In den Norden

norden1Romana plant

29. Jänner 2015
Die Buchpräsentationstermine schleppen sich ein wenig, kristallisieren sich aber heraus. Sieht gut aus bis jetzt, ich werde viel herumkommen. Und das ist ja das, was ich wollte – wieder so herumkommen wie früher, wie’s falsche Geld. Schon der Gedanke daran macht das Herz frei! Apropos falsches Geld, heute in der Bäckerei habe ich die Idee einer Drei-Euro-Münze ins Leben gerufen und durchaus Zustimmung gefunden. Warum eigentlich gibt es nie 3-Irgendwas-Münzen? Immer nur Einer und Fünfer und Zweier. Aber keine Dreier. Das ist doch, als fehle dazwischen was und keiner weiß, warum. Weil es eine Primzahl ist? Obwohl. Vierer gibt’s ja auch nicht und vier ist wunderbar teilbar durch mehr als sich selbst. Naja. Ein ungelöstes Rätsel mehr auf dieser Welt.

Die gute Nachricht des Tages: nicht nur ich bin bereit für die Fahrt in den Norden – La Carissima ist fit wie ein Turnschuh. Wahnsinn. Diese Freude ist nicht in Worte zu fassen, nein, gar nicht.

 

 

 

norden3Carissima fährt

13. März 2015
La Carissima bekommt jetzt noch einmal eine Ausfahrt zum Prüfen, dann darf es los gehen. Am 7. April Rauris, dann nach Hamburg, Bremen und am Rückweg Augsburg. Aufregend wird das – endlich mal wieder eine bisschen Urlaub dazwischen… ein paar Tage on the road. Wann immer möglich, wird hier geschrieben. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass das Wetter nicht allzu kalt ist und das Baby läuft!

Cedric lacht

8. April
Wie immer in meinem Leben beginnt der Tag mit Chaos. Vor der Abreise noch fünf Bücher liefern (JA, ich liefere bestellte Bücher höchstpersönlich aus!!!) und dann geht es los, in die Innenstadt, um meine Begleiterin Alex abzuholen. Dass mir auf der Fahrt dahin zweimal das Gas hängen bleibt, finde ich etwas beunruhigend und dass mein baby dann am Mozartplatz kaum mehr anspringen möchte, weil sie irgendwie am Absaufen ist, beunruhigt mich auch. Somit ist norden4unser erster Stopp die Oldiegarage, wo ich auf dieser Fahrt das erste Mal unter meinem Auto liege, will ja mitkriegen, was es war 😉 Die Verbindung vom Gaspedal nach unten war ein wenig schwergängig, bisschen Spray und alles ist gut – ein Danke an die Jungs von der Oldiegarage.

Wir fahren über Burghausen und trotz Wind und Kälte lacht das Städtchen uns entgegen, ein wunderbarer Anblick. Eggenfelden, Straubing, Cham und weiter nach Hirschau. An der Straße plötzlich Mondkrater – was wird hier wohl abgebaut?

Wir sind müde und erschöpft, als wir in Hirschau am Sonnenhof ankommen… knapp 300 Kilometer auf Nebenstraßen, mit viel Landschaft und viel zu sehen. Am Sonnenhof erwarten uns drei Kinder, die hochmotiviert über den Hof führen, uns Pferde, Alpacas und Küken zeigen und uns auch aufklären, was hier abgebaut wird: Kaolin. Feinster Sand. Die Details, die Marko, der Älteste, mit seinen acht Jahren erklärt, habe ich mir nicht gemerkt, aber dieses Kind weiß wirklich alles. Und will alles wissen. Mit großen Augen lässt er sich von Alex anhand unserer Karte erklären, woher wir kommen und wohin wir wollen und norden5erkennt, wie klein seine Welt noch ist. Und ich sehe, wie groß sie ist.

Wir bekommen Sandproben, um die Feinheit des Materials spüren zu können. Leider checke ich dann später nicht, dass ich zum Einsteigen ins Wlan-Netz einen zweiten Code benötigt hätte und so ist nur Alex mit dem Telefon drin. Ein Tag ohne Netz, ist doch egal. Denke ich mir.

Marko, Nicole und der kleine Cedric bleiben bis zum Abendessen, verweigern dann aber die Schärfe der gepflegten Campingküche und essen statt dessen die verbliebenen Ostereier, die ich mitgebracht habe. Der kleine Cedric lacht die ganze Zeit, obwohl ihm irgendjemand seine Haube falschrum aufgesetzt hat und er darum kaum was sieht. Wir lachen mit. Das Leben kann so einfach sein.

Alex kocht

9. April
norden6Relativ rasch und ohne viele Worte ist also geklärt, wer hier kocht und wer abwäscht. Ich wasche ab. Ist auch besser so, weil ich ohnehin dauernd ölige Hände habe, entweder vom Rad montieren oder in späterer Folge vom Herumschrauben am Auto.

Über Cheb und ein kleines Stückchen Tschechien führt die Rote weiter nach Zwickau und an Leipzig vorbei. Carissima macht mir Gedanken, denn immer, wenn ich auf Leistung fahren muss, vor allem, wenn es bergauf geht, hüstelt sie ein wenig. Runter vom Gas und alles wieder gut. Nunja, erfreulich ist das nicht, aber nachdem es den ganzen Tag über nur dreimal vorkommt, weil ich danach umsichtiger fahre, lasse ich das mal gut sein so. Heute begleitet und strahlender Sonnenschein und wir möchten gern auf einer Straußenfarm übernachten. Wildenau heißt es da, etwa 80 Kilometer südlich von Berlin. Wir haben noch einen Tag zur Anreise nach Hamburnorden7g, morgen, und darum fahren wir nicht nach Berlin weiter, das brächte nicht viel. Dass ich aber wieder einmal SO knapp an Berlin vorbeikomme, hätte ich mir nicht gedacht. So ziemlich vor einem Jahr war das, als ich mit einem Kupplungsschaden in Brandenburg stand und statt Berlin drei Tage in einem Hotel am See verbrachte. Nun denn. Heute soll es die Straußenwarm in Wildenau sein, doch dort baut man gerade um und will noch keine Camper. Also suchen wir die nächste location aus unserem Landvergnügen Büchlein und finden einen Traum im Wald bei Jüterbog.

Also, klingt jetzt einfacher als es ist, weil wir bewusst ohne Navi reisen, aber ein netter Mann aus einer Waldsiedlung fährt uns mit seinem Auto quer durch den Wald vor, damit wir auch sicher hinfinden. Und dort, mitten im Wald, lacht uns die österreichische Fahne entgegen! Ein Steyrer hat sich hier mit seiner Familie niedergelassen, weil Berlin für Kinder zu hektisch ist. Und hier ist das Paradies.

Wir hätten sogar WLan, wenn wir uns mit unseren notebooks auf die Terasse des Hauses setzen, aber heute sind wir way off von jeder vernünftigen norden8Zeitplanung angekommen, es dämmert bereits, wir haben Hunger und Durst und ich verzichte auf das Internet. Fehler! Aber Fehler erkennt man ja meist erst im Nachhinein, das liegt in der Natur der Sache. In der Natur der Sache liegt auch, erst im Tun zu erkennen, welches Thema einen gerade bewegt. Im Moment ist es noch leer in mir.

Über uns spannt sich ein Sternenhimmel, wie ich ihn lange nicht gesehen habe und in der Luft knistert es bereits nach Frühling. Mit Schaffell und Decke sitzen wir noch lange im Freien und lassen den Herrgott einen guten Mann sein.

 

Gott schweigt

10. April
Carissima mag Berlin nicht. Das wird mir langsam klar. Der Fehler von gestern artet aus, irgendwann mag sie einfach gar kein Gas mehr annehmen. Und wir stehen. Irgendwo auf der Bundesstraße 107 bei Genthin. Jetzt muss also wieder einmal der ADAC her. Im Stress, der mich immer befällt, norden10wenn Carissima nicht fährt, gebe ich zweimal den falschen Pin ins Telefon ein. Ich habe mich also ausgesperrt, will die letzte Chance nicht vertun, der PIN fällt mir nimmer ein. Nimmer, nimmer. Zum Glück habe ich noch mein deutsches Telefon und Alex einen Europavertrag, damit kommen wir wohl durch. Das einzige, was ich nun nicht mehr habe, sind sämtliche Telefonnummern. Die von meiner Oma fällt mir noch ein. Doch Oma kann mir jetzt leider auch nicht helfen.

Der ADAC kommt auch irgendwann und in der Zeit bis dahin hupen und tröten die vorbeifahrenden Autofahrer und Lastwagenfahrer, ich kann mir irgendwie vorstellen, was wir für ein Bild hier abgeben, mit unseren Campingstühlchen am Straßenrand. Der ADAC-Partner kommt gleich mit Abschleppwagen, das freut mich aber nicht, denn mittlerweile springt Carissima wieder an. Ich möchte doch nur wissen, was sie hat. Nicht am Abschleppwagen rum fahren. Also dürfen wir hinter dem Abschleppwagen herfahren zur Werkstatt, wo wir prüfen und suchen, doch den Grund nicht finden, norden11außer, dass sich im Benzinschlauch zwischen Pumpe und Vergaser verdammt viele Luftblasen befinden. Es ist Freitagnachmittag. Man könne hier frühestens ab Montag wirklich was machen, meint der nette Herr in der Werkstatt und wir beschließen, weiter zu fahren.

Fast 150 Kilometer schaffen wir dann noch, bevor vor der Ortschaft Kummer dann endgültig Schluss ist. Wie bezeichnend. Wir stehen an der B5, 115 Kilometer vor Hamburg, am Straßenrand zwischen Bäumen und es rührt sich nichts mehr. Fertig. Aus Maus. An uns krachen Lkw vorbei und Carissima wackelt im Wind. Was noch viel entsetzlicher ist, ist, dass der ÖAMTC keinen Partner in der Gegend findet. Nach über zwei Stunden werden wir angerufen, dass es noch dauern kann. Man ist bemüht und freundlich. Ich verhandle noch aus, dass wir wirklich gleich nach Hamburg gebracht werden und der ÖAMTC die Kosten komplett übernimmt, weil wir dafür kein Hotel brauchen. In der Zwischenzeit schafft Chris es, die Nummer von Alex von der Kulturwerkstatt aus meinem facebook account zu holen und über ihn Daniel vom Bulli Club zu erreichen. Der meldet sich auch und sagt uns, wohin wir schleppen lassen sollen.

norden12Nach all dem Telefonieren und Mut schöpfen und vorher noch die Benzinpumpe tauschen, könnte ja immerhin daran liegen, höre ich in mich und stelle mit Entsetzen fest, dass Gott schweigt. Es ist dieser Moment, in dem man bemerkt, dass einen der letze Funke Mut verlässt, wie ein kleiner Hauch, ein Ausatmen, und man leer und angstvoll zurück bleibt. Warum es genau hier und jetzt passiert, ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Doch ist es so. Ich kenne es, wenn Gott schweigt und weiß, dass ich ab jetzt funktionieren muss, mehr ist nicht mehr drin. Wenn Gott schweigt, sind wir nicht mehr wie sonst.

Darum mache ich noch vor Sonnenaufgang ein Stiegl auf, mit dem Feuerzeug, so wie in der Werkstatt gelernt, und als nach etwas über drei Stunden der Abschleppwagen kommt und uns aufnimmt, ist es dämmrig und kühl und ich bin müde und leer. Um 23.00 Uhr erwartet uns Daniel in Hamburg, bringt uns noch um die Ecke auf den Parkplatz der Kulturwerkstatt und geht mit uns essen. An die Pizza kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Sie war rund.

 

norden13ROmana schraubt

11. April
Heute ist das Schrauberseminar, das event also, weswegen ich ursprünglich aufgebrochen bin. Und wo ich mit meiner schönen Carissima hin wollte! Die steht jetzt aber erst mal am Parkplatz der Kulturwerkstatt, während Daniel recherchiert, was sie haben könnte und nebenher noch das Schrauberseminar leitet. Die Oldiegarage ist uns Halt und backup in dieser Situation, 1000 Kilometer entfernt. Soviel Hilfe von überall und ich merke trotzdem, dass Gott immer noch schweigt.

 

Die Oldtimertankstelle, an der das Seminar stattfindet, ist ein Traum aus den 50er Jahren und obwohl es mich zu dieser Zeit noch gar nicht gab, fühle ich mich wieder wie in meiner Kindheit. Es gibt Brote in Butterpapier, mit einem Gummiringerl gesichert, Tee und Kaffee aus Tassen und Kannen, die ich von norden15meiner Oma noch kenne und Süßigkeiten aus dem Glas, stückweise zu kaufen. Das flair hier macht eine Zeitreise möglich. Vor der Tankstelle parken Bullis und Porsche, Opel Kadett und Ford Mustang und im Lauf des Tages reisen Oldtimer- und Motorradfahrer an, um hier Kaffee zu trinken und zu reden. Ein Traum.

Während draußen Trubel und Sonntagsausflugsstimmung herrschen, machen sich die Teilnehmer des Schrauberseminars andächtig daran, den ausgewählten Bulli einer kleinen Inspektion zu unterziehen. Es werden Scheinwerfer ausgebaut, Lampen getauscht, neue Fassungen eingebaut, Kontakte vom Rost befreit und neue Wischerblätter angebracht.

Wir kontrollieren Leitungen und die beliebtesten Roststellen des T3, besprechen, was man selbst machen kann und was wohl besser die Werkstatt machen sollte, erforschen die Abgründe des ersten Baujahre und bauen das Reserverad aus und ein. Jetzt geht es mir gut. Nach dem Mittagessen teilen wir die Gruppe in Diesel- und Benzinbrüder und schauen uns die verschiedenen Motoren an. Und siehe da, jeder sieht anders aus. Ja, meinen die Kenner, VW hat damals einfach Teile verbaut. Keiner weiß mehr was und wo, aus den ersten Jahren des T3 und dokumentiert ist so gut wie nichts. Ist das spannend.

Ich bin glücklich und zufrieden, viel gelernt, viel verstanden, viele Fragen offen, zum Beispiel immer noch, was denn nun Carissima hat. Als wir am Abend zurück kommen, versuchen wir noch einmal, darauf zu kommen, hängen bei mittlerweile strömendem Regen über dem Motorraum, aber keine Lösung in Sicht. Ich stehe mit den Schuhen im Wasser und es tropft von den Hosenbeinen genauso wie von der Nase.

Daniel verspricht, morgen mit Arnd zu kommen, ja genau DER ARND aus der Norwegen-Geschichte 2011. Unglaublich wie klein die Welt ist. Arnd sei der Benziner, der würde drauf kommen. Bevor wir uns zum Essen aufmachen, schieben wir Carissima noch in den nächsten Hinterhof, denn hier neben der Kulturwerkstatt ist auch ein Tangostudio und die haben heute eine Veranstaltung. Im Hof unter Daniels Büro ist es ruhig und wir bekommen Strom aus dem Büro im ersten Stock.

Toilettentechnisch werden wir vom Tangostudio und von McDonalds versorgt. Ja, es ist ein Abenteuerurlaub geworden, mit viel Öl an den Händen und vielen Fragen in der Seele.

 

Arnd schraubt

12. April
Heute ist die Buchpräsentation in der Kulturwerkstatt Hamburg, einer neuen, sehr lässigen location. Vorher aber wie verpsrochen: ARND! Der hängt sich über meinen Motor, lässt mich mal starten, checkt ein wenig herum und baut dann die Benzinpumpe aus. Und stellt fest, dass der Stößel unter der Pumpe einfach ein wenig zu kurz geworden ist im Lauf der Zeit. Eine Sache, die man nicht sehen und hören kann und schon gar nicht riechen. Die man einfach erleben muss. Als Lösung böte sich an, die kleine Feder an der Benzinpumpe zu verbiegen, aber die Gefahr, dass diese bricht, ist zu groß. Also versuchen wir, ob die Feder der alten Pumpe, die sich noch in meinem Besitz befindet, weiter nach unten zeigt und das tut sie tatsächlich. Mit Zange, Hammer, einem Gutteil Einfühlungsvermögen und einer Prise Gewalt werden die Federn also ausgetauscht und sie an: sie läuft. Ich kann das gar nicht glauben, gar nicht.

Die beiden Schläuche, die bei unserer Aktion beschädigt wurden, werden wir morgen bei VW Wichert kaufen. Aber bis zum Campingplatz komme ich erst mal, meint Daniel. Das tun wir dann aber heute nicht mehr, denn jetzt heißt es erst mal duschen und dann mein Buch vorstellen. Ich war noch nie so ruhig vor einer Präsentation, so gelassen. Der andere Stress war einfach viel schlimmer.

Danach ausgehen. Endlich. Gut. Mädels unterwegs, sehr fein. Indisch essen und dann auf einen Absacker zu Mathilde. Dort ist im Holzofen eingeheizt, weil es richtig kalt geworden ist. Ich freu mich schon auf morgen, Campingplatz, Dusche und vor allem INTERNET. Mir graut ein wenig vor der Arbeit, die sich wohl bis jetzt angehäuft hat. Aber hilft ja nichts. Das Leben ist so. Und Gott schweigt leider immer noch.

norden27VW bestellt

13. April
Montag ist und nach einem kleinen Frühstück bei McDonalds (ja was soll ich sagen, war ne Notlösung. Klo und so, Ihr erinnert Euch) gehen wir zwei Ecken weiter zu VW Wichert. Der hat aber die Schläuche nicht lagernd und ich könnte mal wieder losbrüllen. Daniel bestellt jeweils einen Meter und meint, er bringt sie mir morgen auf den Campingplatz und wir sollten jetzt einfach mal fahren. Und er hat ja recht, von Hamburg habe ich so gut wie noch nichts erlebt, was nicht wahnsinnig tragisch ist, weil ich ja schon achtmal hier war, aber irgendwann is auch mal gut, irgendwann sollte ich auch mal einfach ein wenig Ruhe haben.

Also ab auf den Campingplatz, der einfach zu finden ist, nachdem die Navigatorissima neben mir sitzt und alles hervorragend plant und dort mal klar Schiff machen. Dinge ordnen, suchen und wiederfinden. Es ist sehr windig geworden und wir frieren. Setzen uns in das kleine Office mit Frühstücksraum und hier gibt es INTERNET. Oh, wie sehr ich mich freue. Weniger über die vielen mails als über die Tatsache, hier im Warmen zu sitzen und mal meine Gedanken nieder zu schreiben. Bilder auszutauschen und zu ordnen. Kaffee trinken und Menschen beobachten. So eine Campingplatz Rezeption gibt was her für Geschichten, keine Frage. Hier möchte ich irgendwann ein Buch schreiben. Genau hier. In der Rezeption des Campingplatz Buchholz.

norden31Sven singt

14. April
Stürmisch! Als ich aufwache, sehe ich riesengroße Wolkengebirge über den Himmel rauschen. Ein Mann kommt mit seinem Schubkarren über den Campingplatz und recht den Kies. Sammelt Blätter auf. Und singt aus voller Brust. Ich kenne diesen Song, aus Kindertagen, erkenne ihn nicht wirklich wieder, aber kenne ihn doch.

 

In der Rezeption bekomme ich heißen Kaffee und wir starten einen Bürotag. Daniel wird irgendwann mit den Schläuchen kommen und dann machen wir norden33Probefahrt. Er fährt mit seinem Bulli, um mich notfalls abschleppen zu können. Und bis dahin wird hier gearbeitet. Der Mann hinter dem Tresen ist nach zwei Stunden neugierig und will wissen, ob das hier ein Journalistenkonvent ist. Irgendwann kommt der Mann mit der Schubkarre ohne Schubkarre und ich frage ihn, was er denn den ganzen Vormittag gesungen hat. Ja, meint Sven, das war der Song, den er am Morgen im Radio gehört hat. Geht ihm nicht mehr aus dem Kopf.

An der Campingplatz Rezeption ist heute viel los. Dauernd klingelt das Telefon, Reservierungen werden nicht mehr angenommen, nein, da sei Hafengeburtstag, da sei sowieso alles voll. Ich überlege mir, was die Menschen so bewegt. Ja, so ein Hafengeburtstag. Der macht, dass Menschen kommen und die Schiffe sehen wollen. Hm. Ich würde… nein, nicht extra herfahren. Aber ich bin ja immerhin für ein Schrauberseminar 1000 Kilometer gefahren, so what.

norden34Die Probefahrt läuft perfekt. Achtzig Kilometer Autobahn, Carissima fährt. Verliert auch kein Benzin an den wunden Stellen, an denen die Führung der Benzinpumpe kaputt gegangen ist. Ich habe immer noch extreme Bedenken, aber trotzdem hoffe ich ganz insgeheim, dass wir nach Bremen kommen. Natürlich fährt es sich jetzt anders. Jedes Hüsteln, jedes Stottern, jedes kleinste Geräusch wird wahr genommen und gedeutet. Ich bin alles andere als locker. Doch jetzt wartet mal ein letzter Tag in Hamburg auf uns, mit Radfahren und Eis essen.

 

 

 

 

norden35ROmana repariert

15. April
Prachtwetter. Am Anfang fast noch windstill. Wir wollen Hamburg erleben. Mit dem Radl mal eine schöne Runde fahren, um die Außenalster. Glücklicherweise finden wir auf dem Weg dahin sogar ein Fahrradgeschäft, wo man uns hilft, ENDLICH meinen Reifen aufzupumpen, der sich die letzten drei Tankstellenbesuche hinweg wacker gegen aufpumpen gewehrt hat.

Die Weiden und Kirschbäume an der Alster präsentieren sich in intensivem Licht, so kitschig, dass wir gleich mal auf ein Eis gehen müssen. Das erste Eis der Saison! Die Sonne strahlt und auf den Wiesen wird Fußball gespielt und gepicknickt, Gitarre gespielt und gesungen. Partystimmung unter blauem Himmel. Der Wind ist stark und der Weg zurück anstrengend und als wir endlich in den Windschatten der Messegebäude kommen, macht es einen lauten Knall und ich habe einen Platten. Zum Glück gibt es ein paar Straßen weiter eine Selbsthilfewerkstätte, wo man mir erklärt, wie ich mein Hinterrad ausbaue und den Schlauch herausarbeite. Nachdem ich in den vergangenen Tagen eh nichts geschraubt habe, setze ich mich also auf das bereit gestellte Stühlchen und beginne zu arbeiten. Und wie es sein soll, ist natürlich der Mantel auch beschädigt und ich begebe mich mit dem Hinterrad unterm Arm auf den Weg in die nächste Werkstatt. Dort montiert mir ein Wiener, den die Liebe nach Hamburg gebracht hat, einen neuen Schlauch plus Mantel. Und ich habe das dringende Bedürfnis, jetzt erst mal zu Omas Apotheke auf ein Bier zu gehen. Zum Glück gibt es das Lokal noch. Unzerstörbar, ganz anders als meine Fahrzeuge.

Nach einem großen Bier in Omas Apotheke sind die Wirrnisse des Tages etwas geordneter, zumindest in meiner Wahrnehmung, und wir können für morgen die Fahrt nach Bremen planen. Ein wenig Bauchweh habe ich schon noch, mein Vertrauen in die Welt und die Motoren ist ein wenig beschädigt, aber hej, lass uns auf den Weg gehen.

Und überprüfen, was das Leben noch zu bieten hat 😉

norden36Alex navigiert

16. April
Und los geht’s. Navigatorissima hat eine autobahnfreie Route durch Hamburg geplant. Mit Elbtunnel. Als ich dann in Richtung Landungsbrücken gelotst werde, bin ich kurz verunsichert. Durch den ALTEN ELBTUNNEL? Da dürfen doch nur Radfahrer und Fußgänger durch? Ich werde eines Besseren belehrt, ein großes Schild weist darauf hin, dass von 8.00 bis 13.00 Uhr auch Autos durchfahren dürfen. Es geht als mit dem Autolift ein Stockwerk tiefer, wo ein schick Uniformierter uns anhält und erst einmal in den Tunnel ruft, dass jetzt ein Auto kommt. Bereiwillig machen fotoapparatbewaffnete Touristen Platz und wir rollen in einem norden38Blitzlichtgewitter durch den alten Elbtunnel, das jeder Oskarverleihung Ehre gemacht hätte.

Rund um den Hafen geht es, weiter Richtung Bremen, endlich. Und wir kommen dahin, wo sich Fuchs und Hase, nein, besser, Hase und Igel Gute Nacht sagen, ja richtig, nach Buxtehude. Das kleine Städtchen hat sich ganz auf die Hase und Igel Geschichte eingeschworen und verschiendste Hasen und Igel stehen vor jedem Geschäft. Ein Sandwich zu Mittag und weiter geht die Reise. Carissima läuft und wir fliegen so entspannt in Bremen ein, dass ich es kaum fassen kann. Es ist früher Nachmittag und endlich Zeit, mal ein wenig zu entspannen und dann einen ausgiebigen Stadtspaziergang zu unternehmen. Mit trunkenen Geschichten von kreischenden Motoren, wackeren ADAC-Männern und Benzinpumpen, die einen Herzklappenfehler haben.

norden37Alles tanzt

17. und 18. April
Am Morgen des 17. April stelle ich fest, dass Gott immer noch schweigt. Hm. Dass einen eine solche Autosache so erschüttern kann. Ich darf mein Buch an zwei Nachmittagen präsentieren und freue mich, die Gedanken an meine Heimreise verschwinden ein wenig im Hintergrund. Alex fährt mit dem Zug nach Hause. Ich hoffe, Sie entzündet ein großes Lagerfeuer, wenn sie ankommt, so wie in „Out of Africa“.

 

Carissima rollt

19. April
Wie üblich, wenn mit dem Auto was ist, höre ich nun ALLES. Und ALLES hört sich selbstverständlich anders an als sonst. Mein Versuch, die von Klaus vorgeschlagene Route über den Flughafen zu nehmen, um die Autobahn zu vermeiden, scheitert bereits nach wenigen Kilometern an der grünen Zone. Daran hatten wir alle nicht gedacht. Also nehme ich meinen Mut zusammen plus die tröstliche Tatsache, dass Sonntag ist, und fahre auf die Autobahn. Diese ist fast leer und außerdem mit Pannenstreifen ausgestattet und somit kann ich entspannt losrollen. Hannover. Sie fährt immer noch und mittlerweile hört sich auch alles wieder normal an.

Mit meiner mittlerweile etwas zerfransten Landkarte, auf der noch ein D-Mark-Preisschildchen klebt, versuche ich, eine in etwa Richtung zu bestimmen, mein nächstes Ziel ist Augsburg, aber dazwischen dürfen zwei Übernachtungen liegen. Der erste Campingplatz, den ich anfahre, wirft zurück in schlimme Zeiten. Die Dame verdient die Bezeichnung Blockwart auf jeden Fall. WLAN??? Sie kreischt das Wort, als hätte ich nach atombombemtauglichem Uran gefragt. Nö, das gebe es hier nicht. Meinen Pass braucht sie. Nein, sage ich, das muss ich mir noch überlegen. Aha. WO mein Auto sei? Ich bin verwirrt. Na da, sage ich und deute auf Carissima. WIESO ICH OHNE ANMELDUNG hinter den Schranken gefahren sei???

Ich drehe mich um und gehe. Nun hat mich auch die Sprache verlassen. Setze mich ins Auto und fahre und stelle fest. Hm. Da vorne ist eine Autobahn, die sollte laut meiner Landkarte hier gar nicht sein. Oder bin ich ganz woanders??? Jetzt geht es nicht mehr ohne Hilfe aus der Heimat. Stefan ruft nach 15 Minuten zurück und erklärt, dass er einen Campingplatz mit Wlan und Waschmaschine gefunden hat. Der Mann am Telefon sei sehr nett gewesen und warte auf mich. Ich solle auf die Autobahn fahren und dann… NEIN! Diese Autobahn, die darf es hier gar nicht geben, rufe ich mit letzter Kraft. Stefan beruhigt mich. Ich solle mir einfach vorstellen, dass das in Deutschland – und jetzt kommt’s – GENAUSO wie in Griechenland sei! Ob ich mich erinnern könne, mit meiner Karte aus der Zeit vor dem Yugoslawienkrieg? Und den vielen Autobahnen, die mittlerweile gebaut worden seien…

Ich gebe mich geschlagen und beschließe, eine neue Karte zu kaufen, irgendwann. Und komme nach einer weiteren Stunde Fahrt wohlbehalten in einem kleinen Paradies im Thüringer Wald an. Die Freundlichkeit der Campingplatzbesitzer rührt mich zu Tränen und so sitze ich mit Bier und Wlan vorm Bus und kann meine Gedanken in die Welt hinaus schicken.

norden40Gott spricht

Was für ein erholsamer Schlaf. Sie Sonne scheint und neben dem sehr leichten Benzingeruch, den Carissima nun wieder ausströmt, stört nichts die Idylle. Ich werfe als erstes meine komplette Sammlung ölverschmierter Klamotten in die Waschmaschine und lege mich dann mit Decke und Schaffell und Wlan wieder ins Bett. Bürotag. Aufarbeitung sämtlicher liegen gebliebener emails, Aufträge und Vorbereitungen für das, was zu Hause auf mich wartet. ICh freue mich auf Augsburg, die letzte Buchpräsentation dieser Tour und darauf, dass ich ohne ADAC wieder zu Hause ankomme.

Der Tag vergeht in Arbeit, Schreiben und Gedanken. Frieden pur. Und während draußen die letzten Vogelstimmen in der Abenddämmerung verklingen, höre ich ganz leise… Gott.

Und muss an Stefan denken, der sagt: „Gott schweigt nie. Doch manchmal hören wir ihn nicht, weil der Rest so laut ist.“