Luxembourg

2. Juli 2017

Heute ist die X Alps gestartet, bei strömendem Regen. Alle mussten laufen. Auch Chrigel Maurer. Der mittlerweile wieder Dritter ist, wie immer er das macht. Toma Coconea ist Erster und ich drücke die Daumen. Als ich aufwache, sind die Burschen noch nicht los gelaufen. Es beginnt gerade zu regnen, obwohl für heute kein Regen angesagt war. Ich finde das einigermaßen öd, denn die Plane dürfte grade mal trocken gewesen sein, aber nun ist es vorbei damit. Finde mich also damit ab, alles waschlnass zu verpacken. Wanda kennt die Aufbruchsstimmung und ist unrund, Carissima beschwert sich, weil es reinregnet und der Blues kommt mit frisch gewaschenen Haaren aus der Dusche. Gut sieht er aus. Irgendwie mag ich meinen Blues, vor allem, wenn er frisch aus der Dusche kommt. Könnt Ihr mich alle dran erinnern, dass ich heute Abend auch mal heiß duschen will, frage ich. Ein Hund, ein Blues und ein Auto lachen mich an.

 

 

Wir haben heute keine große Strecke vor uns. Über die D3 geht es nach Chalons sur Champagne und ehe ich noch kapiert habe, dass heute Sonntag ist und dass wir keinen Champagner mehr werden kaufen können, direkt in der Champagne, sind wir auch schon weg vom Geschehen, war nicht das erste Mal, dass mir sowas passiert. Ich finde es nicht weiter schlimm, ich bin ja eher die Biertrinkerin. Weiter nach Verdun. Verdammt. Was war da noch mal??? Friedensverträge? Nein, das war Versailles. Verdammt. Ich muss das natürlich recherchieren:

Die Schlacht um Verdun war eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkrieges an der Westfront zwischen Deutschland und Frankreich. Sie begann am 21. Februar 1916 mit einem Angriff deutscher Truppen auf die französische Stadt Verdun und ihre Befestigungen und endete am 19. Dezember 1916 ohne wesentliche Verschiebung des Frontverlaufs. Siehe wikipedia.

Es ist schon komisch, meint Carissima. Mittlerweile sitzt das Hündlein nur noch auf meinem SChoß, die Pfoten am Lenkrad, der Blues döst am Beifahrersitz und ich bin verwirrt. Es ist heute so ein Tag, so ein matschiger, grauer Tag. So einer von denen, an denen Du glaubst, es geht nichts voran und dann mittendrin kommt die Klärung, eine ganz klare Entscheidung, etwas Neues, aber Du kannst es der Welt noch nicht sagen. Carissima riecht das, so wie ich Benzin rieche, Öl, Auspuffgerüche oder alles, was nicht zu einem Auto gehört. Ich kann ihr keine Antwort geben.

Nach Verdun folge ich der D3, verfahre mich kurz vor der Luxemburgischen Grenze ganz höllisch, kann das korrigieren und plötzlich sind wir in Luxembourg. Den von mir ausgesuchten Campingplatz haben wir sofort und nach den ersten zen Minuten wird dieser Platz zum BESTEN des Monats Juni gewählt. Auch wenn heute schon der 2. Juli ist. Danach wird gekocht. Und auch wenn es regnet, obwohl es laut Wetterprognose nicht mehr sollte, nehmen wir das jetzt alles ganz gelassen. Wanda schläft in ihrem Korb, der Blues sitzt gemütlich auf der Yogamatte unter meinem selbst gebauten Regenschutz und raucht, Carissima beschwert sich, weil ich heute noch nicht Öl kontrolliert habe und ich, ja und ich… ich denke über die Zukunft nach.

 

 

3. Juli 2017

Wir brauchen mehr Struktur, sage ich. Sag ich seit 2014, sagt Carissima. Stimmt, sage ich. Aber ich dachte trotzdem, keine Struktur zu haben, bedeutet mehr Freiheit. Stimmt aber nicht. Keine Struktur zu haben bedeutet, dass alle Menschen glauben, permanent auf Dich Zugriff haben zu können, weil Du ja immer Zeit hast. Ich meine, sagt mein Auto, Du hast ja immer was zu tun, aber ohne Struktur machen die anderen die Struktur und für Dich bleibt dann nix übrig. Das hatten wir ja alles schon. Drum musst Du so schnell laufen. Ja, sage ich, das stimmt. Ich muss wieder normale Arbeitstage einführen, an denen ich nicht verfügbar bin für was auch immer. Genau, sagt sie. Dann hättest Du auch mal Zeit für was, was Du schon immer machen wolltest. Ja, sage ich, wie zum Beispiel nach Luxemburg fahren. Wir lachen beide. Der Blues findet das uncool und geht mal zum Nachbarn, dessen Hund an einer Magenverstimmung leidet. Unserem Hündlein ist das alles ohnehin seit zwei Stunden zu viel, sie schläft unter einem blauen Handtuch. Wir waren heute dreimal im Wald, lange Spaziergänge, und haben das „komm“, „sitz“, „platz“, „eine pfote“, „männchen“ und „schlaf“ geübt. Ich glaube, ihr reicht’s.

Weißt Du, sage ich, wenn das alles immer so weitergehen würde, also, Du und ich und das Hündlein und der Blues, das wäre total ok. Also, für mich halt. Wir würden uns zurecht finden. Ja sicher, sagt Carissima, aber wir bräuchten halt dann noch einen Mechaniker und einen Hundetierarzt und einen Weinbauern, der den Blues in den Griff kriegt. Stimmt, sage ich. Verdammt viele Männer für unsere Truppe. Ob wir da nicht zwischendrin mal wieder einen Heimatstopp einlegen.

 

4. Juli 2017

Blauer Himmel, 20 Grad. Gut, dass wir mit dem Stadtausflug bis heute gewartet haben. Nach dem mittlerweile üblichen procedere, Aufbetten (Wanda muss vor dem Schlafen gehen noch immer wild spielen und dementsprechend sieht die Schlaffläche im Bus aus), Kaffee trinken, Radl abmontieren, Radltaschen füllen, Wanda in den Rucksack packen, geht es los. Auf dem Radlweg Richtung Luxemburg Stadt denke ich mir nur noch, oh nein, und zurück geht es dann nur noch bergauf. Herrlich, wie wir durch den Wald nach unten preschen… aber dann geht es eh schon beim Hinfahren bergauf. Ja, Luxemburg Stadt ist erstens wesentlich größer, als ich gedacht hatte und zweitens wesentlich hügeliger.

Als wir dort angekommen sind, wo schon mal „Zentrum“ angeschrieben ist, sperre ich das Radl ab und wir fahren erst mal auf einen 81 Meter hohen Turm, der hier als der höchste mobile Sightseeing Turm angekündigt wird. Ich denke, das wird der Hammer, die werden in allen Städten unterwegs sein, so wie good old Sattler, der mit seinen Stadtpanoramen durch die Welt getingelt ist: Hubert Sattler. Also erst mal hoch, die Knie wackeln, Wanda ist not amused, weil es so laut ist, aber die Aussicht ist grandios.

 

 

In Luxemburg bin ich ja wegen Tom Hillenbrand und seinen Xavier Kieffer Romanen. Und auf dessen Spuren begeben wir uns natürlich und erkunden die Stadt, treppauf, treppab, hinunter zur Alzette, zur großen Brücke, in den Stadtteil Grund, nach Pfaffenthal und natürlich in die modernen Viertel, hinauf nach Kirchberg, wo die EU Leute arbeiten. Das machen wir mit dem Hop on Hop off Bus. Und nach fünf Stunden Sightseeing sind wir rechtschaffen erledigt. Wanda trinkt Wasser aus meiner Hand, ich kaufe mir einen Energy Drink und dann hat der Hop on Hop off Bus eine Panne – wie soll es auch sein, wenn ihre Majestät Romana, Queen of Chaos, unterwegs ist, und wir gehen vom Bahnhof über den Grund zurück und verlaufen uns noch saftig. Egal, das Radl ist noch da. Und mit dem fahren wir zurück und ich jammere über jeden Meter bergauf, die Muskeln krachen und die Ministrecke von seiben Kilometern fühlt sich plötzlich an wie 30 Kilometer. Ich denke an Toma Coconea, dem ich fest die Daumen drücke, naja, im Vergleich ist’s dann doch nicht so schlimm.

 

 

Zurück am Platz bin ich so k.o., dass ich heute den tollen Joker ziehe: Fett pur und das sofort, es gibt POMMES!!! Die zwei lustigen Typen am Fritierstandl des Campingplatzes können sich mein Vergnügen vermutlich nicht erklären. Aber hier kommt die, die in den vergangenen zwei Monaten zwei Kleidergrößen abgelegt hat und ordert SO RICHTIG VIELE POMMES. Mit Ketchup. Es war mir ein Volksfest.

Nachtrag: leider schmeckt mir der luxemburgische Wein nicht. Das Bier aber schon.

Nachtrag Nachtrag: Was los, sagt Carissima. Der beste aller Männer hat sich nicht gemeldet, sage ich. Das ist doch eh normal, sagt sie. Woher willst Du das wissen? Hab ich im Radio gehört, sagt sie. Wir lachen wie verrückt. Soll ich umplanen, frage ich. Ich meine, hier ist es super und über die Deutschland Route sind wir in sieben Stunden daheim. Hahahahahahaha lacht Carissima, genau. In sieben Stunden. Wir lachen und lachen und unser jugendlicher, italienischer, extrem gutaussehender Platznachbar dreht sich etwas beschämt in seinem Campingstühlchen weg. Wenn er morgens auf sein Motorrad steigt, sieht er auch wie der kleine Bruder von Valentino Rossi. Aber lachende Autos ist er noch nicht gewöhnt. Ihr könnt mich mal, sagt der Blues und will gehen. Ach komm, sage ich, bleib doch, jetzt haben wir uns schon so an Dich gewöhnt!