Norwegen Juli 2011

5. und 6. Juli
Nachdem die Täuschungsmanöver bezüglich Autozugabfahrt erfolgreich waren, sind wir um kurz nach 18.30 in München Ost und ich schwöre bei Odin (immerhin fahren wir in den hohen Norden), dass ich mich getäuscht habe. Somit wird der Abend bei griechischem Essen und Wein gestartet und wir sind pünktlich zur Autoverladung wieder am Bahnhof. Dort hat man einen Plan. Mit deutscher Gründlichkeit werden die Autos sortiert, geschlichtet und auf den Autozug gewiesen. Was als Zuseher chaotisch erscheint, zeigt sich nach vollendeter Tat als perfekt: hohe und niedrige Autos sind so verladen worden, dass all die Fahrzeuge aus der Ferne betrachtet dann eine einzige gerade Linie ergeben. Der Mann, der die Autoverladung leitet, ist im Hauptberuf Physiker. Sein Kollege, ebenfalls Physiker, und er, schieben hier Abendschicht bei der Deutschen Bundesbahn. Ein weiterer Kollege ist Finanzbeamter, ein anderer Computertechniker. Der Physiker erzählt uns von den sehenswertesten Ausstellungsstücken des technischen Museums in München und empfiehlt uns den Besuch desselben. Dann muss er wieder an die Arbeit und wir wechseln den Bahnsteig. Denn wir werden den Zug auf Bahnsteig 13 besteigen, während La Carissima noch immer auf Bahnsteig 12 steht, hoch oben am Autozug.

Letzte Chance auf eine Zigarette. Stefan hat mit Entsetzen fest gestellt, dass wir in einem Liegewagen im Fünferabteil nächtigen werden und sitzt verzweifelt am Bahnsteig. Ein deutscher Motorradfahrer nutzt die Gelegenheit und stürzt sich auf den verzweifelten Mann. Erklärt ihm alle Alpenpässe, die er in den vergangenen vier Tagen erledigt hat, die Vor- und Nachteile des Boxermotors, die Vorzüge der österreichischen Polizei sowie Österreichs im Besonderen. Ich bleibe verschont, weil es in der Weltsicht des gesprächigen Mannes keine Motorrad fahrenden Frauen gibt. Stefan ist mittlerweile glücklich, dass wir in einem Fünferabteil OHNE Motorradfahrer schlafen. Und so spendieren wir noch eine Flasche österreichischen Wein und haben einen wunderbaren Abend mit einer schweigsamen Deutschen in den Sechzigern und einem gesprächigen, dänischen, radfahrenden Ehepaar, das uns gute Tipps zum Gleitschirmfliegen in Dänemark geben kann. Entgegen meiner Erwartungen wirkt das Geräusch des Zuges nicht einschläfernd auf mich und ich verbringe eine gemütliche Nacht mit den Schlafgeräuschen von vier weiteren Personen. Irgendwo sind wir auch stehen geblieben und ein Teil des Zuges wurde abgehängt, ich habe aber vergessen, wo das war. Als ich aus meinem ersten Dämmerschlaf auf dieser Reise erwache, ist es bereits hell und ich nutze die Gunst der Stunde, sprich, die Zeit, in der der Waschraum noch jungfräulich unbenutzt ist. Als ich zurück komme, vernehme ich die Durchsage, dass es nun 6.15 sei und die Zugreisenden nun langsam aufstehen sollten, weil es Frühstück gäbe. SO ein Luxus! Das habe ich der Buchung im Internet nicht entnommen! Es gibt Kaffee, Orangensaft, ein Croissant, Butter, Marmelade und ein semmelähnliches, kleines Weißbrot. Immerhin, ein Start.

Hamburg Altona. Alte Erinnerungen. Die vormals schweigsame Deutsche läuft zur Hochform auf, erzählt alle Stadtsünden Hamburgs bis ins kleinste Detail, schlachtet in ihren Phantasien die bösen Ubahn-Sprayer und hat auch sonst noch einige Weltverbesserungen auf Lager. Sie macht jedes Jahr Urlaub in Landeck, nun gut, das sagt einiges… Endlich steht der Zug, wir verabschieden uns artig und ich bekomme den Auftrag, die Ausfahrt unseres Busses aus der Bahnhofshalle fotografisch fest zu halten. In Hamburg Altona verläuft das nämlich so: es wird ein Absperrband aufgestellt, der Autozug fährt ein und die Autos fahren quer durch die Bahnhofshalle raus, mitten in die Innenstadt. Das ist richtig schräg. Ich stehe also mit dem Fotoapparat im Anschlag hinter der Absperrung und alle fahren vom Zug. Alle, bis auf La Carissima. Die steht wie festgefroren am Zug. Die Autozugverlader sind hier genauso fix wie in München, es wird sofort die Klappe hoch gemacht und der untere Teil entladen. In der Zwischenzeit wird hektisch organisiert, durch Funkgeräte gebrüllt – „wenn wir unten fertig sind, alle hoch, der Bully springt nicht an, den müssen wir runter schieben“ – und Stefan sitzt im Auto und winkt mir fröhlich zu. Ich kann nicht rauf, weiß nicht, was los ist und werde langsam nervös. Dann ist der untere Teil fertig entladen und unser Bus wird vom Zug geschoben. Abgesoffen, heißt es. Man schiebt mit vereinten Kräften und der Bus steht schließlich zwischen Gleis 20 und 21 am Bahnhof von Altona und springt nicht mehr an. Nach einigem Warten, abgesoffen müsste sich da schon beruhigt haben, tut sich immer noch nichts. Ich habe in der Zwischenzeit Kaffee geholt und könnte heulen vor Müdigkeit und Frust. Stefan geht aufs Klo. Plötzlich klopft mir jemand auf die Schulter, streckt mir die Hand entgegen und sagt: „Guten Tag, mein Name ist Arnd und ich bin vom VW-Club Hamburg“. Hätte ich keine Ohren, dann ginge mein Lächeln jetzt einmal rundherum. Arnd meint, so ein Modell habe er noch nie gesehen, die Front sähe aus, wie die vom Diesel-Modell, sehr interessant, aber eben Benziner, sehr spannend, dann hilft er mir, den ganzen Bus auszuräumen, damit er an den Motor kann. Die am Bahnsteig pausierenden Autozugverlader zeigen Daumen hoch, als ich unseren gesamten Stiegl-Bier-Vorrat am Bahnsteig staple. Ich bin selbst erstaunt, wie viel Bier wir für die große Fahrt gebunkert haben. Arnd arbeitet sich systematisch durch den Motorraum und teilt Stefan, der nichtsahnend aus Tiefen des Bahnhofs auftaucht, gleich zur Fehlerfindung ein. Es kristallisiert sich ein Problem mit dem Benzintransport heraus, wahrscheinlich die Benzinpumpe, und ich werde ein wenig mutlos. Schon wieder eine Pumpe. Die Wasserpumpe damals kam auf etwas über 700 Euro…. Und nun? Arnd gibt uns seine Nummer und empfiehlt uns eine Werkstätte in Hamburg, in der man sich mit alten Stücken auskennt. Falls es wirklich die Benzinpumpe sei, sollten wir ihn anrufen, er versuche inzwischen, eine gebrauchte Pumpe für unser Modell aufzutreiben. Als Arnd uns verlässt – und den angebotenen 6-Pack Stiegl mit den Worten „ihr fahrt nach Norwegen, da ist das Gold wert!“ ablehnt, ist es schon nach 9.00 und wir stehen mittlerweile fast zwei Stunden in der Bahnhofshalle, kein Mensch beschwert sich. Ich hatte vergessen, wie gelassen die Hamburger sind. Der ADAC-Mann ist eine knappe halbe Stunde später vor Ort und ebenfalls sehr gelassen. Die Benzinpumpe kann er nach einem weiteren Test ausschließen. Er rüttelt an der Benzinleitung herum, kriecht unter das Auto und packt schließlich eine Spritze in der Größe eines Babyfläschchens aus, mit der er an der Benzinleitung saugt. Und irgendwann, nach unzähligen Versuchen, kommt Benzin. La Carissima springt an, als wäre nie etwas gewesen und das war’s. Wahrscheinlich, meint Arnd, mit dem ich später noch telefoniere, habe sich durch das Zuggerüttle irgendwelcher Dreck der vergangenen Jahrzehnte aus dem Tank gelöst und die Leitung verstopft. Er empfiehlt uns noch, einen Filter vor der Benzinpumpe anzubringen, damit die nicht wirklich kaputt geht, falls der Dreck seinen Weg findet. Das mache ich doch gern. Der Filter kostet 2,45 Euro und ist in zwei Minuten eingebaut.

Um kurz nach 11.00 verlassen wir den Bahnhof Hamburg Altona und ich habe keine Lust mehr, einen Campingplatz zu suchen, sondern nehme den, den der ADAC-Mann empfohlen hat. Der ist weit draußen, am Ende der Welt, dort, wo Hamburg aufhört und als letzter Bote der urbanen Welt ein überdimensionaler IKEA steht. Ein feines Plätzchen, mit dem Rad eine Stunde bis nach Hamburg. Stefan protestiert und legt sich in die Sonne. Ich kann vor Müdigkeit, Koffeinmangel und Erleichterung kein Auge zu tun und organisiere das Businventar. Immerhin gilt es, 50 Dosen Bier wieder vernünftig zu verstauen.

Nachdem der Tag so früh begonnen hat, ist noch genug Zeit für alles: Benzinfilter besorgen, Stadtrundfahrt per Rad, St. Pauli, Altona, Hamburg Hafen, Hafenrundfahrt mit SPeicherSTadt und dann in Omas Apotheke Abendessen, ja, Chris, es gibt sie noch! Ich weiß nicht mehr genau, wie ich ins Bett gefallen bin an diesem Abend, aber es war auf jeden Fall dringend notwendig!

7. Juli
So lange und so erschöpft geschlafen, dass es richtig hektisch wird, denn hier heißt es korrekt um 11.00 auschecken. Nachdem das Moskitonetz zu Hause geblieben ist, bleiben wir gleich bei IKEA stehen und kaufen eines, plus ein zweites Frühstück. Der Kaffee ist norddeutsch dünn, dafür gibt es Waldmeistergrütze, ich glaube, die letzte hatte ich vor zwanzig Jahren. Da kommen Kindheitserinnerungen an Urlaube in Norddeutschland hoch! Ich weiß nicht recht, ist der Kindergaumen weniger verdorben oder durfte man damals noch mehr geschmacksverstärken, aber der Waldmeister war in den achtziger Jahren stärker wahrzunehmen.

Kurz vor Flensburg bleiben wir noch mal zum Tanken stehen und natürlich müssen wir auch noch etwas einkaufen… und dann sind wir in Dänemark. „Woltan eben“, sagt Stefan und meint damit „ziemlich flach“. Und Brücken bauen können die! Odense, Nyborg, dann 22 Kilometer Brücke über das Meer. Kopenhagen. Auch hier gibt es eine Brücke, nach Malmö, aber die nette Dänin im Zug hat uns die Fähre von Helsingor nach Helsingborg empfohlen und wir entscheiden uns dafür. Das ist hier nicht weiter kompliziert gestaltet, es ist eine Autobahn ausgeschildert und mit dieser Beschilderung landet man im Hafen. Steckt seine Kreditkarte in den Automaten, wie bei der Autobahnmaut und fährt auf die Fähre. 20 Minuten später ist man in Helsingborg und fährt wieder auf der Autobahn. Und man ist in Schweden. Wir fahren noch nach Mölle, das an der Spitze zum Skälderviken liegt und finden dort einen wunderbaren Campingplatz. Im Campinghütterl das Schweden-Klischee wie es ärger nicht geht: zwei gut gelaunte, hübsche, blonde Schweden mit sonnengeröteten Gesichtern geben alles, um uns hier willkommen zu heißen. Informationen zum Gleitschirmfliegen auf der Halbinsel, eine Warnung vor Malmö, das ein „shitty place“ ist, „even their football-team is shitty“, und den Wetteraussichten für die nächsten Tage, die nicht sehr flugfreundlich sind. Was nicht so schlimm ist, denn nach Schweden und Norwegen fährt man nicht zum Fliegen, man nimmt die Schirme mit und wo es geht, geht es. Wir kochen frische Kartoffeln mit Steak und Paprikagemüse und schlafen den Schlaf der Gerechten.
8. Juli
Um neun Uhr beginnt es zu regnen, ein leichter Sommerregen, wie wir ihn nicht kennen, es bleibt extrem mild, aber nass, naja, nass wird man trotzdem. Mit großem Aufwand (wo kommen bitte all die Bierdosen her???) packe ich den Bus neu und wir fahren gegen 12.00 los. Vorbei an viel Wald, weiten, gelben Feldern und roten Häusern. Willkommen im Michel aus Lönneberga Land. Der Regen verstärkt sich stündlich und irgendwann schüttet es aus Kübeln. Wir stoppen bei McDonalds, weil es dort freies Wlan gibt und irgendetwas an McDonalds (außer dem Wlan, den wir sind die einzigen mit Computer) scheint die Schweden wirklich anzuziehen, an jeder Kasse steht eine lange Schlange. Bis Stefan mit meinem Capuccino wieder kommt, habe ich sämtliche mails gecheckt. Hej, Pauli, meine mail bekommen???

Mein weltbester Navigator übernimmt pünktlich um 14.00 seine Navigationsschicht und ich darf zwei Stunden durch den Göteborger Autobahnstau zuckeln, während Il Navigatore die ersten Biere verkostet und bis zum Ende des Staus nur noch kichert. Navigieren fertig. Kichern. Draußen regnet es wie am Ende der Welt.

Nachdem das Wetter nicht besser wird, beschließen wir, noch bis zur norwegischen Grenze zu fahren. Weiter will ich wegen unserer offensichtlichen Alkoholvorräte nicht, denn eigentlich dürfte man nach Norwegen nur eine Palette Bier einführen. Und den Rest gedenke ich GUT zu verstauen. Also halten wir in Strömstad an einem Campingplatz außerhalb der Stadt und hier zeigt sich wirklich die nordische Gelassenheit. Auf einem Schild steht, man möge sich einen Platz suchen, 200 Kronen mit Strom koste das pro Nacht. Keine Rezeption, kein Mensch weit und breit. Nach einigen Metern dann ein paar Camper, ein Wäldchen, herrliche Stellplätze, ein kleiner See und das sanfte Licht der Sonne, die hier nur vier Stunden untergeht. Wir packen unser Tischchen aus, kochen und ich verstaue all das Bier in diversen Kisten, Himmel, wo immer man hin greift, man stößt ständig auf Bier! Und dann kommt ein sehr gemütlicher Herr und kassiert die 200 Kronen, die wir natürlich nicht haben, weil wir immer noch nicht beim Bankomaten waren, also 20 Euro. In der Dusche stelle ich dann fest, dass diese nur mit Einkronenmünzen funktioniert und muss von zwei blonden Halbwüchsigen drei Kronen schnorren, um überhaupt duschen zu können. Ich komme mit etwas doof vor. Strömstad, gute Nacht.
9. Juli
Hier ist es unglaublich lauschig und nachdem wir am Abend noch die Regenschutzplane gespannt hatten, in der Nacht hat es noch viel geregnet, ist auch unser gesamtes Gepäck schön trocken. Am Morgen: blauer Himmel und eine Landschaft, wie man sie aus Michel aus Lönneberga kennt. Grüne Felder, rote Häuschen, dazwischen einsame Nebenstraßen und noch einsamere Gehöfte. Irgendwann dann wieder eine Hauptstraße, dann ein riesiges Einkaufszentrum, mit McDonalds Wlan und eine Outletcenter, das in uns die Frage aufwirft, warum es immer heißt, dass das Einkaufen in Schweden so teuer sei. Die Grenze zu Norwegen wiederum stellt in Frage, warum ich den ganzen Bus neuorganisiert habe, denn hier interessiert sich kein Mensch für die 50 Dosen Bier, die wir zu viel einführen. Es interessiert sich niemand auch nur dafür, dass wir hier einreisen. Also fahren wir auf Nebenstraßen durch die grüne Landschaft weiter Richtung Oslo.

Das Fluggebiet Heia, von dem wir im Gleitschirmmagazin gelesen haben, finden wir leider nicht. Dafür finden wir aber den von einer Nachbarin empfohlenen Campingplatz, nur für Campingmobile, mitten in Oslo, direkt am Hafen. Man muss hier einfach bei einem Parkautomaten Parkgebühr für 24 Stunden bezahlen und das war’s. Eigentlich ist das Gelände ein Trockendock, aber in den Sommermonaten wird es als Campingplatz genutzt. Unsere Carissima leuchtet blitzblau aus der Menge all der großen, modernen und blitzweißen Campingmobile heraus.

Jetzt aber endlich zum Geld. Weil hier, in Oslo, schaffen wir es zum Bankomaten und haben uns auch, dank Mc Donalds Wlan, kundig gemacht. Also bittesehr. Däemark, Schweden und Norwegen haben Kronen als Währung, wobei 10 dänische Kronen knapp unter 1,30 Euro betragen, schwedische 1,10 und norwegische knapp über 1,30 Euro. Dänemark, Schweden und Finnland sind bei der EU, Norwegen aber nicht. In Finnland hat man den Euro. Soweit, so gut. Campen in Norwegen und Schweden ist sehr billig, für eine Nacht im Camper mit zwei Personen und Strom kostet das kaum mehr als 25 Euro, dafür ist das Essen gehen sehr teuer, Kebap zum Beispiel, das Günstigste, kriegt man in Norwegen für umgerechnet 6,50 Euro, bei uns bezahlt man nie mehr al 3,50. Das Outleteinkaufen in Schweden war dafür aber extrem billig, Ecco-Schuhe um 90 Euro und Markensportjacken ab 35 Euro. Hm. Eintritt in Museen: doch ein wenig teuer, unter zehn Euro geht da gar nichts.

Oslo. Trockendock. Wir schützen uns mit abmontiertem Fahrradträger und gespannter Plane, denn dunkle Wolken ziehen über die Stadt. In der Nacht beginnt es zu regnen wie aus Kübeln.

10. Juli
Ein Mann mit dem Fahrrad fährt durch die Reihen der Wohnmobile und kontrolliert, ob alle ihr Parkticket gelöst haben. Das Klo ist weit weg, aber mit dem Fahrrad schnell zu erreichen. Es regnet immer noch und Stefan brät Spiegeleier unter der Plane. Meine Ordnungsaktivitäten im Bus sind schwer gebremst und ich finde nichts mehr. Wo sind die Nudeln, wo das Sugo? Wo das Brot, wo die Erdnüsse?
Endlich zeigen sich helle Streifen am Horizont und der Regen lässt nach, wir brechen mit den Fahrrädern in die Stadt auf. Aus der Ferne leuchtet die Holmenkollen Sprungschanze. Die Innenstadt ist in Beschlag genommen von silbernen und goldenen menschlichen Denkmälern und sonderbarerweise von Micky Mäusen, mit denen man sich fotografieren lassen kann. An allen Ecken stehen Waldtrolle vor Andenkenläden und bei Mc Donlands funktioniert das Wlan nicht. Um den Königspalast scharen sich Menschenmengen und lassen sich mit den königlichen Palastwachen ablichten, die mit ernster Miene ihren Dienst tun müssen und sich nicht wehren können. Im Vigelandpark mit den überdimensionalen Kunstwerken beginnt es wieder zu regnen und ich befinde, dass ich für heute genug Rad gefahren bin. Als wir dann wieder unter unserer Plane sitzen und einen kleinen Muskelkater von der ausgiebigen Radtour haben, startet in der Nähe Livemusik, die bald im Regen untergeht. Dunkle Wolken hängen über dem Hafen. Gute Nacht, Oslo.
11. Juli
Blauer Himmel! Der Hafen befindet sich direkt an der Museumsinsel, klar also, dass sich ein Ausflug ins Winkingermuseum lohnt. Vom Pippi Langstrumpfland ins Wickie-Land. Die Nussschalen, mit denen die Wikinger vor über 1000 Jahren über den Atlantik gesegelt sind, lassen Respekt aufkommen. Während die Engländer im 18. Jahrhundert einen Preis ausgesetzt hatten, um endlich die Längengradbemessung möglich zu machen und somit vernünftiges Kartenmaterial zur Verfügung zu haben, segelten die Norweger 600 Jahre zuvor einfach drauf los und kamen nach Grönland und bis in das heutige Kanada. Es war ihnen wohl einfach egal, wo sie genau waren, Hauptsache, sie waren irgendwo. Ein bisschen so, wie wir heute reisen. Wir wissen auch meistens nicht, wohin wir fahren…

Auf dem Weg zurück finde ich wieder mal eine geniale Abkürzung… und so fahren wir downhill zurück in den Hafen, wobei ich einen Großteil der Strecke schieben muss, weil es mir buchstäblich zu steil ist. Angetan von der spontanen Reiselust der Wikinger beschließen wir, noch auf den Holmenkollen zu fahren, wo uns ein touristisches Zentrum mit allen Höhen und Tiefen erwartet, super Fotopoints, ein Ausblick über die ganze Stadt sowie eine halbe Stunde Wartezeit beim Lift zur Sprungschanze. Das Warten hat sich aber gelohnt, der Blick ist überwältigend. Während die tapferen Schispringer in Innsbruck einen Friedhof in ihrem Blickfeld vorfinden, so schauen sie am Holmenkollen in ein düsteres kleines Wäldchen, in dem ein überdimensionaler Troll aus Stein lauert. Jedem Land seine Traditionen, denke ich mir und verzichte ohne Groll auf eine Fahrt im Schisimulator.

Über die E16 geht es weiter Richtung Norden. Die europäische Hauptverkehrsstraße ist ein wenig anders, wie wir uns europäische Hauptverkehrsstraßen vorstellen. Sie ist etwas schmäler als das, was wir als zweispurige Bundesstraße in Erinnerung haben, windet sich durch Schluchten und an Seen entlang und wird an manchen Stellen einspurig. Wenn es gar nicht anders möglich war, hat man einen Tunnel gebaut und davon gibt es nicht zu wenige. Immer wieder wird der Verkehrsteilnehmer darauf hingewiesen, dass nun Maut zu zahlen sei, man solle aber bitte auf keinen Fall stehen bleiben. Mir schwant, dass diese Sache noch ein Geheimnis birgt. Nachdem mein Reiseführer sowie die für Stefan vorgesehene Literatur, wenn Eschbachs „Ein König für Deutschland“ ausgelesen ist (ich wurde ja bereits 2008 zur K&K Hofbibliothekarin ernannt), zu Hause geblieben sind, hole ich mein gesammeltes Wissen über dieses Land aus den wenigen McDonalds WLan Besuchen und aus einem schmalen Marc O’ Polo Sprachführer, der auch marginale Informationen über das Land liefert. Plus 10 Seiten Schimpfwörter und böse Sachen in der Landessprache. „Turbo Ali“ ist zum Beispiel einer, der zu viel Kaffee getrunken hat. Das ist bei uns ja nicht unbedingt ein Schimpfwort, aber bitte. Dem Sprachführer entnehme ich nichts über das norwegische Mautsystem, dafür aber über die berühmten Stabkirchen, die uns nun entlang der E16 erwarten. Diese Holzkirchen stammen aus dem 12. bis 13. Jahrhundert, über 1.000 davon gab es in ganz Europa, 28 davon sind noch erhalten, alle in Norwegen. Wahrscheinlich weil’s hier nie regnet??? Der Name Stabkirche stammt von der Pfahlbauweise der Kirchen, die von norwegischen Wanderhandwerken entwickelt wurde, die die Tischler- und Zimmererkünste der Wikinger verfeinert hatten und ihre Dienste in allen Ländern angeboten hatten. Als wir vor der ersten Stabkirche stehen, frage ich mich zum einen, warum man a) jemals auf Steinbau umgestellt hat und b) was für ein Getöse heute um Holzschutzmittel gemacht wird, wenn diese Kirchen einfach seit über 800 Jahren da stehen. Hm. Jetzt wird der werte Leser sicher sagen, ja, aber nur noch 28 davon. Sage ich: ja eh. Aber wie viel Steinbauten stehen nimmer??? Soviel zur Stabkirche bei Hedal, die wir in feinstem Abendlicht besichtigen, ganz allein mitten im Nirgendwo. Wir fahren am Fluss Begna entlang und kommen irgendwann an einen kleinen Stausee, an dem sich die Fischer ihre Dauercampinghäuschen eingerichtet haben. Einer von ihnen meint, ja, das sei hier auch für ganz normale Campinggäste, der Besitzer sei grade nicht da, man könne aber anrufen, wenn man etwas brauche. Wir brauchen eh nichts und suchen uns einen Platz direkt am Wasser. Jetzt sage ich, bisher habe ich die Gerüchte über Norwegen und Mückenplage ja als Hysterie abgetan. Bisher waren wir aber auch noch nicht an einem See. Zuerst ist es windig und die drohende Plage lässt sich nur von einem Kundigen vermuten. Immerhin hat es hier offenbar wochenlang geregnet und die Wiese ist herrlich matschig. Dann der See, das stille Ufer, das Schilf. Dann hört der Wind auf. Und so schnell waren wir noch nie im Bus verschwunden. Denn nun kommen sie. Während ich auf der Herfahrt in einem kleinen Geschäft bereits drei Stiche ab bekommen habe, ist Stefan bisher verschont geblieben. Und auch jetzt haben sie nur mich. Mein Fehler, in der Nacht aufs Klo zu müssen.

12. Juli
Als ich am Morgen aufwache, bekomme ich das rechte Auge nicht mehr auf. Ja, da war etwas, in der Nacht, eine kleine Mücke, die ich sofort erwischt habe. Stefan meint, es sähe nicht schlimm aus. Draußen schüttet es wie aus Gieskannen und wir haben gestern nichts regentauglich verstaut, weil es ja so schön war. Campingsessel, Hocker, Tisch und Geschirr schwimmen traurig vor sich hin, „soaking wet“, wie der gepflegte Brite es formuliert. Das Zusammenpacken und „alles was nass ist in schwarzen Müllsäcken verstauen“ wird mühsam und an Frühstück ist nicht zu denken. Als endlich alles untergebracht ist und ich mich zum Rezeptionshäuschen aufmache, sehe ich mich zum ersten Mal im Spiegel. AAAAAAAAAAAAHHHHH! Meine rechte Gesichtshälfte ist total geschwollen, das Auge versinkt in einem Berg aus entzundener Haut. IGITTTTTTTTTT! Soviel zum Thema, wenn Stefan sagt, etwas sähe „halb so wild“ aus. Ich ziehe mir eine Haube ins Gesicht, bezahle dem zurück gekehrten Campingplatzmann tapfer unsere 200 Kronen und hüpfe ins Auto. Socken nass, Schuhe nass, aus den Crocks rinnt das Wasser. So ein blöder Tag. Überall, wo ich hinfahre, regnet es, habe ich das bereits erwähnt? Kreta im September. Dubai im Februar. Orlando, San Franzisco, Los Angeles, New York zu jeder Jahreszeit. Irland im Mai (we never had such a wet May before….) und Norwegen im Juli (it’s rainig so much this year!). Ich kann es nicht mehr hören. Ich bin eine Regengöttin. Überall dort, wo ich hinkomme, versammeln sich die Wolken am Himmel, um meiner zu huldigen. Und dann weinen sie vor Freude, mich zu sehen. Nun gut, heute weinen sie, weil ich so übel ausschaue.

Die Stabkirche von Borgund ist nicht so einsam und verlassen wie die von Hedal. Es gibt ein Touristenzentrum mit Cafe und wir holen das verloren gegangene Frühstück nach. Hier zeigt sich Norwegen von der sehr teuren Seite. Zwei Kaffee und drei Stück Kuchen kosten 14 Euro, der Eintritt noch mal flockige 20 Euro. Aber irgendwie muss ich doch getröstet werden! Ohne Spiegel fühlt sich das Auge nicht so schlimm an, es ist einfach, als hätte jemand eine zusätzliche Schicht Haut auf meine Wange geklebt, die mich stark am Sehen hindert.

Nachdem der Regen nicht nachlässt, beschließen wir, dass jede Weiterfahrt in den Norden eher sinnlos ist. Wir entnehmen die Wettervorhersage einer Zeitung, da es hier aus ist mit McDonalds und Wlan. Und die sieht nicht sehr rosig aus. Und so überschreiten wir den bisher nördlichsten Breitengrad, auf dem wir mit La Carissima waren, im Laerdals Tunnelen Richtung Süden. Es erscheint uns nicht sehr sinnvoll, bei strömendem Regen immer weiter nördlich zu fahren. An einer stark beleuchteten Parkbucht, die ein wenig an Diskoparty im Tunnel erinnert, passieren wir den 61. Breitengrad Richtung Süden. Vor zwei Jahren waren wir am 43.!!!

Was es sonst so anzumerken gilt: wenn Du im Versuch, etwas Ordnung in das Chaos Deines Fahrzeuges zu bringen, unermüdlich in gebückter Haltung Dosen von A nach B, Erdnüsse und Öl von C nach D, Kleidung von E nach B und Kisten voll Nudeln von D nach A räumst, dann wird irgendwann ein kleiner, sensibler Nerv im Rücken eingeklemmt sein, ein kleiner Muskel sehr groß beleidigt sein. Und dann wirst Du am Boden liegen, keine Luft mehr bekommen vor Schmerz und glauben, dass Du Dich nie mehr bewegen wirst können. ABER: wenn der Schmerz nachlässt, ist alles wieder in Ordnung und es wird ein kleiner Muskelkater zurück bleiben…

In Norheimsund am Hardangerfojorden findet sich der ideale Platz um zerstörte Gesichter und sonstige Wehwehchen auszukurieren. Der Platz wird von einer sehr netten Frau in Hippikleidung gemanaged, es gibt Wlan, eine Waschmaschine, einen Steg und ES REGNET NICHT. Herz, was willst Du mehr. Ja, und dunkel wird es hier natürlich auch nicht.

Leider wird aus meiner geplanten Nachspeise heute abend – Palatschinken mit heißen Himbeeren nichts. Irgendwas war falsch. Entweder kann man mit Dosenmilch keine Palatschinken machen oder der Gaskocher kann das nicht. Es wird ein roter Brei mit Himbeergeschmack. Stefan verweigert und ein Großteil der Nachspeise bleibt mit Blechdeckel am Boden stehen, der mitten in der „Nacht“ plötzlich zu scheppern beginnt. Ein IGEL stürzt sich mit Heißhunger auf die misslungene Nachspeise und bis zum Morgen ist der Teller blan poliert.

13. Juli
Lange Überlegungen zum Thema „Boot ausleihen“ oder „Fahrradtour“ mit dem Rad als Gewinner zeigen sich als gute Wahl: das Städtchen Norheimsund ist entzückend und nur ein paar Kilometer vom Platz entfernt. Am Stadtrand kracht donnernd ein Wasserfall in die Tiefe und während ich den Weg nach oben, hinter das Wasser, zu Fuß bewältige, will Stefan es mit dem Fahrrad schaffen, durch den Wald. Er kommt nie beim Wasserfall an und kurz nach der dritten Busladung Touristen, die mit mir zusammen staunen und fotografieren, verlasse ich den Schauplatz. Wir haben uns dann aber doch getroffen, beim Ansichtskarten kaufen.

Am Platz trocknet inzwischen die frisch gewaschene Wäsche und auch der Platz selbst – wie uns die Dame an der Rezeption berichtet hat, hat es hier so viel geregnet, dass ein Großteil der Abstellflächen gar nicht genutzt werden kann, weil die Autos im Schlamm versinken. Am Abend dann, also sprich, so gegen ein Uhr früh, wo die Dämmerung am dunkelsten ist, geht der Vollmond über dem Fjord auf, ein spektakuläres Schauspiel. Eine Stunde später bricht die Morgendämmerung an und alles, was man in diesen Nächten vom Sternenhimmel sieht, ist ein einzelner kleiner Stern im beginnenden Rosa des Tages. Nachdem wir schwarze Schlafbrillen mitgebracht haben, können wir aber trotzdem bis Mittag schlafen, wäre sonst kein Urlaub 😉
14. Juli
Nur knapp über hundert Kilometer bis Bergen. Schon bei der Einfahrt in die Stadt begrüßt uns eine „automatic bomstasjon“ und ich habe inzwischen heraus gefunden, was es damit auf sich hat. Bei jeder Stadt EINFAHRT, nicht beim Rausfahren, und auf diversen Strecken im Land, wird eine automatische Maut vollzogen. Dabei wird das Nummernschld aufgezeichnet und man hat drei Tage Zeit, die Maut, so man nicht mit einem Kästchen ausgestattet ist, das automatisch abrechnet, bei ausgewiesenen Tankstellen zu bezahlen. Dafür ist es nun eh zu spät, denn das haben wir ja noch nicht gewusst, als wir das erste Mal eine automatic bomstasjon passiert haben. In solchen Fällen werden alle anfallenden Gebühren gesammelt und über eine Firma in London abgerechnet, die einem dann eine Rechnung zukommen lässt. Diese soll, so heißt es, in zwei bis drei Monaten bei uns eintreffen und nicht höher sein, als hätten wir gleich bezahlt. Na, ich bin schon gespannt!

Was aber noch sofort auffällt, als wir in Bergen eintreffen: hier wird geflogen! Um den Ulriken sind einige Paragleiter unterwegs. Und nachdem der Ulriken nach Auskunft eines gesprächigen Deutschen am Campingplatz in Norheimsund unbedingt sehenswert ist, suchen wir die Talstation, um nach oben zu fahren. Wir irren einige Zeit durch Bergen, da man hier offenbar nicht viel Wert darauf legt, dass jemand hierher findet, was sich bei der Anzahl der wenigen Parkplätze als verständlich erweist, und dann geht’s auf den Berg. Der Ulriken sieht aus der Ferne ein wenig aus wie der Gaisberg, erweist sich dann allerdings als wesentlich knuspriger. Ein sehr netter Norweger zeigt uns den Startplatz und der ist genauso wie der Weg dorthin ziemlich knusprig. Sehr klein, mit Netz gesichert, aber doch nicht der einfachsten Einer. Meine Entscheidung, mit der Gondel wieder nach unten zu fahren, war goldrichtig. Stefan startet raus und soart über eine Stunde lang über Bergen. Herrliches Abendlicht. Der Landeplatz befindet sich mitten in der Stadt, neben einem Fußballplatz und ist ein bisschen klein. Von oben sieht er gar aus wie ein Taschentuch, von unten geht es dann einigermaßen, ich befürchte aber, dass er mir trotzdem zu klein gewesen wäre, und zu turbulent. Zwischen all den Häusern und der Fabrikshalle mit dem schwarzen Dach bewegt sich die Luft doch ziemlich.
15. Juli
In Bergen einen Parkplatz zu bekommen ist nicht besonders einfach. Der Campingplatz bzw. sämtliche Campingplätze, sind aber sehr, sehr weit außerhalb der Stadt. Und wir MÜSSEN in die Innenstadt, denn wie man mit im Norwegen-Forum mitgeteilt hat, in dem ich mich während unseres Aufenthalts in Norheimsund eingeschrieben habe, gibt es bei Norli am Fischmarkt eine Abteilung mit deutschsprachigen Büchern. Wir parken in einem sündhaft teuren Parkhaus, in dem man mit der Carissima das Gefühl hat, jeden Augenblick die Decke zu streifen, Stefan wird bei Norli fündig und die langen Leseabende sind gerettet. Außerdem kommen wir auf dem Weg in das Altstadtviertel in den Genuss des Bergener Fischmarktes, der hauptsächlich von lautstark handelnden Spaniern geführt wird und sehen dort Tonnen von Shrimps, Lachs und was die Menschen sonst noch so verzehren am frühen Nachmittag. Mir ist das alles ein wenig zu fischig und ich freue mich auf einen Capuccino in einer der stillen Nebengässchen zwischen den alten Holzhäusern am Hafen.