November

Entgegen aller Wetterprognosen mehrerer Kanäle regnet es jeden Tag. Leichter, feiner Nieselregen, der wie Feenstaub über das Land zieht. Die wenigen Stunden dazwischen, in denen die Sonne herauskommt, nutze ich, um mit dem Hündlein die Gegend zu erkunden, weit kommen wir aber nie. Nach dem ersten Regenerlebnis und nachfolgender Probleme, wieder alles trocken zu bekommen, verzichte ich auf ausgedehnte Spaziergänge im Regen. Am vierten Tag, für heute ist strahlender Sonnenschein prognostiziert, beschließe ich, weiterzufahren. Das Zelt hatte ich an Tag zwei ja doch noch aufgebaut und gestern, als es dazwischen endlich mal trocken war, wieder eingepackt. Denn heute, am prognostiziert sonnigsten Tag der Woche, liegen am Morgen die Wolken auf dem Boden auf und alles versinkt in Feuchtigkeit. Ich packe sorgfältig ein, versuche, so wenig nassen Sand mitzunehmen wie möglich. Als ich fast fertig bin, schüttet mir jemand von hinten einen Kübel Wasser über den Rücken. Ich drehe mich um, will losschreien, weil ich denke, das war der Blues, da registriere ich, dass es wie aus Kübeln zu schütten beginnt. Eine kleine, satte, schwarze Wolke hat es geschafft, sich aus der weißen, trägen und unförmigen Masse zu lösen und sich direkt über dem Campingplatz auszuleeren. Nichts mehr mit feinem Nieselregen, es platscht, als wären die Tropfen faustgroß. Ich werfe alles, was noch nicht drin war, Sand hin oder her, ins Auto und fahre los.

Es regnet. Pinienwälder, Küstenabschnitte, Nebel, Regen. Einkaufszentren, aus dem Boden gestampft, stehen wie willkürlich auf Feldern zwischen brachliegendem Land und heruntergekommenen Industriegebäuden. Dazwischen Plakate, die den Glanz des Turbokapitalismus versprechen, wieder dazwischen Wahlplakate, die die Zerschlagung ebendieses verlangen. Raus mit den Spekulanten. Raus mit den Ausbeutern. Sonderbar, dass diese Forderungen in jeder Sprache verständlich sind.

Nach den immerwährend feuchten und leicht abgewrackten Sanitäranlagen des Platzes in Sesimbra, die nur jemand charmant findet, dem duschen nebensächlich ist, möchte ich heute einen ganz besonders schönen Platz anfahren. Einen gepflegten, sehr sauberen Campingplatz, an dem ich es vielleicht ein paar Tage aushalte, schreiben kann und unter Umständen die Gegend so berauschend finde, dass ich Portugal etwas abgewinnen kann. Denn das hat immer noch nicht stattgefunden. Portugal und ich, wir vertragen uns nicht.

Ich orte einen schwer gängigen zweiten und dritten Gang, denke mich in einen Kupplungsschaden, werde leicht hysterisch, ach Carissima, bitte bring uns doch einfach heim, ohne große Aufregungen. „Das ist dann aber die falsche Richtung“, sagt sie. „Ich möchte nicht durch die Berge fahren“, sage ich, „ich hab‘ die Schnauze voll von Schotterpisten und Rumpelpflaster und Kälte und grauslichen Klos“, sage ich. „Wir werden das schon schaffen“, sagt sie, „bleib einfach cool. Wir schaffen das!“. Die tröstlichen Worte rühren mich an und ich könnte losheulen, stelle aber fest, dass da keine Tränen mehr sind. Wo die wohl geblieben sind? Kann man so verzweifelt sein, dass das Wasser im Körper sich zurückzieht? Oder habe ich einfach zu wenig getrunken? „Das ist der wohl größte Schwachsinn, den ich je gehört habe“, sagt der Blues, „zu wenig getrunken! Du bist einfach voll fertig, Ende. Prinzessin hat Heimweh, ojemine!“ Heimweh. Ob es das ist? Wonach? Wonach sehnt man sich in der Ferne? Ich denke an O Tamanco. Was war dort anders? Auch dort, außerhalb des Platzes, brach liegendes Land. Mühsam beackertes Land. Kettenhunde. Ungepflegte Häuser. Daneben kitschige Villen mit Plastikrasengärten. Billiges Land, arme Menschen. Einkaufszentren, aus dem Boden gestampft. Und doch eine Oase, mitten zwischen Autobahn und Bundesstraßenkreisverkehr. Es liegt an einzelnen Menschen, ob eine Gegend atmen kann. Ob man ihr Herz schlagen hört. Hört man das Herz der Gegend schlagen, in der ich lebe? Wenn ich irgendwo fix lebe?

Die Kilometer vergehen in Gedanken. Zwanzig Minuten vor dem Erreichen unseres Ziels hört es auf zu regnen. Das Land um uns ist grüner als noch einige Kilometer zuvor. Am Straßenrand werden Melonen und Maroni verkauft. Am Campingplatz sind keine Hunde erlaubt. Ich bin so müde, möchte so unglaublich gern einen Kaffee und stelle fest, dass es schon wieder weit nach Mittag ist. Die Strecken hier sind unberechenbar, ich bin schon wieder weit über vier Stunden unterwegs und habe knapp die Strecke Salzburg – Wien bewältigt. Und nun liegen noch 60 Kilometer vor uns, zur nächsten Stadt, die ich gern angepeilt hätte, und die Routentante veranschlagt über eine Stunde Fahrtzeit.

Sagres. Sollten hier ebenfalls keine Hunde erlaubt sein, werde ich ein Hotel nehmen. Diese Suche ist übrigens mit Hund so mühsam, dass es besser ist, über ein Portal zu buchen. Die Globalisierungserpresser, die den kleinen Hotels die ohnehin schon schlechten Gewinne auch noch kürzen, lassen sich kaum vermeiden, wenn man Sonderwünsche hat.

Am Platz sind Hunde erlaubt. Vielmehr noch bricht in der Rezeption eine Welle der Verzückung aus, als man Wanda erblickt. Die Dame am Empfang läuft davon und kommt wenige Minuten später mit ihrem eigenen Chihuahua zurück, der durchdreht, weil hier ein anderer Hund ist. Der kleine, schwarze Hund wiegt grade mal eineinhalb Kilo, steckt in einem rosa Pullover und ist drauf und dran, sich mit Wanda ein Gefecht zu liefern. Die stellt die Haare am Rücken auf und zuckt mit den Lefzen. Zwanzig Kilo mehr und sie sähe wirklich gefährlich aus.

Mittlerweile bin ich so müde, dass ich nichts mehr kochen kann. Ich mache mir einen Salat und kaum bin ich mit dem Abwasch fertig – richtig – beginnt es zu regnen. Es ist ein leichter Nieselregen, den der Wind vom Meer herüber zu wehen scheint, meine eben getrockneten Handtücher durchweicht, meine Schuhe durchfeuchtet und den Sand, auf dem wir parken, zu einer matschigen Lehmfläche verwandelt. Ich mag heim.

Am nächsten Tag hatte sich Franks Gartenverletzung in einen dunkelblauen Fleck verwandelt, schmerzte aber nur noch, wenn er mit der Hand direkt darauf drückte. Er ging schon früh in den Garten, um alles „für Madame“ fertig zu machen. Wie sie wohl aussah? Was sie wohl machte? Was bewegte einen Menschen, sich in diesem kleinen Ort an der Küste eine Villa zu kaufen und dann nie hier zu sein? Nun gut, in dieser Sache war Madame nicht allein. Es gab unzählige wunderschöne Häuser entlang der Küste, aus rostrotem Stein, die fast das ganze Jahr über unbewohnt waren. Wie sie da oben auf der Klippe thronten, hoch über dem brausenden Meer, mit riesigen Gärten, wirkten sie wie Schlösser aus vergangenen Zeiten.

Frank musste lachen. Was dachte er sich denn? Auch seine Eltern gehörten zu den Menschen, die sich einen hübschen Zweitwohnsitz gönnten. Standesgemäß an der Küste, südwestlich von London, in der Heimat seiner Mutter, aber nicht in ihrem Heimatdorf, sondern ein wenig schicker. Oft waren sie nicht dort, das ließen die Karrieren nicht zu, doch wurde dort immer Vaters Geburtstag gefeiert, tagelang, mit Verwandten, Freunden, Geschäftsfreunden und Klienten. 1998 war das erste Jahr, in dem Frank nicht mit dabei war. Er war 19, hatte sich dazu entschlossen, Journalismus zu studieren und war in die väterliche Ungnade gefallen, zum Glück erst nach dem erfolgreichen Eingreifen ebendieses Vaters, das den Wehrdienst abgeschmettert hatte und so die Bahn frei gab für das ersehnte Studentenleben. Die ersten beiden Monate nach seinem Rausschmiss lebte Frank bei einem Freund in der familiären Gartenhütte. Die Eltern des Freundes legten Wert darauf „nichts von der Sache zu wissen“, da man sich mit Franks Familie keinen offenen Streit liefern wolle. Man setzte Frank allerdings ein Ultimatum, „damit er in die Gänge käme“, wie die rundliche Mutter mit dem bayerischen Akzent immer wieder betonte. Damit er nicht glaube, das gehe einfach so, so ohne was zu arbeiten einfach durchzukommen. Frank glaubte das nicht. Zu oft hatte er die abendlichen, sich wie Gebete wiederholenden Ansprachen seines Vaters hören dürfen, dass es extrem wichtig sei, sehr fleißig zu sein, fleißiger als die anderen, sehr hart, hart auch zu sich selbst, härter als die anderen und vor allem sehr fokussiert. Ohne Fokus kein Erfolg.

Die ersten Monate an der Universität ernüchterten. Wenig ging es hier ums Schreiben, viel um Theorie. Die Wochen vergingen, Frank hatte immer noch keinen fixen Job, obwohl er sich um fast jede Stelle bewarb, die am schwarzen Brett ausgehängt war. Einzelne Wochenendjobs ergaben sich, keine Frage. Messestände auf- und abbauen. Verkehrszählungen. Restaurants testen. Für Weihnachten die fixe Zusage von einem Versandgroßhandel, als Paketfahrer eingesetzt zu werden, Weihnachten war immer die Zeit der besten Jobs. Doch Weihnachten war noch zwei Monate entfernt und die Frist der bayerischen Mutter auf einen Monat geschrumpft, als Frank in der Mensa mit einer Kommilitonin ins Gespräch kam, der er seine Sorge um Job und Obdach anvertraute. Ein sonderbares Vertrauen hatte sich nach wenigen Minuten Gespräch zwischen ihnen eingeschlichen, als würden sie sich kennen, von irgendwo, als würde man um die Not des anderen wissen, als wäre Hilfeleistung selbstverständlich, so selbstverständlich wie zwischen alten Freunden.

Sie habe eine Freundin, erzählte die Kommilitonin, die schreibe auch für ihr Leben gern und man glaube es nicht, die würde sich ihr Geld durch das Schreiben von Romanheftchen verdienen. Ja, die gäbe es immer noch, Romantik sei nach wie vor gefragt. Aber auch Heldengeschichten. Man würde nicht reich davon, nein, aber es reiche für ein Studentenleben. Ob sie ihm den Kontakt herstellen solle? Frank konnte es nicht fassen. Sollte es möglich sein, so einfach vom Schreiben zu leben – und daneben so richtig schreiben zu lernen? War so viel Glück erlaubt? Natascha, so hieß seine Kommilitonin, hatte Probleme zu schlafen, und zwar in jeder Form. Sie konnte nicht einschlafen, nicht durchschlafen, nicht gut schlafen und manchmal gar nicht schlafen. Frank versprach, unverzüglich seine Mutter um Rat zu fragen und brachte vier Tage später zwei Din-A-4-Seiten mit Tipps und Hinweisen sowie einer Liste homöopathischer Medikamente, die Abhilfe bringen sollten. Dafür bekam er die Telefonnummer einer Agentur in Hamburg.

Wenn ich von Frank erzähle, geht es mir gut. Es schleicht sich so etwas wie Glückseligkeit ein. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit. Was der so alles macht, der Frank. Unglaublich.

Die Sanitäranlagen hier stehen denen in Sesimbra in nichts nach. Vermutlich kann auch niemand was dafür. Es ist hier einfach feucht, nichts trocknet, das greift jedes Material an. Die Duschen schimmeln, die Toiletten sind einfach dauerfeucht und das Klopapier, das man selbst mitbringt, weicht sich bereits am Weg zur Toilette in den Händen auf. Ich weiß, dass das nicht mein Problem mit dem Land ist. Wenn man ein Land mag, dann sieht man über diese Dinge hinweg. In Thailand fand ich einmal eine Kröte in der Toilettenrolle sitzen, am Klo. Sie hatte es sich da richtig gemütlich gemacht und ich habe sie dort gelassen. In Indien war es so feucht, dass ich am Weg vom Hotel zum Besprechungsraum, einmal über eine Straße, mehr war das nicht, durchgeschwitzt war. Das war auch egal. In Griechenland hatte ich auch schon mal überall Sand. Auch egal. Es ist etwas anderes. Vielleicht die Tatsache, dass hier immer alles zusammenkommt. Vielleicht die komischen Geräusche und Gefühle, die ich von Carissima wahrnehme. Knapp 3.000 Kilometer sind es noch nach Hause. Wenn wir das mal schaffen. Ach, hoffentlich schaffen wir das.

Nach einem regnerischen Vormittag und einem verregneten Mittagessen, das in der Folge ausfällt, öffnet sich im Lauf des späten Nachmittags die Wolkendecke und die Sonne kommt heraus. Und zwar richtig. Binnen einer halben Stunde ist die Wolkendecke wie weggezaubert und der tiefblaue Himmel hängt schwer über dem Land. Die rote Erde auf den Feldern und Wegen staubt, als wäre da nie Regen gewesen. Der Wind weht vom Meer in Richtung Städtchen. Wir marschieren los, Richtung Klippen. Aloe und Pflanzen, die ich nicht kenne, säumen den Weg. Links und rechts unbebautes Land, dazwischen Wege aus Sand. Irgendwann, mitten in der Wildnis, eine kleine Ansiedlung. Ferienhäuschen, unbewohnt. Eine Straße zwischendrin. Irgendjemand hat alle Straßenlaternen kaputtgeschossen.

Dann die Hauptstraße, dahinter Macchia. Es riecht nach wilden Kräutern, Salz und Meer. An den Klippen muss man richtig Acht geben, denn zwischen den Steinen und Felsvorsprüngen gibt es ausgespülte Löcher, die weit in die Tiefe führen, so weit, dass man nicht bis auf den Grund sehen kann. Einsam ist es hier, unberührt, bis auf den Müll, der zwischen den wilden Sträuchern hängt. Papier, Plastikfetzen, Becher, Konservendosen. Alles, was der Mensch so liegen lässt oder der Wind hierher gebracht hat.

Sonne und Regen wechseln einander ab. Über dem Atlantik hängt ein riesengroßes Wolkenband, das feuchte Luft bringt. Das gab es im Herbst hier noch nie, in Portugal, so viel Regen, erklärt mir eine deutsche Urlauberin. Schuld daran sind die Österreicher mit ihrem Schitourismus. Ich kann den geschilderten Sachverhalt in keine geordneten Bahnen lenken und gehe auch nicht weiter darauf ein. Zunehmend merke ich, dass ich auf unreflektierten Unsinn nicht mehr eingehen kann. Ob das bedeutet, dass ich bald gar nicht mehr sprechen werde?

Der Blues hat ein Campingstühlchen herausgeräumt und sich darauf, in eine Decke gehüllt, gemütlich eingerichtet. „Hop hop“, sage ich, „aufstehen, wir packen.“ „Soviel Lebensenergie in ach so schweren Zeiten?“, fragt der Blues. „Ja, so viel. Reicht hoffentlich noch für 3.000 Kilometer“, sage ich. „Müssen wir jetzt eigentlich zu dritt bleiben?“, fragt Carissima. Das Hündlein bellt. „Zu viert, meine ich“, bessert sie sich aus. „Also, ich habe keine Ahnung, ob das noch so richtig in meiner Gewalt liegt“, sage ich. Der Blues beginnt zu lachen, laut und schallend, kommt kaum aus seinem Stühlchen hoch. Als er es endlich geschafft hat, schlurft er zum Kühlschrank und nimmt sich mein letztes Bier. Wieder mal.

Ich habe nicht viel geplant. Grobplanung wäre, mit weiteren zwei Stopps an der Algarve Portugal zu verlassen und dann die spanische Küste entlang zu fahren. Um weiteren Frust bezüglich sanitärer Anlagen zu vermeiden, habe ich die Stopps nach gut bewerteten Campingplätzen ausgesucht, so weit bin ich jetzt. Der nächste soll in Galè sein, Sandstrand in der Nähe, und wird in den höchsten Tönen gelobt. Fahrtzeit eine Stunde, unterwegs möchte ich kurz anhalten, um die „Ponta de Piedade“, eine besonders schöne Felsformation bei Lagos, zu erkunden.  

Als wir in Lagos ankommen, senkt sich gerade die nächste fette Regenwolke über das Land und ich verzichte auf die Sehenswürdigkeit. Weiter Richtung Galè. Nach einer Stunde sind wir dort und der hoch gelobte Campingplatz ist auch rasch gefunden, wird Zeit, ich muss dringend aufs Klo. Leider entpuppt sich der angekündigte Campingplatz als Wohnmobilstellplatz, der erstens voll ist und zweites zwar herrlich gepflegte Duschanlagen, aber keine Toiletten hat. Die Bewohner des Stellplatzes, die sofort mit mir ins Gespräch kommen wollen, erklären mir, dass sie das auch eigenartig finden. Aber sonst, mit Abstand der best gepflegte Stellplatz überhaupt. Und so freundliche Leute. Das Grüppchen Menschen hat sich hier gefunden, alle bis auf einen kommen ursprünglich aus Deutschland und sie reisen seit Jahren im Winter nach Portugal. Alle sind dürr, braungebrannt und extrem interessiert an neuen Begegnungen. Die Kombination ist mir an den Langzeitreisenden schon mehrmals aufgefallen. Ich versuche, das Gespräch knapp zu halten, mich plagen andere Anliegen, die langsam aber sicher dringlich werden. Weiter nach Albufeira. Dort soll es einen Campingplatz geben. Wohl hoffentlich mit vollständigen Sanitäranlagen.

Albufeira

In Albufeira gefällt es dem Blues. Das als „Partystadt an der Algarve“ bekannte Städtchen bedeckt sich nur ganz hauchdünn mit Party. Darunter liegen schlecht bezahlte Arbeitsplätze im Saison Tourismus, bröckelnde Häuserfassaden, die mit viel Phantasie als „pittoreskes Ambiente“ durchgehen und der verzweifelte Versuch, das Urlauberparadies Nummer 1 zu werden. Das dürfte in der Nachsaison einfach sehr, sehr schwierig sein. Am Abend stehen die Besitzer oder Angestellten der Restaurants und Bars vor ihren Gaststätten und versuchen, Vorbeigehende zu überzeugen, dass man genau hier einen wunderbaren Abend verbringen wird. Im Vorteil liegen natürlich all jene Lokale, die direkt aufs Meer hinausführen und windgeschützte Terrassen anbieten. Auch wenn man von hier aus die Sonne nicht im Meer versinken sehen kann, sind die Plätze direkt mit Meerblick am Abend heiß begehrt.

Und langsam, ganz langsam, beginne ich das Land zu verstehen. Wahrscheinlich hat es den Blues gebraucht, um dieses gebeutelte, schwierige Land ein wenig zu verstehen. Dieses Land, das in der Wahrnehmung der touristischen Weltöffentlichkeit aus Algarve und Lissabon zu bestehen scheint, das Land, das abseits der Küste immer noch verarmt. Ein Land, in dem es lange Zeit verboten war, mehr als vier Jahre Schulbildung zu genießen, weil man weiß, dass ein dummes Volk nicht aufbegehrt. Ein Land, das einigermaßen friedlich den Weg in die Demokratie beschritten hat. Und jetzt? Jetzt steht der Kampf gegen Großkonzerne an, die das Land ausbeuten, ihre Steuern zu einem hirnrissig niederen Satz in einem Steuerparadies bezahlen und in Portugal nur das lassen, was übrig bleibt. Den Industrieabfall und eine aus allen Nähten platzende Kanalisation, die den Tausenden von Touristen, die alljährlich hierher pilgern, nicht mehr gewachsen ist. Wer nun kurz im Netz recherchiert, wird über die portugiesische Wirtschaft nur Gutes lesen. Seit drei Jahren floriert sie. Portugal ist bei Reisenden, Investoren und Anlegern in wie nie. Und das hat seinen Preis.

Am späten Nachmittag spaziere ich ins Städtchen, um die weißen Häuser mit den bunten Fensterrahmen im Abendlicht zu sehen. Am Weg zurück komme ich an einer Bar vorbei. Der Anblick ist trist. Im Schutz einer Wärmelampe steht ein dünner, junger Mann und singt aus Leibeskräften zu Musik aus der Konserve. Sein Englisch ist gut und die leichten Textschwächen kaschiert er geschickt durch unverständliche Wortkombinationen. Die Bar ist völlig leer, davor eine junge Frau, die zum Besuch motivieren will. Der gesamte Anblick ist herzzerreißend trist und ich lasse mich zu einem Bier überreden. Der Sänger heißt Riu und liebt, was er tut. Er singt mal hier, mal da, meint er und kann mittlerweile davon leben. In einer Band ist er nicht und eigene Stücke… na, das traut er sich nicht zu. Aber er ist ein leidenschaftlicher Entertainer. Nachdem ich das zweite Bier bestellt habe, beginnen sich langsam auch andere Gäste für das Gesamtpaket Musik und Getränke zu interessieren. Viele Iren sind dabei. Der Besitzer, ebenfalls Ire, läuft weiterhin vor dem Lokal hin und her und versucht, Gäste zu überzeugen. Heute läuft es echt mies, meint er. Nach knapp zwei Stunden ist der Gastgarten halb besetzt und er zeigt sich sichtlich erleichtert.

Zurück am Platz diskutieren Carissima und ich lange über die portugiesische Wirtschaft und wie sich die Regierung erfolgreich gegen so manche Sparzange der EU zur Wehr gesetzt hat. Man will, dass es dem Volk besser geht, auch auf dem Land. Die Frage ist nur, wie lange das noch dauert. „Vermutlich liegt Glück wirklich immer im Auge des Betrachters“, sagt Carissima, „weil wenn Du zum Beispiel die Nelkenrevolution noch erlebt hast, und dazu musst Du nicht wirklich alt sein, und die Zeit vorher, dann wirst Du sagen, was für ein Glück haben wir, jetzt in diesem Portugal zu leben.“ Ich muss ihr recht geben. Glück hat durchaus nichts mit äußerlichen Gegebenheiten zu tun, sondern immer nur damit, was man in sich vorfindet. Wenn man immer auf der Suche ist, wird es sich vermutlich schlechter finden lassen, das Glücklich sein, als wenn man einfach abwartet. Wer weiß das schon so genau.

„Vielleicht ist Glück ja, dass man einfach macht, wonach einem ist. Immer.“, sagt Carissima, „und dabei keine Sekunde an sich zweifelt.“

8. November, Tag 73

Der Wind war dann doch irgendwie zu viel. Als ich am Morgen aufwache, bin ich einfach krank. Ich habe es gestern Abend schon gemerkt, meine Homöopathie Kiste herausgekramt und nun überlege, ich welches Mittel wohl das Beste ist. Eines ist aber klar, wir müssen raus aus diesem kalten Wind. Also fahre ich gute 120 Kilometer weiter Richtung Spanien, wo der Wind nicht so fest ansteht. Wesentlich besser hier.

Auf der Fahrt denke ich über meine Schwierigkeiten, dieses Land zu mögen, nach und auch darüber, warum diese Reise etappenweise gar so beschwerlich ist. Ich denke an Griechenland und daran, dass dieses Land ja auch seine Tücken hat. Auch in Griechenland findet man all die Dinge, die mir hier so aufgefallen sind. Doch Griechenland. Nun, Griechenland kenne ich, seit ich 21 bin. Es ist ein wenig, als wären wir ein altes Ehepaar, wir haben uns im Sturm der Jugend kennengelernt, in einer Zeit, da man alles unglaublich toll findet, begeistert ist von allem, das anders ist, das nach Freiheit riecht. Griechenland, das roch nach wildem Land, unentdeckten Straßen, Macchia, freundlichen Menschen, die genauso neugierig auf das Fremde waren wie ich selbst. Dann kam der Yugoslawien Krieg und plötzlich war Griechenland sehr weit weg, fort, hinter dem Krieg. Wir nahmen die Fähre. Dann kamen andere Lebensabschnitte für mich, eine Wirtschaftskrise für Griechenland und dann noch eine und dennoch: Wir mochten einander. Weil wir uns in einer Zeit kennengelernt hatte, in der alles verzaubert von der Jugend war. Wahrscheinlich ist es das, was an Portugal fehlt. Die völlig nüchterne Betrachtung eines entzauberten Erwachsenem tut vermutlich keinem Land gut.

Doch immerhin, wir nähern einander an. Ich bin wieder in einem Dorf gelandet, am Meer, der Campingplatz ist „British Caravaning and Camping Club approved“, Vierstern und hier überwintern die Franzosen. Waren es am letzten Platz hauptsächlich Deutsche und Briten, so ist hier die Franzosenkollonie. Das Leben am Abend ist anders, hier wird Boule gespielt und bis tief in die Nacht vor den Wohnmobilen gesessen und geplaudert.

Zwischen Strand und Dorf liegt der Fluss „Formosa“ und es gibt nur eine Stelle, an der man ihn überqueren kann und das nur bei Ebbe. Weil ich unbedingt noch das Meer sehen möchte, schleppe ich mich am Abend hinunter zum Fluss, wo ein glatzköpfiger, braungebrannter Mann mit einem Motorschlauchboot seine Fährdienste anbietet. Erst will er Wanda nicht mitnehmen, ich zeige ihm den Rucksack, in dem sie sitzen kann, er willigt ein. Wanda muss aber einen Euro extra zahlen. Der Strand ist der Wahnsinn, menschenleer und weit. Ich möchte gern wieder ordentlich gesund sein.

Tag 74

Für einen Tollpatsch – und zu dieser Menschengruppe zähle ich mich – gibt es Tage, an denen wäre er lieber nicht aufgestanden. Das sind in der Regel die ganz normalen Tage. Sie beginnen damit, dass ich die Tür vom Bus öffne, der erste morgendliche Windstoß mir eine Ladung Sand ins Gesicht weht und ich in der Folge vor dem Zähneputzen damit beschäftigt bin, meine Augen wieder sauber zu bekommen. Danach schütte ich aufgrund mangelnder Sehkraft den Kaffee neben die Kanne, der wird prompt vom immer noch frischen Wind ins Auto getragen und die Zeit, in der der Kaffee zieht, wird zum Ausschütteln des Bettes verwendet, in dem sich trotzdem bis zum Abend noch immer gemahlener Kaffee finden wird. Der letzte Abschnitt des morgendlichen Unfugs ist dann, dass ich beim Einsteigen ins Auto über den Wasserkocher stolpere und das restliche heiße Wasser über meinen nackten Fuß gieße. Das ist für einen Schussel ein normaler Tagesbeginn und in verschiedensten Abwandlungen gibt es 365 Tagesbeginne dieser Art pro Jahr. Trotzdem ein normales Leben führen zu können bedarf akribisch genauer Planung, extremer Disziplin und der rechtschaffenen Gabe, sich nichts anmerken zu lassen.

Ein richtig  lausiger Tag ist, wenn ich morgens aufwache und merke, dass ich richtig, richtig krank bin und zusätzlich bei Carissima irgendwas leckt. Der Tag vergeht zwischen Tee trinken, homöopathische Mittel einwerfen, die Ursache des Lecks feststellen und Konferenzen mit dem besten aller Männer und meinem besten aller Mechaniker. Dazwischen schlafe ich erschöpft immer wieder ein und schleppe mich zur Waschküche, denn Wanda hat gestern Nacht mein Kopfkissen angekotzt und das will gewaschen werden. Aufgrund des starken Teekonsums laufe ich in den Pausen zwischen Schlafen, Wachen und Tun wie gehetzt aufs Klo, das nicht gleich um die Ecke ist. Gegen Abend ist dann die Wäsche trocken, das Bett frisch überzogen und mir geht es einigermaßen besser, doch leider macht sich der Tee immer noch schnell und vehement bemerkbar. Nach meinem zehnten Lauf kehre ich zurück und stelle fest, dass Wanda in der zwischenzeit auch auf Klo hat müssen. Sie konnte aber leider nicht mehr warten, bis ich zurück war. Und so vergeht der Rest des Abends mit dem Waschen von Tuchent, Überdecke, Wandas Decke, meiner Kuscheldecke, Leintuch und Bettüberzug, denn all das ist betroffen. DAS sind Tage, die selbst Tollpatsche außergewöhnlich finden.

Sonntag, 10. November, Tag 75

In der Nacht hat es gestürmt und ich habe in aller Eile alles, was draußen stand, ins Auto geworfen. Durch die kleine Mauer an Tischchen, Lebensmittel und Kleidung muss ich mich nun erst kämpfen, um irgendwo unter dem Haufen meinen Wasserkocher zu finden. Carissima riecht immer noch stark nach Benzin und der Blues sitzt draußen auf seinem Campingstühlchen, eingehüllt in eine Decke, und raucht. „Willst Du uns alle umbringen“, frage ich. „Benzin fliegt nicht so schnell in die Luft“, sagt er, „und Autos schon gar nicht. Das ist alles amerikanischer Fernsehquatsch. Außerdem sitze ich im Lee“. Ich muss ihm recht geben. Man riecht Carissimas Getropfe deshalb so gut, weil der Wind unter ihr durchbläst. Und die Rauchfahne des Blues mitnimmt in die andere Richtung. Meine Nase ist zu und ich rieche tatsächlich nur noch das Benzin, mein Kopf schmerzt und mir ist ein wenig schlecht. „Vielleicht solltest Du wieder mal was essen“, sagt Carissima. Ich muss auch ihr recht geben. Nachdem es bereits gestern Abend sehr windig war, habe ich nichts mehr gekocht und in das Restaurant am Campingplatz darf Wanda nicht mit. Also habe ich auf das Abendessen verzichtet, und das nicht zum ersten Mal in dieser Woche. Der Blues bohrt versonnen in der Nase. „Da sitzt sie nun, um ihren Lebensstil beneidet, und verhungert vor dem vollen Kühlschrank“, ätzt er. „So schnell verhungert man nicht“, sage ich, „mit ist nur ein bisschen schlecht“.

Ich hole die restliche Wäsche von meiner nächtlichen Putzaktion, die Hälfte davon ist trotz Windstärke 7 noch nicht trocken. Irgendwie versinkt hier alles im Chaos, habe ich den Eindruck. Ich versuche, zu arbeiten, doch auch das will nicht recht gelingen.

Die Tage vergehen. Am Morgen geht es mir immer am schlechtesten, ich habe wohl leichtes Fieber und bin nicht ganz bei mir. Im Laufe des Tages geht es mir dann immer besser, bis zum Abend hin grandios, in der Nacht wieder elend. Die Nächte sind stürmisch. Draußen biegen sich die Bäume, Carissima wackelt im Wind. In meiner linken Armbeuge liegt das Hündlein, an die rechte Schulter kuschelt sich der Blues. Ich bin froh um beide, denn sie wärmen gut.

Tramontana (Wind)

Die Tramontana bezeichnet in Italien, Kroatien, Südfrankreich und im nördlichen Spanien eine nördliche bis nordwestliche, kalte, oft böige Windströmung. Die Tramontana tritt vor allem im Herbst und Winter auf, vor allem im Winter in besonders starker Ausprägung in den Talmündungen, mit daraus folgenden, schnellen Temperaturstürzen (vgl. wikipedia).

Die Portugiesen nennen diesen Wind nicht Tramontana. Genau genommen haben sie keinen speziellen Namen für diesen Wind hier an der östlichen Algarve, erzählt mir die Dame in der Bar am Hafen. Aber deppert macht er trotzdem, genauso wie die Tramontana, genauso wie der Föhn bei uns. Man kann einfach nicht normal bleiben, wenn einem permanent der Kopf durchlüftet wird. Mit Spitzen bis zu 50 km/h. Dies äußert sich auf verschiedenste Weise. Im Restaurant ums Eck wird ein „Tramontana Tagesgericht“ angeboten, obwohl es wie gesagt nicht Tramontana ist. Der nette ältere Herr, der mit seinem Golfwägelchen herumfährt und am Campingplatz nach dem Rechten sieht, ist plötzlich sauzwida. Die Hunde drehen durch. Während der kleine Hund im Wohnmobil drei Plätze weiter nicht mehr aussteigen will und den ganzen Tag heult, wagt sich der Cockerspaniel von gegenüber nur noch kurz vor die Tür, zieht dabei aber immer sein Deckchen hinter sich her. Die Dame, die zwei Straßen weiter ein Ferienhaus gemietet hat, steht auf der Terrasse und brüllt in ihr Telefon: „Ja, wir waren an der Algarve, aber wir sind weitergefahren“. Der Brite von gegenüber hat beschlossen, sein Wohnmobil plus Zelt so fest zu verzurren, dass er nicht mehr wegfahren kann. Darum hat er sich ein Leihauto genommen. Um 15 Euro für drei Tage. Das erzählt er lautstark seinem französischen Nachbarn, der das mehrmals hinterfragt und kaum fassen kann. Als der Brite losmarschiert ist, um das Auto abzuholen, sammeln sich binnen weniger Minuten mehrere Franzosen um den Nachbarn, der Zeuge des genialen Schachzugs werden durfte. Nur fünf Euro pro Tag! „Cinq Euro“, wispert es in vielen Stimmen. Cinq Euro, der Mann, der das billige Leihauto hat.

Der Blues sitzt im Auto und legt eine Patience. „Seit wann machst Du denn das“, frage ich schwach und richte mich im Bett auf. „Das habe ich von den Franzosen“, sagt er, „Cinq Euro hat es mir gezeigt“. Ich muss lachen. „Cinq Euro ist Brite“, sage ich. „Egal“, sagt der Blues, „magst Du noch Tee?“ „Ja bitte“, sage ich und lasse mich wieder auf meinen durchgeschwitzen Polster sinken. „Dann mach Dir welchen“, prustet der Blues los, kann sich über seinen eigenen Witz kaum beruhigen, lacht und lacht und lacht…

Als ich wieder munter werde, hat er tatsächlich Tee gemacht. Der ist aber inzwischen kalt.

Zwei Tage später wache ich am Morgen auf und stelle fest, dass ich wieder gesund bin. Anders als vorher. Ganz gesund. Die Sonne scheint, der Wind ist weg und es wird so warm, dass ich es im Auto nicht mehr aushalte und einfach raus muss. Ich packe unsere Sachen und wir gehen an den Strand. Der Strand ist hier durch den Ria Formosa vom Festland getrennt und man muss mit einem Wassertaxi übersetzen. Beim ersten Mal vor einigen Tagen wollte der wackere Fährmann Wanda nicht mitnehmen und tat es dann nach zähen Verhandlungen unter der Prämisse, dass sie in ihrem Rucksack bleibt und einen Euro Aufpreis bezahlt. Heute sage ich nichts und er sagt auch nichts. Am Strand ist es heiß, eine leichte Brise kühlt ideal ab und es ist kaum jemand hier. Wanda findet es genial, dass wir die Picknickdecke mithaben. Sie setzt sich genau an die Kante und beobachtet die Umgebung. Sobald in einem Kilometer Entfernung eine Gestalt sichtbar wird, beginnt sie zu bellen und verteidigt unser Revier. Ich kann das Hündlein kaum beruhigen. Offenbar ist sie der Überzeugung, dass wir diesen Landstrich samt Fährmann um zwei Euro erworben haben. Wie damals der Alaska Deal, denke ich.

Wenn man einige Tage krank war, immer wieder mit dieser eigenen Schwäche konfrontiert, verändert sich etwas. Alles, was man in dieser Zeit getan hat, versinkt in einem sonderbaren Nebel, durchsichtig und doch nicht, farbig und doch nicht. Wenn man unterwegs krank wird, kann man sich diesem Nebel nicht einfach hingeben und darin umherirren, bis man wieder klare Sicht hat. Der genau organisierte Alltag muss, mit einigen Hürden und Fehlern, weitergehen. Das Hündlein will raus, Tee muss gekocht werden (wenn es nicht grad der Blues macht), der Weg zu den Sanitäranlagen, die ein Stück weit weg sind, muss bewältigt werden, dazwischen verweht der Wind das ein oder andere Handtuch oder wirft eine Handvoll Sand ins Auto.

Jetzt bin ich wieder gesund und all diese Tätigkeiten laufen nebenher, die Last ist weg. Und das Wunder geschieht: Beim Gedanken daran, dass wir morgen weiterfahren werden, wird mir ein wenig eh ums Herz. Ach Portugal. Habe ich Dich also doch noch liebgewonnen. Ich schlendere durch die schmalen Gassen mit den gefliesten Häuserfronten, bewundere die aufwändig gestalteten Straßenschilder. Poetinnen, Feministinnen und Fischer bekommen hier eine Straße gewidmet. In den Bars sitzen alte Männer und Touristen traut vereint über dem ersten Bier des Tages. Langsam beginnt es zu dämmern und einer dieser genialen Sonnenuntergänge, die ich in den Tagen zuvor beim Gassigehen im Halbdelirium fotografiert habe, kündigt sich an. Heute ist Vollmond. Als ich zurück zum Auto komme, steht der Blues unschlüssig an einer Mauer. Vor sich seinen gepackten Seesack. In der Hand hält er ein Päckchen Zigaretten. Griechische. Ich frage mich, woher er die hat. „Dann wird’s Zeit zu gehen“, sagt er. Es ist das erste Mal, dass er seinen Abschied ankündigt. Normalerweise verschwindet er einfach. „Du kannst aber auch noch bleiben“, sage ich, „und mitfahren nach Sevilla.“ „Ok“, sagt der Blues. Er ist kleinlaut heute Abend, scheint noch dünner und schlaksiger als sonst. „Willst Du Tee?“, frage ich. „Nur wenn ich ihn nicht machen muss“, sagt er. Und so sitzen wir dann alle zusammen, Carissima, die immer noch nach Benzin riecht, Wanda, die sich nach dem anstrengenden Strandtag auf meinem Schoß einrollt und schläft, der Blues, der ein wenig nörgelt, weil kein Bier da ist und er Tee trinken muss, und ich.

Tag 78, 13. November

Trotz all der gestrigen Wehmut fällt der Abschied heute leicht. Richtig, es beginnt, während ich noch einpacke, zu regnen. Mir ist klar, dass Wetter keine Entscheidung dafür ist, wo zu bleiben oder nicht, zumindest nicht für mich. Ich habe aber das Gefühl, dass ich nicht noch eine Schlechtwetterfront vom Atlantik brauche. Ich kenne nun einige portugiesische Regensorten, vom feinen Sprühregen bis zum klatschenden Kübelregen, ich kenne einige Windsituationen, vom tanzenden Windlein, das mit den Blättern spielt, bis zu den 50 km/h Böen, die die Zelte zum Knattern bringen und den ein oder anderen Campingstuhl mit sich nehmen. Zu Hause schneit es übrigens, dort drückt eine Südwetterlage feuchte Luft über die Alpen.

„Willst Du Dich nicht zu uns nach vorne setzen?“, frage ich den Blues, der wie üblich zwischen Gitarre und Schmutzwäschesack am Bett sitzt. Er ziert sich. Nach einigem Hin und Her lässt er sich überzeugen. Ich räume Wandas Rucksack nach hinten, nehme sie auf den Schoß und der Blues lümmelt sich auf den Beifahrersitz. In der Hand hält er eine zerknüllte Landkarte. Er bemerkt meinen Blick. „Tsche-Tsche-Nien“, sagt er schelmisch. „Jetzt erst mal Spanien“, sage ich.

Ich habe meine Route auf einen Einkaufszettel geschrieben und aufs Armaturenbrett geklebt. Trotz Routenplanung verblüfft es mich, wie rasch wir an der spanischen Grenze sind. Dahinter führt uns eine gut ausgebaute Autobahn in die Berge, zuerst Richtung Huelva und dann in den Norden. Ich möchte den berühmten „Rio Tinto“ besuchen, ein Fluss mit rotem Wasser. Das Wasser aufgrund des hohen Eisenerzvorkommens in der Region verfärbt. Hier wird seit ewigen Zeiten (über 3.000 Jahre) Eisenerz abgebaut, mitunter unter schlimmen Bedingungen. Der Rio Tinto ist ein Fluss mit Geschichte.

Es ist gar nicht einfach, den Fluss zu finden und ich muss im Bergbaumuseum in Minas de Riotinto nachfragen. Dort halten offenbar öfter Mal Touristen auf der Suche nach dem Fluss und der Mann an der Kassa zückt sofort einen Zettel, zeichnet mit einem Schwung den Fluss ein und zeigt mir, wo ich hinfahren muss. Anfangs bin ich etwas enttäuscht, denn der Fluss ist hier kein Fluss, sondern mehr ein Rinnsal. Das Farbenspiel fesselt mich dann aber doch und als ich am Abend die Fotos bearbeite, bin ich entzückt. Es ist schon sonderbar, was Bilder machen.

„Wir haben übrigens eine Frage aus dem Publikum“, sage ich zu Carissima. Wir sind auf einem wunderbaren kleinen Platz in der Nähe von Sevilla gelandet und stehen unter Palmen. „Ja?“, sagt sie schläfrig. „Ja, die Frage lautet, warum ich eine Text-Bildschere mache, sprich, warum ich alles beschreibe, als wäre die Reise schrecklich und dazu Fotos poste, die einfach nur wunderbar sind“, sage ich. „Das ist eine gute Frage“, sagt Carissima, „vielleicht liegt es daran, dass das Auge der Sehnsucht nach der Schönheit folgt, während der Geist das Gesamtbild analysiert?“. „Hm“, sage ich. „Da ist was dran“, mischt sich der Blues ein, „wenn Du nur Deine Texte hättest, würden wir schon lange nicht mehr fahren, nicht wahr? Ich meine, das tut sich doch keiner an!“. Nähre ich mich durch meine Bilder? Eine gewagte Theorie!

Und hier geht es weiter…