In den Süden – Der Reise zweiter Teil

Bordeaux, noch immer

Na endlich, der Blues ist vorbei. Dat hat jetz aba ne Weile gedauert! Nun, was habe ich gemacht in der Zeit? Hauptsächlich gearbeitet. Und gekocht. Kochen hilft ja bekanntermaßen. Ich habe also einen Salat aus frischem Spinat und lauwarmen Linsen kreiert, eine Kürbispfanne mit Kurkuma und Nudeln sowie ein hervorragendes Cous Cous mit ohne Fleisch. Jeden Tag gab es dazu einen Kriminalroman und guten Wein. Und Radlfahren war ich auch. Also. So ein Blues lässt sich schon bewältigen. Achja, und natürlich habe ich wieder einen Blues geschrieben. Also nur den Refrain. Hör zu.

„Cause my Bulli’s my home
and my home ist my castle
and that’s all I belong.

And love is gone
and my heart is broken
and all that’s left is this song.“

Jetzt muss ich nur noch die Melodie schreiben. Haha. Das ist in etwa so ärgerlich, wie wenn ich wem von einer Textidee erzähle und der/die meint dann, ja cool, das ist ja super, jetzt musst Du’s nur noch schreiben. Bordeaux ist übrigens eine wunderbare Stadt für Fahrradfahrer. Das Radwegenetz ist mit wenigen Unterbrechungen durchgängig und dermaßen gut beschildert, dass ich vom Campingplatz ins Stadtzentrum finde und auch wieder zurück. Und das bereits zweimal! Während der Woche herrscht extrem dichter Verkehr und wenn man sich an die anderen Radfahrer hält, kommt man gut durch. Am Sonntag aber… alter Schwede. Am Sonntag scheinen die französischen Radfahrer aus der Stadt hinaus zu radeln. Und die Autofahrer sind plötzlich alleine auf der Welt. Nach drei Fast-Unfällen und einigem Gefluche in sattem österreichisch stelle ich fest, dass es SEHR gut ist, hier lautstark zu schreien, wenn man in eine Gefahrensituation gerät, weil Klingeln eh keiner wahr nimmt. Und ich stelle weiters fest, dass jedes „Attention“, das man eingeübt hat, einem „Achtung Du Trottel“ weicht, wenn man dann in der Situation ist. Sprich, die Muttersprache kommt in der Not immer durch.

Die französischen Autofahrer lieben es, aus Einfahrten und Parkbuchten ohne zu Schauen rückwärts auszuparken und wenn Du dann mit dem Radl kommst, bleibt eh nur noch Schreien. Außerdem sind sie, was das Parken angeht, in etwa so cool wie die Italiener. Also nicht die Römer, weil das sind die coolsten überhaupt. Aber ziemlich cool. Sie suchen nämlich eine Weile und wenn sie dann die Faxen dick haben, dann parken sie einfach mitten auf dem Radlweg. Schalten die Warnblinkanlage ein und fertig. Und ähnlich entspannt ist hier alles, ein Genuss. Die Radwege sind breit und bestens ausgewiesen, die Fußgängerwege auch. Aber weil die Radlwege asphaltiert sind und die Fußgängerwege geschottert, gehen die Fußgänger lieber am Radlweg. Oder sitzen zum Jausnen am Radlweg. Oder zum Ratschen. Und niemand regt sich auf. Das nenne ich mal Frieden.

In Bordeaux ist heute Markt und ich kaufe frisches Gemüse und Honig. Der Markt ist wesentlich entspannter als das Einkaufen gestern, denn in Anbetracht der Tatsache, dass ich nichts mehr zu essen und zu trinken hatte, musste ich gestern einkaufen radeln. Da wusste ich von dem Markt noch nichts. Also an einem SAMSTAG ins Centre Commercial. Also, an einem SAMSTAG mit dem BLUES im Nacken in ein Centre Commercial. Was soll ich sagen. Die Zweifel an der Menschheit waren groß.

Erkenntnisse des Tages.
Wenn der Blues kommt, lass ihn bleiben. Er wird von selbst wieder gehen, wenn es ihm reicht.
Wenn Du zu Hause NIE in den Europark gehst, weil Dich das fertig macht, dann geh nicht an
einem SAMSTAG ins Centre Commercial.
Feigen schmecken hervorragend in Chicoreesalat.

Lartigue

Aus Bordeaux heraus zu finden ist in Richtung Süden genauso schwierig wie in Richtung Westen. Ich fahre wieder mal kreuz und quer, bei einer Baustelle winken mir die Bauarbeiter, an denen ich das dritte Mal vorbeisause. Mein Ziel heute ist neugieriger Natur. In der Nähe befindet sich das Städtchen Cadillac und wenn ein Städtchen schon so heißt wie ein Auto, dann muss ich da hin. Ich denke an Elvis. Und an den Film „Knocking on heavens door“. Cadillac liegt an der Garonne und die Fahrt ist bezaubernd. Der Fluss, die kleinen Städtchen, mit Kopfsteinpflaster, Boulangerien und Menschen, die auf mein Nummernschild schauen, weil so ein Auto in den engen Gassen einfach auffällt. Und dann kommt Cadillac. Ein sehr bedeutendes Schloss wird hier angekündigt und ich beschließe, es zu besichtigen. Immerhin bin ich an ziemlich vielen Schlössern einfach vorbei gefahren.

Was mich dann aber am allermeisten fasziniert an Cadillac ist die Art und Weise, wie in der alten Stadt die Menschen einige wenige Quadratmeter bepflanzen. Es grünt und blüht vor jeder Haustür, an Leitern und Sprossen werden Töpfe und Tröge befestigt und es sieht aus, wie ein einziges Taschengarten-Foto. Nur halt ohne Taschen. Aber so kann Garten in der Stadt aussehen. Ich bin überwältigt. Dazwischen Menschen, die sich Zeit nehmen, auf der Straße zu reden, beim Nachbarn ins offene Küchenfenster zu rufen, die paar Brocken französisch, die ich spreche, reichen aus, um zu verstehen, dass es hier um smalltalk geht. Apropos langsam und so. Der Stress lässt langsam nach.

Ich weiß ja heute nicht ganz genau, wohin ich will. Eigentlich vielleicht Toulouse. Aber je mehr ich hier durch die kleinen Dörfer und Städte fahre, desto weniger Lust habe ich auf Großstadt. Und außerdem entdecke ich auf der Karte das Dort Roquefort und wenn ein Dorf schon so heißt wie ein Käse…

Roquefort liegt in einem der größten Waldgebiete Frankreichs, das wusste ich nicht. Endlos gerade Straßen und links und rechts nur Bäume. Ein wenig komme ich mir vor wie in Alaska, auch, weil hier überhaupt kein Verkehr ist. Ich befinde mich auf einer sehr, sehr nebensächlichen Nebenstraße in the middle of nowhere. Und Roquefort bietet dann nicht wirklich eine Attraktion, das macht aber nichts, denn langsam bin ich nun zur Beschlussfähigkeit herangereift und will also heute noch mindestens bis Auch kommen. Aber nicht nach Toulouse. Das klappt dann auch hervorragend, in Auch fahre ich weiter Richtung Lartigue, warum weiß ich auch nicht so genau. Vermutlich, um die Abtei aus dem 12. Jahrhundert zu besichtigen, die da so plötzlich am Straßenrand auftaucht. Das scheinen hier Schweigeexerzitien zu sein, denn im Garten sitzen viele andächtige Menschen, die mich an meine Zeit in Irdning erinnern.

Das Schild mit dem „Camping am Bauernhof“ habe ich nur gesehen, weil ich die Einfahrt zum Kloster versäumt habe. Und nach einigen Kilometern Schotterpiste denke ich, ich sehe nicht richtig, als ich ein Autobahnschild entdecke, das Richtung Hamburg weist. Sehr gut. Hier muss ich mein dürftiges französisch vermutlich nicht bemühen. Und dieser Campingplatz hat wirklich alle meine Erwartungen übertroffen. Einfach Wahnsinn. Stille, gepaart mit Internetempfang. So soll es sein.

Der sehr große Hund heißt Lola und ist erst neun Monate alt, was auch erklärt, dass sie

a) einfach nicht für ein Bild a la Tania Blixen posieren will
b) meine Crocks klaut
c) mich heimtückisch von hinten überfällt, als ich nächtens vom Klo zurück gehe (Puls 320, so in etwa)

Aber sie meint es nicht böse und ist sehr freundlich. Wenn ich sie dann mit Tomaten oder Salat füttere, weil ich zurzeit nichts anderes dabei habe, tut sie sogar so, als wäre das KÖSTLICH, bevor sie meine Gaben dann hinter dem nächsten Busch fallen lässt. Ganz anders ist Freddie, das Schwein. Der ist sehr schüchtern, posiert dafür aber für die Fotos wie ein echter Profi. Und dann gibt es hier auch noch Pferde und Esel und Vögel und vielleicht auch Schildkröten, ich habe noch nicht ausmachen können, was sich in dem kleinen Gehege im Garten versteckt.

Irgendwo vor Perpignan

Wenn man ohne zeitliche Begrenzung unterwegs ist, kann es passieren, dass man nicht genau weiß, wohin man will. Weil’s eben egal ist. Niemand wartet irgendwo auf einen und zu Hause schon gar nicht. Also. Eigentlich wollte ich heute nach Carcassonne. Denn dort gibt es einen Viersterncampingplatz mit Waschmaschine. Denn was soll ich sagen. Meine Jeans trage ich mit wenigen Ausnahmen seit drei Wochen, es wurde damit das Auto mehrfach ein- und ausgeräumt, ich habe mit Hunden gespielt, bin über Pferdekoppeln gerannt und verschwitzt im Auto gesessen. Also. Diese Jeans können nicht mehr AUSLÜFTEN. Das reicht nicht mehr. Und den weißen Shorts, die auch noch mit sind, geht es genauso. Und der Jogginghose auch. Ich fahre also los, aber die Pyrenäen lachen so schön her, und das ist ja so mit uns Alpenbewohnern, da flüchten wir ans Meer und dann halten wir es ohne Berge eh nicht aus. Also irre ich mal eine Stunde durch die Gegend, immer die Pyrenäen vorm Gesicht, dann biege ich irgendwo falsch ab und lande in Auch, also komplett falsche Richtung. Dann muss ich tanken und einkaufen und außerdem habe ich jetzt endgültig den Objektivdeckel von meiner Kamera verloren, hej, Franziska, weißt Du noch? Den ganzen August lang hat uns fast täglich nichts anderes beschäftigt, bis auf das Buch, wo der verdammte Objektivdeckel wieder liegt. Und nun ist er weg. In Auch finde ich aber rasch ein Fotogeschäft und bekomme dort einen passenden Deckel, gebraucht, aber egal. Carissimal schnurlt und ich habe oft das Fenster offen, um sie zu hören. Das gesamte Vertrauen ist noch nicht wieder hergestellt, aber ich bin langsam weniger hysterisch bei jedem Geräusch.

Ich fädle mich nach Auch auf die D929 Richtung Lannemezan ein, immer die Pyrenäen vorm Gesicht, und dann stelle ich dort fest, ALTER SCHWEDE, die haben da eine Autobahn gebaut! Die gibt es auf meiner Karte noch nicht, einfach in die Pyrenäen hinein! ich fahre auf der D817, auf meiner Karte heißt die noch D117, Richtung Foix weiter. Ich habe den Eindruck hier war ich schon mal. Also, nicht jetzt, sondern vor Jahren. Nach Foix ist es dann schon später Nachmittag (mein Gott, wie die Zeit vergeht), ich habe dazwischen auch noch ein mittelalterliches Städtchen besichtigt, St. Lizier, und schau an, auf einmal ist schon ANDORRA angeschrieben. Und Perpignan. Und ich denke mir, hmmm…. von Perpignan nach Empuria, das iss jetz aba auch nimmer weit. Ob ich das machen soll? Könnte bedeuten, dann mal zwei Tage ohne Netz zu sein…. und vorher sollte ich echt meine Jeans waschen. Und so bin ich hier gelandet, auf einem Campingplatz am Bauernhof, in the middle of nowhere, ich habe keine Ahnung, wo ich genau bin. Der Bauer ist in seinen Jeep gesprungen und meinte, ich solle ihm zum Platz nachfahren, aber echt so richtig in der Spur, weil steil und überhaupt. Das Gelände war dann nach allen schlimmen Erwartungen nicht der Rede wert. Naja… Alpenbewohner trifft Pyenäenbewohner. Und so stehe ich jetzt auf einem Plateau über dem Dorf allein in der Wiese und die Abendsonne scheint genau auf die Carissima. Ein etwas heiliger Moment. Bilder gibt es dann später, das Netz hier ist dünn.

Erkenntnisse des Tages
1. Wenn Du tagsüber nichts trinkst, hast Du am Abend Kopfweh.
2. Wenn Du tagsüber was trinkst, muss Du dauernd aufs Klo und in die kleinen Stehklos auf den Parkplätzen gehen. Das ist gar nicht gut.
@Chris: Hör‘ auf zu lachen.
@Stefan: Du auch.
3. Jeans kann man auch mit der Hand waschen. Mal sehen, ob das irgendwas bewirkt hat.

Ein Samstag in den Bergen
Ganz vorne am Beginn der Autokolonne fährt ein Mittelklassewagen mit niederländischem Kennzeichen. Der Fahrer ist hochkonzentriert, muss er doch, während er das Fahrzeug lenkt, seinen beiden weiblichen Fahrzeuginsassen auch die Schönheit der Berge erklären. Außerdem muss er die Bremse testen, und zwar so, als könne sich diese jeden Moment im Nichts auflösen, wenn er ihre Anwesenheit nicht permanent prüft, und zwar vor, in und nach jeder Kurve. Gleich hinter diesem Fahrzeug komme ich. Zockle mit 25 km/h hinter dem Mann mit dem Auto mit dem niederländischen Kennzeichen her, schalte verzweifelt von der Zweiten in die Dritte und wieder zurück und wieder vor und starre gebannt auf die Temperaturanzeige, deren Zeiger bei dieser Fahrweise langsam nach oben klettert. Überholen kann ich nicht, denn selbst bei diesem Tempo fehlt mir bergauf dazu die Power. Hinter mir eine lange Kolonne, Fahrzeuge mit französischem und spanischem Kennzeichen. Wir sind auf dem Weg nach Spanien, an der herrlichen Küstenstraße über Banyuls. Nachdem ich dem Niederländer gnadenlos an der Stoßstange klebe, wird er irgendwann nervös und biegt in einen Parkplatz ein. Ich überlege kurz, ob ich das auch tun soll, ich will den anderen nicht die nächste Nervensäge sein. Aber dann wäre ich ja wieder HINTER dem Niederländer. Also gebe ich Gas, schalte auf die Dritte und fahre. Und fühle mich plötzlich wie in einem Porsche, den hinter mir ist… niemand mehr. Keiner kommt mir nach. Da hatte wohl das Fahrzeug hinter mir doch keinen französischen Fahrer.

Hinterm Zaun
Empuriabrava! Hier habe ich also meine Skydiverjahre verbracht. In den besten Zeiten war ich zweimal im Jahr hier, unzählige Sprünge, unzählige Menschen getroffen, so viel erlebt. In Empuria ging alles immer leichter. Das Landen war viel einfacher, das machte sogar ich wie ein Kaiser. Jemanden zum Springen zu finden, war auch einfacher. Am Abend wen an der Bar kennen zu lernen war auch einfacher. Ja, Empuria ist halt nicht Tirol. Empuria war immer das Paradies. Und nun radle ich vom Campingplatz zur Dropzone und staune, was sich in den vergangenen fünf Jahren hier verändert hat. Seit dreieinhalb Jahren springe ich nun nicht mehr. Und in Empuria gibt es mittlerweile einen Windtunnel und die Dropzone ist riesengroß ausgebaut. Irgendwo in der Mitte, zwischen all den neuen Gebäuden und dem neu angelegten Garten, sieht man noch das ursprüngliche Gebäude mit dem Flugzeug am Dach, in dem immer die Bar war und das Office. Ich staune. Gehe ehrfürchtig zum Zaun, dahinter startet gerade die Sunsetload, die letzte Load des Tages, hinter der Runway geht der fast volle Mond schon auf. Aus dem kleinen Tor, auf dem „Skydivers only“ steht, kommen sie, die ganz Coolen. Früher war ich auch mal bei den Coolen. Obwohl, so cool wie die Swooper in Empuria war ich nie. Aber fast. Immerhin habe ich meinen letzten Sprung mit Tim Porter gemacht. Nachdem die Sunsetload gelandet ist, die coolsten Swooper waren natürlich drin, fahre ich einkaufen.

Erkenntnisse des Tages
1. Neben einem Flachlandfahrer fühle ich mich wie ein Porschefahrer.
2. Manchmal ist es gut, an den Ort der besten Zeit zurück zu kommen.
3. Mit dem Fallschirmspringen ist es wie mit dem wirklichen Leben. Kaum passt Du mal nicht auf, stehst Du plötzlich hinter dem Zaun. Und hast es kaum bemerkt.

Das Meer rauscht.
Und rauscht und rauscht.
Irgendwo in der Ferne ein Motorboot und alle 20 Minuten startet ein Flugzeug. Manchmal, wenn die Twin Otter startet, vermischt sich das tiefe Brummen des Motors mit dem des Motorbootes und es entsteht eine eigenartige Überlagerung, sodass es scheint, als würde der Sand dröhnen.
Die Luft schmeckt nach Salz.

Ein Tag auf der Dropzone
Wenn die sehr coolen Swooper reinlanden, dann macht das aufgrund der sehr kleinen Schirmgrößen jetzt ein pfeifendes Geräusch. Auf Wiederhören, Sliderflattern! Pfiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhh… und gelandet. Ich muss an die sehr alte Dame denken, die ich einmal im Flugzeug kennen gelernt habe. Sie hatte in den 70er Jahren mit Fallschirmspringen begonnen, dann irgendwann aufgehört und mit weit über 60 wieder angefangen. Natürlich war ihr alles Neue fremd und als die coolen Skydiver im Flugzeug nach dem Dreiminutenzeichen die sehr coolen Handbestätigungen machen, so ähnlich wie sich Rapper begrüßen, da hat sie schön artig jedem einfach die Hand gegeben.

Ein kleines britisches Mädchen in einem knallpinken Rüschenkleid setzt sich eben gegen Mama durch: sie kann das, was ihr sehr kleiner Hund in den Kies im Gastgarten gemacht hat, selbst entsorgen, meint sie. Für diesen Zweck bekommt sie von Mama ein Taschentuch und sammelt damit stolz wie Queen Elizabeth das Kackehäufchen auf. Aber anstatt das Ding einfach weg zu werfen, geht sie eine Runde durch den Garten und zeigt allen Menschen an den Tischen das hervorragende Geschäft ihres kleinen Hundes, der Harvey heißt. Während Mama im Boden versinkt und ich vor Lachen im Kies, marschiert die Kleine selbstbewusst an die Bar, wo sie all den sehr coolen Skydivern auch das Kackehäufchen zeigt. Die fangen ganz uncool an zu brüllen und Kotzgeräusche zu machen und öffnen ihr die große Mülltonne. Prinzessinnen wissen einfach, was sie tun.

Erkenntnisse des Tages
1. Müssten alle Menschen, bevor sie den Himmel betreten, am Himmelstor all die Tschickstummel, die sie jemals am Meer in den Sand gesteckt haben, aufessen, dann würde am Himmelstor ganz schön viel gekotzt.
2. Rothaarige Menschen bekommen extrem leicht Sonnenbrand.
3. Nun ist es klar. Ich MUSS einen Bestseller schreiben und wieder zurück in die Skydiverei. Es geht nicht ohne. Nicht auf Dauer.

Byebye, Empuria.
Das erste Mal auf dieser Reise tut es mir RICHTIG leid, einen Ort zu verlassen. Und zwar RICHTIG.

Ein Dienstag in den Bergen
Ganz vorne am Beginn der Autokolonne fährt ein Mittelklassewagen mit niederländischem Kennzeichen. Der Fahrer ist hochkonzentriert, hat er sich doch zur Aufgabe gestellt, seine ohnehin miserbalen Fahrkünste durch das Anhängen eines Wohnwagens an sein Fahrzeug noch zu strapazieren…

Den Rest kennen wir. In Empuria haben die herbstlichen Stürme begonnen, ich bin also wieder on the road. Was habe ich so gemacht, als ich offline war. Die Füße in den Sand gesteckt. Die Mondfinsternis beobachtet. Picknick bei Sonnenuntergang am Strand. Wäsche gewaschen. Autofenster geputzt. Wieder vergessen, den Rückspiegel fest zu machen. Öl kontrolliert. Wasser auch. Estrella getrunken. Italienische Antipasti für vier Personen zubereitet und dann alles allein gegessen. Videos geschnitten. Hier, schaut mal nach. Die Qualität ist miserabel, weil das Hochladen sonst so lange gedauert hätte. Hier ist eines für Skydiver. Und hier eines für Autofahrer.

Nicht nachgeschaut, wohin mich die Straße heute bringt. Und jetzt bin ich in… hmmmmmmm…. weiß ich wieder mal nicht. Irgendwo in der Nähe von Narbonne. Wir haben heute die 10.000 Kilometer voll gemacht, seit der Tacho rundum gegangen ist und die 2697 Kilometer voll, seit ich losgefahren bin. Wegen den drei Kilometern, werdet ihr sagen. Ich aber sage, hier kracht das Meer ans Ufer, dass man die Brandung bis zum Bus hört und das ist geil. Wir machen heute 10.000 Kilometer Party! Carissima wurde voll getankt, mit dem guten Stoff dazu und ich darf aus der Weinauswahl aussuchen. Lieber Mani, dass wir soweit gekommen sind, liegt an Dir. Darum trinke ich zu Beginn der Party ein Estrella auf Dich, das grüne Schönramer ist ja zu Hause.

Eiwendig

Während die müden Züge
durch Europa kriechen
gehe ich hinaus auf den Balkon
und am Himmel explodiert
dein Name.

Charles Bukowski
Gedichte vom südlichen Ende der Couch

Gruissan

Aus zwei Nächten sind vier geworden, hier am beschaulichen Ende der Welt. Hier tut das Mittelmeer ein wenig so, als wäre es der Antlantik, es donnert und kracht in de Nacht gegen den Strand, dass es eine Freude ist. Und tagsüber tut es dann so, als wäre es die Nordsee, zieht sich grummelnd vom Ufer zurück und hinterlässt einen langen Sandstrand, der feucht in der Sonne glitzert. Ewig kann man hier ins flache Meer gehen und es bleibt kniehoch und hüfthoch… und irgendwann so hoch, dass ich wieder umdrehe. Die erste Nacht ist stürmisch und ich muss dreimal aufstehen, um das Zelt zu sichern. Um das Zelt bin ich am nächsten Tag froh, denn es ist bedeckt und ein wenig regnerisch und ich kann den ganzen Tag arbeiten. Und dann kam die Sonne und es ist herrlich, draußen vor dem Zelt in der Sonne zu arbeiten.

Dass Gruissan noch mehr hergibt als einfach Meer, erfahre ich von meinen Nachbarn, die seit Jahren hierher kommen. Und so mache ich am dritten Tag mit Mareike einen Ausflug mit dem Rad, zur Burgruine, zur Saline, zu den Chalets, die wie eine verlassen Filmkulisse wirken. Soviel zu den Tagen der Ruhe. Eigentlich wollte ich heute nach Saintes Maries de la Mer, aber nun ist die Front, die seit zwei Tagen an der Cote d’Azur entlangwackelt, auch über uns herein gebrochen und noch nicht an Saintes Maries vorbei. Während hier bereits der Regen auf das Dach drischt, als ginge es um einen Preis, meldet Saintes Maries Windstärken mit Spitzen von 45 km/h. Das ist reichlich, wenn man im Auto schläft. Ich werde also sehen, wie weit ich heute komme und wo es wieder soweit trocken ist, dass ich halbwegs bequem mein Lager aufschlagen kann. Von Gruisssan bin ich ein wenig verwöhnt, wir saßen hier nun vier Tage in einer Schönwetterschneise zwischen einem Pyrenäenwolkenfeld und eben diesem Tief. Sprich, wenns überall anders geschüttet hat, hat es hier nur gnieselt und dann war es zwei Tage richtig sonnig, während links und rechts von uns sich die dunklen Wolkentürme entwickelt haben. Vor einigen Jahren noch, erzählt mein Nachbar Stefan, hat dieser Campingplatz sogar mit dem Wetter geworben. Wenn es einmal mehr als zwei Stunden am Stück geregnet hat, meint er, musste man für diesen Tag nichts bezahlen. Das sei ihm aber nie passiert.

So, ich fahre jetzt los.

Erkenntnisse aus vier Tagen
1. Es ist gut, auf der sonnigen Seite einer Wetterschneise zu sein.
2. Es ist hervorragend, einmal wieder emotional tiefe Gespräche zu führen, wenn man drei Wochen fast ausschließlich mit einem fünf Zentimeter großen Teddybären gesprochen hat.
3. Es ist unglaublich cool, jemanden kennen zu lernen, der den Reiseblues versteht. Der weiß, man muss fahren, auch wenn es zwischendrin weh tut.

It’s raining men

Leider nicht. Dafür regnet es Wasser wie aus Kübeln. Und zwar ab Bezier. Da sieht man die Schlechtwetterfront in der Ferne stehen wie eine Mauer. Aber bevor ich in diese Mauer fahre, habe ich ein weltbestes Erlebnis. Ich muss aufs Klo. Also, das ist jetzt nix Besonderes. Aber weil gerade neben der Straße so ein einsamer VorstadtMcDonalds steht, denke ich mir, super. Großer Parkplatz, saubere Klos, passt. Und als ich am Gehen bin, denke ich mir, hej, hier ist ja nichts los, da nehme ich mir jetzt noch einen Kaffee mit. Hinter der McCafe Theke steht ein junger Mann, der äußerst bemüht ist und gerade einen Cappucino zubereitet. An seiner Art sehe ich, dass er seriell geschaltet ist, aber ich denke mir, hier ist ja nichts los, das schafft der schon. Seriell, das heißt, er lässt den Kaffee ins Sieb mahlen, spannt dieses in die Espressomaschine ein. Wartet, wie der Kaffee kommt. Bezaubernd sieht er aus, wie er dem Kaffee beim in die Tasse laufen zusieht. Dann stellt er fest, dass er die Milch aufschäumen muss, was er mit Liebe und Hingabe tut. Dann stellt er den Cappucino auf ein Tablett, garniert die Tasse mit Zuckerpäckchen, Holzlöffelchen und einem Keks, dreht sich um und macht den nächsten Kaffee. Dann, laaaaaaaaange später, nimmt er noch vier Gebäckstücke, platziert sie auf dem Tablett und serviert dieses. Geht zurück an die Theke, bittet mich um Verzeihung, eine Bestellung noch, dann wäre ich dran. Normalerweise wäre es mir jetzt schon zu viel, aber ich bin gefesselt. Gespannt. Er geht zurück hinter die Theke und bereitet liebevoll noch ein zweites Tablett vor, in derselben Reihenfolge. Doch diesmal muss er auch noch Orangensagt dazu geben und dafür muss er in die eigentliche McDonalds Abteilung gehen, wo ihn drei McDrive Bestellungen ereilen. Nachdem er seriell geschalten ist, MUSS er eines nach dem anderen machen, er läuft also in die Küche, weil irgendwelche Hamburger noch nicht fertig sind und dort sieht man ihn, ganz fern hinter dem kleinen Ausgabeschalter, die Bestandteile des Hamburgers beim Braten beobachten. Nachdem diese fertig sind, verpackt er sie noch selbst, während der Mitarbeiter, der dafür eigentlich zuständig wäre, ihn darauf hinweist, dass am McCafe Schalter mittlerweile drei Personen warten. Der junge Mann wischt sich den Schweiß von der Stirn, bringt seine liebevoll eingepackten Papiertüten zum Autoschalter und eilt zurück zu McCafe. Ich stütze mich mittlerweile an der Theke ab, weil ich vor Staunen kaum mehr stehen kann und am liebsten selbst hinter die Theke gehen würde um endlich den GOTTVERDAMMTEN KAFFEE zu bekommen. Er lächelt mich verlegen an und macht das Tablett fertig, das mit dem Orangensaft… und serviert. Dann eilt er zurück. Nun ist es bei McDonalds in Frankreich so, dass wenn man es besonders eilig hat, man an einer Säule mit Bankomat bezahlen kann und dann rutscht die Bestellung natürlich im System vor den, der sich angestellt hat. Nun hat also ein junger Mann mittels Bankomat in der Zwischenzeit ein McMenü mit Kaffee geordert und der Kaffee kommt von hinter der Theke. Der junge McDonaldsMitarbeiter, dem mittlerweile die Schweißperlen auf der Stirn stehen, macht also noch einmal einen Kaffee, wäre ich der Sprache mächtig, würde ich nun rufen „ALTER, MACH ZWEI UND EINER IST FÜR MICH“. So aber staune ich weiter, während er hinüber zum Burgerschalter läuft, wo die Pommes für das McMenü nicht fertig sind und er eilt in die Küche und kümmert sich darum…

Eine halbe Stunde später bin ich mit meinem Cappucino wieder im Auto. Mein Freund, möge Gott Dich immer beschützen und Dir eine geduldige Frau schicken, die Deine Art, das Leben anzupacken, zu würdigen weiß. Ich bin noch immer gerührt von der liebevollen Art, mit der er versucht hat, mir trotz des „no sucre“ ein Päckchen Zucker und ein Holzlöffelchen unterzujubeln.

Cote d’Azur

Kaum ist der Cappucino ausgetrunken, krache ich in die Schlechtwetterfront. Es prasselt so laut, dass ich weder Musik noch Hörbuch hören kann. Irgendwann, in der Mitte dieser schwarzen Wolke, beginnt es zu hageln und alle fahren an den Straßenrand und suchen Schutz. Sturzbäche und Hagelkörner. Am Straßenrand entstehen kleine Seen und Flüsse, wo vorher keine waren. Der Wind ist so stark, das man aus dem Auto nicht aussteigen könnte. Aber das will hier eh keiner. Wir tasten uns alle voran. Es gibt kleine Regen“pausen“, sprich, der Regen lässt soweit nach, dass man etwas sehen kann. Dann fahren alle weiter. Um sich zehn Kilometer danach wieder auf einem Parkplatz zu treffen. Weltuntergangsstimmung. In der Camargue fliegt das Wasser quer über die Straßen.

Ich taste mich bis Salon vor, dort herrscht absolutes Chaos. Die Hauptstraße durch das Städtchen ist so überschwemmt, dass es aussieht, als wäre es ein Bach. Ich stelle mir angesichts der durchfahrenden Autos die Frage, wie tief so ein Wasser sein darf, bevor der Motor Wasser erwischt. Wie bevorzugt bin ich durch meine Höhe? Ab wann soll ich nicht mehr fahren? Und was passiert da überhaupt – wer schluckt da Wasser und wie geht es denn dann weiter? Sobald ich wieder Netz habe, werde ich dies recherchieren. Sollte aber einer meine werten Leser wissen, was da passiert, freue ich mich ganz saumäßig auf eine mail. Ich jedenfalls fahre auf den Parkplatz eines Küchenstudios und beschließe, abzuwarten. Dort halte ich noch den Schirm für einen Mann, der einen Platten hat, dann ist wieder Regenpause und es geht ein Stück weiter. Doch alle Unterführungen in Salon sind gesperrt, man sieht Menschen über offenen Motorhauben, hier wurde offenbar Wasser erwischt. Mir reichts. Ich fahre auf die Autobahn. Ab St. Maximin nach Aix-en-Provence wird es wieder halbwegs fahrbar, doch sieht man entlang der Straßen, dass hier ein richtiges heftiges Unwetter durchgezogen ist. Ich bin schon sooo müde! Aber ich möchte so gern auf den Campingplatz, den Chris empfohlen hat. Und den ich dann in St. Raphael vergeblich suche. Nachdem ich bereits so k.o. bin, dass ich nicht mehr gut denken kann, lasse ich mich weiterspülen und schlage in Agay auf. Zum Glück! Denn ein paar Kilometer weiter, da muss in der Nacht noch richtig was los gewesen sein.

–> On the road Video  <–

Ende Teil 2

Am Morgen danach sieht das Meer aus, als wäre es nie bedrohlich gewesen. Blau und satt liegt es da, genau vor dem Campingplatz und ich genieße die morgendliche Stille und bin um halb acht schon am Wasser. Erst als ich, nach einigen Trockenaktionen, losfahre, sehe ich das Ausmaß der gestrigen Nacht. Also, gestern war: ankommen, auf den Platz stellen, der Wind geht wieder los, der Regen trommelt aufs Dach und keine Chance mehr, auszusteigen. Abendessen ein Stück Brot und der Käse, der noch da ist. Wein. Dann völlig erschöpft eingeschlafen. Heute dann die Cote d’Azur im Ausnahmezustand. Der Verkehr ist Stoß an Stoß und ich frage mich lange, warum, bis ich fest stelle, dass hier Scharen an Schaulustigen nach Cannes pilgern, um das Desaster zu sehen. Schlamm, Geröll und Felsbrocken liegen entlang und auf der Straße, in der Stadt sieht man Kanäle, die übergegangen sind, Autos, die von den Wassermassen einfach auf einen Haufen zusammen geschoben worden sind und Cafes und Geschäftslokale, die unter Wasser standen. Jetzt sind alle mit Aufräumen beschäftigt, die Feuerwehr und Polizei sind im Einsatz und die Schaulustigen rufen einander zu, wo es noch mehr zu sehen gibt. Stop and go in der Stadt, ich habe schon erzählt, dass Carissima das nicht schätzt.

Ich grille also meine Füße und kühle mein Haupt im Fahrtwind. Auch Antibes hat es voll erwischt, ab Nizza sieht die Situation etwas besser aus. An Montecarlo scheint das Unwetter vorbei gezogen zu sein. Hier ist alles so wie immer. Unauffällig. Das viele Geld ist hier genauso unauffällig wie die Kreisverkehre, die ich dauernd übersehe, weil sie eben so unauffällig sind. Leider wird beim Casino gerade gebaut und alles ist umgeleitet und nicht ganz so easy wie sonst, ich wäre gern dort stehen geblieben. So drehen wir eine Ehrenrunde durch Montecarlo. Wenn Carissima und ich sonntags nach Montecarlo fahren, tun wir das, um Autos zu gucken. Viele Autos mit Pferdchen vorne drauf und auch mit Geparden oder wie heißt diese Raumkatze? Ein Typ mit einem Aston Martin hat ein Aston Martin Pickerl auf sein Auto geklebt, als hätte er Angst, dass nicht alle merken, wie teuer sein Auto ist. Kein Monegasse, wohlgemerkt. Die sind ja unauffällig. Viele Porsches sehen wir. Aber keine schönen historischen, sondern lauter neue. Natürlich höre ich auch heute wieder ein Geräusch an Carissima und rieche etwas, aber ich muss mich wohl langsam damit abfinden, dass ich einfach wie eine hysterische Mutter bin. Und so schnurln wir über Montecarlo die ganz alte Route, die ich mit dem Motorrad gefühlte 50 Mal gefahren bin. Menton, Ventimiglia, Bordighera, San Remo. Imperia. Hier finde ich den gewählten Campingplatz sofort. Obwohl ich für eine Strecke, die der Routenplaner mit knapp zwei Stunden bemessen hat, sechseinhalb Stunden gebraucht habe. Und hier muss ich bleiben, denn morgen ist wieder mal Zeit, sich um die Internetlösung zu kümmern. Es gilt, eine SIM-Karte zu besorgen und Guthaben.

Auf dem Campingplatz habe ich jedenfalls Internet, das so richtig flutscht, ich kann das erste Mal wieder meinen geliebten Countrysender hören und daneben arbeiten! Erstmals seit vier Wochen. Ich bin entzückt. Es ist warm, ich koche und sitze noch draußen, bis sogar die Mücken müde sind.

Weiter…