November 2

Tag 80.

Und dann ganz plötzlich, ganz unspektakulär, bin ich mit mir im Einklang. Vielleicht braucht es einen unspektakulären Ort wie Dos Hermanas für solch ein Gefühl. Ich kenne es von allen meinen Reisen. Mit sich im Einklang sein, das ist die Quintessenz des Allein Reisens. Allein Reisen eingedampft, eingekocht auf ein einziges Wohlgefühl: Mit sich im Einklang sein.

Wenn ich nachdenke, stelle ich fest, dass dieses Gefühl bei allen Reisen früher oder später kommt. Dieses Mal sehr spät. Vielleicht so spät, weil ich so darauf gewartet habe. Vielleicht ist das wie mit Weihnachten, je mehr man sich darauf freut, desto weiter scheint es entfernt? In 80 Tagen um die Welt. In 80 Tagen zu Dir selbst.

Vielleicht aber auch so spät, weil ich so erschöpft, so enttäuscht von meinen gescheiterten Reiseplänen losgefahren bin? Um nun zu entdecken, dass es so genau richtig ist, in irgendeinem Städtchen, von dem Google Maps sagt, dass es hier keine bemerkenswerten Dinge zu besichtigen gibt. Vielleicht ist das hier genau richtig, weil das Leben eben genauso ist. Meist ohne bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten. Wer weiß. Ich jedenfalls spaziere heute in die Stadt ohne Sehenswürdigkeiten und setze mich im Hundepark auf eine Bank. Sitze dort eine halbe Stunde in der Sonne und denke an nichts. Das habe ich das letzte Mal im Kloster gemacht, vor vielen Jahren.

Wie es nun weitergeht? Jetzt gilt es vorab, eine kluge Route zu finden, denn Teile der Mittelmeerküste sind schwer gebeutelt von Unwettern und Stürmen. Die Temperaturen sind in den Keller gerasselt und am Abend friere ich, es hat in der Nacht nur noch 4 Grad. Zu kalt für diese Jahreszeit, sagen die Einheimischen. Nachdem mich dieser Spruch seit Beginn dieser Reise verfolgt, werde ich ihm keine Bedeutung mehr zumessen und einfach weiterfahren.

Tag 82.

Und dann habe ich sie gefunden. Seit nunmehr zehn Wochen bin ich unterwegs, die letzten Österreicher habe ich in Huelgoat in der Bretagne getroffen. Ich habe mich schon eine Weile gewundert, wo die Landsleute sind. Bin auf Plätzen voller Briten gestrandet (sehr angenehm), voller Franzosen (Boule!!!), voller Deutscher,  voller Portugiesen (ja, auch das gibt es in Portugal) und voller Spanier (die fahren auch nach Portugal) – aber Österreicher waren nirgendwo. Letztens hat mich auf der Autobahn ein Wiener überholt und ich war gerührt. Das passiert mir zu Hause nicht.

Nun bin ich nach einem Tag voller Regen und viel Regen auf einem Campingplatz an der Küste gestrandet, drüben, hinter dem schäumenden Meer, sieht man die Küste Afrikas. Und hier sind sie. Die Österreicher. Ich freue mich! Burgenländer, Kärtner, Niederösterreicher, fast möchte ich rufen „Wo kommt Ihr denn alle her???“. Ich parke neben einem gschaftigen burgenländischen Paar, erfahre in den ersten fünf Minuten die Lebensgeschichte – er bereits in Pension, sie noch berufstätig, fahren seit acht Jahren hierher, er bleibt über den Winter, sie nimmt sich im Oktober drei Wochen Urlaub zum mit runter fahren, dann fliegt sie heim, kommt im Mai wieder, zwei Wochen, dann fahren sie gemeinsam wieder heim, es ist heuer wesentlich kälter als sonst, kaum zu glauben, grausig nachgerade und jetzt geht sie rein und schaut Rosemarie Pilcher weil was will man sonst tun bei dem Wetter – und freue mich sehr. Ich vereinbare auch gleich, dass ich morgen, dem Tag, an dem ich endlich die lecke Benzinleitung reparieren kann, um Hilfe rufen kann, wenn irgendwas ist.

Die Reparatur kann erst stattfinden, wenn der Tank leer ist, oder fast leer. Das war nun ein Spiel. Bis Sevilla, besser gesagt Dos Hermanas, war der Tank erst viertelleer, da kann man nichts machen. Nun aber habe ich es kaum mehr hierher geschafft. Ich musste tatsächlich auf der knapp 200 Kilometer langen Strecke anhalten und fünf Liter Benzin tanken, das habe ich noch nie in meinem Leben gemacht. Aber es hat geklappt, mit den fünf Litern bin ich hier angekommen und der Tank scheint nun so leer zu sein, dass ich nicht mehr wage, die Standheizung einzuschalten. Ist aber auch nicht dringend notwendig, denn sonderbarerweise ist es hier zwar offiziell gleich kalt wie in Dos Hermanas, doch gefühlt wesentlich wärmer. Warum auch immer!

Tag 83

In der Nacht hat es wie aus Kübeln zu regnen begonnen und ich muss viermal aufstehen, um die Verankerung meiner Regenschutzplane nachzuziehen. Beim vierten Mal ist der Boden rund um und unter der Plane bereits so aufgeweicht, dass ich mit den Schuhen stecken bleibe und bis zu den Knöcheln im Schlamm versinke. Es gibt elegantere nächtliche Betätigungen. Völlig gerädert wache ich erst nach zehn Uhr morgens wieder auf. Draußen strahlt die Sonne vom blitzblauen Himmel. 14 Grad. In meinem Kopf werden sofort tausend Befehle in die Umsetzung gebracht. Ich muss mein Croissant holen, das habe ich gesten bestellt, ich muss dieses Schlammdesaster beseitigen, oh Gott, mein Tischchen war über Nacht draußen und steht im Schlamm, die Holzbeine haben sich mit Wasser vollgesaugt, ich soll die Benzinleitung reparieren und um fünf wird es schon wieder kalt und ungut, also hophop los geht’s. So schnell dann aber auch nicht, ich brauche drei Kannen Kaffee um endlich in die Gänge zu kommen. Zuerst versuche ich mich an meinen Crocks, die eine mittlerweile gut erhärtete Dreizentimetersohle aus getrocknetem Lehm haben. Das geht nicht runter. Projekt verschoben, Schuhe in die Sonne gelegt. Das Tischchen… äh… in die Sonne gestellt. Sch**** sieht das hier aus!

Mein burgenländischer Nachbar war früher mal Mechaniker, hat aber Ende der 60er Jahre beschlossen, am Bau zu arbeiten, denn da hat er dreimal so viel verdient. Seine erste Frau ist gestorben, da war er 35 und er musste damals kochen lernen, erzählt er mir, sein Kind war erst 13. Nachdem er mir den Tipp gegeben hat, dass ich den neuen Benzinschlauch besser raufbekomme, wenn ich etwas Seifenwasser verwende, verschwindet er in seinem Kochzelt, heute macht er Reisfleisch, und ich unterm Auto. Ergebnislos, denn was wäre es, den neuen Schlauch wieder RAUF zu bekommen, ich kriege den alten gar nicht runter. Also schleiche ich wieder zu meinem Nachbarn, der gleich mitkommt und sich trotz eingeklemmtem Nerv und höllischen Rückenschmerzen auf meine Reparaturmatte legt. Er ruckelt ein wenig an dem Schlauch und meint dann, er würde später mit mir in die Werkstatt fahren. Er findet, da kann man jetzt nur noch mehr kaputt als besser machen.

Und später, als das Reisfleisch dann fertig ist, habe ich plötzlich eineinhalb Studen Urlaub. Ich muss mich nämlich um gar nichts mehr kümmern. Der Mann – dessen Name ich bis jetzt nicht weiß – fährt vor in die Werkstatt, weist mich dort beim Einparken ein (ich kann das auch ohne, aber völlig egal…), redet für mich mit dem Chef der Werkstatt, den er kennt, weist mich auf die Hebebühne ein, gestikuliert mit mir, denn wir können beide kaum Spanisch und hier keiner Englisch, erzählt mir noch mehr aus seinem Leben, geht mit mir zahlen, begleitet mich zurück, um ein Trinkgeld zu geben und zeigt mir dann auch noch die billigste Tankstelle in der Umgebung. Ich fühle mich an die Hand genommen. Ma, das tut gut, mal zwischendrin. Nun riecht Carissima immer noch nach Benzin, aber der Schlauch ist nicht mehr feucht. Müsste also passen.

Wir gehen an den Strand und gleich dort drüben, wo die Wellen herzukommen scheinen, ist Afrika. Vor Afrika glitzert die Sonne im Wasser.

Tag 84

Ein Tag, der etwas Sonne verspricht, streckt langsam seine Fühler aus. Es ist wärmer als gestern, der Wind hat abgeflaut. Die Nachbarn links und rechts sind wetterkundig, wie auch ich speisen Sie ihr kleines Informationsportal durch verschiedenste Wetterkanäle und Gespräche mit den Einheimischen. Die sind gelassen wie nur was und lächeln immer fröhlich, man ist hier Heerscharen von Touristen gewohnt, Sommer wie Winter.

Als ich an die Rezeption gehe, um zu zahlen, darf ich Zeugin eines Edelsteins der gepflegten Unterhaltung werden. Mann, Mitte 60, Deutscher: „I forgot my Schal in Pepes car, you have it?“. Mann an der Rezeption lächelt freundlich: „Pep, si!“. Urlauber: „Nein, mein Schal (er macht eine entsprechende Handbewegung, es dürfte sich demnach nicht direkt um einen Schal, sondern vielmehr um Schlauchschal oder Loopschal handeln), it is in Pepes car!“. Mann, lächelt: „Pepe!“. „No, I FORGOT (Handbewegung) my Schal in Pepes car!“. Mann, lächelt, geht in Nebenraum, kommt zurück: „No.“ Urlauber: „Oh. Where is Pepe?“. Mann, lächelt: „Pepe not here. Pepe home.“ Urlauber, sichtlich unzufrieden, so gar nichts erreicht zu haben: „And can you tell Pepe, when he cut the gras, everything at my place now. Gras overall!“. Mann, lächelt: „Si, si!“ Ich wünsche mir die Nervenstärke und das Lächeln dieses Rezeptionisten. Wieviel er tatsächlich verstanden hat, war nicht erkennbar. Pokerface vom feinsten.

Unsere Fahrt führt uns die Küste entlang, bis ich vor mit den Felsen von Gibraltar erkennen kann. Dann geht es ab in Richtung Norden, über einen Pass hinauf bis auf 1.500 Meter, wo ich in einem Aussichtsrestaurant einen Kaffee trinke und über die weite Berglandschaft schaue. Dieser Tag ist ein Geschenk. Die Sonne kommt heraus und begleitet uns bei unserer Fahrt durch die Berge, wo die weltberühmten weißen Dörfer Andalusiens zwischen gelb gefärbten Bäumen und blitzblauem Himmel hocken. Wie kleine Anhäufungen von Muscheln drängen sich die kleinen Häuser an Berghänge, durchzogen von steilen Gassen und Straßen, die kaum für den Autoverkehr geeignet scheinen. Der findet aber trotzdem statt, mit eingeklappten Spiegeln und verschrammten Kleinwägen. Unser Ziel ist erst einmal Juzcar, das ich besuchen will, weil ich seine Geschichte schräg finde. Und schräge Dinge mag ich. Juzcar war ausgewählt worden, für einen Marketingtrailer für den Schlumpf-Animationsfilm (2011) als Kulisse zu dienen. Die Bewohner erklärten sich einverstanden, dass man sämtliche Häuserfassaden für den Dreh schlumpfblau anstrich, selbstverständlich war vertraglich zugesichert, dass die Filmgesellschaft auch den Rückanstrich auf Weiß übernahm. Ich denke mir, für ein kleines Dorf mitten in den Bergen ist das ein super Deal, einmal gratis Fassaden streichen. Doch die Bewohner von Juzcar, knapp 240 an der Zahl, entschieden sich (mit 33 Gegenstimmen), die Fassaden blau zu belassen. Seitdem boomt der Tourismus im Ort, ganz klar, denn Juzcar ist der erste und einzige Dorf, das sich von einem weißen in ein schlumpfblaues verwandelt hat. Ich gönne es ihnen, hoffentlich hat jeder was davon.

Im Dorf ist jedenfalls heute nicht viel los, nur eine Gruppe Japaner ist unterwegs und fotografiert schamlos alles, was ihnen unterkommt, inklusive mir und Wanda. Ich räche mich, indem ich zurückfotografiere 😉

Unser zweites Ziel für heute ist Setenil de las Bodegas, ein weißes Dorf, das zum Teil direkt in den Felsen gebaut wurde. Bereits in der Steinzeit hatten sich Menschen hier schützende Behausungen in den Sandstein gebaut, der unter anderem auch dafür zuständig ist, dass es hier in der Gegend vorzüglichen Wein gibt. Nachdem ein Sturmtief angesagt ist und in Setenil ohnehin keine Möglichkeit zum Campen gibt, habe ich mir eine Hütte gemietet, die ich dank Routentante ewig nicht finde. Ich muss aber zugeben, die hätte ich ohne Routentante auch nicht gefunden. Ich rufe im Quartier an und versuche, mich zu verständigen, was nicht klappt, weil ich in den Verzweiflungsmodus schalte und in meinem Hirn alle anderen Sprachschubladen aufspringen, nur die spanische nicht. Ich wusste nicht, dass ich SO gut italienisch spreche! Der Mann am anderen Ende der Leitung sagt, dass seine Frau bald heimkommt und englisch könne. Das verstehe ich immerhin und warte auf den Rückruf von Maria. Leider glaubt Maria, dass ich nur die Beschreibung nicht zur Verfügung hätte und schickt mir noch einmal die Koordinaten durch, mit der ich die Routentante füttern kann, was aber nichts bringt, denn die Routentante führt mich konsequent zu einem umgepflügten Acker und behauptet, dass ich meine Destination erreicht habe.

Bei einer Glaserei frage ich nach dem Weg und bekomme den dann endlich verständlich erklärt, da kommt mir auch schon Marias Mann entgegen, mit dem Fahrrad, und lotst mich zu der gar nicht versteckten Holzhütte. Maria und Mann haben das richtig toll gemacht. Haus gebaut, im Garten zwei Holzhäuschen, die sie vermieten. Gartenlaube, Swimmingpool, Paradies perfekt. In der Ferne wartet die Regenfront und ich halte mich nicht lange im Paradies auf, sondern eile ins Dorf, um dieses noch ohne Regen zu sehen zu bekommen.

Die Entscheidung war goldrichtig. Am Nachhauseweg erlebe ich noch einen wunderbaren Sonnenuntergang und eine halbe Stunde später geht draußen die Post ab. Ich schalte die Heizung auf 27 Grad, endlich mal richtig warm und beschließe, auf jeden Fall drei Nächte zu bleiben.

Tag 85 und 86

Und wieder eine richtige Entscheidung. Es regnet und regnet und regnet und ja. Es regnet. Einen Tag lang bleiben wir einfach im Haus. Wanda hat bei Regen ohnehin keine Lust, nach draußen zu gehen und mir ist einfach zu kalt. Die Regenpause einen Tag später nutze ich, um noch einmal ins Dorf zu spazieren. Fast hätten wir es nicht trockenen Fußes nach Hause geschafft, doch Maria ist ebenfalls unterwegs und nimmt uns im Auto mit.

Wie vergehen Tage wie diese? Aufstehen, schreiben, Tee trinken, schreiben, kochen, mit Wanda spielen, mal wieder Haare waschen, schreiben, Good News Wochenschau ansehen und zusammenpacken. Und husch ist der dritte Tag vorbei. Und morgen geht es weiter, nach Granada.

Tag 87, 22. November 2019

Was bin ich für ein Glückskind. Kaum habe ich die letzte Tasche im Auto verstaut, beginnt es wie aus Kübel zu gießen. Der Blues hat sich artig die Schuhe ausgezogen und es sich am Bett bequem gemacht. Er mümmelt sich gerade in zwei Decken ein, als ich einsteige, es ist naturgemäß klamm und kalt, wenn Carissima drei Tage auf Standby ist. „Alles klar?“, frage ich. „Alles gut“, sagt sie. Wir fahren los, über kleine Straßen Richtung Westen. Granada ist noch auf keinem Verkehrsschild zu lesen, 170 Kilometer querfeldein stehen uns bevor. „Wir haben eine neue Leseranfrage“, sage ich, als wir das Dorf verlassen haben und eine lange, einsame Gerade vor uns liegt. „Cool“, sagt Carissima, „erzähl, mach schon!“

Sie ist sehr aufgeregt. Kein Wunder, Leseranfragen kommen nicht häufig vor. Und diese Frage hat es wirklich in sich. Ich sammle mich. „Unsere Leserin fragt an, ob wir IHREN Blues holen können, denn er besucht sie zu häufig und das will sie nicht“, sage ich. Carissima schweigt. Der Blues schneuzt sich lautstark und raschelt dann mit Papier. Ich schaue in den Rückspiegel. Er erwidert meinen Blick nicht, sondern blättert versonnen in einer Autozeitschrift. In den vergangenen zwei Tagen war er in Arztpraxen, Friseursalons und bei einem Optiker im Ort und hat dort alle Zeitschriften mitgehen lassen. Ob das zu erweiterten Depressionen in der Bevölkerung führen wird, sei dahingestellt, die meisten der Hochglanzmagazine scheinen aus den 90er Jahren zu sein. Den Blues faszinieren sie trotzdem. „Hej, ich glaube, die Frage geht an Dich“, sage ich. „Kann ich mir nicht vorstellen“, sagt der Blues, ohne aufzublicken, „es geht hier nicht um mich. Ich weiß doch nicht, was der persönliche Blues der Dame so macht.“ Der ist uns keine Hilfe. Will er nicht sein. Es ist immer noch der Blues und kein harmloser good guy.

Ich denke nach. Wie ist das mit dem Blues? Wie kam das, dass er nun friedlich im Auto mitfährt und Autozeitschriften liest. Ok, er ist da, manchmal ätzt er herum, doch es gab auch andere Zeiten, da er jedes Wort von mir bekrittelte, über alles lachte, was ich gut und richtig fand und mich in die tiefsten Tiefen meiner Stimmung zog. „Es ist wahrscheinlich so“, sagt Carissima, „dass den Blues jeder Mensch kennt, der sensibel, empathisch und offen ist.“ „Jaja, die Guten“, ätzt der Blues. So kenne ich ihn. „Könntest Du mal die Klappe halten“, sage ich. Er zündet sich eine Zigarette an und verwendet einen meiner Badeschlapfen als Aschenbecher. Den linken. Er ist und bleibt ein Kotzbrocken, soviel ist klar. „Genau das meine ich“, sagt Carissima, die wieder mal Gedanken lesen kann, „sensible Menschen erleben das, dass der Blues sich manifestiert. Weil sie so viel mitbekommen von der Welt, die guten Dinge genauso wie die schlechten, keine Frage, aber irgendwann ist es zu viel. Man spürt sich dann selbst nicht mehr gut an, wird verunsichert, sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und dann kann sich der Blues gut anschleichen und einnisten.“ „Wohl wahr“, sage ich, „und die einzige Lösung, also, in dem Fall, in dem er dann schon jeden zweiten Tag vorbeikommt, ist, dass man ihn einlädt, zu bleiben und einer genauen Betrachtung unterzieht. Wie sieht er aus, Dein eigener Blues? Was macht er so den ganzen Tag? Kannst Du ihn dazu bewegen, mit Dir zu sprechen, zu verraten, was so attraktiv daran ist, zu bleiben? Wenn Du dann so weit bist, dass Du akzeptiert hast, dass Du nun einmal ein Mensch bist, der den Blues kennt, dann geht es meistens von selbst wieder.“ „Oder er bleibt, aber es ist nicht mehr so schlimm“, sagt Carissima, „das Wichtigste ist doch, dass man es offen sagen kann. Du, ich hab den Blues zu Besuch, ist grad ungünstig, mit mir eine Faschingsparty zu planen“. „Obwohl ich schon auf Faschingsparties stehe“, merkt der Blues an. „Aber das stimmt doch nicht“, sage ich, „Du zerstörst doch die Stimmung auf jeder Party!“. „Genau drum mag ich sie doch“, grümmelt der Blues. Im Moment widmet er sich intensiv einer medizinischen Fachzeitschrift aus den späten 1980ern.

Je mehr man sich gegen den Blues wehrt, desto größer wird er, desto raumeinnehmender. Je eher man ihn akzeptiert, umso mehr fügt er sich in das innere Gesamtbild des eigenen Lebens.

Den eigenen Blues zu kennen, das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit einer der Schlüssel zum Glück. Zu wissen, dass man nicht dauernd, immer, in jedem Moment super glücklich sein KANN. Das würde irgendwann zur Fassade werden, den Zugang zur Tiefe versperren. Irgendwann erkennt man dann nicht mehr, macht mich etwas glücklich oder muss ich so tun, weil es erwartet wird. Und das ist schade, es ist eigentlich ein Verrat am Glück. So gesehen ist das Erkennen des eigenen Blues ein Segen, eine Gabe.

Tag 87 bis 89, Granada – Tabernas Wüste

Warum die lange Pause. Nun, Granada war ein Schauplatz der gemischten Gefühle, ein kleiner Ritt in die Hölle. Vier Tage habe ich nun überlegt, ob ich all das aufschreiben soll. Und vier Tage kam ich zu keiner Entscheidung. Nun aber finde ich, dass es notwendig ist, einfach für mich. Und darum beginne ich jetzt und wenn dann die Einblendung kommt „STOP!“, dann überspringen all jene, die keine grauenhaften Geschichten mögen, einfach diese Stelle bis zur nächsten Bildergalerie, ok? Ok.

Die ganze Nach hat es geregnet und gestürmt, ich habe Carissima am Straßenrand vor meinem Quartier geparkt, mit ihrer Pedalfessel versehen, auf dass sie nicht gestohlen wird und auch noch große Steine hinter die Hinterräder gequetscht, weil wir sehr stark abschüssig stehen. Nicht, dass sie von den Wassermassen weggschwoabt wird. Am Morgen hört es auf zu regnen, die Wolken ziehen herum und dort und da kommt die Sonne heraus. Heute ist wieder mal so ein Tag, der von Anfang an den Wurm drin hat. Zuerst löse ich fast den Brandalarm aus, als ich versuche, mir in der Mikrowelle ein Stück Brot zu toasten. Nicht, weil ich unbedingt Toast will, sondern weil ich vergessen habe, Brot zu kaufen und das, das ich noch habe, schon etwas hart ist. Leicht toasten funktioniert da meist, aber es gibt weder Toaster noch Backrohr in diesem Haushalt. Als ich dann plötzlich die Rauchschwaden gen Brandmelder ziehen sehe, hilft nur noch eines, Fenster auf, Tür zum Hausgang auf und wedeln. Danach hat es 18 Grad in der Wohnung, draußen ist es kalt und die Heizung funktioniert nur am Abend.

Wanda muss raus. Dieses Haus umfasst fünf Stockwerke mit jeweils 20 Wohnungen und bis wir den langen Gang entlang gelaufen und mit dem Lift nach unten gefahren sind, ist es wirklich dringend, wir schaffen es nicht mehr auf die Straße. Wanda saust um die Ecke und ich folge ihr, denke mir noch, warum tut sie denn plötzlich so heikel und stelle dann fest, dass ich mit beiden Schuhen richtig fein in Hundekacke stehe. Offenbar haben es viele Hunde hier sehr eilig und sausen ums Eck, doch deren Besitzer haben keine Sackerl mit. Und nachdem ich wieder mal kaum etwas rieche, war ich nicht vorgewarnt. Den Rest des Vormittags verbringe ich also mit dem Versuche, meine Schuhe wieder sauber zu bekommen, die sind dann natürlich klatschnass. Also müssen die noch nicht langstreckenerprobten Schuhe heute herhalten. Bis zur Alhambra sind es knapp drei Kilometer, das müsste klappen. Und so gehen wir kurz nach Mittag endlich los.

STOP. Wenn Du diesen Absatz überspringen möchtest, scrolle einfach bis zur nächsten Bildergalerie.

Direkt neben dem Haupteingang in das Haus befindet sich ein ungepflegtes Grundstück mit ein paar Bäumen, das einen wunderbaren Blick auf Granada bietet, ich schleiche mich also durch das Tor und mache meine Bilder, bevor ich die Straße hinunter in die Innenstadt gehe. Wir wohnen hier auf einem Hügel, leider nicht so beschaulich wie in Bilbao. Zwei Hunde kommen uns entgegen, keine Streuner, sie haben Halsbänder, aber allein unterwegs. Plötzlich rennen die beiden los, an uns vorbei, auf das Grundstück, auf dem ich gerade noch war. Ich höre eine Katze fauchen und denke mir noch, ma, die Hunde sollen sich nur nicht zu weit vorwagen. Die beiden drehen völlig durch, springen auf den Baum, auf den sich die Katze geflüchtet hat, immer wieder. Die Katze schreit.

Ich packe Wanda, renne zurück zu dem Baum und brülle die Hunde an, die sofort abhauen, mit hängenden Ohren. Die Katze ist weg. Ob sie verletzt ist. Mein Herz klopft, Wandas auch. Ich schaue mich um und dann sehe ich sie, unter dem Baum liegen. Die Katze ist tot. Ich kann das einfach nicht glauben. Fünf Sekunden zu spät.

Ich kann doch jetzt nicht nichts tun? Wem gehört die Katze? Jemandem aus dem Haus? Ich laufe auf ein Auto zu, das vor dem Haus hält, zwei junge Frauen steigen aus, eine davon spricht englisch. Zuerst versteht sie nicht, dass das gerade JETZT passiert ist, endlich kommt sie mit und sieht sich das Unglück an. Ihre Freundin regt sich unglaublich auf, sie hat selbst fünf Hunde und letztens war die Polizei bei ihr, weil jemand ihre Hunde verdächtigte, eine Katze getötet zu haben. Sie will eine genaue Beschreibung der Hunde und dann werde ich zu einem Haus in der Nachbarschaft geschleppt und muss mir dort einen Hund ansehen. Der war es aber nicht. Die Besitzerin des Hundes bequemt sich irgendwann zum Gartentor und gibt nach einigem Hin und Her zu, dass sie vier Hunde hat und zwei davon wieder einmal abgehauen sind. Sie machen das regelmäßig und erwischen dauernd Katzen, sagt sie, und dass sie das sehr ärgert. Das hilft der Katze aber nicht mehr.

Ich muss mich unglaublich ärgern, bin unglaublich traurig und frage, ob man mich hier noch braucht. Nein. Also gehe ich. Plötzlich ist der Blues neben mir, legt seinen Arm um mich und mir wird unglaublich kalt. Drei Schritte später bekomme ich heftige Kopfschmerzen.

Die Alhambra ist eine Stadtfestung und liegt auf einem Hügel. So richtig schön als Ganzes sieht man sie nur von einer Seite der Stadt, wir kommen von der anderen. Die nicht erprobten Schuhe drücken und die Kopfschmerzen sorgen dafür, dass mir schlecht wird. Ich schleppe mich den Hügel hinauf, hier fährt auch ein Bus, den naturgemäß alle anderen Besucher nutzen. Ich habe aber das Gefühl, dass Gehen jetzt helfen könnte. Endlich oben angekommen sehe ich die riesige Besucherschlange vor dem Haupteingang und beschließe, eine Security Dame zu fragen, ob Wanda überhaupt hinein darf. Bevor ich mich da anstelle. Sie darf nicht. Auch nicht in den Garten? Auch nicht in den Garten.

Also gehe ich den ganzen Hügel wieder hinunter, auf der anderen Seite, um zumindest eine Außenansicht der berühmten Alhambra sehen zu können. Gegenlicht. Tausende Menschen tummeln sich mit Getränken in der Hand zwischen Krimskramsläden und Weihnachtsdekoration. Ich glaub, ich gehe lieber wieder zurück.

Auf dem Rückweg rubbeln mir die Schuhe beide kleinen Zehen wund und ich gehe, weil ich kaum mehr gehen kann, nicht mehr einkaufen. Ich denke, ich könnte mir eine Pizza bestellen. Das ist aber gar nicht so einfach, wenn man das online machen will und keine spanische Telefonnummer hat. Das erste Restaurant lehnt ab, beim zweiten klappt es dann. Über eine Stunde habe ich dafür gebraucht. Mittlerweile geht auch die Heizung wieder, Gotseidank, 15 Grad sind dann doch ein bisschen zu wenig. Ich habe eine Pizza bestellt und als Nachspeise zwei Brownies, dann habe ich für morgen gleich Frühstück. Ich bekomme eine kalt Pizza, traue mich aber nicht mehr, die Mikrowelle einzuschalten, und sechs Stück knusprige Hühnerschenkel.

Die schäle ich ab und gebe sie Wanda. Der Blues ist nobel genug, nicht laut loszubrüllen, wie er das sonst macht. Er lehnt mit dem Kopf am Türstock der Badezimmertür und versucht, nicht zu lachen. Die Tränen rinnen ihm übers Gesicht. Ich gehe schlafen. Dieser Tag war nicht mein Tag.

Dinge die vorbei sind, sind vorbei. Wenn man einen Blues hat, ist es sehr wichtig, an dieser Tatsache regelmäßig zu arbeiten, denn sonst wird der Blues immer größer. Gestern war gestern und nichts davon lässt sich ändern, weder die wunden Zehen, noch die anhaltenden Kopfschmerzen, noch irgend etwas anderes. Es gilt, gestern ziehen zu lasen und heute neu zu beginnen.

Von Granada führt eine Autobahn quer durch die Wüste. Sie ist relativ neu und hat einfach die vorhandene Straße ersetzt. Am manchen Stellen sieht man noch Teile der alten Straße, doch über lange Strecken ist die A92 die einzige Straße hier in der Gegend. Die Landschaft ist atemberaubend, an jeder Ecke möchte ich stehen bleiben und schauen. In der Ferne glitzert die schneebedeckte Sierra Nevada. Ich möchte heute zu den Filmstudios „Fort Bravo“, dem einzigen Studie in der Desierto de Tabernas, der Tabernas Wüste, das noch aktiv genutzt wird. Unzählige Filme wurden in und um die Studios gedreht, von „Spiel mir das Lied vom Tod“ über „Lawrence von Arabien“ bis hin zum „Schuh des Manitou“. Allein im vergangenen Jahr wurden 42 Filme oder Filmteile hier gedreht. Im Fort soll es die Möglichkeit geben, zu campen und das nehme ich mir gleich mal vor.

Es ist Sonntag und trotz der Tatsache, dass wir weit aus der Saison sind, finden in Fort Bravo gleich zwei Westernshows statt. Zur ersten komme ich gerade rechtzeitig, auch dazu, die Campingsache zu klären. Das dürfte in der Saison besser klappen als jetzt, denn jetzt, erklärt mir die Dame im Saloon, die sich selbst nicht wirklich auskennt, haben die Sanitäranlagen nur am Nachmittag geöffnet und nach 18.00 Uhr ist man als Camper hier allein. Also, man darf nicht mehr aufs Gelände, es gibt keinen Shop, keine Bar und kein Klo. Ich finde, dass 42 Euro für diesen Spaß dann doch ein wenig zu viel sind und beschließe, auf die zweite Show zu verzichten und einen anderen Platz zu suchen. Außerdem sollte ich noch was einkaufen.

Aber es ist Sonntag. Und in Tabernas hat genau gar nichts auf. Der Campingplatz, der ein paar Kilometer weiter sein soll, hat zu. Und ich stehe wieder mal in der Pampa. Die Westernshow hat Wanda nicht gefallen, zu laut. Mir aber schon, muss ich zugeben. Der Blues hat befunden, dass das alles Amateure sind und hat in der Zwischenzeit auf die Rechnung eines holländischen Touristenpaares mehrere Biere getrunken. Jetzt schnarcht er auf dem Beifahrersitz. Und nun ist die Routentante das erste Mal so eine richtige Hilfe, sie behauptet nämlich, dass hier in der Nähe noch ein anderer Platz sein soll. Den finde ich dann auch sofort. Der Platz hat neu eröffnet, wird von einer Engländerin und einem Deutschen betrieben, ist wunderbar kuschelig klein und alles ist gut. Der Tag war lang und anstrengend. Ich esse die zwei Sandwiches, die ich eigentlich als Mittagessen vorgesehen hatte und falle ins Bett.

Tag 90 bis…

Ich wollte nur eine Nacht bleiben. Thomas und Julie bieten mir aber an, dass ich, in Ermangelung eines Sanitärbereiches, an dem ihr Handwerker Luto jeden Tag tüchtig arbeitet, ihr Wohnmobil nutzen kann. Ich stehe also auf einem superneuen Platz, neben mir ein Riesenwohnmobil amerikanischer Bauart, das mir zur Verfügung steht und jeden Abend überschlagen sich die Ereigisse förmlich, denn die spektakulären Sonnenuntergänge werden von unglaublichen Sternenhimmelaussichten gefolgt. Ich schleiche die halbe Nacht mit meiner Kamera herum und teste verschiedene Positionen und Einstellungen, in der ersten Nacht noch dick eingepackt, dann nur noch im Pyjama. Es ist so richtig warm geworden, tagsüber hat es weit über 20 Grad, in der Nacht ist es gut auszuhalten. Lediglich in den frühen Morgenstunden wird es klamm und feucht, was ich an den Ergebnissen meiner Kamera sehe, die brav die ganze Nacht durchfotografiert.

Tagsüber komme ich gut zum schreiben und arbeiten oder helfe Julie beim Oliven ernten oder Thomas mit Computersachen. Dazwischen gehe ich mit Wanda in die Wüste hinaus oder durch die Olivenhaine. Es könnte schöner nicht sein.

Die Filme, die unsere Jugend geprägt haben – oder die unserer Eltern – wurden zum Teil hier gedreht. Sei es „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Lawrence von Arabien“, „Indiana Jones“ oder „Winnetou“ – die Wüste von Tabernas musste herhalten, um den Wilden Westen zu mimen, die arabische Wüste oder Orte auf einem fernen Planeten. Auch für „Game of Thrones“ wurde hier schon gedreht, bis zu 40 Filme pro Jahr werden hier zum Teil produziert. So, wie wir uns den „Wilden Westen“ vorstellen, ist er also nicht. Er ist eher so wie die Wüste von Tabernas. Besser gesagt, wir haben die Tabernas Wüste im Kopf, wenn wir an Arizona denken. Ziemlich schräg, finde ich.

Und hier geht es weiter…