Indien 2014

Vorab habe ich alle, die schon einmal in Indien waren, um fünf Tipps gebeten, die sie uns auf die Reise mitgeben können.

Sabina sagt

1. offen sein
2. auf die Zeichen hören
3. loslassen
4. Zug fahren
5. nach Varanassi fahren, wenn es der Reiseplan erlaubt!

Zwölf Stunden vor Abflug sind wir alle sehr offen. Und geduldig. Das online checkin funktioniert nicht und so kann man nur hoffen, dass wir irgendwie dann zusammen sitzen können, denn immerhin sollten wir während des Fluges schon einige Arbeit voran bringen.

10. Juni 2014
Offen bleiben war heute mehrfach angesagt, bevor noch der indische Boden betreten war. Der Versuch eines abendlichen checkins am Vortag war fehl geschlagen, weil der zweite Flug – Abu Dhabi-Ahmedabad – keine Sitzplatzwahl zugelassen hatte. Ein gar sonderbares Phänomen, aber bitte. Dann also überpünktlich losfahren nach München und gleich zum Checkin. Die nette Dame dort meint, nein, zusammen sitzen geht gar nicht mehr, der Flieger sei gerammelt voll, Boarding Card für den Weiterflug könne sie auch nicht ausstellen, weil der komplett überbucht sei. Das müssten wir in Abu Dhabi regeln. Aber wir könnten ja fragen, ob jemand auf der ersten Strecke tauschen möchte, damit wir doch zusammen sitzen könnten. So bleibe ich also wacker am Gang stehen und warte auf den, der eigentlich den Platz hat, den ich gerne möchte und weil ich schon stehe, mache ich mich gleich nützlich und gehe meinem Traumberuf nach, den ich nie ergriffen habe: Flugbegleiterin. Ich verstaue Köfferchen in Gepäckfächern und schließe diese ordnungsgemäß und so vergeht die Zeit bis zum Start und der, der eigentlich den ersehnten Platz neben Chris und Kaci gehabt hätte, taucht dann eh nicht auf. Also bleibe ich da sitzen und zum ersten Mal werden alle Maturaarbeiten in einem Schwung gruppendynamisch beurteilt, zum ersten Mal in 39.000 Fuß über der Erde, Außentemperatur -56 Grad.

Und dann sind wir auch schon in Abu Dhabi, wo es 87 Grad Fahrenheit hat, was immer das ist und machen uns auf die Suche nach dem Check In Schalter, an dem geklärt werden soll, ob da noch ein Plätzchen frei ist im Flieger. Der Etihad-Mitarbeiter tippt wild in seinen Computer, denkt nach, telefoniert, tippt wieder, druckt die Boardingpässe aus, grinst mich an und sagt „It’s your lucky day“. Ich fliege heute Business Class! Wir wandern eine Runde durch den Duty Free Bereich, bevor wir unser Gate suchen, ich kann mein Glück noch immer nicht fassen. Das gate wird noch zweimal geändert, bevor wir wieder in einem Zubringerbus sitzen, ein leises Gefühl des Chaos ist ausgebrochen und ein netter Herr aus Indien meint, in Ahmedabad sei das noch VIEL, VIEL chotischer als hier. Für Europäer schwer vorstellbar, sagt er und lacht.

In der Businessclass sind die Sitze größer, die Decken weicher, das Essen besser und ich bekomme Champagner zur Begrüßung. Neben mir, welch ein Glück, sitzt ein Pharmavertreter aus Toronto, der in Indien aufgewachsen ist und den ich mit den Fragen löchern kann, die vor dem Abflug nicht ausreichend gekklärt werden konnten. Manchmal ist das Leben ein einziger Glücksmoment. Ich bin völlig überdreht und fit wie ein Turnschuh, während der arme Mann, der seit zehn Stunden im Flieger sitzt und bereits zwölf Stunden Zeitumstellung verarbeiten muss, ziemlich bald ins Reich der Träume wechselt, eingehüllt in seine blau-weiß gestreifte First-Class-Decke. Unter uns glitzert die Küstenlinie, unzählige Lichter funkeln wie Steinchen im Mondlicht.

Ahmadabad.
Heiß. Laut. Früh am Morgen. Am Flughafen bekommen wir unseren Alkohol Permit in den Pass gestempelt. Ja, Gujarat ist ein trockener Staat und wer hier Bier trinken will, muss sich höchst offiziell dazu bekennen und darf auch nur einmal in zehn Tagen 1,5 Liter Alkohol einkaufen. Das ganze nix trinken scheint aber nix zu helfen, denn hier ist es erstmal chaotisch. Unser Abholservice ist nicht da, aber die indischen Programmierer haben uns schon darauf hingewiesen, dass das Comfort Inn bekannt dafür ist, seine Gäste nicht abzuholen. Nach einigem Herumgeirre also springen wir in ein Tuk Tuk, der Fahrer freut sich so über das Geschäft, dass wir den Veradcht schöpfen, hier erst mal zu viel bezahlt zu haben. Viel zu viel.

Jetzt ist es zu Hause halb fünf Uhr früh, hier ist es sieben. Um zwölf kommen die Freunde von Radixweb, um hallo zu sagen. Insomnia. 87 Grad Fahrenheit sind 31 Grad Celsius. Die Tuk Tuk Fahrt hat mit 500 Rupien grade mal 5,70 Euro gekostet. Die Kühe hier sind dünn und überall und die Menschen schlafen auf den Gehsteigen. Die gelbgrünen Tuk Tuks fahren mit Erdgas und deren Fahrer sind wagemutig. Hier herrscht Linksverkehr, aber jeder fährt dann doch, wie es ihm vorkommt.

Erkenntnis des Tages. Wenn man einen offiziellen Saufstempel im Pass hat, fühlt man sich irgendwie verrucht.

11. Juni 2014
Ahmadabad, 12.00 Uhr
Patik und Ghotan von radix web kommen uns besuchen, um uns eine sim-Karte fürs Telefon zu bringen, auf dass wir errreichbar sind, ohne sie in den Ruin zu treiben und auf dass wir schnelles Internet haben. Denn die Verbindung im Hotel ist katastrophal. Danach gehen sie mit uns zum nächsten Bankomaten, lassen es sich nicht nehmen, uns zu zeigen, wie man hier die Straßen unverletzt überquert. Dass neben den Bankomaten ein bewaffneter Wachmann steht, scheint hier normal. Endlich ist ein Bankomat gefunden, der Maestro akzeptiert und bereit ist, Geld herzugeben.

Zurück im Hotel möchten wir mit unseren Säufereinträgen im Pass Bier erwerben, dch das bleibt uns versagt, weil der Depp im Flughafen Duty Free unseren Minieinkauf auf drei Pässe verteilt hat und wir somit erst wieder in zehn Tagen einkaufen dürfen. Nunja. Da sind wir dann wohl am Heimweg. Ist jetzt aber eh egal, denn ich muss noch einmal schlafen gehen und zwei Stunden später die Präsentation für morgen fertig machen. Was ich nicht ganz schaffe, weil um halb sieben Pratik mit seiner Frau kommt, um uns zum Shoppen abzuholen. Sie möchten uns wirklich das Schönste zeigen, was Ahmadabad zu bieten hat und so kämpfen wir uns durch den Wahnsinnsverkehr bis zum nächsten Einkaufszentrum, in dem wir dann typische indische Kleidung erstehen, bestens beraten in Farb- und Materialwünschen. Danach werden wir noch zum Abendessen eingeladen – unsere Gastgeber lassen sich das einfach nicht nehmen.

Erkenntnis des Tages. Die Kühe gehören nicht nur sich selbst, aber ihre Besitzer sind so arm, dass sie sie allabendlich auf Futtersuche schicken, mitten in der Stadt. Wasser ist so kostbar, dass es nicht einmal im Hotel einfach so zur Verfügung gestellt wird. Wir können mit 42 Grad im Schatten genauso wenig umgehen, wie die Inder mit -27 Grad an einem klaren Wintermorgen. Und so sehr ich es warm mag, die -27, die scheinen mir auf einmal gar nicht mehr so übel.

12. Juni 2014
Frühstück um 9.00 Uhr, es gibt nur Löskaffee, naja, wie komme ich denn auf die Idee, in einem Teeland vernünftigen Kaffee zu erwarten… die prezi noch einmal durchgehen, dann werden wir abgeholt. Ich denke noch viel nach über das gestrige Shopping-Erlebnis, wie sehr die Inderinnen auf die abgefahrenen Farbkombinationen wert legen und wie sie nicht verstehen, wenn ich es gerne einfarbig habe, wie nicht verstanden wrid, warum man keinen Goldmschmuck mag, obwohl man ihn sich doch leisten könnte, wo doch hier Gold so billig sei.

Radixweb hat ein Bürogebäude in einer staubigen Seitenstraße und vor dem Eingang könnte man den Eindruck bekommen, ein Mopedgeschäft zu betreten, so schön stehen sie da in einer Reihe. Pratik meint, er fahren normalerweise auch mit dem Moped, weil das einfach viel besser mit Parken sei, aber für uns… ja, wir werden tatsächlich abgeholt, damit wir die 300 Meter zum Office nicht zu Fuß gehen müssen. Ganz offenbar geht hier ohnehin nur zu Fuß, wer völlig verarmt ist.

Bei Radixweb bekomme ich zur Begrüßung den klassischen Blumenstrauß, stark parfumiert, und im Sitzungsraum hat es genau 20 Grad. Ich habe den Eindruck, unsere indischen Freunde tun das uns zuliebe, weil wir doch gestern darüber gesprochen haben, dass 20 Grad so unglaublich optimal sind. Allerdings kommen wir von 42 Grad in diesen Raum und ich friere erst einmal wie ein verarmter Schneider in der unbeheizten Werkstatt. Radixweb wird präsentiert, zweieinhalb Stunden lang, ich denke mir, schau, bei denen sind ja auch die Kinofilme viel länger als bei uns. Dann werden die Grafikerin, der Typo3 Entwickler und der Chef der Entwicklungsabteilung geholt und wir sprechen über neue Projekte. Der Typo3 Entwickler ist sehr jung und im Lauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass er durch unsere Aufträge die einmalige Chance erhalten hat, sich in Typo3 einzuarbeiten. Der Bursche strahlt vor Freude und spricht mit so großem Respekt uns gegenüber, dass ich es kaum aushalte. Der freut sich richtig. Über diese Aufträge, über Typo3.

An der Wand hängt eine Uhr, die die verschiedenen Zeitzonen darstellt. Braucht man hier häufig, sagt Patik. Die Grafikabteilung arbeitet im Schichtdienst, 24 Stunden, 365 Tage. Kunden gibt es von überall auf der Welt. Man schätzt es sehr, dass wir so gut in der Lage sind, eine fremde Kultur zu respektieren, dass es nicht mit allen Kunden so sei, dass man, obwohl wir ein kleiner Kunde seien, sehr viel Freude mit uns habe. Ich bin verblüfft.

Die Besprechung zieht sich dann ein wenig. Um drei will man mit uns zum lunch. Mir ist inzwischen so kalt, dass ich einen heißen Kaffee als absolut ausreichend finden würde. Als wir das Büro verlassen, trifft mich fast der Schlag. Wir gehen zu Subways, wo es indische Sandwiches gibt, mit Paneer. Dann geht es weiter, wir präsentieren unsere Firmen, werden für unsere prezi gelobt und für unsere positive Einstellung, dann wird der Plan für morgen erstellt und Chris wird noch ins Reisebüro mitgenommen, weil man uns einen perfekten Trip nach Rajasthan organisieren möchte. Ich bestehe darauf, da nicht mit zu fahren, es ist schon fünf und Kaci war den ganzen Tag mit Mega Kopfweh allein im Hotel. Chris sei in einer halben Stunde da, wird versprochen, und das dauert dann bis sieben…

Und dann halten wir ein Tuk Tuk an und fahren zum House of MG, das im Lonely Planet mit seinem Restaurant Green Garden Erwähnung findet. Mit Recht! Köstliches Lassi mit Rosen- oder Safrangeschmack, Düfte und Ventilatoren, ein Garten wie im Buch, feines Essen, reden über dies und das. Danach geht es mit dem Tuk Tuk zurück, vorbei an Menschen, die auf dem Gehsteig schlafen oder mit ihren Kindern betteln. So viele Gegensätze, so viel, so viel. Wir, im Luxus. Die anderen, in Armut. Wen wundert’s dass ich nicht schlafen kann?

Erkenntnis des Tages: Ja, Pamy, es ist schwierig.

Pamy sagt

1. zerbrich nicht an der Armut, die Du dort sehen wirst
2. vergiss nicht, die wunderbaren Fruchtsäfte am Strand zu kosten
3. glaub nicht alles, was Dir zu Hause über Indien erzählt wird
4. verlass Dich nicht auf Zeitangaben, was öffentliche Verkehrsmittel betrifft
5. überrasch mich gern mit neuen Erzählungen über 4, falls in Bezug darauf Nr.3 wirksam geworden sein sollte

13. Juni

All die Eindrücke, die gestern Abend nicht mehr in Worten zur Verfügung standen, purzeln während des business meetings aus meinem Gedächtnis und flechten sich in meine Notizen. Da ist diese Art, wie die Inder und Inderinnen den Kopf bewegen, wenn sie zustimmend nicken. Es ist nur kein Nicken, sondern ein horizontales Kopfbewegen, das für mich zum Niederknien aussieht. Zwar merke ich, dass im Kontakt mit uns Europäern sehr verhalten damit umgegangen wird, doch sieht man es trotzdem. Egal, ob der Flugbegleiter im Flugzeug bezeugen will, dass es ok ist, wenn mein Handgepäck am Boden steht oder Patiks Frau mir zeigen will, dass die gewählte Kleidung passt oder der Programmierer, der den Print Shop vorstellt, zeigt, dass die Netzwerkverbindung steht, alle bewegen den Kopf hin und her.

Und dann sind da die Mitarbeiter von Radixweb, die alle einen überwältigenden Wortschatz in Englisch haben, jedoch einen wahnsinnigen Akzent. Der, der gerade spricht, zum Beispiel, von dem verstehe ich kein Wort. Also, Einzelworte schon, aber den Zusammenhang genau gar nicht. Das war gestern auch schon so, bei dem Mann, der eine engere Zusammenarbeit mit uns angeregt hat, bis zur Gründung einer Firma in Indien, bei deren Aufstellung man uns zur Verfügung stehen würde. Ja, jetzt spricht er über School Diaries, die Radix für ihn customized hat. Das habe ich verstanden. Und irgendwas von Druckereien, die sich bis jetzt nicht für den Online Markt entschieden haben, die würde es nicht mehr lange geben. Oder so.

Die Kühe. Stehen auf dem Gehsteig herum. Durchsuchen Abfallbehälter nach Essbarem. Überqueren ohne Gefahr die dicht befahrenen Straßen oder lassen sich mit Brot füttern. Da, wo die Kühe spazieren gehen, legen sich später die Menschen zur Ruhe, manche mit Decken, andere auf Feldbetten, manche mit gar nichts. An den großen Straßen stehen verfallene Häuser und Teile von Hausmauern, in und um die Menschen leben. Feuer machen und darauf kochen. Oder plötzlich auf den Gehsteig zu springen und Money, Money zu rufen.

Um zehn werden wir wieder abgeholt, heute gibt es eine Führung durch das Bürogebäude und ich bin erstaunt, wie viele Menschen in einem Raum arbeiten können. Zugegeben: die Räume sind nicht unbedingt neu renoviert oder fancy, die Tische und Sitzmöglicheiten sicher keine Spitzenprodukte, die Aufteilung ist nach Mänern und Frauen getrennt. Das könnte zuerst einmal irritieren. Hier soll kreativ gearbeitet werden???

Und dann, während ich die Fotos mache, Hände schüttle, Fotos herzeige, kommt mir wieder in den Sinn, dass ich bis vor nicht allzu langer Zeit unter ganz anderen Bedingungen arbeiten musste, als jetzt und das damals normal fand. Ein Fernsehregieplatz, an dem wohlgemerkt kreativ gearbeitet werden soll, ist ein Raum ohne Fenster mit einer Klimaanlage, die dazu geführt hat, dass ich acht Mal im Jahr richtig krank war. Ja, wir hatten Bene-Möbel. Aber es war uns nicht möglich, persönliche Dinge am Arbeitsplatz zu lassen, weil keiner einen eigenen Arbeitsplatz hatte. Wir wurden von Moderatoren beschimpft und von Regisseuren angebrüllt. Und manchmal wäre ich heilfroh gewesen, wenn Männlein und Weiblein getrennt hätten sitzen müssen.

Und jetzt versuche ICH hier zu richten, ob so ein Arbeitsplatz kreativ beflügelt. Nein Schätzchen, denke ich, jetzt aber zurück mit Deiner Meinung. Offen bleiben, so wie Sabina das empfohlen hat.

Die Besprechungen bezüglich der bestehenden Projekte werden laaaaaange und bis wir aus dem Büro kommen, ist es wieder Abend und am Himmel hängen schwarze, dicke Wolken wie kleine Bauwerke. Der heiße Wind fegt durch die Straßen, wirbelt Sand und Plastikfetzen hoch und aus den Kanaldeckeln riecht es nach Moder. Schwer hängen sich die Einkäufe an die Arme, Wasser bunkern war heute die Devise, am Sonntag geht es nach Rajasthan, die Fahrt wird fünf Stunden dauern. Der Himmel wird gelb und der Wind nimmt zu. Trotzdem bringen wir es nicht übers Herz, uns erneut in einen klimatisierten Raum zu setzen. Abendessen gibt es also auf der Dachterrasse neben unserem Hotel. Und gerade, als das erste Lassi genossen und das Essen serviert ist, hört der Wind kurz auf und die erste Regentropfen prasseln auf uns nieder. Wir werden mitsamt Essen in Sicherheit gebracht und das Personal amüsiert sich über meine Freude über den Regen. Ich kann einfach nur die Arme ausbreiten und mich freuen über die kurz anhaltende Kühle, bevor der Regen wieder aufhört und die Hitze wieder kommt.

14. Juni 2014
Ja, mei. Nachdem wir ja hier in Indien Kleidung gekauft haben, weil wir einfach nicht wussten, was man bei Geschäftsmeetings anziehen sollte, vor allem, wenn man eine Frau ist, laufen wir jetzt also mit original indischer Alltagkleidung herum. Und die Inder fragen UNS, ob sie ein Foto von uns machen dürfen!!! Ob im Shoppingcenter, auf der Straße oder auf der Brücke in die Altstadt, überall werden wir angesprochen und tauchen nun vermutlich in indischen Familienalben auf, mit Kindern an der Hand, jungen Männern an unserer Seite oder inmitten einer Großfamilie. Oder einfach nur wir, ohne Inder. Es ist verrückt.

Nach einer Geschenke einkaufen Tour setzen wir uns im Einkaufszentrum in ein Kaffee. Jetzt läuft das hier so. Man geht zu einem Hauptschalter und erwirbt dort eine Karte, auf die Geld geladen wird, mit der man dann in allen Geschäften Essen und Getränke kaufen kann. Diese Karte nimmt man dann, geht zur Kaffeeausschank, bestellt den Kaffee, um dann fest zu stellen, dass man zu wenig Geld auf die Karte hat laden lassen, weil man die Dame an der Kasse null verstanden hat. Man geht also zurück an die Kassa, während der Körper, der seit Tagen nur Löskaffee bekommen hat, bereits vor Entzug lechzt und man seinen Blick nicht von der Espressomaschine loskriegen kann. Die Dame versteht nicht, was man will, der Kaffeemann schreit durch die ganze Halle, sie lädt noch einmal 30 Rupies auf die Karte und Du gehst zahlen und endlich, endlich, echter Kaffee. So halbwegs. Aber: auf meiner Liste des schlechtesten Kaffees, den ich jemals getrunken habe, steht Indien garantiert nicht an erster Stelle!

Übrigens, als ich die Karte dann zurück bringe, bekomme ich 35 Rupies Pfand zurück. Hm. Wieauchimmer. Im Kaffee werden wir ausgiebig von jung und alt betrachtet und zugegebenermaßen sind wir hier auch die einzigen Europäer. Meine Gedanken sind heute unterwegs, wir reden über so vieles und ich denke an Musik und Filme, an Abenteuer, bestandene und solche, die noch vor mir liegen… ICH habe einen weißen ROCK für MICH gekauft. Wahnsinn. Und hier kommen wir zur heutigen Durchsage (wie damals beim Wunschkonzert, das ich immer mit Oma gehört habe): der junge Mann, der sich JETZT angesprochen fühlt, soll die Ohren spitzen. Wenn ich groß bin, werde ich Dich an der Hand nehmen und mit Dir nach Gretna Green abhauen. In meinem weißen Rock. Und unser bisheriges Leben werden wir dann so zurück lassen.

Heute außerdem: die neu angelegte Flusspromenade von Ahmadabad sowie die Altstadt und dann noch das Dachrestaurant des MG, wo es typische Gujarati Küche gibt. Die Strandpromenade ist im Schatten, wie schön, doch rundherum herrscht noch Bauchaos. Autos, Tuk Tuks und Mopeds fahren streckenweise durch Sand und Schotter, weil die Straße verlegt worden ist, dazwischen spielen Buben Cricket. Aus den Tuk Tuks, in denen wir schon immer wie die Sardinen kleben, winken uns jeweils sechs bis acht Inder fröhlich zu, die nicht glauben können, dass hier jemand zu Fuß geht. Mit Sand zwischen den Zähnen schleppen wir uns über die Brücke, starker Wind und dunkle Wolken kündigen wieder Regen an und nicht nur wir bleiben stehen, um die Wetterstimmung zu fotografieren. Jeder freut sich auf den Regen, der heute leider nicht kommt.

Erkenntnis des Tages. Kreativität entsteht durch Träumen. Gut schreiben kann nur, wer Zeit hat, sich zu langweilen. In der Fremde ist die Heimat näher. Wenn es kein Bier gibt, trinke ich Whiskey.

Gaby sagt

1. atme die Farben von Indien, die Saris der Frauen sind wie Malereien, die Farbkombinationen sind so ungewöhnlich, helle und freundlich, würden wir nie machen, vielleicht auch einen kaufen
2. Thali essen, du bist dort im vegetarischen Himmel, nachher nicht vergessen die Gewürze (manchmal sind sie bunt, wie es die Inder eben lieben) zu kauen, die am Tisch stehen oder beim Ausgang, die reinigen  die zähne und erfrischen den mund, oder eine Kardamomkapsel zerkauen, das ist echt genial
3. unbedingt einen Hindu-Tempel besuchen, schöne Skulpturen, wenn er alt ist, die modernen haben oft einen quietschbunten Aufbau mit den Hindu-Göttern in blau, Affen in rot, Ganesha in rosa-orange, einfach eine Pracht
4. Duftöle einkaufen, am besten in einem Ashram (wenn es gibt, Ahmedabad sollte dafür groß genug sein), dort sind die besten zu erhalten
5. einen Markt besuchen, Knabbereien kaufen, die indische form der Chips hat so gar nix mit unseren Chips zu tun, sind klein, salzig, teilweise sehr scharf, mit grünen Linsen oder Erbsen und Nüssen.

Wenn es um die Genüsse geht, das Essen, die Dekorationen, die Farben, die Kleidung – Gaby, ja, einzigartig. Die Gewürze nach dem Essen sind hier in Blätter eingepackt, die man mitisst, ungewöhnlich und sehr, sehr erfrischend. Markt ist bei uns rund ums Hotel – wahrscheinlich ist das der einzige Grund, warum die Tuk Tuk Fahrer hierher immer wieder zurück finden, weil unser Hotel an diesem Markt ist. Steht bei der Adresse auch extra dabei 😉

15.6.2014
Ja, diese Nacht gestern. Kein Schlaf. Nach ausführlichem diary, Fotosammlung ordnen, Musik hören, doofe Videos auf youtube angucken, nachdenken, Tagebuch schreiben und Karten legen dann irgendwann einmal doch eine einzelne Stunde Schlaf. Dann aufstehen, frühstücken, ins Auto und nach Udaipur. Die von Radixweb bestens geplante Reise beinhaltet einen Chauffeur und ein Fünf-Stern-Hotel, alles miteinander Dinge jenseits meiner Wohlfühlzone, aber was solls, nur das Verlassen der Wohlfühlzone führt zu innerem Wachstum.

Die knapp 255 Kilometer lange Strecke benötigt fünfeinhalb Stunden konzentriertes Fahren, neben dem üblichen Gehupe Polizeikontrollen und sonderliche Straßenverengungen, die willkürlich und ohne höhere  Ordnung aus der Landschaft zu wachsen scheinen. Das Hotel in Udaipur ist schwierig zu finden und der arme Chauffeuer muss gezählte sieben mal anhalten und aussteigen, um nach dem Weg zu fragen. Dieser Weg führt über staubige Straßen durch ärmliche Bezirke. Kühe, Hunde, nackte Kinder laufen über die Straße. Die Kinder klopfen an die Fensterscheibe des Autos. Der Chauffeur lächelt hilflos. Ich weiß, dass man den Kindern nichts geben darf und trotzdem bricht es mir jedes Mal das Herz.

Dann fünf-Sterne-Wohlfühltheaterstück und ich kann erst mal nicht anders, als aufs Laufband zu gehen und eine Stunde zu laufen. Du kannst dieses Land nicht weglaufen und die Eindrücke nicht herausschwitzen. Und das Laufen wird per se nichts ändern. Aber die Musik dröhnt so gut in meinen Ohren und es tut gut, dass ein besorgter Spa-Angestellter mir ein Handtuch und Wasser bringt, als ich knapp vorm Herunterkippen bin.

Indien, Du hast mich erledigt, erst mal. Bis heute ging das alles noch, aber nun bin ich weich und verletzlich geworden von all dem, was Du zu bieten hast. Ich muss schlafen, ganz schnell. Gute Nacht, Welt.

17. Juni 2014
Ja, endlich wieder da. Mit der Internetverbindung hier hatte ich meine liebe Not. Erkenne einmal wieder, wie verwöhnt ich bin, wenn es um den Zugang zur virtuellen weiten Welt geht. Nachdem in Europa bereits jeder Campingplatz beste Verbindungen anbietet, bin ich zu einer richtigen Internet-Prinzessin geworden! Hier also erst mal runter vom Thron. Gestern dann zähe Verhandlungen und gefühlte 25 Versuche mit wechselnden Passwörtern, heute ein super gutes Netz, wenn auch nur aus der Rezeption. Also nimmer gemütlich im Betterl knotzen und Reiseerlebnisse niederschreiben, bis die Augen zufallen. Darum also auch heute wieder in aller Kürze.

Gestern den Palast in Udaipur besucht, mit einem sehr netten Führer alles erkundet, dann Botterlfahren am See. Einkaufen. und Internetverhandlungen bzw. die ersten Versuche, Bilder hoch zu laden. Viele Inder fragen uns, ob sie mit uns ein Foto machen können. Was wir uns am Anfang kichernd gefallen haben lassen, haben wir heute umdereht, nun muss jeder, der uns fotografiert, selber mit aufs Bild. Wir bringen also von unserem Ausflug nach Chittor zwanzig Bilder mit indischen Familien mit. Ganze Reisegruppen wollen mit uns abgelichtet werden, einer nach dem anderen stellt sich zu uns, Foto, höfliches Bedanken. Irgendwann wird es mir zu mühsam, die ganze Sache wieder umzudrehen und ich mache jeweils ein Foto vom Fotografen, was die indischen Familien sehr erheitert. Manches Foto muss also wiederholt werden, weil ich gerade die Kamera vorm Gesicht hatte.

Die Festungsanlagen von Chittor sind der absolute Wahnsinn. Und die Temperaturen auch. Wir besichtigen Türme und Mauern, Ruinen und intakte Tempel, freundliche Inderinnen erklären uns, welche Gottheit hier verehrt wird und wie das mit dem Beten richtig geht. Wir werden gesegnet und schwitzen und kleben in Menschenmengen, stehen nach Luft ringend an Turmfenstern, durch die der heiße Wind bläst und ein wenig Erleichterung bringt. Zum ersten Mal in meinem Leben darf ich erfahren, was es heißt, wenn einem der Schweiß ungebremst vom Kopf in die Augen rinnt, als wären da keine Augenbrauen, die der liebe Gott genau dafür gemacht hat, dass das nicht passiert. DAS BRENNT VIELLEICHT! Neben den schönen Verzierungen unserer Segnungen rinnt mir jetzt also auch noch Mascara über die Wangen. Die drei Liter Flüssigkeit, die ich im Laufe des Nachmittags trinke, scheinen einfach ohne weitere körperliche Auswirkungen aus meinem Kopf zu rinnen und am Abend sehe ich so verdörrt aus, als wäre ich drei Tage durchs Outback gewandert. Eine Erfahrung der besonderen Art. Es war wunderschön.

Sabine sagt
„Auf Indien kann man sich nicht vorbereiten“

18. Juni 2014
Udaipur-Ahmadabad

Unser letzter Tag in Udaipur, bevor es an die fünfstündige Rückfahrt zurück nach Ahmadabad geht. Nachdem wir hier arbeitstechnisch mit widrigen Umständen zu kämpfen hatten – Internet spielt on-off-Beziehung, danke, das mag ich schon zwischenmenschlich nicht, technisch noch weniger – und uns die extreme Hitze sehr zu schaffen macht, haben wir uns den Besuch des wohlbekannten Jagdish-Tempel für heute aufheben müssen. Unser lieber Fahrer Surash muss sich also durch den spätvormittäglichen Verkehr kämpfen und ist dann ein wenig erstaunt, warum wir fast zwei Stunden im Tempel waren. Dort werden Blumen geopfert, gesungen und Chris lernt einen Kunstmaler kennen, der sich als Guide anbietet. Also erfahren wir nach dem Besuch im Tempel noch einiges über die Miniaturmalereien von Rajasthan und ich kann es mir einfach nicht verkneifen, einen Miniatur-Ganesha zu erwarben. Jaaaaaa, ich weeeeeeeiß… war sicher überteuert, liebe Indien-Erfahrene. Aber er ist soooo schön! Ganesha, so erzählt uns der Mann, birgt viele Geschichten in sich. Prinzipiell einmal ein Gott mit einer ziemlichen Geschichte: Ganesha wurde in der Abwesenheit seines Vaters Shiva, des Zerstöreres um der Erlösung Willen (vergleichbar mit dem Pluto in der Astrologie, nehme ich an), geboren und lernte diesen nie kennen. Eines Tages also, Mama Parvati war gerade baden, klopft Shiva an und verlangt Einlass. Ganesha verweigert und der zornige Shiva zückt sein Schwert und schlägt ihm den Kopf ab. Das tut ihm dann, nachdem die Sache aufgeklärt ist, sehr leid und er verspricht, seinen Sohn wieder zum Leben zu erwecken und mit dem Kopf des ersten Lebewesens auszustatten, das ihm über den Weg läuft. Das war dann eine Elefant. Nun, Ganesha kann mit seinem Schicksal umgehen und wird zum Gott des Glücks, zu dem Gott, der einem die Hindernisse aus dem Weg räumt. Der Elefantenrüssel, mit dem er Blätter von den Zweigen zupft, steht symbolisch für die Achtsamkeit, mit der wir durchs Leben gehen sollen. Die großen Ohren stehen dafür, dass wir immer nur das Gute hören sollen und für die schlechten Gedanken keinen Platz in unserem Kopf lassen sollen. Und der abgebrochene Stoßzahn des Ganesha steht füt den Konflikt zwischen Herz und Verstand.

Der Mann erzählt mir noch viele, viele Geschichten, während ich durch eine Lupe die winzigkleine Zeichnung von Ganesha betrachte und im Raum entsteht eine Athmosphäre wie bei Tausend und einer Nacht. Ich kann mich schwer lösen!

Wir fahren zurück nach Ahmadabad, wo das Internet grad so flutscht und der Verkehr draußen dröhnt. Es wird gehupt, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. „It’s a kind of language“, hat uns Patik am ersten Tag erklärt.

Erkenntnis des Tages: 1) wenn ich die Bildschirmdarstellung vergrößere, mache ich keine Rechtschreibfehler mehr. Und sehe die der vergangenen Tage. 2) Zu Hause ist da, wo ich schreiben kann.

19. Juni 2014
Die abschließenden Gespräche mit Radix. Besuch im Sabarmati Ashram.

Was kann ich über die indische Geschichte schreiben. Mit fehlt der Einblick. Was kann ich über diesen großartigen Mann schreiben. Ich weiß zu wenig. Was es bedeutet hat, in dieser Zeit in den Widerstand zu gehen, entzieht sich unserer Wahrnehmung heute völlig. Friedlich für das einzutreten, was uns bewegt und zugleich von dem bewegt zu sein, das sich über die rein persönlichen Bedürfnisse erhebt, wer von uns macht das. Sprachlos lässt er mich zurück, wieder einmal.

„Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“

„Der Schwache kann nicht verzeihen. Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.“

„Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.“

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.“

Erkenntnis des Tages
Wenn Du nach zwei Jahren Schlaflosigkeit fest stellst, dass es einfach sinnlos ist, sich dagegen zu wehren, fest stellst, dass, egal was oder wer Dich gerade wach hält, Du dies auch als Geschenk betrachten kannst, dann kommt der Schlaf zwischendruch. Eine Sache, ein Mensch, ein Gedanke, wollen fertig gemacht, berührt, gedacht, werden und dies darf man durchaus als Gabe betrachten, dieses gnadenlose Dranbleiben. Was sich ändert, ist der Lebensrhythmus. Wenn die Gedanken, Sachen, Menschen, die Nacht in Beschlag nehmen, dann kannst Du nicht in einem täglichen Rhythmus Pünktlichkeit üben, denn irgendwann braucht auch Dein Körper Erholung. Und ein, zwei Stunden Schlaf.

20. Juni 2014
Es ist sieben Uhr früh zu Hause, halb elf hier und ich bin mit Packen fast fertig. Wir sind um zwölf zum Mittagessen verabredet, mit den Burschen von Radix, in dem Restaurant in einem Turm am Fluss. Bin schon gespannt!

Zuerst treffen wir uns im Office, weil wir noch Geschenke bekommen und ich freue mich wie ein Kind zu Weihnachten über das Glitzerpaket, das wiederum ein silberglitzerndes Schächtelchen enthält, in dem ich meine „jewelry“ aufbewahren kann. Chris bekommt einen Ganesha, damit seine Geschäfte gut laufen und viel Wohlstand bringen. Es werde noch Geschichten zum Besten gegeben, über mein Verhandlungsgeschick am Nachtmarkt oder wie es kommt, dass viele hoch gebildete, indische Spezialisten, die perfekt Englisch lesen und schreiben können, selbiges nicht sprechen. Vor dem Essen fahren Patik und Varix noch mit uns in den Supermarkt, weil wir nirgendwo Räucherwaren entdeckt haben. Auch das sorgt für Erheiterung. Hier bekommt man eine wohlfeile Auswahl an Räucherwerk im Supermarkt ziwschen Putzmitteln und Abschminktüchern, während man bei uns „in ein indisches Geschäft“ geht 😉

Das Restaurant im Turm dreht sich und ich staune nicht schlecht, als mir der Kellner meine am Fensterbrett abgelegte Tasche nachträgt. Mittlerweile ist die Stimmung sehr ausgelassen und diese Aktion sorgt für den nächsten Lacher. Chris hat man gestern erzählt, dass es selten so zufriedene, einfache Gäste hier gibt, man muss sich kaum um uns kümmern, weil wir alles eigenständig machen und wir interessieren uns für die indische Kultur und Küche. Das sei selten so, darum habe man uns am ersten Tag so eindringlich erklärt, dass es hier auch Mc Donalds und Kentucky Fried Chicken gibt. Zum Glück hat sich also auch dieses Missverständnis geklärt. Und zum Glück habe ich auch reichlich Gewürze und allerlei Gewürzmischungen gekauft, denn ich bekomme auch noch einige Rezepttipps mit. Und man bedauert mich, dass ich in Europa ein Vegetarierleben führe, das sei doch kaum machbar?!?! Indien sei definitiv das richtige Land für mich, davon ist man am Ende dieses wunderbaren Abschiedsessen einer Meinung.

Erkenntnis des Tages: Indien verändert. Eine große Liebe scheint erwacht. Eine, die zur Winterbeziehung taugt, die hält, auch wenn es einmal furchtbar wird. Der Abschied fällt unglaublich schwer. Und das, obwohl draußen nach wie vor der Verkehr dröhnt, die Hupen der Tuk Tuks ohne Unterlass quaken und ein hoch motivierter Polizist den lieben langen Tag auf seiner Trillerpfeife musiziert. Das, obwohl ich die Armut kaum ertrage und gleichzeitig dem Umgang damit so viel menschlicher finde als bei uns. Hier wird nach dem Essen alles, was noch nicht berührt wurde, eingepackt und den Armen gegeben. Bei uns wirft man Lebensmittel weg.

Verwirrt bleibe ich zurück, glaube zu wissen, verstanden zu haben und bin mir doch sicher, dass ich nicht viel küger bin als zuvor. Goodbye, India. I’ll be back.

Ja, Leute, das war’s!
Ich werde jetzt noch zwei Schlückchen Wein aus dem Duty Freee in Abu Dhabi, der seit unserer Ankunft im Kühlschrank wartet, zu mir nehmen, dann vielleicht ein Stündlien Schlaf erwischen und dann nach Hause fliegen. Ich bedanke mich bei allen Stammlesern, vor allem bei Gaby, Gerlinde, Stefan und Bernhard und ihr tolles feedback, bei Pauli, Andi, Sabine, Franziska, Marianne, Mama, Hias und Franz fürs Vorbeischauen und bei allen, die hier unbekannterweise auch noch mitlesen!

Bis bald!
ROmana

Epilog.
Auf dringenden Wunsch von Gaby nun also die Beschreibung des vegetarischen Himmels. Als Vegetarierin sein nunmehr 24 Jahren und vorangehendem versuchtem Fleischverzicht seit meinem vierten Lebensjahr habe ich einiges mitgemacht. Habe gelernt, dass Faschiertes kein Fleisch ist „Du isst kein Fleisch, gell? Da ist nur Faschiertes drin!“, dass Schinken auf Brokkoliauflauf zu den vegetarischen Köstlichkeiten der gehobenen Salzburger Gastronomie der 80er Jahre gehörte und dass ich MAXIMAL eine Salatplatte mit Ei bekommen könne. „Was, Ei auch keins? Ja, dann nur Salat, mehr hamma nicht.“

Diese Erfahrungen haben mich demütig gemacht. Wo immer ich bin, überzeuge ich mich mittels einfühlsamer Fragen, ob es für die entsprechende Kultur denn eh keine Beleidigung ist, wenn ich kein Fleisch essen kann. Frage vorsichtig, was an vegetarischen Gerichten angeboten wird „Trockene Hirselaibchen mit undefinierbarer Pampe? Ja, gerne, danke vielmals, und das in einem Landgasthaus!“ und finde mich mit den Gegebenheiten ab. „Was, eine Glutamat-Allergie hast Du auch noch? Dann kannst ja nicht einmal chinesisch essen gehen!“. Genau.

In Ahmadabad wurde meine Frage, ob diese oder jene Speise vegetarisch sei, immer bejaht. Ob ich gerne Fleisch hätte? Man habe da eine kleine, feine Auswahl an Fleischgerichten, hier auf der letzten Seite der Speisekarte… ich glaub’s nicht. Dort, wo sich sonst die Hirselaibchen an die Gemüselasagne schmiegt und die kleinen Portionen Salat mit Putenstreifen eingeschmuggelt werden, dort, auf dieser verlorenen Position, ist hier Platz für die Fleischgerichte. Alles andere: vegetarisch! Jippieh! Dal. Hunderte Sorten Dal. Curries in allen Geschmacks- und Farbrichtungen, Okras, Tomaten, und herrlicher Paneer in cremigen, scharfen Saucen. Dazu verschiedenste Dipps und Beigaben, von Pfefferminz-Joghurt bis höllisch-scharf-und-blitzgrün.

Die herrlichen Gemüsespeisen werden mit Chapati gegessen, zu verwenden ist die rechte Hand. In den meisten Restaurants bekommt man nach dem Essen warmes Wasser mit Zitronenscheiben, um die Hände vom Fett zu befreien. In besonders feinen Gaststätten kommt vorher jemand mit Wasser und Handtüchern, damit man sich direkt bei Tisch vor dem Essen die Hände waschen kann. Reis und Dal ist man übrigens in Gujarat, wenn man mit der Mahlzeit fertig ist. Auf den großen, traditionell aus Metall gefertigen Tellern, wischt man mit dem Reis alle Reste auf und zeigt somit an, dass das Mahl beendet ist. Warum ich zu Anfang, zwischendrin und zum Schluss Dal gegessen habe, hat die Inder verwirrt, aber darauf hingewiesen hat man mich erst am letzten Tag 😉

Die Dosas, etwas reichhaltigere Brote als die Chapati, gibt es hier auch mit Käse und Knoblauch und das ist dann wirklich SÄTTIGEND. Und: man liebt rohen Zwiebel. Ich fahre auf rohen Zwiebel so ab: ich weiß, dass ich ihn nicht vertrage. Manchmal, wenn die Tage hart waren und die Einsamkeit am Abend groß ist, falle ich gen Mitternacht über meinen Gemüsekorb her, schäle eine rote Zwiebel, schneide sie in Scheiben und richte sie mit Schafkäse und Käferbohnen an. Mit Kürbiskernöl und EINEM Tropfen weißem Essig. Am nächsten Tag geht es mir lausig und ich weiß jedes Mal, dass es genauso ist, wie mit den jungen Männern: Du weißt, dass es schmerzhaft ist, aber Du machst es trotzdem. Hier in Ahmadabad esse ich gnadenlos rohen Zwiebel, ich liebe es, ich weiß, dass die Gewürz-Leckerlis, die man nach dem Essen bekommt, den Atem wieder frisch machen und schlafen kann ich ohnehin nicht. So: go for it!