U Bahn… geht gar nicht. Zur Metro noch ein Wort: Die sagen die Stationen hier nicht durch. Und es gibt auch keine Anzeige, zumindest in dem Zug, in dem ich war. Man muss also aufpassen wie ein Haftlmacher, dass man die richtige Haltestelle erwischt. Wir fahren gleich mal los, ich bekomme noch einen Sitzplatz am Oberdeck und genieße den Fahrtwind, die Sonne und alles, was ich so zu sehen bekomme. Der Audioguide erzählt viel von Prunk und Macht und Hinrichtungen und ich denke mir, wie unbeseelt all dieser Protz ist. Ganz sonderbar. Und viel zu viel. Und manches ist trotzdem schön.

Am vergangenen Freitag war ja Großdemonstration in Paris, es ging gar nichts mehr und 200 Kilometer Stau im Großraum Paris waren die Folge. Heute, Montag, sollte das ja nicht so sein, denn demonstriert wird hier regelmäßig am Freitag, doch kaum nähern wir uns der Oper, wird der Verkehr zäh und zwei Straßenecken weiter geht gar nichts mehr. Ich bewundere die Hartnäckigkeit des Busfahrers, der jede Lücke nützt, um irgendwie weiter zu kommen und schaue mir das Treiben und die Häuserfronten an. Heute demonstrieren medizinisches Personal und Anwälte.

Irgendwann steht dann alles, Busse, Autos, Mopeds, einige Motorradfahrer versuchen, über Gehsteige weiterzukommen, dazwischen Menschen in Anwaltsrobe und Schildern, dann Menschen in weißen Kitteln und mit Pfeifen bewaffnet, irgendwo in der Ferne Polizeisirenen. An der nächsten Ecke halten einige Polizeiautos und Polizisten in voller Montur springen heraus, sie sehen aus wie Ninja Turtles. Dann kommt die Durchsage des Busfahrers, er dürfe zwar auf offener Strecke niemanden aussteigen lassen, nur an den Haltestellen, aber so, wie das aussähe, kämen wir nicht mehr weiter und alle, die wollten, könnten jetzt aussteigen. Das tun wir auch. Immerhin standen wir jetzt gute 40 Minuten an ein und derselben Stelle. Ich schaue auf meinem Plan nach und beschließe, vorbei am Louvre zur Haupthaltestelle des Big Bus zu gehen, dort die andere Linie zu nehmen und zum Sacre Coeur zu fahren. Bis ich von dort zurück bin, hat sich die Lage hier eventuell beruhigt.

Der Garten des Louvre wird gerade erneuert und hier ist ziemlich alles Baustelle. Das ist aber völlig egal, denn mit Wanda… RICHTIG. In diesen Garten dürfen keine Hunde. Vom Louvre sind es nur ein paar Straßen bis zur Haltestelle, ich nehme die „Blue Line“ und frage den Fahrer, ob wir es zum Sacre Coeur schaffen werden. Immerhin sind die Burschen alle mit Funk verbunden, der muss ja mitbekommen haben, was los ist. Logisch, meint der Fahrer und es geht los. Fast eine Stunde benötigen wir, um einmal die Oper zu umrunden und dann stehen wir wieder am Ausgangspunkt. Die Blue Line ist für heute abgesagt, sagt er, er fährt nun die rote Linie, also die, die ich ursprünglich verlassen habe, weil… egal. Ich will mich nicht zum dritten Mal in den Stau um die Oper stellen und beschließe, zu Fuß zur nächsten Einstiegsstelle zu gehen. Also zurück zum Louvre, das zugegebenerweise beeindruckend ist, an der Seine entlang, vorbei an acht Polizeiautos, aus denen weitere Ninja Turtles springen und rein in den nächsten Bus. Diese Fahrt tröstet mich darüber hinweg, dass ich nun nicht zum Sacre Coeur kommen werde, denn am Oberdeck moderiert ein junger Mann die Fahrt auf Englisch und der erzählt natürlich wesentlich interessantere Dinge als der Audioguide.

Zum Abschluss möchte ich noch ein wenig an der Seine spazieren, es ist bereits nach fünf und ich sehe aus, als hätte ich einen Tag am Bau gearbeitet. Paris ist eine sehr staubige Stadt, stell ich fest. An der Haltestelle, an der ich unseren Zug besteigen will, wird gebaut und ich finde den Eingang zur Metro Station nicht. Irgendwann hält mich ein Bauarbeiter auf und meint, ich dürfe hier gar nicht sein. Ich erspare mir das Argument, ihn auf die beiden Männer mit Aktenkoffern hinzuweisen, die ebenfalls hier durchgegangen sind, auf der Suche nach dem Eingang in die Unterwelt, und denen ich erschöpft hinterher gelatscht bin. Der Mann ist aber so nett und sperrt mir eine geheime Tür im Bauzaun auf. Zum Ticket lösen benötige ich dann noch die Hilfe einer Bahnangestellten, denn erstens ist der Ticketautomat nicht auffindbar und zweitens spuckt er dann nicht das aus, was ich haben möchte. Die junge Frau rauft ebenfalls mit dem widerspenstigen Automaten, was mich sehr beruhigt. Ab nach Hause. 35 Minuten später springen wir aus dem Zug und schleppen uns zurück auf den Campingplatz. Dass ich Wanda seit gut zwei Stunden trage, weil sie von dem Spaziergang an der Seine genau gar nichts hielt, erwähne ich hier am Rande. Ich beschließe, dass das erst Mal genug Paris ist und morgen weiterzufahren.

Tag 21 bis 26 Chateau de Bouafles

Ich wache um sieben Uhr früh mit dröhnenden Kopfschmerzen auf und schleppe mich zum Bäcker im Ort. Der Kaffee dort ist kurz und stark und hilft ein wenig. Ich habe gestern wieder mal viel zu wenig getrunken in Anbetracht der Anstrengung und der Hitze.  Laut Smartphonetante sind wir über 14.000 Schritte gegangen und bei strahlendem Sonnenschein stundenlang im Stau gesessen. Das rächt sich heute. Angemerkt sei, dass ich für Wanda natürlich genug zu trinken und auch zu essen mithatte. Die springt nämlich vergnügt neben mir her.

Eine der blödesten Entscheidungen, die ich jemals gefällt habe, ist, in Anbetracht der rasenden Kopfschmerzen mit der Smartphonetante als Navigator zu fahren und mir die Strecke nicht einmal auf der Karte anzusehen. Wenn ich so Kopfweh habe, sehe ich ohnehin kaum was. Die doofe Tante schickt mich durch Vororte, über Sträßchen und durch Waldstücke, ich habe wirklich keinen Tau, warum sie das macht. So benötigen wir für die angestrebten 90 Kilometer knapp dreieinhalb Stunden und ich bin hilflos ausgeliefert, weil die Kopfschmerzen naturgemäß nicht besser werden, wenn man in einer Blechbüchse sitzt und sich ärgert.

Kurz nach Mittag kommen wir in Bouafles an, einem Örtchen, das ich auf meiner Reise 2017 entdeckt habe und das ich als extrem angenehm empfunden habe. Und das ist es auch immer noch. Kaum angekommen, trinke ich erst mal einen Liter Wasser und so nach und nach verschwinden auch die Schmerzen. Hier ist es einfach schön. Das Örtchen liegt an der Seine, die sich nach Paris ganz gemütlich durch die Landschaft schlängelt und hier kann man an der Seine spazieren, so gut und in der Stille, wie das in Paris vermutlich nicht einmal in der Nacht möglich ist. Ich bin ein Landei.

Am nächsten Tag dann Ankunftsprocedures, Wäsche waschen und trocknen, Trainingsprogramm, spazieren, arbeiten, Ideen sammeln. Croissant zum Frühstück. Tag 23 dann endlich meine Wanderung zum Chateau Gaillard, einer Burgruine im nächsten Ort, die mir gestern das erste Mal aufgefallen ist. Openstreetmap verrät mir, dass die Ruine fünf Kilometer entfernt ist und dass es kurz vor der Autowerkstatt im Ort einen kleinen Weg in den Wald gibt, der direkt hinführt. Und natürlich viel kürzer ist, als auf der Hauptstraße zu gehen. Ich stehe ja auf Abkürzungen. Packe also Wasser für mich und Wanda ein, eine Jause, Fotoapparat und los geht’s.

Der Weg führt zwischen Maisfeldern und über staubige Nebenstraßen nach Les Andelys, dem Nachbarort von Bouafles. Der ist ein wenig größer als Bouafles und hier gibt es sogar ein Kaffeehaus, ein Restaurant und einen Supermarkt sowie eine Autowerkstatt und besagte Burgruine. Den kleinen Weg neben der Straße finde ich auch, kann aber nicht glauben, dass das echt ein Weg ist. Der Pfad ist völlig verwachsen und sehr steil. Ich kämpfe mich also durch Gestrüpp und Dornen, das Hündlein und ich wechseln und mit Vorgehen ab, einmal muss es mich gar retten, weil ich stolpere und fast abgestürzt wäre. Wanda mit ihrer Bulldoggenkraft stemmt sich ins Geschirr und verhindert Schlimmstes.

Schweißgebadet erreiche ich eine halbe Stunde Berglauf später den Hügelkamm, Untersberg nichts dagegen, um zu entdecken, dass hier eine schöne Picknickwiese ist, auf der ein sehr altes Ehepaar gemütlich sitzt und den Inhalt eines enormen Picknickkorbes verzehrt. Kurz darauf stelle ich fest, was ich vermutet hatte: Es gibt einen zweiten Weg, der wesentlich bequemer zu gehen ist, ausgeschildert ist und ja, man kann zur Burg sogar mit dem Auto fahren. Bis ganz rauf. Mir fällt da jetzt auch keine Weisheit dazu ein, von wegen kürzeren Wegen und so. Aber zurück nehme ich den breiten Weg. Nach einem Picknick oben auf der Burg, mit einem atemberaubenden Blick hinunter ins Tal.

Die kommenden Tage vergehen in Arbeit und Nachdenken. Und viel Spazierengehen.

Wir hinterlassen Spuren auf dieser Welt, jeder von uns. Wir können selbst entscheiden, welche Spuren wir hinterlassen möchten. Sind es Spuren der Freude, des Erfolges, der Traurigkeit? Was ist Erfolg? Ich hadere mit mir und meinen Spuren.

Der Blues schaut um die Ecke. Er hat sich im Schatten angeschlichen und lugt nun hinter Carissima hervor. Als ich ihn bemerke, kommt er näher und setzt sich an den Tisch. Er nimmt sich eines meiner Sandwiches, beißt hinein und schmatzt, „Richtig gut!“. Nachdem er den ersten Bissen geschluckt hat, lehnt er sich in seinem Campingstuhl zurück und seufzt: „Ich dachte mir schon, dass Du es keine ganze Woche ohne mich aushältst.“

Ich atme hörbar aus. Und wieder ein. Ich könnte heulen. Ich habe versucht, ihn nicht wiederkommen zu lassen, aber so einfach ist das nicht. Heute morgen nach dem Aufwachen, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, es hat 25 Grad und eine leichte, angenehme Brise aus südsüdost, lag etwas schwer auf meiner Seele. Eben jene Frage nach unseren Spuren.

Der Blues schluckt den Bissen meines letzten Sandwichs, rülpst und zündet sich eine Zigarette an. Er schweigt. Er weiß, dass er nichts mehr sagen muss, ich falle ganz von allein in ein tiefes, schwarzes Loch.

Vermutlich liegt es nicht an dieser Grundsatzfrage, denn Fragen dieser Art unterhalten mich meist ganz gut. Und vor allem schon mein ganzes Leben lang. Vermutlich liegt es daran, dass ich gestern beim Aufräumen einen kleinen, schmierigen Fleck neben dem Gaspedal entdeckt habe. Dort, wo vor einiger Zeit noch ein großer, schmieriger Fleck war und wir daraufhin den Kupplungsgeberzylinder getauscht haben. Danach die Luft aus der Leitung zu bekommen war ein irrer Heckmeck. In meiner Wahrnehmung. Weil ich ja sehr empfindlich bin. Und nun ist da ein neuer Fleck. Es war gestern schon so, dass ich auf der Stelle hätte losheulen können, mich dann aber mit der Tatsache beruhigte, dass vor dem Tausch des Kupplungsgeberzylinders da eine ganze Weile ein Fleck war und trotzdem nichts Schlimmes passiert ist. Aber heute ist das anders. Der Fleck macht mir Sorgen und ich bekomme beim Gedanken ans Weiterfahren fast eine Panikattacke. Und da ist noch was. Aber ich komme einfach nicht drauf.

Fünf Tage haben wir hier im Paradies verbracht, das Wetter ein Traum, die Wanderungen oskarverdächtig, Wanda taugt es ohne Ende. Ab morgen soll das Wetter kühl und regnerisch werden, doch das ist doch kein Grund, so in die Tiefe zu stürzen! Ich komme nicht drauf. Also packe ich mal alles zusammen. Wenn Regen bevorsteht, muss Carissima anders eingeräumt werden, denn erstens soll nichts draußen im Regen stehen und zweitens soll dann nach der Ankunft am nächsten Platz innen alles halbwegs wohnlich sein. Bisher ist mir das trotz der neuen Kästen und des vielen Stauraums nicht gelungen, es herrscht immer Chaos und ich finde nichts. Oder besser gesagt, nicht alles. Dann ist Sonntagmorgen und es regnet noch nicht. Ich bin froh, denn das gibt die Möglichkeit, noch zu frühstücken und dann gemütlich loszufahren. Wanda schläft noch. Es raschelt hinter mir im Gebüsch. Ich drehe mich um und sehe, wie sich ein Mann mit einem Fahrrad im Blattwerk zu verstecken sucht. Ich könnte zwei Meter in die Luft springen, so sehr erschreckt mich der Kerl und gleichzeitig ärgere ich mich maßlos. Der Typ ist gestern früh an meinem Platz vorbei gegangen. Man grüßt einander, ganz normal. Eine halbe Stunde später stand er da und bot mir Brombeeren an, frisch aus dem Wald. Als ich ihm ein paar davon abnahm, merkte ich, dass er nicht ganz auf dieser Welt angekommen ist. Trotzdem nett. Einige Stunden später stand er wieder da und wollte mich zum Abendessen einladen. In solchen Fällen schalte ich dann auf „ich spreche null französisch“. Er meinte, ob ich mich nicht an ihn erinnern könne, er habe mir am Morgen Früchte gebracht. Ich lächle und betone, dass ich wirklich kein Französisch kann. Ich bleibe immer höflich. Immer. Aber ich hasse nichts mehr als wenn Männer glauben, höflich sein sei eine Einladung. Auch, wenn sie noch nicht ganz auf dieser Welt angekommen sind. Und nun steht er mit seinem Fahrrad in den Büschen und glaubt, ich sehe ihn nicht. Plötzlich kriege ich die altbekannte Panik. Innerhalb von drei Minuten ist alles im Auto, Wanda sitzt auf meinem Schoß und kennt sich nicht aus und wir fahren los. Als etwas hinter mir rumpelt, sehe ich im Rückspiegel zwei Paar Schuhe stehen, die ich gerade überfahren habe. Nun gut. Zwei Paar zurücklassen, das geht nicht, ich springe also noch einmal aus dem Auto, sammle die Schuhe ein und ab geht’s. An der Rezeption bezahle ich, bedanke mich, bekomme eine Flasche Cidre geschenkt und bin eine Wolke.

Nun weiß ich, was es war. Ich kann es nicht leiden, wenn man mir nachstellt. Und ich habe es nicht einmal bemerkt, nicht ins Bewusstsein hoch kommen lassen, doch der Blues ist schneller als das Bewusstsein. Und kaum sind wir on the road, atme ich durch.

Zwanzig Kilometer später sehe ich den Blues an einer Bushaltestelle stehen. Er hält den Daumen raus, blickt mir aber nicht in die Augen. Ich fahre vorbei.

Wir fahren auf Nebenstraßen und bei zum Teil strömendem Regen durch die Normadie. Ich verzichte auf die Dienste der Smartphonetante und habe mir heute wieder alles schön auf einen Zettel geschrieben, wie früher. Hat doch immer funktioniert. Und tut es auch diesmal. Kurz nach Mittag landen wir in Etretat, einer kleinen Stadt an der Küste, die bekannt ist für ihre einzigartigen weißen Kreidefelsformationen und die gute erhaltene, typisch normannische Architektur. Jahrhundertealte Fachwerkhäuser in kleinen, verwinkelten Gassen. Obwohl es heute bereits wie aus Kübeln regnen sollte, wenn man dem Wetterbericht glauben möchte, reißt es nochmal kräftig auf und er Himmel wird blau. Einfach herrlich, wir können tatsächlich noch das Städtchen besuchen!

Besonders eindrucksvoll ist die alte Markthalle, die leider nicht mehr für Märkte genutzt wird. Innen reiht sich ein Andenkenladen an den nächsten, aber unter den alten Holzbalken kann ich mir gut vorstellen, wie man hier jahrhundertelang Obst und Gemüse und alles, was man im Alltag braucht, erwerben konnte.

Uns bleibt tatsächlich Zeit, noch zu den weißen Klippen zu wandern, unglaublich, wie die im Abendlicht leuchten. Wenn man den Punkt hinter sich lässt, an dem die meisten Touristen umdrehen, sieht man plötzlich eine kilometerlange Küstenlinie mit weißen Klippen vor sich. Wenn ich zum Rand gehe, bekomme ich das Reißen in den Knien, so tief geht es hinunter. Dort krachen die Wellen mit einer Gewalt an den Strand, dass man selben Moment weiß, dass ein Mensch da nichts verloren hat.

23. September

Heute früh sind dichte Dunstschwaden vom Meer her übers Land gezogen, die Luft riecht nach Salz und viel Feuchtigkeit. Ich rieche ein wenig das Meer. Ganz zart dringt der Geruch in meine beschädigte Geruchswahrnehmung vor. Wie schon einmal erwähnt, ich rieche ja seit gut zwei Jahren nichts, abgesehen von der Pause in Schottland, da war plötzlich alles wieder da, um sich dann Mitte August wieder zu verabschieden. Meine Hoffnung ist also, dass es wiederkommt. Auf dieser Reise.

Gegen acht ist der Dunst weg und die Sonne kommt durch und pünktlich um halb neun kommt die Bäckerin, fährt laut hupend eine Runde durch den Campingplatz und bleibt dann fast vor unserem Platz stehen. Wenn das keine Einladung ist! Ich kaufe ein Croissant und ein Baguette und finde, dass dieser Tag vorzüglich beginnt. Packe also unser Ränzlein, Wasser für Wanda und mich, für Wanda Knupsis und für mich Baguette mit Camembert. Wanda hätte lieber den Camembert, ich wiederum kann auf die Hundeleckerlis sehr gut verzichten. Nachdem wir das geklärt haben, radle ich los, Wanda im Rucksack.

Bei unserem ersten Stopp, der Hundegackerlwiese, treffe ich den Briten von gestern. Ich habe ihn an der Rezeption kennengelernt, die Rezeptionistin war so unglaublich unfreundlich zu ihm, dass ich ihm ein paar andere Campingplätze schmackhaft machen wollte, für die Weiterreise. Der gute Mann, in etwa in meinem Alter, ist mit Frau und zwei großen Hunden unterwegs und alle zusammen haben die Insel das erste Mal in ihrem Leben verlassen. Vorher hatten sie nicht mal einen Pass, alle miteinander. Viele Briten haben keinen Pass. Das habe ich bei meiner letzten Reise herausgefunden. Denn in Großbritannien kann es ja nicht passieren, dass Du so mir nichts Dir nichts plötzlich über eine Grenze fährst, wie zwischen Salzburg und Freilassing oder wenn du vergisst, in Innsbruck Süd abzufahren und schwups bist Du über den Brenner. Nein, in Großbritannien muss man schon richtig einen Plan machen, wenn man das Land verlassen will. Flugzeug, Zug oder Fähre. Und darum nimmt sich ein Brite, der das nicht vorhat, keinen Pass. Diese Briten haben sich aber einen Pass machen lassen und sind mit knapp 50 das erste Mal in ihrem Leben aufs Festland gefahren. Sie wussten nicht, dass in Frankreich am Freitag gern und ausführlich gestreikt wird, auch in Calais, ihrem Ankunftshafen, und waren schockiert. „Wir dachten nur noch, so ist das also drüben“, erklärt mir der Mann, als er schildert, wie sie vom Schiff gefahren sind und all die Absperrungen und Polizeikontrollen sahen. Denn wie wir alle, glauben auch die Briten, dass es zu Hause am sichersten ist. Sie haben sich aber schnell vom Schock erholt und fahren nun weiter.

Der Mann erzählt so viel, dass ich auch was erzählen will und darum erzähle ich das Problem meines Kupplungsgeberzylinders. Er kennt sich sofort aus, ist früher selbst einen T3 gefahren und erklärt mir, dass es ja kein Problem ist, solange ich kontrolliere, wie es mit der Bremsflüssigkeit aussieht. Ob ich wisse, dass der Behälter unter der Armaturenbrettabdeckung sei? Ja, weiß ich. Wieso bin ich nicht selbst darauf gekommen, denke ich. Einfacher geht’s ja wirklich nicht. Ich bedanke mich ausführlichst und wir gehen jeder wieder seiner Wege.

Als nächstes stoppen wir am Hafen, wo die Fischerboote liegen, denn dort kann ich mein Fahrrad gut anketten. Und dann schnaufen wir den Hügel hinauf, von dem aus man den Panoramarundweg entlang der Klippen starten kann. Der ist knapp 12 Kilometer lang, aber ich habe bereits eine Abkürzung entdeckt. Wenn man gleich nach dem Golfplatz links geht, spart man vier Kilometer. Wie sich herausstellt, ist das eine vorzügliche Idee, denn nebst eines atemberaubenden Ausblicks erfährt man hier, was Naturgewalten sind. Der Wind kachelt mit steigender Geschwindigkeit an die Klippe und mir wird beim Beobachten der Touristen, die zwecks Superfoto ganz an den Rand gehen, ein wenig übel. Wer hier runterstürzt, den hört man lange schreien, nehme ich an. Über 200 Meter geht es in die Tiefe.

Ich biege also nach dem Golfplatz ab und wandere zwischen Platz und Feldern durch Brombeerhaine und kleine Waldstückchen. Bald lässt der Wind nach und ich kann Wanda von der Leine lassen. Hätte ich mir so nah an der Klippe nicht getraut. Schon gar nicht bei dem Wind.

Unsere Wanderung führt und gemütlich zurück ins Städtchen und dort holen mich zwei Fragen ein: Die erste ist, woher bekomme ich Waschmittel, denn die Kosten für die Waschmaschine am Camping Municipal sind dermaßen günstig, dass man einfach zuschlagen muss. Die zweite Frage kommt von einem unbekannten Leser: Wann arbeitest Du eigentlich? Ja, gute Frage. Ich sollte ja mindestens zwei Stunden Erwerbsarbeit täglich leisten. Das klingt wenig, aber man bedenke, dass das 31 Tage beinhaltet. Will heißen, wenn ich so agieren würde, hätte ich niemals frei. Und neben der Erwerbsarbeit gibt es ja noch andere Arbeit, also den Roman „Vom Reisen mit dem Blues“, meinen Blog, die Wochenschau, diverse Pläne, Seminare, die ich unter „nicht erwerbsarbeitend“ zähle, weil der Erwerb nie oder viel später stattfindet. Und so betrachtet befällt mich nun jeden Tag am frühen Nachmittag die Panik, dass ich meine Erwerbsarbeit noch nicht geleistet habe. Dies führt in den meisten Fällen dazu, dass ich mich akut hinlegen muss und etwa zwei Stunden schlafe, so sehr erschöpft mich das schlechte Gewissen. Und dann arbeite ich in der Nacht. Das ist nicht neu, das läuft zu Hause auch so.

Heute aber wird lediglich das Hündlein von der akuten Müdigkeit überwältigt, ich selbst kümmere mich um zwei Ladungen Wäsche und checke den Wetterbericht, sieht nicht rosig aus. Also lieber alles zusammenpacken für morgen. Warum? Nun, auch das ist rasch geklärt. Ich möchte sehr gerne die Dunes de Biville besuchen, eine einzigartige Dünenlandschaft am äußersten Zipfel der Normandie. Wenn man den Wetterbericht halbwegs ernst nimmt, könnte sich morgen und übermorgen ein Zeitfenster ergeben, in dem das Wandern in der Düne möglich ist. Darum also morgen Abreise und Hoffnung. Ich packe alles regenfest und das macht sich bezahlt.

24. September

Ich wache auf, als die wackere Bäckersfrau hupend ihre Runden dreht. Nun aber schnell. Nachdem es wie prognostiziert regnet, wird das nix mit Kaffee für mich. Zur Erklärung: Ich habe hier einen Platz ohne Strom genommen. Sprich, alles was mit normalem Strom funktioniert, macht meine Solarbatterie. Alles, was viel Spannung braucht, wie ein Wasserkocher, ist nicht möglich. Und mit dem Gaskocher bei Regen Wasser kochen, nö. Also kein Kaffee. Dafür aber ein Pain ou chocolat, damit der Zucker stimmt, gleich in der Früh.

Wir fahren los und irgendwo bekomme ich meinen ersten Kaffee, irgendwo zwischen Straße, Nieselregen und Erschöpfung. Der Kaffee ist der beste der vergangenen 15 Jahre und ich habe danach das Gefühl, alles zu schaffen. So soll Kaffee sein. Ein Hauch der Hoffnung in den Wirren der Zeit. Mit meiner üblichen Routenplanung – also Eckpunkte der Route auf einem Einkaufszettel am Dashbord – komme ich fast genau dorthin, wohin ich wollte, nach Siouville an der Dunes de Biville. Ganz gegen Ende, als die Navigation sehr genau zu werden droht, begehe ich aber wieder den Fehler und übergebe an die Navigationstante. Die führt mich fein voran, irgendwann sagt sie nichts mehr. Ich denke mir, naja, wenn sie nix sagt, dann immer gradeaus, bis ich in Cherbourg bin, das ist zwar nicht ganz falsch, aber definitiv falsch. Ich schaue auf die Routentante, die zeigt einen blinkenden Punkt auf einer blauen Linie. Das bedeutet doch wohl, dass ich noch richtig bin?

Ich glaube der Routentante, bis ich im Städtchen Cherbourg-Octeville ankomme und das ist definitiv falsch. Oh, sie macht mich noch verrückt. Ich suche einen Parkplatz, nehme das Ding genau unter die Lupe und sehe, dass sie das Netz verloren hat und ich im Irrflug irgendwelchen virtuellen Erinnerungsfragmenten an eine richtige Route gefolgt bin. Wie im wirklichen Leben, murmle ich. Mann, sind wir schon wieder falsch, nörgelt Carissima. Ja, sage ich, es ist wirklich auf niemanden mehr Verlass. Wir beginnen zu kichern, ein eindeutiges Zeichen guter Erschöpfung, und ich ziehe meine Karte zu Rat. Eine weitere Stunde später kommen wir am Camping Municipal in Siouville-Hague an. Dieser städtische Campingplatz wird gerade umgebaut, es ist Nachsaison und es hat gerade geregnet wie aus Kübeln, all das zusammen lässt den Platz etwas trist wirken. Immerhin gibt es flächendeckend WIFI und ich buche uns für zwei Tage in. Die Wettervorhersage für morgen ist gleich schlecht wie für heute und so nutze ich das Regenfenster, um die berühmte Dunes de Biville zu erkunden, der Wanderweg startet genau hinterm Campingplatz.

Über eine kleine Brücke kommt man in einen Zauberwald voller Brombeeren und Farn, dann hinaus in die weite Dünenlandschaft. Wanda rennt los, zieht weite Kreise, jagt Blätter im Wind und ich merke, es gefällt ihr. Das ist genau die Landschaft, die sie mag, kurzes, steppenartiges Gras und kein Zaun, keine Straße, nichts, was uns aufhält. Hinter dem letzten Dünenkamm der Strand, endloser Sandstrand, der Wind kachelt vom Meer heran und der Sand fliegt. Irgendwann mag Wanda nicht mehr und ich muss sie tragen, vorbei an der Surfschule und ins Dorfzentrum. Und hier ist wirklich Nachsaison, es hat nämlich genau gar nichts mehr auf. Dabei war ich für heute wirklich gut gewappnet, sprich, ich habe mein Geld nicht im Auto vergessen und hätte mir gemütlich ein Bier kaufen können, aber es gibt nichts, nicht einmal ein Lebensmittelgeschäft. Also zurück auf den Platz. Kochen klappt nicht wirklich bei diesem Wind, aber eine Packerlsuppe geht sich aus. Wenn morgen das Wetter passt, können wir nochmal in die Düne.

25. September, Tag 29

Das mit dem Arbeiten haut im Moment nicht gut hin. Das schlechte Gewissen erdrückt mich fast, die Buchhaltung wartet wie ein schreckliches Monster am Schreibtisch und ich sollte noch ein Angebot und eine Rechnung schicken. Ich kann nicht. „Du sollst doch üben, dass Tätigkeiten gleich-wertig sind, sie neutral betrachten“, meint Carissima. „Hörst Du jetzt neuerdings meine Skype Gespräche ab“, frage ich. „Hej, Du hast doch hier telefoniert“, sagt sie, „genau hier am Schreibtisch!“. Achso. „Also, Du bist echt nicht auszuhalten am Quartalsende“, schnappt Carissima. Ja, das Quartalsende. Jetzt muss ich dann alle Rechnungen kontrollieren, ob die auch ein- oder ausgegangen sind und das vermerken und dann meiner Buchhalterin schicken. Oh, wie es mich anstrengt. Buddhistischer Gleichmut weit weg. Immerhin schaffe ich es, dem besten aller Mechaniker eine Nachricht zu schicken und ihm meine neuesten Erkenntnisse bezüglich Austritt am Kupplungsgeberzylinder zu schildern. Der antwortet auch prompt, dass das tatsächlich kein Grund zur Sorge sei, der Brite aber doch nicht ganz recht gehabt hätte, weil das zwei verschiedene Kreisläufe seien, aber zur Sicherheit kontrollieren würde ja nicht schaden. Ich bin beruhigt. Was würde ich ohne ihn tun.

So, uns jetzt ab in die Landschaft.

Dann die Routenplanung für morgen. Ich schreibe wieder Eckdaten auf einen Einkaufszettel. Die letzte Etappe, das waren 250 Kilometer, hauptsächlich kleine Straßen. Diesmal sollen es knapp 340 Kilometer sein, die erste Hälfte kleine Straßen, dann auf der Rue National. Ich notiere auf meinem Zettelchen, dass wir auf der ersten Hälfte einkaufen und tanken müssen. Wenn ich so wie sonst immer um halb acht aufwache, ist das alles ganz easy. Nachdem die Wetterprognose eher trist aussieht, verpacke ich schon mal alles so, dass ich am Morgen nichts mehr zu tun habe.

PS. Wusstet Ihr eigentlich, dass Google Maps genau zehn Posten zulässt? Mit Openstreetmap kann man das nicht machen, obwohl mir das sonst viel lieber ist. Darum hier an dieser Stelle unsere Route bis hierher. Weil von hierher geht es dann weiter 😉

26. September, Tag 30

Ich wache aus einem Alptraum auf. Es war eine Mischung aus Carissima wird gestohlen, ich gewinne im Lotto und viel Wasser. Das Hündlein hat sich an die möglichst weit von mir entfernte Ecke des Bettes gekuschelt, ich schwitze, habe Fieber und Ohrenschmerzen. Zum Glück habe ich gestern noch eine Thermoskanne voll Tee gemacht, denn in weiser Voraussicht auf den Regen habe ich auch die Kabeltrommel schon verpackt und ohne Landstrom gibt es keinen Wasserkocher. Der bringt ja erfahrungsgemäß nur, dass die Sicherung fliegt, wenn ich ihn am Solarstrom anhänge. Also gibt es Tee. Draußen regnet es aus Kübeln. Die Sorte Regen, die waagrecht daher kommt, sodass man sich nirgendwo unterstellen kann. Mein Besuch im 20 Meter entfernten Bad endet also im „ich bin nass bis auf die Knochen“ und noch mehr Ohrenschmerzen. Wahrscheinlich ist es das Beste, wir fahren einfach los, denke ich, setze das Hündlein kurz in die Wiese, um ihm ein kleines Geschäft abzuringen und los geht’s. Es ist halb elf! Die Rezeption ist nicht besetzt und ich kann meinen Schrankenöffner nicht abgeben. So ein Mist. Also stecke ich das Ding in ein Sackerl und befestige es an der Tür zur Rezeption, ein Vorgang, bei dem ich wieder nass werde. Langsam ist’s mir wurscht.

In der nächsten Ortschaft finde ich einen Supermarkt und eine Tankstelle – ja, richtig, der Regen kommt immer noch waagrecht, was mir beim Tankvorgang den nächsten Guss beschert. Es ist, als wären wir auf der Insel. Ich schalte die Heizung voll ein, um die Scheiben wieder frei zu kriegen und es dauert knapp 50 Kilometer, dann ist auch meine Jeans wieder trocken. Die Gegend hier erinnert wirklich sehr an Großbritannien. Backsteinhäuschen, kleine Vorgärten, grüne Hecken. Und Regen, Regen, Regen. Nur die Namen verraten, dass wir in Frankreich sind. Coutances, Avranches, Dole de Bretagne, dann auf die Rue National. Meine Ohrenschmerzen werden besser, der Tee ist aus, im Auto hat es locker 40 Grad und ich merke, dass ich heute noch keinen Kaffee hatte. Aufgrund meines geschwächten Zustandes brauche ich aber eine weitere Stunde, bis ich irgendwo halten kann. Es ist ein McDonalds an der Rue National. Der Kaffee ist zu bitter.

Ich merke in letzter Zeit, dass ich richtig heikel werde. Das Bier darf nicht zu warm sein, der Wein nicht zu kalt, der Kaffee nicht zu heiß und nicht zu bitter, alles in allem sollen es aber intensive Geschmäcker sein, denn ich rieche ja kaum etwas und da ist Schmecken umso wichtiger. Müde bin ich. Für heute habe ich zwei Routenvarianten angelegt. An sich möchte ich nach Perros-Guirec kommen, dort, wo die rosa Küste ist. Also Granitsteine, die rosa sind. Rosa sind sie deshalb, weil vor etwa 300.000 Jahren an dieser Stelle Magma aus der Erde kam, das sehr langsam abkühlte und diese besonderen Steine entwickelte. Meine Lösung, falls ich zu k.o. bin, wäre ein Stopp in St. Malo, einem Küstenort mit einem Campingplatz, dessen Restaurant sehr empfohlen wird. Als ich aber auf Höhe von St. Malo bin und es immer noch aus Kübeln gießt, sehe ich keinen Sinn darin, hier Halt zu machen.

Die Rue National führt mich vorbei an Hotels und Motels und Gaststätten mit Zimmern und ich denke mir, wie schön, sich da jetzt einfach hinzulegen und zu schlafen. Aber der Campingplatz in Perros-Guirec schließt am 30. September und wenn ich diese Natur dort erkunden will, dann brauche ich einige Tage… „Du machst es Dir echt nicht einfach“, reißt mich Carissima aus meinen Gedanken. „Einfach soll’s auch noch sein“, erwidere ich schläfrig. „Hej, könntest Du wach bleiben“, motzt sie, „ das ist ja gefährlich!“. „Gefährlich ist, wenn man Fremden vertraut“, sage ich. „Na, Du bist heute drauf“, meint mein Auto, „das ist ja richtig übel“. Stimmt. Ja, wenn man nicht ganz fit ist, ist man übel. Ich reiße mich also am Riemen und denke an wohlschmeckenden Kaffee. Den, den ich irgendwo auf den über 1500 Kilometern hinter mir in einer Tankstelle gekauft habe. Ein doppelter Espresso, genau richtig bitter, genau richtig heiß, genau richtig stark. Ein Kaffee, an den man Tage später noch denkt. Mit diesen Gedanken halte ich eine weitere Stunde durch. Lannion ist bereits angeschrieben. Und plötzlich hört es auf zu regnen. Über vier Stunden sind wir nun im Regen gefahren und plötzlich reißen die Wolken auf, blauer Himmel zwinkert dort und da durch. Ich finde perfekt nach Perros-Guirec und nachdem der Campingplatz gleich neben dem Casino ist, ist auch der einfach zu finden. Denn ein Casino leistet sich eine wesentlich bessere Beschilderung als ein Campingplatz. Kaum angekommen, bin ich mit allem versöhnt. Der Tatsache, dass ich verschwitzt bin, müde bin und einen ganzen Tag lang in meinen Gedanken herumgesponnen habe, der Tatsache, dass es im Auto immer noch ein wenig feuchtelt, alles ist gut, denn hier ist es paradiesisch. Die Vegetation ist südländisch, Palmen, Feigenbäume und blühende Hecken wachsen zwischen Kastanienbäumen und Eichen. Der Mann an der Rezeption ist unglaublich freundlich und erklärt mir alles, inklusive Wanderung zu den rosa Klippen. Ich bin seelig. Die Ohrenschmerzen sind weg.

Der Abend ist unbeschreiblich. Am Platz ist es dunkel und trotzdem vertraut. Ich sitze hier mit offener Tür, draußen einfach die dunkle Nacht, die frische Luft und ein wenig der Geruch nach Meer und Wind.

27. bis 29. September, Tag 31 bis 33

Das hier ist ein richtig mondäner Küstenort. War es zumindest mal. Es gibt hier wie gesagt das Casino, die klassischen Restaurants und Bars am Meer, das „Grand Hotel“, dass seine besten Zeiten hinter sich hat und nun umgebaut wird, den Sandstrand, die Surfschule und natürlich die Promenade. Und von hier aus startet auch der „Zöllnerweg“, eine fast zehn Kilometer lange Wanderung zu den rosa Klippen, nach Ploumanac’h (genau, das klingt keltisch, ist es auch) und wieder zurück.

Was soll ich sagen – es ist einfach beeindruckend.

Ich habe wieder das Rucksäcklein gepackt, Wasser für Wanda und mich, ein Sandwich und natürlich Leckerlis für Wanda. Die genießt den Weg, auf dem kaum jemand unterwegs ist, kein Wunder, wir sind früh gestartet. Nachdem die Wetterprognose ab heute Nachmittag wieder Regen verspricht, habe ich auf ein ausführliches Frühstück verzichtet und bin gleich nach dem Aufwachen losgestartet. Das Hündlein fand das erst not amusing, weil der Rasen noch nass vom nächtlichen Regen war, doch jetzt in der Sonne läuft sie fröhlich dahin.

Nach etwa eineinhalb Stunden Wanderung ändert sich das Wetter akut, es zieht zu und der Wind wird stark, Wanda mag nicht mehr. Also kommt Wanda in den Rucksack und wird nebst Kameraausrüstung und unangetasteter Jause getragen. Alles egal – es ist wunderschön.

Wie üblich entdecke ich ungefähr 15 Häuser „die ich mir kaufen würde, wenn ich im Lotto gewinnen würde“ und ich muss prompt wieder an meinen Alptraum denken. Sollte ich vielleicht Lotto spielen???

Entgegen der Wetterprognose beginnt es nicht um 15.00 Uhr zu regnen, sondern pünktlich zu Mittag. Ich renne also unter einen Baum und warte den kleinen Guss ab. Dann gehen wir weiter in den Skulpturenpark von Ploumanac’h. Das Wetter ist wirklich schräg hier, plötzlich knallt wieder die Sonne herunter, der Himmel ist blitzblau, wo es doch vor drei Sekunden noch richtig geregnet hat. Und zehn Minuten später erwischt uns der nächste Guss. Ich habe gerade noch Zeit, Wanda in meine Jacke zu stecken und wusch bin ich auch schon waschelnass. Zum Glück ist es zurück zum Platz nur noch eine halbe Stunde und genau, bis dahin scheint auch wieder die Sonne.

Es ist Abend und der Wind frischt wieder auf. Die Bäume biegen sich und Äpfel und Kastanien fallen auf die kleinen Ferienhäuschen, die auf dem Platz verteilt stehen. Wenn eine Kastanie auf das Dach einer dieser kleinen Hütten fällt, hört es sich an, als würde drinnen jemand randalieren. Fünfzehn randalierende Häuschen umgeben uns.

„Sag mal, was denkst Du eigentlich immer so, wenn wir fahren“, fragt Carissima. „Hm“, sage ich, „wenn ich nicht grad durchdrehe, weil die Navigationstante Unsinn treibt?“. „Genau“, prustet sie los und wir müssen erst mal lachen. Ein Bier und viel Gebruste später sage ich „Meistens denke ich mir Geschichten aus“. „Welche?“. „Na, irgendwelche Geschichten“. „Erzähl doch eine“, beharrt Carissima. „Ok“, sage ich. „Also stell Dir vor, ein Ort in der Nachsaison“. „Welcher Ort?“. „Völlig egal“. „Aber ich kann mir das nicht vorstellen“, sagt Carissima.

Ok, also, ein Ort in der Nachsaison. Der Ort liegt am Meer. Es ist ein kleiner Ort, der seine besten Jahre in Sachen Tourismus hinter sich hat, es gibt immer noch diesen Flair der 1960er, eine Strandpromenade, Restaurants am Kai, aber es gibt hier nicht diesen Ibiza- oder Mallorca-Rummel. An der Stranpromenade gibt es ein Restuarant, das beste am Platz, mit einer sehr schicken Bar und einem Gastgarten. Der Gastgarten ist ganz in dunkelgrau und weiß gehalten, sehr edel, dazu Holztische. Der Garten wurde später angelegt, lange nach dem Bau des Restaurants, eine graue Holzwand mit Fenstern darin schützt vor dem starken Wind, der allabendlich vom Meer her weht. Der Garten ist nicht überdacht, die Wand mit den Fenstern ist lediglich dazu da, dass die Gäste aufs Meer schauen können und trotzdem windgeschützt sind. Nach dem letzten Tisch, bevor man das Restaurant betritt, steht eine riesige, uralte Palme. Die war schon da, bevor das Restaurant gebaut wurde. Man hat also das Restaurant neben die Plame gebaut und den Garten dann drumherum. Der Palme tut das gut, so windgeschützt zu stehen, nach all den Jahren im prallen Wind. Jeden Abend pünktlich um viertel nach sieben kommt der Dichter, so nennt ihn das Personal. Seit Jahren kommt er um diese Uhrzeit, setzt sich an den Tisch bei der Palme und bestellt ein kleines Bier. An dem nuckelt er dann fast eineinhalb Stunden, macht sich Notizen in ein kleines, gebundenes Buch und starrt aufs Meer hinaus. Sein Blick ist wehmütig, trist, verloren, seine Stirn in Sorgenfalten. Wie er da so sitzt, meist der erste Gast vor dem großen Abendgeschäft, mit seinem tieftraurigen, leeren Blick und hinausstarrt auf das Meer, vermittelt er die Schwere des Lebens an sich.

Niemand, der diesen Blick erhascht, betritt das Restaurant. Nachdem man in Restaurants dieser Kategorie zu höflich ist, um einen Gast schlecht zu behandeln, nur um ihn loszuwerden, hat sich die Belegschaft ein sonderliches Ritual einfallen lassen. Wenn das Restaurant um diese Zeit bereits gut besucht ist, weil es stürmt und wettert und der Dichter der einzige Mensch im Gastgarten ist, lässt man ihn dort sitzen. So vermeidet man, dass eine lange Schlange an potenziellen Kunden bis auf die Straße hinaus anwächst und einen Betrieb verspricht, den man kaum bewältigen kann. Wenn jedoch die Geschäfte nicht gut laufen und um die besagte Uhrzeit kaum ein Gast im Restaurant ist, bittet man den Dichter auf einen Platz im Restaurant, an einem Fenster, das von einer Zimmerpflanze fast zugewuchert ist, und lädt ihn zu Essen und Wein ein. Man versucht, ihn so lange beschäftigt zu halten, bis das Abendgeschäft läuft. Anfangs wusste der Dichter nicht, wie ihm geschah, versuchte auf vielfältige Weise klarzumachen, dass seine finanziellen Ressourcen für das Speisen im Restaurant nicht reichen würde, doch nach und nach gewöhnte sich der Mann daran. Er war nicht von hier, der Sprache kaum mächtig und verstand nicht, warum ihm an manchen Tagen das Glück zuteil wurde, mehrere Gänge köstlicher Speisen in einem gut beheizten Raum einnehmen zu können. An anderen Tagen wiederum saß er draußen am Fenster, trank langsam sein Bier, bezahlte und ging.

„Und weiter?“, schnauft Carissima vor Spannung. „Hm, weiter“, sage ich, „da gibt es viele Möglichkeiten“. „Wie jetzt, die Geschichte ist nicht fertig gedacht!“, kreischt sie. „Nein“, sage ich, „keine meiner Fahrgeschichten ist fertig gedacht. Es gibt tausende davon.“ „Aber Du musst doch eine Idee haben!“. „Naja… also eine Möglichkeit wäre, dass der einsame Dichter mit dem traurigen Blick im Restaurant eine Frau kennenlernt, die naturgemäß nicht ganz seiner Liga entspricht“, sage ich, „denn es ist ein sehr teures Restaurant. Die Dame weiß natürlich nicht, dass sie es mit einem verarmten Dichter zu tun hat, wenn er hier so regelmäßig tafelt. Oder der Dichter wird verwechselt, weil ein Geheimagent einer Nation, die wir hier nicht nennen wollen, in diesem Restaurant einen Handel abschließen musste, sein Partner aber nicht erschien und er dachte, dass dieser Mann mit dem traurigen Blick jender sei, dem er die Geheimpapiere anvertrauen müsse. Oder aber, es stellt sich nach einem halben Jahr heraus, dass der Kellner sich in den Dichter verliebt hat und die Geschichte mit ‚es ist weniger Geschäft, wenn der am Fenster sitzt‘ nur erfunden hat, weil er in der Nähe des Dichters sein wollte. Oder“. „Stop“, kreischt Carissima, „das kannst Du doch nicht machen!!!!!! Du musst die Geschichte zu Ende erzählen!“ „Kann ich nicht“, sage ich, „das ist ja mein Problem.“

Nach der Geschichte mit dem verarmten Dichter bekomme ich richtig Lust, endlich mal was essen zu gehen und entscheide mich für eine Pizzeria „in der zweiten Reihe“. Also nicht am Strand. Dort nämlich kostet die Pizza Margherita 16 Euro. Ich bin nun an sich ein großzügiger Mensch, doch es gibt Grenzen. Also zweite Reihe. Pizza Margherita sieht hier anders aus als daheim! Knuspriger, dünner Teig, frische Zutaten, frische Basilikumblättchen und ein richtig gutes Olivenöl auf echtem Mozzarella, nicht Industriekäse. Ich kann mein Glück kaum fassen.

Tag 34, 30. September

Und dann, so schnell kann ich nicht schauen, ist es Montag geworden und der Campingplatz sperrt zu. Ich bin tatsächlich, weil wieder einmal verschlafen, um halb zwölf Uhr Mittag der letzte Camper, der diesen Platz verlässt. Das findet der Mann an der Rezeption, der in den vergangenen Tagen schon fleißig beim Saisonabschluss war, richtig lustig und verrechnet mir dann pro Nacht nur 12 Euro. Für einen Platz mit richtig heißen Duschen, gleich am Strand, mitten in der Stadt und trotzdem total ruhig, ist das eine Sensation. Vielleicht war es aber auch der „letzte Camper“ Preis.  

Jetzt wird es dann ein wenig schwieriger mit den Campingplätzen. Die meisten an der Atlantikküste machen zwischen 20. und 30. September zu. Ich plane grob, mit verschiedenen Tools, von meinem ACSI Buch bis hin zu privaten Websites mit Empfehlungen. Zur Not bin ich ja auch noch bei France Passion und kann bei verschiedenen Weinbauern übernachten. Für heute aber habe ich schon was ausgesucht, einen Platz in der Nähe des Städtchens Huelgoat, das am berühmten Wald von Huelgoat liegt, in dem es Elfen, Feen und andere Wesen gibt. Und sehr besondere Findelsteine in verschiedensten Formationen. Es sind nur knapp 80 Kilometer zu fahren, bis Nachmittag beginnt es, wie aus Kübeln zu schütten, es ist aber sonderbar warm. Der Regen ist fein wie Elfenstaub, nass wird man trotzdem.

Der Campingplatz liegt mitten im Wald und die Dame an der Rezeption erklärt mir, wie man hier zu den beliebtesten Stellen kommt, einem Wackelstein, der grade mal zehn Tonnen wiegt, einem Stein, der aussieht wie ein überdimensionales Schwammerl und vieles mehr. Ich freue mich total und arbeite im Auto, bis es endlich zu regnen aufhört. Gegen halb sechs ist es dann so weit und wir brechen auf. Nach etwa einer halben Stunde merke ich, dass die Karte, die mir die Dame gegeben hat, ziemlicher Schrott ist. Die Distanzen sind nicht korrekt eingezeichnet, sodass eine Navigation oder die Wahrnehmung, wie weit es noch ungefähr bis hierhin oder dahin ist, fast unmöglich wird. Dennoch schaffen wir es zum „Meer der Elfen“, zum großen Wasserfall und zum Aussichtspunkt.

Dann folge ich dem Weg weiter, der eine leichte Linkskurve macht und uns dann zum Ausgangspunkt zurückbringen soll. Ich finde, es ist für heute genug, denn mittlerweile ist es halb sieben und in einer Stunde wird es dunkel. Und dann ist der Weg plötzlich gesperrt, ein kleines Umleitungsschild führt in den Wald. Auf dem kleinen Ersatzweg gibt es keine Markierungen mehr. Und langsam sinkt dichter Nebel über den Wald. Es wird sieben und ich habe keine Ahnung mehr, wo ich bin. Wanda ist seit einer halben Stunde schmähstad und geht Nase an Ferse hinter mir, das macht sie sonst nie. Langsam beginnt es zu dämmern, immer noch keine Markierungen, kein Telefonempfang und keine Schilder. Ich könnte heulen. Dass hier auch noch die Anderswelt ganz nah sein soll, macht die Sache nicht besser.

Irgendwann, mir ist bereits zum Heulen, komme ich zu einer kaputten Brücke, die direkt am Wasserfall liegt. Wir sind über eine Stunde IM KREIS gegangen! Ich bin trotzdem erleichtert, schnappe Wanda und hebe sie über die etwa einen Meter breite Lücke, in der die Querbalken fehlen, dann gehe ich selbst rüber. Das Ding hält, ich bin begeistert. Wir kommen tatsächlich mit dem letzten Tageslicht am Campingplatz an, Wanda bekommt ein warmes Bad und ich eine heiße Dusche und ich beschließe, morgen Wäsche zu waschen, denn alles, was ich anhabe, ist nebelfeucht und durchgeschwitzt gleichermaßen.

Und hier geht es weiter!