Oktober

Tag 35, 1. Oktober 2019

Mich lässt die Tatsache nicht los, dass ich mich gestern so verlaufen habe. Es regnet wieder mal und ich sitze und arbeite, habe mir aber vorgenommen, mir diesen Wald noch einmal vorzuknöpfen, und zwar bei ausreichend Tageslicht. Am frühen Nachmittag hört es auf zu regnen, die Sonne kommt heraus und ich mache mich auf den Weg. Anderes Schuhwerk als Gummistiefel haut heute nicht hin, aber ich habe mir vorgenommen, akribisch genau auf die Wegweiser zu achten und dann dürfte die Runde, die ich vorhabe, zwei Stunden nicht überschreiten.

Ich halte mich also an die Wegmarkierungen, keine Experimente, nehme dazu auch die windige Karte zu Rate, wandere durch den sonnendurchfluteten Wald, wundere mich, warum ich irgendwann nur noch Fichten sehe. Das unterscheidet sich gravierend von dem Zauberwald, der sich ja durch sehr alten Baumbestand auszeichnet. Mir schwant Übles, ich gehe aber tapfer weiter. Denn jetzt Umdrehen, ist richtig sinnlos, immerhin bin ich schon knapp zwei Stunden unterwegs und noch an keiner einzigen Stätte angekommen, die ich besuchen wollte.

Irgendwann dann eine Pferdekoppel, ein paar Häuser, eine Straße. Oh nein. Wo bin ich hier gelandet. Bevor ich in die Verzweiflung kippe und mir vorstelle, wie ich bei irgendeinem Haus klingle und in gebrochenem Französisch nachfrage, wo ich bitte bin, fällt mir ein, dass die Routentante doch hier funktionieren müsste, wir sind ja nicht mehr im Wald. Als ich sie aktiviert habe, könnte ich losschreien. Ich bin, wie auch immer, im Wald an dem Städtchen Huelgoat vorbeigegangen und nun vor der Stadt. Zum Campingplatz sind es noch sechs Kilometer, der Hauptstraße entlang. Und da gehe ich nun, mit meinen Gummistiefeln, Wanda in die Jacke gesteckt, denn die hat längst w.o. gegeben und denke darüber nach, warum mich dieser Wald nicht haben will.

Ich komme zu keinem vernünftigen Ergebnis, finde aber nach der Stadt einen kleinen Weg und muss zumindest nicht die ganze Strecke auf Asphalt gehen. Und der Weg führt mich, richtig. Wieder zum Wasserfall. Bei dem bin ich nun das dritte Mal. Wanda freut sich, sie kennt den Weg, will raus aus der Jacke und läuft zielsicher vor mir her bis zum Campingplatz. Mir reicht’s. Morgen fahre ich weiter in den Süden. Die Steine darf dann wer anderer besichtigen.

Tag 36 bis 38

Eine Reiseroute nach dem Wetter zu bestimmen kommt in meinem Leben selten vor. Doch nun bin ich soweit. Es reicht. Mit Unterstützung dreier Wettermodelle komme ich also mit mir überein, dass alles oberhalb von La Rochelle Blödsinn ist, weil es auch hier jeden Tag mindestens einmal regnet. Nun ist es ja so, dass es irgendwann regnen muss und die Erde hier hat es auch dringend nötig. Das Problem ist nur, dass dann irgendwann der Platz im Auto richtig wenig wird. Wenn es nicht regnet, zumindest zwei, drei Tage nicht, dann kann ich Tisch und Stühle nach draußen räumen, darußen kochen, draußen arbeiten. In den vergangenen knapp 40 Tagen war das draußen arbeiten dreimal möglich. Das ist zu wenig.

Also nehmen wir uns heute eine Route von etwa 400 Kilometern vor, was nicht viel klingt, in Anbetracht unseres Durchschnittstempos von 80 km/h auf Fernstraßen doch relativ lang ist. Außerdem heißt es zu Tagesbeginn wieder Tanken und Einkaufen, auch das braucht seine Zeit. Das Hündlein will nicht raus, es ist zu nass, also werden wir unterwegs stehen bleiben müssen. Am Platz lerne ich ein Paar aus Graz kennen, sie sind das erste Mal mit dem Wohnmobil unterwegs, wollen testen, ob ihnen das gefällt. Die Steine haben sie nach Angaben auf der Karte auch nicht gefunden, die waren ganz woanders. Wir verplaudern uns ein wenig, ich krame daneben meine Sachen zusammen und eine Sekunde nachdem ich fertig eingepackt habe, beginnt es wieder mal aus Kübeln zu schütten. Und es regnet und regnet und regnet. Ich höre neue Geräusche von Carissima, die ich nicht zuordnen kann und mir kommt vor, dass das Kupplungspedal surrt, wenn ich draufsteige. Ich habe heute wieder meine Einkaufszettelchen zur Navigation geschrieben und uns zwei weitere Stopps herausgesucht, falls es früher zu regnen aufhört oder irgendwo besonders schön ist. Ist es aber nicht, von dem abgesehen, dass man durch die Regenschleier ohnehin kaum etwas von der Landschaft sieht. Es wird schon später Nachmittag, als am Horizont ein blauer Streifen zu erkennen ist. Das Meer. Und darüber einige blaue Löcher im wolkennnassen Himmel.

Wir sind in einem kleinen Dorf nach La Rochelle in Richtung Süden und ich sollte mal wieder arbeiten. Also beschließe ich, hier drei Nächte zu bleiben, obwohl die Umgebung nicht sehr reizvoll ist. Das Meer ist nah, das schon, aber es ist für Wanda nicht so toll zum Spazieren, weil der Wind in Windstärke sechs bis sieben übers Meer daherfegt und sie dann immer Sand in die Augen bekommt. Und was bringt der Wind? Eh klar. Aber ich wollte ja ohnehin arbeiten…

Und auch das klappt nicht. Ich schiebe die Buchhaltung vor mir her, das Schreiben von Rechnungen, das Schreiben von irgendwas. Dafür stelle ich zwei Astro Kochsendungen fertig, mehr recht als schlecht, denn wie gesagt das Wetter… und der Wind. Als ich am dritten Tag aufwache und feststelle, dass dieses Hierbleiben arbeitstechnisch null gebracht hat, könnte ich heulen, als ich dann Carissimas Schiebetür zumache und ein hässliches Knarzen höre, heule ich wirklich. „Aber das ist doch nur Sand“, versucht sie mich zu beruhigen. „Genau“, schreie ich, „und dieser Sand ist überall dort, wo er nicht hingehört und nun ruiniert er auch noch die Schiebetür und überhaupt geht alles schief und ich will endlich heim!“. Moment mal. „Heim“ gibt es nicht. Denn ich habe ja noch keine Wohnung „zu Hause“. Die plötzliche Erkenntnis dieser Tatsache führt dazu, dass ich nur noch schluchze. Der Blues sitzt draußen an einen Baum gelehnt und dreht sich eine Zigarette. „Jetzt sitzt Du auch noch im Sand herum und bringst den dann mit ins Auto“, kreische ich völlig hysterisch. „Als wäre das Dein größtes Problem“, antwortet der Blues seelenruhig und spuckt auf den Boden. Dann steht er auf, klopft sich lässig den Sand aus der Jeans und legt sich auf das frisch gemachte Bett. „Du Arsch“, schreie ich und beginne, mit Besteck herumzuwerfen. Mit dem noch nicht abgewaschenen wohlgemerkt. Das klebt noch vom gestrigen Abendessen und vom Frühstück und nun macht der Sand eine schöne Kruste darauf. Wie Wiener Schnitzel in Messer-, Gabel- und Löffelform.

„Jetzt versuch doch mal, realistisch zu sein“, versucht Carissima erneut, mich zu beruhigen. Wir sind knapp 2.000 Kilometer auf dem Weg und alles ist gut!“. „NICHTS ist gut“, heule ich, „ich höre Motorengeräusche, die da nicht hingehören, Du riechst nach Benzin und sonstwas, wo es nicht sein soll, der Motor klopft in der Früh und überhaupt, ICH MAG NICHT MEHR!!!“ „Aber so ist das nun auch wieder nicht“, insistiert Carissima, „immerhin fahre ich noch. Und das Hündlein ist auch gesund.“ „Das Hündlein“, schluchze ich erneut und donnere ein Schneidbrett in die angrenzende Hecke. Der Blues liegt auf dem Bett, hält sich die Ohren zu und schreit im Dauerton „Weiber!!! Weiber!!!“ und das Hündlein reckt nun sein Köpfchen gen Himmel und heult wie ein richtiger Wolf. Es ist ein Tollhaus. Schluss, aus, wir müssen weg hier. Bad vibrations. Oder was auch immer.

Ich donnere all die Dinge, die noch herumliegen, inklusive Wiener Schnitzel Besteck und Schneidbrett voll Erde, auf den spärlichen freien Platz im Auto und fahre los. 50 Kilometer weiter südlich habe ich mich ein wenig beruhigt und fahre auf den Parkplatz einer Boulangerie. Im Laden duftet es nach Kaffee und frischem Brot. Es ist eine klassische Boulangerie, man kann vom Verkaufsraum aus in die Backstube sehen, wo zwei Bäcker und eine Konditorin damit beschäftigt sind, frische Baguettes aus dem Ofen zu holen, duftende Croissants in Körbe zu schichten und Ecclaires zu füllen. Ich nehme einen doppelten Espresso und ein Ecclaire mit Kaffeefüllung zum Mitnehmen. Zurück auf der Straße brauche ich gerade mal drei Bissen und das Ding ist weg. Es war köstlich. Es war so unglaublich köstlich, dass ich auf der Stelle wieder weinen muss.

Tag 39. Dune de Pyla.

Da sind wir nun also an der Düne. Der Dune de Pyla. Ich liebe diesen Ort sehr, war schon einige Mal zum Fliegen hier und natürlich sind auch andere Flieger da. Drei Anfänger stehen an der Klippe und überlegen, ob sie starten sollen. Der Wind kachelt von Nordwest herein und es ist kein Mensch in der Luft. Der junge Mann ist sichtlich bemüht, die Lage zu analysieren und berät sich mit seinen beiden Begleiterinnen. Nun ist es ja so, dass man normalerweise woanders startet, drüben am Dünenkamm, dort ist es etwas geschützter und im schlimmsten Fall wird man vom starken Wind über den Sand geschleift.

Aber hier, auf dem Startplatz des einzigen Campingplatzes, der noch offen hat, sieht die Sache anders aus. Ich mache mir wirklich Sorgen und mische mich in das Gespräch ein. Man möge doch kurz überlegen, warum sonst niemand in der Luft sei, schlage ich vor. Weil einer der erste sein muss, kommt als Antwort, mehr fragend als behauptend und sehr verunsichert. Also, ich warte immer bis acht in der Luft sind, behaupte ich. Echt? Drei Gesichter schauen mich erwartungsvoll an. Naja, zwei komplett Irre, vier, die es denen nachmachen und zwei, die wissen was sie tun, das kann man bei acht Personen in der Luft als Schnitt nehmen. Als ich weggehe, stehen die drei noch lange an der Klippe und ich merke, wie sie zu meiner Achter-Regel tuscheln.

Neben mir am Platz ist ein Paar mit seinem super ausgebauten Lkw. Platz ohne Ende, Kraft ohne Ende. Die beiden sitzen vor dem Auto und spielen Karten. Ich höre, die die Frau sich königlich amüsiert. So lange sie gewinnt. Dann scheint sich das Blatt zu wenden, ein Streit bricht aus, plötzlich ist er an allem schuld, er habe doch gesagt, dass es ein schöner Oktober werden würde und nun diese Wetter und überhaupt… Ich höre immer nur sie. Nach zwanzig Minuten ist der Zirkus vorbei und sie spielen wieder. Bis sie wieder verliert. Nach dem dritten Durchgang nehme ich meinen Sitzpolster vom Campingstuhl, lege ihn auf die Erde, knie nieder und spreche ein langes Gebet. Ich danke der großen Göttin, dass ich Single bin.

Es ist regnerisch und kalt. Und trotzdem habe ich Glück. Bei meiner Ankunft gestern hatte ich einen wunderbaren Sonnenuntergang und auch heute reißt es im Lauf des Tages für einige Stunden auf und wir können im Sand spazieren. Allerdings ist der Wind unglaublich stark und Wanda will nach kurzer Zeit zurück zum Auto. Den Wind am Meer mag sie zunehmend weniger.

Der Blues hat seine Hängematte mitgebracht und sie zwischen zwei Pinien aufgehängt. Er spielt neuerdings Mundharmonika und das nicht einmal schlecht. Nachdem ich gestern nichts Warmes zu essen hatte, weil der Wind zu stark zum Kochen war, versuche ich mich heute an Nudeln mit Kürbis, das sollte einigermaßen flott gehen. Leider wird der Wind immer stärker, der Kürbis nicht ganz durch und das Ganze schmeckt eher mäßig. „Ich geh runter zu den Deutschen und hole mir eine Grillwurst“, sagt der Blues. Wenig später weinen die drei jungen Menschen am Lagerfeuer. Wo der Blues auftaucht, geht es niemandem gut.

Morgen möchte ich weiterfahren. Es reicht jetzt mit nass und kalt und Schlamm im Auto, finde ich. Also habe ich beschlossen, die ganze lange Strecke bis zum „Banderas Reales“, dem Naturpark in Navarra, an einem Tag zu fahren, denn dort soll es übermorgen 30 Grad bekommen. Und das ist einfach besser als 12.

Tag 40. Lange Fahrt.

Heute also wieder einmal eine große Tour. Gleich zu Anfang verfahre ich mich und lasse eine Stunde irgendwo auf einer Landstraße vor Biscarosse liegen. Ich schalte die Routentante ein und schwöre mir, sie heute nur als Anhaltspunkt zu nehmen und mich zu widersetzen, sobald mir etwas komisch vorkommt. Präge mir die Eckpunkte meiner Einkaufszettelroutenplanung ein und es geht weiter. Nach den kleinen Straßen und Sträßchen kommt irgendwann die Rue National, die uns in die Pyrenäen bringen soll. Von jetzt an wird es nicht weniger kurvig, aber die Kreisverkehre werden weniger. Die Stunden liegen vor uns.

„Erzähl‘ weiter von Frank!“, sagt Carissima. „Du meinst den Dichter?“, frage ich. „Ja, genau!“ „Der heißt jetzt also Frank?“, frage ich. „Ja!“, ruft sie. „Hm. Dann muss er wohl Brite sein“, sage ich. Also.

Frank verstand nicht im Ansatz, wieso er an einem düsteren Abend Ende September gebeten würde, den windigen Gastgarten zu verlassen und hinein in die warme Bar zu kommen. Noch weniger verstand er, dass man ihn dort zu einem gedeckten Tisch in einer Ecke führte und er ebenda das köstlichste Abendessen seit sicher 25 Jahren bekam. Frank verstand schon lange genug gar nichts mehr und versuchte darum auch nicht, in seinem gebrochenen Französisch nachzufragen. Er blieb einfach sitzen und tafelte, trank den Wein, den man ihm immer wieder nachschenkte und hoffte, dass er schnell genug laufen würde können, falls ihm jemand eine Rechnung auf den Tisch legte. Das geschah aber nicht. Kurz vor Mitternacht brachte man ihm einen Pastis, erklärte ihm mit vielen Gesten, dass man nun schließen würde und Frank verabschiedete sich.

Am nach Hause Weg, satt, zufrieden und volltrunken, versuchte er dahinterzukommen, was ihm widerfahren war. Sein Zustand führte aber lediglich dazu, dass er mit seinem Hausschlüssel versuchte, die Tür des Nachbarhauses zu öffnen und nach einigen missglückten Versuchen und der Erkenntnis, wo sein Schlüssel denn nun wirklich passte, ins Bett fiel. Den kommenden Tag verbrachte Frank in seinem Haus. Genaugenommen war es kein Haus, sondern eine leicht modifizierte Fischerhütte. Der Fischer, dem sie gehörte, hatte nach einigen Verhandlungen und dem Überreichen eines kleinen Stapels Geldscheine eingewilligt, Frank die Hütte bis Ende Februar zu überlassen. Frank hatte diese Verhandlungen nicht allein geführt. Es war vielmehr der Besitzer des Campingplatzes gewesen, auf dem Frank sich einquartiert hatte und der mit Anfang September in den wohlverdienten Urlaub ging. Frank hatte bereits zweieinhalb Wochen dort verbracht und das Gelände lediglich verlassen, um im nahegelegenen Supermarkt gekühltes Bier zu kaufen. Dem Besitzer des Campingplatzes war der blasse Mann mit dem hilflosen Blick aufgefallen und als der Blick nach der Ankündigung, dass der Campingplatz nun schließen würde, von hilflos auf entsetzt wechselte, hatte er Frank angeboten, ihm zu helfen.

Die kleine Fischerhütte war eine in einer Reihe von Hütten am Ende des Piers. Früher, zur Blütezeit der Fischerei in der kleinen Stadt, hatten hier noch viel mehr dieser Hütten gestanden und waren das ganze Jahr über bewohnt gewesen, von Fischern und ihren Söhnen, die das Fischen von ihnen lernten. In den 1920ern hatte man erkannt, dass die frische Luft hier am Meer den blassen Menschen aus den Großstädten guttat und dass die Fischerei ohnehin ein brotloses Gewerbe war. Die ersten Kurhotels entstanden, allen voran das „Grand Hotel“ direkt am Meer. Vor dem Grand Hotel wurde der Strand erschlossen und ein Kai angelegt. Hübsche Läden siedelten sich an und verdrängten die Fischerhütten bis irgendwann nur noch wenige übrig waren, die man erhalten wollte, um die Geschichte der Stadt zu dokumentieren. In den Hütten wurden nun noch Netze gelagert – oder eben all das, was man bei sich zu Hause nicht haben will. Der Fischer, dem Franks Hütte gehörte, bekam von der Stadt eine kleine Summe, wenn er die Hütte außen erhielt und ein altes Foto zu Dokumentationszwecken anbringen ließ. Das machte er doch gerne, immerhin war er schon lange kein Fischer mehr. Nur wenige Jahre, nachdem er begonnen hatte, mit seinem Vater aufs Meer zu fahren, hatte der Tourismus zu boomen begonnen und er hatte begonnen, Boote zu vermieten. Erst Ruderboote, dann Tretboote, dann Kajaks und nun Surfboards und Standup Paddling Boards. Das Geschäft boomte. Nebenher hatte der Fischer mit seinem Enkel eine Surfschule hochgezogen, die nun hunderte von lernwilligen Jungsurfern anzog, die das Geschäft, das mit dem Niedergang des Frischlufttourismus abhanden gekommen war, locker wett machten. Der Mann schien tatsächlich immer auf einer guten Welle zu surfen.

All das wusste Frank freilich nicht und für den Fortgang seiner eigenen Geschichte war es auch unerheblich, abgesehen von der Tatsache, dass der Fischer einen kleinen Stapel Geldscheine als Miete haben wollte und keinen großen. Frank hatte bezahlt, war damit offiziell pleite, hatte aber ein Dach über dem Kopf. Dieses bestand aus einem kleinen Raum mit Holzofen, einem Bett und einem Tisch, einer Abstellkammer und einem Badezimmer mit einer Toilette und einem Waschbecken.

Frank konnte laut eigenen Angaben nichts außer Schreiben, versuchte aber dennoch, einen Job zu finden, der ihm nun die täglichen Supermarktbesuche zum Erwerb des kühlen Bieres ermöglichten. Leider war Nachsaison. Man benötigte keine Ansichtskartenverkäufer, keine Kellner und keine Surfboardverleiher. Von dem abgesehen war Frank der Sprache nur bruchstückhaft mächtig, was seiner Arbeitssuche nicht zuträglich war.

Doch auch hier kam ihm der Campingplatzbetreiber noch einmal entgegen, bevor er für die kommenden zwei Monate nach Indonesien verschwand. Er würde Frank wöchentlich 140 Euro bezahlen, ja, er habe richtig gehört, jeden Tag 20 Euro, wenn dieser täglich nach seinen Pflanzen sehen würde, in der Wohnung direkt am Campingplatz. Frank fand, dass das rechtschaffen viel Geld war und Pflanzen nicht so viel Zuneigung benötigten, wurde beim Betreten der Wohnung aber eines Besseren belehrt, als er die professionell angelegte Hanfplantage sah, die fast den gesamten ersten Stock des Wohnhauses in Beschlag nahm.

Der Mann erklärte ihm genau, was zu tun war, nahm Frank das Versprechen ab, dass dieser täglich um Punkt 15.00 Uhr hier nach dem Rechten sehen würde, dass er niemanden, wirklich niemandem etwas davon erzählen dürfe, geschweige denn, jemanden hierher mitbringen und dass er mit dem Schlimmsten, ja, mit dem Allerschlimmsten zu rechnen habe, falls den Pflanzen etwas geschehen würde. Frank hatte den Mann müde angeblickt und ihn gefragt, warum er auf ihn gekommen sei. Sein Freund und Partner, erklärte der Mann, habe eine Frau kennengelernt und nun sei ihm nicht mehr zu trauen. Eine sehr kurzfristige, sehr lästige Entscheidung.

„Das ist doch völlig an den Haaren herbeigezogen“, sagt Carissima. „Findest Du?“, frage ich. „Ja, sowieso, das ist doch total blöd“, sagt sie, „würdest Du einen Hanfplantage einem Wildfremden überlassen, mit dem Du noch nicht mal auf ein Bier zusammengesessen bist?“. „Auch wieder wahr“, sage ich. Ich überlege kurz.

Doch auch hier kam ihm der Campingplatzbetreiber noch einmal entgegen, bevor er für die kommenden vier Monate nach Indonesien verschwand. Er vermittelte Frank einen Job als Gärtner in der Villa einer wohlhabenden Urlauberin, die Wert darauf legte, dass Haus und Garten in einem passablen Zustand waren, auch wenn sie nicht vor Ort war und noch viel mehr Wert darauf legte, dass beides in einem hervorragenden Zustand war, wenn sie vor Ort war. Ihr Verschleiß an Gärtnern war legendär und der Ruf im Städtchen nicht ruhmreich. Frank wurde also angewiesen, täglich Laub einzusammeln, Unkraut zu jäten, die Wege zu kehren und die Topfpflanzen zu gießen. Wenn die Dame im Anmarsch sei, würde sie ihn anrufen und dann wolle sie, dass alles in bestem Glanz erstrahle. So wurde es Frank aufgetragen, er bekam ein Bündel Geldscheine in die Hand gedrückt, das nächste gäbe es zu Weihnachten. Außerdem bekam er ein Mobiltelefon, über das er erreichbar sein solle, er möge es bitte nicht zum Telefonieren benutzen, Madame sei da eher heikel. Madame selbst bekam Frank nicht zu Gesicht, nur den Hausverwalter, der für alles andere als den Garten zuständig war.

Frank fand das alles rechtschaffen sonderbar, aber die Zeiten, in denen er genügend Energie gehabt hatte, außer sich zu wundern sonst noch etwas in die Wege zu leiten, waren lange vorbei. Was er aber vielmehr hervorragend fand, war die Summe, die man ihm bis Weihnachten gegeben hatte. Diese reichte nämlich nun für etwas mehr als kaltes Bier aus dem Supermarkt, genossen in einer schlecht heizbaren Fischerhütte. Frank gönnte sich nun täglich nach der Arbeit sein Bier im Gastgarten des besten Hauses am Platz. Er setzte sich an die Fensterwand, schön windgeschützt, und starrte hinaus auf den Kai, um endlich eine Idee zu bekommen. Die kam aber nicht. Und so saß Frank da mit seinem Notizbuch, hoffte auf die Idee und blickte gedankenverloren hinaus auf das Meer, den herbstlichen Himmel und die Touristen, die es in der Nachsaison hierher geschafft hatten und nun am Kai flanierten. Sein Blick war so leer, so hoffnungslos, so unglaublich traurig, dass die Menschen seine Nähe mieden, doch das wusste Frank nicht. Er fühlte sich nur leer.

Die Tage vergingen in einem Guss. Aufstehen. Kaffee trinken. Sich an den Tisch setzen und auf die große Idee warten. Pünktlich um 13.00 Uhr losgehen, um den Dienst im Garten anzutreten. Laub fegen, die letzten verblühten Reste von Büschen und Sträuchern abzupfen, Rasen mähen, Gras säen, gießen. Es war täglich dasselbe und doch jeden Tag anders. Ein Garten ist ein Wesen, das einen übernimmt, das merkte Frank bereits am dritten Tag. Das war der Tag, an dem er zum Abendessen eingeladen wurde. Es hatte Zeiten in Franks Leben gegeben, da wäre er nun neugierig geworden. Warum dieses Abendessen? Er hätte sich auf der Stelle hingesetzt, die Landessprache besser gelernt und wäre dann in einer Woche mit dem perfekten Satz auf den Lippen zurückgekehrt, „Danke für die Einladung, was hat mir die Ehre verschafft?“. Aber diese Zeiten waren lange vorbei. Anders als bei anderen Menschen war es kein dramatisches Erlebnis gewesen, das Frank so leer gemacht hatte. Frank war kein Fan von Dramatik. Es war einfach geschehen. Als hätte das Leben ihn im Laufe der Jahre abgeschliffen und nun war nichts mehr übrig, an dem sich ein dramatischer Lebensfaden verhaken könnte. Als würde er in einer Nussschale auf dem Ozean treiben, wissend, dass jede schnelle Bewegung den sicheren Tod bedeuten kann.

Tags darauf ging Frank wieder in den Gastgarten. Nach dem ersten Bier wurde er wieder nach drinnen gebeten. Ob er einen besonderen Wunsch habe, fragte der Kellner auf Englisch. Ja, meinte Frank, er sei kein Fan von Meerestieren, außer Fisch. Und Fleisch sei eigentlich auch nicht seine Stärke. Frank hoffte, mit diesem Affront gegen die französische Küche eine Klärung der Situation herbeizuführen, doch der Kellner nickte und verschwand. Als Vorspeise bekam Frank eine „Suppe des Waldes“ mit frischen Pilzen und Kräutern, danach gab es eine Quiche mit Birnen und Gorgonzola, dazu einen sehr schmackhaften Salat. Der Hauptgang bestand aus einem Stück gebratenen Fisch, den Frank nicht zuordnen konnte, dazu Kürbispüree und gebratene Kartoffeln mit Rosmarin. Die Nachspeise bestand aus drei Stücken frischen Küchlein mit Schokolade, Nüssen und Karamel und einem starken Espresso. Dazu wieder jede Menge Wein und kurz vor Mitternacht der abschließende Pastis. Frank fragte – in englisch – wie er zu dieser Einladung käme, doch der Kellner betonte in lautem, langsamem Französisch, dass er leider der englischen Sprache nicht mächtig sei. Frank verließ das Restaurant volltrunken wie am Vortag und noch um einiges verwirrter.

Wir überqueren die Pyrenäen, fahren lange Richtung Pamplona, dann weiter Richtung Bardenas Reales. Am Naturpark gibt es nur einen einzigen Campingplatz. Der liegt an einer Schnellstraße und es stinkt nach schlecht geführtem Schweinestall. Irgendwo hier in der Gegend müssen Stallungen sein, in denen arme Schweine ihr Dasein fristen, und zwar jede Menge davon. Der Gedanke daran macht mich fast krank. Am Platz herrschen strikte Regeln für Hunde, Leinenzwang, Bellverbot und Kackverbot. Es gibt aber keine Wiese, auf die die Hunde gehen können, ich frage mich also, wie das mit dem Kackverbot funktionieren kann.

An sich wollte ich hier länger bleiben, ich hatte da so eine Vorstellung. Aber mit Vorstellungen ist das so eine Sache. Ich bekomme einen Platz zugewiesen, der in der prallen Sonne ist, darf diesen nicht verändern und beruhige mich erst, als neben mir ein deutsches Ehepaar einparkt, das mit seinem Dachzelt reichlich Schatten von der Spätnachmittagssonne erzeugt. Die beiden waren im Naturpark, schwärmen in den buntesten Farben von diesen Eindrücken und ich freue mich schon richtig auf morgen. Mit schlafen ist es eher übel, denn die Lkw, die vorbeidonnern, sind so laut, als würde man direkt neben der Straße stehen – was wir im Prinzip ja auch tun.

Tag 41. Und wieder verloren.

An sich wollte ich hier länger bleiben, ich hatte da so eine Vorstellung. Aber mit Vorstellungen ist das so eine Sache. Ich bekomme einen Platz zugewiesen, der in der prallen Sonne ist, darf diesen nicht verändern und beruhige mich erst, als neben mir ein deutsches Ehepaar einparkt, das mit seinem Dachzelt reichlich Schatten von der Spätnachmittagssonne erzeugt. Die beiden waren im Naturpark, schwärmen in den buntesten Farben von diesen Eindrücken und ich freue mich schon richtig auf morgen. Mit schlafen ist es eher übel, denn die Lkw, die vorbeidonnern, sind so laut, als würde man direkt neben der Straße stehen – was wir im Prinzip ja auch tun.

Ich habe den Wecker auf acht Uhr gestellt, damit wir früh starten können, denn immerhin fahren wir in eine Wüste. Ich möchte, dass wir am frühen Nachmittag zurück sind, damit es für Wanda nicht zu anstrengend wird. Als ich aussteige, riecht es genauso schlimm wie am Vorabend und ich bin die Erste, die wach ist. Kurz darauf kraxelt mein Nachbar aus seinem Dachzelt und bestätigt meinen Unwillen, ja, der Gestank sei schrecklich, die Lkw auch, aber gestern Nacht sei da noch eine Truppe Radfahrer angekommen, die bis halb fünf Uhr früh gefeiert hätten. Ich staune. Von denen habe ich genau gar nichts mehr mitgekriegt. Doch langsam überlege ich mir, wieviel Sinn es macht, hier noch eine Nacht zu verbringen – vor allem für Wanda. Ich checke kurz im Netz, welche Möglichkeiten es gibt und finde einen Campingplatz etwa 40 Kilometer entfernt. Dann packe ich alles zusammen und wir fahren los.

Blöderweise finde ich zuerst den Eingang zum Nationalpark nicht und nehme dann offenbar einen falschen Eingang, was ich aber nicht realisiere. Immerhin begrüßt mich ein großes, freundlich bemaltes Schild im Nationalpark, dass ich auf der Fußgängerroute bin, begreife ich erst Stunden später. Wohlgemerkt habe ich auch für diesen Trip einen Karte beim Campingplatz bekommen und langsam aber sicher verfluche ich diese depperten Campingplatzkarten, denn ich kenne mich nicht aus, wo ich bin. Also schalte ich die Routentante ein und gebe die wichtigste Sehenswürdigkeit, den „Castildetierra“, eine Steinformation, die wie ein Turm geformt ist, ein. Die Routentante kennt sich aus und schickt mich los. Ich fahre durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, vorbei an einigen Bauernhöfen, denke mir, hm, da bin ich wohl nicht auf der Nationalparkroute. Aber nachdem mir sonst niemand helfen kann, muss ich der Routentante vertrauen. Dann nach irgendeiner Kurve stehen wir im wahrsten Sinne in der Wüste, es ist überwältigend.

Das kleine Problem ist, die Straße wird immer schlechter. Große Steine und riesengroße Schlaglöcher wechseln einander ab. Längsrillen in der staubigen Straße bieten Einblicke – einen Meter und tiefer ins Erdreich. Irgendwann kommt eine Furt und ich hoffe, dass sie klein genug ist für uns, denn klein sieht sie aus. Das Wasser spritzt und wir sind durch. Langsam aber sicher glaube ich, dass wir hier nicht richtig sind. Für elf Kilometer brauchen wir etwa eineinhalb Stunden, passieren eine Truppe Wanderer, die mich doof anglotzen und dann sehe ich den Steinturm und bin einfach nur noch erleichtert. Eine Kurve später stehe ich vor einem Fluss. Hier geht gar nichts mehr. Er ist nicht tief, aber sehr schlammig und die Spuren von anderen Menschen, die sich verfahren haben, zeigen ein Bild von wilden Versuchen, mit Ästen und Zweigen als Unterlage wieder aus dem Schlamm zu kommen. Ich könnte durchdrehen. Da drüben, in 100 Metern Entfernung, steht der Turm, ist ein Parkplatz, da geht die normale Straße weiter, die, die alle anderen nehmen, die zwar nicht asphaltiert sein wird, das wusste ich, doch wesentlich besser als das, was wir bisher hatten. Und ich kann da nicht hin.

Ich stelle Carissima ab und wandere am Fluss entlang, untersuche jede Stelle, jede Möglichkeit, aber ich komme zu dem Schluss, dass das einfach nicht geht. Wenn wir hier hängen bleiben, dann können wir lange auf Hilfe warten. Also umdrehen. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, die ganze marode Schotterpiste wieder zurückzufahren.

Also zurück. Die ollen Wanderer waren die einzigen Menschen, die mir während der ganzen Fahrt begegnet sind. Als ich sie wieder passiere, ruft mir der Wanderführer nach, das sei verboten, hier dürfe man nicht fahren. ALTER! Ich bleibe stehen und brülle ihm zu, dass ich diese Scheißroute sicher nicht freiwillig genommen habe. Zuerst auf Deutsch, dann auf Englisch. Ich schreie den Mann so lange an, bis ich zu weinen beginne. Oh gottverdammt! Der Wanderführer ist plötzlich sehr umgänglich und will mich beruhigen, was dazu führt, dass ich völlig die Nerven wegschmeiße. Ich will hier raus, und das möglichst ohne in eine Schlucht zu stürzen. Der Wanderführer meint, dass ich einfach cool bleiben soll, einfach Richtung El Paso fahren, das wäre die einfachste Variante, den Park möglichst schnell zu verlassen. Ich gebe der Routentante als El Paso als Ziel ein und rumple zuerst eine halbe Stunde genau die Strecke zurück, die ich gekommen bin. Im Auto ist mittlerweile alles, was nicht gut verstaut war, herumgeflogen. Hundefutter, Gewürze, Zahnpasta und Wasserflaschen haben sich aus Körben und Verankerungen gelöst und fliegen herum. Es ist heiß und staubig und der Staub klebt auf meinen verheulten Wangen. Die Routentante schickt mich eine Passstraße hinauf, die als Samerweg durchgehen könnte, wir quälen uns im ersten Gang nach oben, dahinter: ein Fluss. Ein rauschender, tiefer Fluss. Ich könnte laut schreien. Der einzige Grund, warum ich das nicht tue, ist das Hündlein, das mittlerweile rechtschaffen verwirrt auf meinem Schoß sitzt und versucht, mich zu trösten.

Ich mache schon lange keine Fotos mehr. Ich drehe um, rumple zurück bis zu der Abzweigung, die ich bereits kenne und gebe ein Ziel westlich des Nationalparks ein. Rein logisch müsste mich die Routentante nun zurück zu den Bauernhöfen bringen und dann raus aus dem Park. Das macht sie zwar nicht, aber eine halbe Stunde später sind die Straßen besser. Staubig, sandig, aber nicht mehr rumplig. Ich versuche zu hören, ob der Auspuff noch dran ist. Alles hört sich an wie immer. „Mach Dir keine Sorgen“, schnauft sie, „in den 80ern wurden wir Autos noch genau für sowas gebaut!“. Ich bezweifle das, muss aber zugeben, dass wir Ende der 80er auch mit den Motorrädern noch ganz andere Strecken gefahren sind. Rund um mich sind Felsen. Felsen und staubige Sträßchen. Vermutlich kann man hier monatelang herumfahren, ohne jemals rauszufinden. Und dann sehe ich in der Ferne einen Hirten. Die Schafe, die er weiß der Himmel wohin treibt, wirbeln eine dicke Staubwolke auf. Ich fahre genau auf die Wolke zu. Der Hirte kommt gleich zum Auto und erkläre ihm in fünf Sprachen gleichzeitig, dass ich so wahnsinnig gern einfach wieder auf eine Straße möchte. Egal wohin, Hauptsache Asphalt. Der Hirte erklärt mir daraufhin wortreich, wie ich fahren muss, ich bedanke mich und könnte heulen vor Freude, er küsst mich links und rechts auf die Wange und ich fahre weiter. Fünf Minuten später: Route General, Rue National, Bundesstraße, wie man es immer nennen mag.

Mir kommt der Auspuff doch ein wenig lauter vor als vorher, außerdem höre ich 27 neue Geräusche und bin knapp daran jetzt einfach umzudrehen. Heimfahren. 1.700 Kilometer am Stück. Verzweiflung. Kurz darauf sind wir in dem Dorf mit dem nächst gelegenen Campingplatz und auch hier stinkt es nach armen Schweinen. Ich gebe Gas und fahre weiter. Noch 40 Kilometer bis Logrono. Das wird jetzt auch noch gehen. In Logrono hört sich Carissima für mich sehr laut an, ich habe große Sorgen, dass sie was abbekommen hat. Mal höre ich beim Lenken neue Geräusche, mal beim Bremsen. Als ich am Campingplatz ankomme, bin ich nur noch k.o.

Und vier Stunden später scheint die Welt in Ordnung. Mein Nachbar ist ein junger Mann mit Labrador, der sich mit Autos auskennt und sich sofort wacker unter Carissima wirft, um mal zu schauen. Morgen möchte er, dass ich sie starte und dann können wir hören, ob was auffällig ist. Er hatte zwei Wochen Urlaub und hatte beschlossen, ganz spontan ein Stück am Jakobsweg zu gehen. Und nun ist er hier gelandet, muss hier wieder umkehren, aber das Pilgerfieber hat in gepackt. In den langen Gesprächen am Abend geht viel um dieses Feeling, um das, was man wirklich will im Leben, um Labaradore, Beagles und Chihuahuas.

Tag 44, 11. Oktober

Seit meinem Wüstenerlebnis bin ich also hier in Logrono und werde noch bis Sonntag bleiben. Logrono ist eine Jakobwegstadt. Der Weg führt direkt hier durch und die ganze Stadt schwirrt von müden, hinkenden Pilgern. Der Pilger mit dem Labrador namens Muffin kommt aus Deutschland. Muffin hat Taille bekommen auf der Pilgerreise und frisst täglich eineinhalb Kilo Nassfutter aus einer Frisbeescheibe. Trotz dieser gewichtstechnisch klugen Entscheidung ist mein Pilgernachbar überladen, knapp 16 Kilo trägt er. Er pilgert das erste Mal und im Vergleich zu dem, was ihn zu Hause erwartet – Trennung überwinden, Scheidung steht bevor, gemeinsames Haus verkaufen, Leben auseinandersortieren – ist das Pilgern ein Kinderspiel. Er ist froh, dass er sich auf den Weg gemacht hat, nachdem sein Partner ihm die Trennung angekündigt hat. So viele Menschen, mit denen man gut reden kann, trifft man zu Hause einfach nicht, sagt er. Wir trinken stundenlang Tee und philosophieren über Beziehungen. Ich verstehe, dass er sich das nun erst mal nicht mehr vorstellen kann. Geht mir ja auch so.

Dann gehen wir essen, zwei Hunde und zwei Menschen. Und auch noch einkaufen. Es ist nämlich wirklich super, wenn Du jemanden hast, der vor dem Geschäft auf Deinen Hund Acht gibt. Alleine ist das immer ein Murks, auch wenn ich fest übe, Wanda trotz Verboten einfach mit zum Einkaufen zu nehmen. In den meisten Fälle sieht sie niemand, wenn sie im Rucksack sitzt. So ist es aber trotzdem gemütlicher.

Tag 44

Morgen geht es weiter nach Bilbao. Dort habe ich für zwei Nächte ein Hotel gebucht, einfach, weil ich mir das vorgenommen habe für diese Reise. Zwischendrin mal schick anziehen und so. Ich suche mir eine Waschanlage auf dem Weg dorthin heraus, denn Carissima sieht immer noch aus wie Sau. Kein Wunder, ich habe sie ja auch nicht bewegt seit unserer Ankunft. Ich hoffe, dass die morgen offen hat, die Waschstraße. Vor allem für den Radlträger wäre das wichtig, denn der lässt sich schwer bewegen, obwohl ich ihn abgekehrt habe und versucht habe, allen Sand herunter zu bekommen. Nun ist das ja so, dass man den Radlträger vom Auto wegklappen kann, was ich immer tun muss, wenn ich Öl kontrollieren will. Ja, und was soll ich sagen. Nachdem ich das gemacht habe, rastet das Ding nicht mehr ein. Trotz leichter Gewaltanwendung klappt der Radlträger immer wieder vom Auto weg und so kann ich nicht fahren.

Also montiere ich das Rad ab, dann den Träger und versuche festzustellen, wo es hakt. Ich will jetzt nicht sagen „natürlich“ oder „eh klar“, aber logischerweise zieht just in diesem Moment ein Gewitter auf und binnen Minuten kracht und donnert es über uns. Ich lege den Radlträger einfach ab und schlüpfe ins Auto. Vielleicht ist das ja ganz nett, wenn der Regen die Arbeit erledigt.

Tut er aber nicht. Das Gewitter zieht ohne nennenswerten Niederschlag vorbei und so schleppe ich eine halbe Stunde später den Radlträger zum Waschhaus, unter den neugierigen Blicken meiner neuen Nachbarn. Das Schweizer Ehepaar steht seit gestern neben mir und offenbar bin ich ihnen nicht geheuer. Nachdem ich den Radlträger unter Zuhilfenahme meiner Abwaschschüssel sauber geschrubbt habe, lässt er sich problemlos montieren und hält auch. Na wenigstens was.

Heute ist in Spanien Nationalfeiertag. Rundum wird gefeiert, wobei der Mann hier vom Campingplatz mir erzählt hat, dass immer an den Wochenenden junge Menschen kommen, um zu feiern. Die sitzen nun vor den Ferienhäuschen am Campingplatz, trinken und kreischen und halt so, wie man mit 20 ist. Mein Glück: Den jungen Spaniern wird ab 24 Grad einfach kalt und sie gehen nach drinnen.

Tag 45, 13. Oktober

Heute geht es nach Bilbao. Wie es aussieht, kann ich mich für dieses Vorhaben auf die Routentante verlassen und so brechen wir gegen Mittag auf. Eile ist nicht geboten, es sind knapp 150 Kilometer. Wie üblich habe ich „ohne Mautstraßen“ eingegeben, damit wir ein wenig durch die Landschaft gondeln können. Wir fahren los, Wanda schläft in ihrem Rucksack, der Blues döst am Bett, Carissima rumpelt anfangs ein wenig, hat sich dann aber rasch beruhigt. Dass ich bei meiner Routeneingabe gleich mal über drei Pässe geschickt werde, wundert mich nicht mehr. Während wir einsam im zweiten Gang durch herbstliche Wäldern zuckeln, ist irgendwo da unten in der Ebene die Autobahn. Ich muss die Heizung einschalten, Carissima wird warm. Mich stresst das sofort. Ich schaue in den Rückspiegel und sehe den Blues grinsen. Das Hündlein schläft.

„Es ist überhaupt nicht schlimm“, sagt Carissima, „mir ist nur ein klein wenig warm.“ „Ja, eh“, sage ich, „aber ich muss dann sofort denken, wenn Dir bei der Ministeigung auf 1.000 Höhenmetern schon warm wird, wie wäre dann ein Alpenpass im Hochsommer!“. „Wir sind aber nicht in den Alpen und es ist Oktober“, sagt sie und müht sich weiter die Passstraße hoch. Denke ich zu viel in „was wäre wenn“ Kategorien? Ist dieses Denken generell genau das, was uns vom Glücklich sein abhält? Habe ich einmal nicht so gedacht? Ja, habe ich. Es gab Zeiten, in denen war ich weit weg davon. Aber dann ist irgendwann sehr viel passiert. „Und dann bin ich gekommen, was für ein Glück“, sagt der Blues. Der Sarkasmus trieft. Seit er Gedankenlesen kann, nervt er noch viel mehr als sonst.

„Also wenn wir hier schon mit 30 km/h durch die Gegend eiern, könntest Du doch die Geschichte von Frank weitererzählen“, sagt Carissima. „Ich muss mich hier voll konzentrieren“, sage ich. „Papperlapapp“, sagt sie, „so ein Bergsträßchen fährst Du im Schlaf. Mach weiter mit Frank!“ Also gut, Frank. Frank… hm…

Als Frank am Morgen aufwachte, war die Sonne kaum über den Horizont gekrochen. Draußen kreischten die Möwen und das Meer krachte gegen die Begrenzungssteine am Ufer. Trotzdem waren einige wackere Schwimmer im Wasser, die gegen die Wellen ankämpften. Es waren großteils ältere Männer, Einheimische, die das jeden Morgen bei Flut machten. Seit Wochen beobachtete Frank, wie sie dem immer kälter werdenden Wasser und dem immer stärker werdenden Wind trotzten. Was sie bei Ebbe machten, wusste Frank nicht. Vielleicht gab es ein örtliches Hallenbad. Vielleicht waren die Schwimmrituale nicht zeitgebunden und man richtete sich generell nach der Flut. Vielleicht waren sie ja dann im Wasser, wenn Frank in einer Bar saß. Der gestrige Abend fiel ihm wieder ein. Vielleicht musste er von jetzt an sagen „in der Bar“, denn er hatte das Gefühl, nun seinen Stammplatz gefunden zu haben.

Auf dem Weg zur Villa dachte er über früher nach. An die Zeit, in der er noch genug Antrieb gehabt hatte, Dinge zu hinterfragen. An die Zeit, in der er möglichst rasch eine Sprache gelernt hätte, um herauszufinden, warum er zum Essen eingeladen wurde oder wohin die alten Männer bei Ebbe verschwanden.

Für Frank war immer alles sehr einfach gewesen. Wie alle Eltern in den gesellschaftlichen Kreisen, in denen sich die Familie bewegte, waren auch seine „mehr oder weniger getrennt“. Das bedeutete, dass das „mehr“ im Freundinnenkreis bei Kaffee und Champagner besprochen wurde, das „weniger“ hingegen offiziell galt. Man blieb verheiratet, machte im Außen die perfekte Familie, „beneidenswert, die Beiden, so ein wunderbares Leben, das große Haus, die klugen Kinder, diese Idylle“ und intern ging jeder seiner Wege. Der Vater Anwalt, hatte sich treffsicher nach oben gekämpft, war viel unterwegs und dürfte sich ganz wunderbar mit Kolleginnen aus aller Welt verstehen, die Mutter Ärztin mit Hang zum Spirituellen, genoss einen hervorragenden Ruf und bewegte sich in ihren Urlauben von einem Yoga Retreat zum nächsten. Beide schwiegen eisern auf Franks Fragen. Nein, alles sei in bester Ordnung zwischen ihnen. Frank belauschte regelmäßig den mütterlichen Freundeskreis und die Gespräche rund um Ehen, die vorüber sind, Trennungen, die man nicht macht und Yogalehrer, die einfach unglaublich sind. Er befand sich also in einer Zwischenwelt von Wahrheiten, die bei Champagner besprochen wurden, Halbwahrheiten, die man der Welt vorgaukelte und handfesten Lügen, die man ihm auftischte. Frank wollte Schriftsteller werden. Er wollte seine eigene Wahrheit schreiben und nichts mehr anderes tun. Nachdem es kein Studium dafür gab, entschied er sich für Journalismus. Der Vater schrie, ein Nichtsnutzstudium würde er nicht unterstützen, die Mutter meinte, Frank solle doch zuerst etwas studieren, das seinen Broterwerb sichere, schreiben könne er dann immer noch. Frank blieb stur, der Vater auch, die Mutter ebenso. Binnen zwei Monaten war das herausragende Taschengeld gestrichen, der Schlüssel zur kleinen Stadtwohnung einkassiert und Frank stand mit einem Seesack und einer Büchertasche auf dem Campus der Universität, konnte dort aber kein Studentenzimmer beziehen.

Er wusste, dass man ihn durch die Mittellosigkeit erpressen wollte. Und das fand er so niederträchtig, dass er mit dem „jetzt erst recht“ Gedanken losmarschierte. Frank dachte, dass wenn es damals schon Airbnb oder Couchsurfing gegeben hätte oder vielleicht Computer oder Internet, dass dann alles wesentlich einfacher gewesen wäre. Es war nun aber so, dass das Thema Internet sich gerade erst in die Welt zu verbreiten begann, dass es an den Universitäten Computer gab, aber kaum jemand einen zu Hause hattte und dass man, wenn man das unglaublich Glück hatte, jemanden zu kennen, der Internet bereits zu Hause hatte, dort in andächtigem Schweigen dem leisen pling-pling lauschte, bis die Leitung aufgebaut war. Was waren wir geduldig, dachte Frank, und ging die letzte Anhöhe zur Villa hinauf. Was war ich für ein Kämpfer, dachte Frank.

Er schloss das alte Tor zum Garten auf, ging zur Hütte unter der Platane, holte Rechen und Schubkarre und begann, wie jeden Nachmittag, Laub zu kehren.

Ich bin froh, gleich hinter Logrono eine Tankstelle gefunden zu haben und dort nicht nur getankt, sondern auch gleich den Dampfstrahler genutzt zu haben. Denn nun kommt bis Bilbao nichts mehr und ich möchte nicht mit einem völlig verstaubten Auto vorm Hotel vorfahren. Es könnte mir egal sein, ist es aber nicht. Carissima strahlt wieder und die etwa acht Kilo festgepappter Lehmerde, die ich abgespült habe, verstopfen nun irgendwo hinter Logrono den Abfluss einer Waschanlage. Routentante lenkt uns gekonnt einmal um Bilbao herum und dann wieder einen Berg hoch. Könnte als die vierte Passstraße heute durchgehen. Fast wäre ich am Hotel vorbeigefahren, so unscheinbar steht es da und so atemberaubend ist von hier der Ausblick auf Bilbao. Einfach wow. Das Hotel auch. Perfektes Englisch am Empfang, eine unglaublich freundliche Dame erklärt mir ALLES: Dass dieses Hotel Dog Vivant zertifiziert ist, also besonders hundefreundlich, dass der Garten mit Chillout Zone von Hunden genutzt werden darf, dass man für mich im Garten aufdecken würde, falls Wanda während des Frühstücks nicht am Zimmer bleiben kann, weil im Restaurant seien keine Tiere gestattet, wie man am besten zu Fuß oder mit dem Bus in die Stadt kommt und wie zurück. Nach zwanzig Minuten in rasantem Tempo weiß ich ALLES und gehe auf mein Zimmer. Dort ist eine Schüssel mit Nassfutter vorbereitet, eine Wasserschüssel, ein Schlafplatz und für mich gibt’s ein herrliches Bett. Das Nassfutter ist eine Halbkilodose, die für Wanda zehn Tage reicht. Und dann wandern wir den Berg hinunter in die große Stadt.

Tag 46

Bilbao ist cool. Es hat es mir angetan, wenn es auch viel zu groß, viel zu laut und viel zu voll ist. Aber sowas gibt’s. Manchmal hat einen eine Stadt einfach. So wie Ahmedabad. Das wird auch nie auf meine Liste liebster Städte kommen, aber es hatte mich trotzdem. Die Liste meiner liebsten Städte lautet bis jetzt: Hamburg, Logrono, New York, Lucca, Bangkok. Und allen voran: Rom.

Der Tag beginnt mit einem heftigen Gewitter, das ich nach einem traumhaften Frühstück einfach abwarte und die Zeit zum Arbeiten nutze. Dann gehen wir in den Garten zum Spielen, der nächste Regenschauer bringt uns wieder hinein und am frühen Nachmittag ist es endlich soweit: Die Wolkendecke reißt auf und wir können los. Das Hündlein findet Bilbao nur zwanzig Minuten lang toll, denn dann ist der Wald- und Wiesenweg vorbei und wir sind in der Stadt. Über lange Strecken trage ich sie, weil der Verkehr ihr Angst macht, aber ich verstehe das. Wir sind nun mal Landeier.

Heute besuche ich die architektonischen Wunderwerke Bilbaos. Man hat hier aus einer Industriestadt eine Architekturstadt gemacht und das mit viel Erfolg. Gründerzeithäuser mit moderner Architektur, Spiegelbauten zwischen Holzbalkonen, in der Altstadt hängt die Wäsche in den Gassen und daneben tummeln sich Studenten auf dem Weg zur Uni. Auf meiner Wanderung breche ich dreimal das Gesetz. Ich nehme Wanda mit ins Museum, denn das wollte ich mir einfach ansehen, dann in die Mall, wo wir vor einem Wachmann flüchten müssen und dann noch in ein Restaurant. Jetzt haben wir aber ordentlich Auftrag erfüllt, finde ich. Der fast beste aller Männer hat recht, man gewöhnt sich an diese kleinen Gesetzesbrüche sehr rasch und es ist irgendwie entspannend, zu wissen, dass man davon kommt.

Das Guggenheim Museum hat heute zu, dafür werden die Passanten mit aufregenden Dampfspielen getröstet. An sich wollte ich nun noch eine Rundfahrt auf dem Fluss machen, ich stehe auf Schiffsfahrten, aber ein Gewitter ist im Anmarsch. Wir machen uns also auf den Rückweg, will heißen, ich trage Wanda, die nimmer will, den ganzen Berg nach oben. Kaum sind wir im Hotel, beginnt es zu schütten wie aus Kübeln.

Die Abfahrt aus Bilbao plagt mich. Hätten wir das Zimmer noch verlängern sollen? Es war so schön hier. Ich zweifle sehr beim Losfahren, habe mich heute für die etwas weitere Strecke entschieden, knapp 300 Kilometer sollen es sein. Ich gebe das Ziel in die Routentante ein, das erste Mal ohne gutes Backup, denn ich habe einfach keine vernünftige Karte aus der Region. Eigentlich hatte ich einen Campingplatz nur knapp 150 Kilometer von hier ausgesucht, doch das Wetter soll schon wieder schlecht werden und ich möchte nun zügig an die Algarve. Ich habe richtig lange herumgetüftelt, eine annehmbare Strecke mit einem geöffneten Campingplatz zu finden, aber das scheint nun ok zu sein. Wenn wir für zwei Nächte dort bleiben, können wir den nächsten Regentag nutzen, um nach Santiago zu fahren, von dort dann nach Finisterre.

Noch nicht mal aus Bilbao draußen verfahre ich mich und muss mich auf die Korrekturen der Routentante verlassen, eine halbe Stunde verfliegt im Abfahren von der Umfahrungsstraße, neu ausrichten, neu auffahren, ich denke, mir ist’s ja jetzt echt langsam egal. Wenn die Routentante plant, kann ich mir wenigstens die Umgebung ansehen. Ein letzter Blick auf Bilbao und ab nach Santander. Und von dort weiter.

Die Straße ist wenig frequentiert, Ausblicke auf ewig grüne Hügelketten mit Nadelbäumen wechseln mit kurzen Blicken auf die Küste und das Meer. Während ich so dahinträume und die Routentante schweigt, weil es eh immer gradeaus geht, steht es plötzlcih vor mir. Besser gesagt, ein Auto bremst ziemlich heftig ab, mit Warnblinkanlage an und davor klebt ein kleines Auto an der Leitplanke. Ich latsche auf die Bremsen und schaffe es, am Pannenstreifen stehen zu bleiben. Alle hinter mir machen erstmal dassselbe. Ach verdammt. Ein Unfall. Und ich bin wieder mal fast die Erste, die dazu kommt. Zwei sehr dunkle Sekunden denke ich mir, ich fahre jetzt einfach vorbei, so wie all jene, die hinter mir angekommen sind und nun gemerkt haben, dass man ja noch vorbeifahren kann. Dann reiße ich mich zusammen, fahre am Unfallfahrzeug vorbei, durch Glassplitter, Stoßstangenteile, Teddybären und Kleidungsstücke, halte davor an und laufe zurück. Eine Frau liegt an der Leitplanke, sie hält ein Baby im Arm, das schreit wie am Spieß und blutet, daneben kniet ein Mann, der ebenfalls blutet und auch schreit. Um mich drei Menschen in Warnwesten, die nicht wissen, was sie tun sollen. Ich laufe zurück zum Auto, um meinen Verbandskasten zu holen, kriege im Stress meine Ausziehschublade nicht mehr zu, wenn die offen ist, kann ich aber die Schiebetür nicht zumachen und dann wird Wanda irgendwann rausspringen. Also atme ich durch und mache alles in Ruhe. Zurück am Unfallort sind wir dann zu zehnt, neun Menschen in Warnweste und ich. Ich bin die mit dem Verbandszeug. Ich teile Verbandszeug aus und deute auf das Baby, dass mittlerweile ein anderer Autofahrer im Arm hält, dann brülle ich eine Frau an, man möge endlich die Rettung rufen. Der verletzte Mann will sich nicht helfen lassen, er kniet bei seiner Frau, die völlig geschockt ist. Sie starrt ins Leere, sagt nichts und ist leichenblass. Ich deute ihr an, sie möge sich hinlegen, damit wir die Beine hochlagern können. Irgendwie müssen wir diesen Kreislauf stabilisieren. Wandas Deckchen muss als Unterlage herhalten.

Gefühlte Stunden später kommt eine Notärztin und agiert sehr besorgt und sehr professionell. Mann, bin ich froh, dass die hier ist. Mittlerweile flippt nämlich der Lenker, der offenbar am Unfall schuld war, total aus. Er rennt kreuz und quer herum und schreit und weint. Ich mache den anderen Menschen klar, dass jemand mit ihm reden soll, weil ich gottverdammt kein Wort herausbringe. Und für so einen Fall würde mein Spanisch ohnehin nicht reichen. Ich halte noch eine Infusion, helfe, die Lederjacke der armen Frau herunterzuschneiden, mittlerweile ist die Rettung da, man packt sie auf eine Bergetrage und dann auf die Rettungstrage und relativ rasch sind alle eingepackt. Ich werfe noch ein paar Dinge, die herumliegen und die Schuhe der Frau in das völlig demolierte Auto. Mann, mit so einer kleinen Kiste bleibt nicht viel übrig, wenns mal kracht. Ich denke voller Entsetzen an meine kleine Mazda Kiste, mit der ich des öfteren 160 auf der deutschen Autobahn mache. Das darf ich nicht mehr tun. Ich packe Wandas Deckchen und meinen ausgeräumten Erste Hilfe Koffer zusammen und fahre weiter. Wie immer nach Unfällen beginnen wenige Minuten später meine Knie zu schlottern, mir wird schlecht und ich fahre auf einen Parkplatz. Danke Romy für Trost und Rat!!

Der Blues liegt am Bett und bohrt in der Nase. „Wäre ohne hysterischen Anfall genauso gegangen“, sagt er. „Halt’s Maul“, sage ich. Kurz darauf sagt die Rotuentante, wir seien fast da und ich fahre, ihren Anweisungen folgend, zum Campingplatz. Es ist eine einzige Idylle. Mit Pool. Ich parke Carissima und wandere mit Wanda zum Meer. Das ist ein Stückchen weg, gut tut das, jetzt zu gehen, denn das Adrenalin ist mir so heftig eingefahren, dass ich Muskelkater in den Unterschenkeln habe und kaum gehen kann. Am Strand treffe ich einen T3 Fahrer aus Rosenheim und wir plaudern ein wenig. Tut auch gut. Wanda rennt wie verrückt über den nassen Sand und will das Meer fangen. Dieser Strand ist genau nach ihrem Geschmack, viel Sand und sehr flach, sodass man bei Ebbe richtig weil über den nassen Sand gehen kann.

Zurück am Campingplatz muss ich mich eine halbe Stunde hinlegen. Als ich aus einem oberflächlichen Schlaf aufwache, merke ich erst, wie unglaublich ruhig es hier ist. Einfach still. Ob ich eine Weile hier bleiben soll, trotz angekündigtem Regen? Ich rufe meine Wetterportale des Vertrauens auf und vergleiche. Merke, dass hier irgendwas nicht stimmt. Und stelle im Abgleich mit der Routentante fest, dass wir ganz woander sind, nur nicht an dem Ziel, dass ich für heute vorgehabt hatte. Langsam wird das gruslig. Hätte ich mich nicht verfahren, wäre ich nicht zu dem Unfall gekommen. Hätte ich danach nicht meinen üblichen Psychoschock gehabt, wäre mir aufgefallen, dass wir noch nicht am Ziel sein könnten. Was hat das zu bedeuten?

Ich packe das Vorzelt aus und baue es auf. Scheiß auf den Regen. Wir bleiben. Ich will wissen wofür.

Und hier geht es weiter…