Ile de Ré

20. Juni 2017

Die Sache mit dem „wir starten um halb acht“ geht voll in die Hosen. Als ich um sieben vom Telefon geweckt werde, habe ich Kopfweh ohne Ende und Wanda schaut mich an, als wäre ich verrückt geworden. Seit ihr Körbchen auf Augenhöhe steht, wie soll man das im Chaos in diesem Auto auch anders gestalten, wechselt sie ihren Schlafplatz, wie sie möchte. Manchmal wache ich auf und sie liegt im Korb, manchmal ist sie verschwunden. Aus Panik, den kleinen Hund zu zerdrücken, taste ich dann im Dunklen herum und finde sie entweder zwischen Sturzhelm und Gleitschirmack oder irgendwo am Ende des Bettes. However, der Start wird verschoben und bis wir endlich in die Gänge kommen, ist es halb zehn. Die Tatsache, dass ich auf den Kaffee verzichtet habe, arbeitet dem Kopfweh zu, aber das merke ich mal wieder viel zu spät.

Wir kommen in den frühmorgendlichen Verkehr um Bordeaux, ja, die Franzosen starten zu einer grundvernünftigen Zeit in den Tag und nicht wie wir Trottel um sieben. Es dauert eine Weile, bis wir endlich auf der A10 Richtung Paris sind und bis ich mich das erste Mal nicht mehr auskenne, ist es schon Mittag. Ein neuer Rekord! Ich bleibe bei einer Autoraststätte stehen und wundere mich, dass Wanda nicht einfach am staubtrockenen Rasen kleben bleibt, so heiß ist es. Vor dem Kaffeeautomaten bin ich bereits dermaßen am low point of coffein, dass ich fast kotzen muss, ich schaffe es nach vier Versuchen, dem Automaten einen Capuccino zu entlocken und nach zwei Schlucken geht es bergauf. Ach verdammt. Ich bin koffeinsüchtig.

Nach Bordeaux fahren wir von der Autobahn ab und über kleine Sträßchen nach Royan. Es ist so wunderschön hier, so stelle ich mir das Frankreich in den 60er Jahren vor. Kein Wunder, dass ich in einem Ort auch noch in einen Retro Laden plumpse, in dem Originalteile aus den 50ern und 60ern verkauft werden. Daneben ein Bioladen, in dem ich Wein udn Baguette kaufe. Der junge Mann hinterm Tresen ist begeistert, „from Australia“, sagt er, „what a wonderful country!“. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert. Und als er mir noch zweimal bestätigt, dass Österreich auch „very, very wonderful“ ist, muss ich ihm einfach recht geben.

Wir zuckeln weiter über Nebenstraßen nach Rochefort und La Rochelle und dann ist unser Ziel, die Ile de Ré, bereits ausgeschildert. Aufregend, die Insel ist mit einer riesigen Brücke mit dem Festland verbunden. Leider hat man, wenn man beim Mauthäuschen angekommen ist, kaum mehr die Chance, das Bauwerk in seiner ganzen Größe zu erfassen, die Brücke sieht nämlich richtig geil aus! Hier gibt es aber ein cooles Foto von der Brücke nach Ile de Ré! Und hier auch noch sonst allerlei zur Ile de Ré! Man merkt, ich bin begeistert 😉

Ich habe vor unserer Abfahrt einige Campingplätze gecheckt und einen am alten Leuchtturm gefunden, der als hundefreundlich ausgewiesen wird. Außerdem hat er die beste Website der paar Plätze, die ich mir ansehe, und das sind auf der Insel wirklich jede Menge. Also starten wir zum „La Baleines“ ganz am äußersten Ende der Insel und mein Gefühl hat mich nicht getrügt. Es ist der Hammer hier. Wir finden ein Plätzchen, das den ganzen Tag Schatten bietet, irgendein Baum steht immer richtig, und Wanda erkundet erstmal das Gelände. Diese eine Stunde, wo sie erforscht, aber nicht zu weit weg läuft, nutze ich, um alles klar zu machen. Denn ab morgen wird sie ihren Radius wieder so erweitern wollen, dass ich sie an die Laufleine nehmen muss und dann bin ich weniger entspannt, weil sie mir irgendwie leid tut. Nachdem alles gecheckt ist, legen wir uns in die Hängematte und ich hoffe, dass das Kopfweh weg geht.

 

 

Als ich wieder aufwache, ist es merklich kühler geworden und ich brauche eine Jacke (!!!) um noch runter an den Strand gehen zu können. Das Schauspiel ist gewaltig. Wo am Nachmittag noch das Meer war, ist jetzt das Watt, unglaubliche Algenteppiche säumen das Ufer und vom Horizont drängt eine dunkle Nebelwand heran. Innerhalb einer halben Stunde ist es so neblig wie im London Jack the Rippers! Es ist immer noch hell, aber neblig und feucht und als wir zurück kommen zum Bus, müssen wir sogar die Tür zum Schlafen zu machen und den dicken Schlafsack raus holen. Ich liebe es hier. Punkt.

 

 

21. Juni 2017

Heute ist der längste Tag es Jahres. Es ist jetzt 21.48 Uhr und ich sitze immer noch bei Tageslicht am Schreiben. Herrlich. Die Sonne ist noch nicht untergegangen und der Nebel ist heute auch nicht gekommen. Der Tag verlief sehr beschaulich, Wanda versorgen, spielen, trainieren und dann arbeiten, über das Internet fluchen und dann zum Leuchtturm spazieren. Wanda hat heute ihren „ich bringe grausliche Sachen“ Tag. Sie bringt am vormittag vermoderte Muscheln aus der Hecke, zu Mittag Algen, Seetang, Speckrinden und am Nachmittag will sie einen vertockneten Kaninchenkadaver aportieren, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein. Grundsätzlich sind wir beide entzückt, das Meer ist wieder da!

 

 

22. Juni 2017

Diesen Platz hast Du ausgezeichnet gewählt, sagt Carissima und streckt sich, den ganzen Tag kommt von irgendwo Schatten. Ich kann es kaum glauben. Dass sie nichts zu nörgeln hat am Platz, das gab es noch nie. Außer zu Mittag, sagt sie, da brennt es mir so richtig auf den linken Hinterreifen. Ich sage nichts und lasse Wanda raus. Das Procedere hat sich eingebürgert, ich hebe sie vom Bett aus ins Freie. Es ist noch niemand unterwegs und sie rennt irgendwo herum. Auf „komm“ kommt sie oder auch nicht. Bei oder auch nicht muss ich dann recht fluchen, weil ich auch schon aufs Klo muss und vorher das Hündlein fangen muss. Beide Fälle verteilen sich fair auf halbe halbe. Geschätzt.

Heute wollte ich auf den Leuchtturm gehen, aber dichter Nebel hängt über der Bucht. Das muss also verschoben werden, denn ich möchte in Piratenart in die Ferne schauen. Also bereite ich unseren Radausflug nach Les Portes-en-Ré vor, eines von zehn Dörfern hier auf der Insel, das etwa fünf Kilometer weg ist. Auf einer Insel, da gerät man schnell in Vergessenheit von denen am Festland, oder aber man stürzt sich in den Tourismus. Hier hat man sich für zweiteres entschieden und so wie es wirkt, war die Entscheidung gut. Noch ist nicht Hochsaison, aber man steht in den Startlöchern.

 

 

Das Fahrradnetz auf dieser Insel ist dermaßen gut angelegt und ausgebaut, dass einem vor Freude die Tränen kommen können. Wanda weint nicht deshalb, sondern weil sie nicht im Rucksack bleiben will. Auf der Fahrt nach Portes müssen wir also für einen Strandspaziergang stehen bleiben. Der zweite heute. Sie findet das Meer einfach super. Das Meer wiederum findet die Tatsache, dass es überdurchschnittlich heiß ist in diesem Juni, überhaupt nicht super. Sobald die Ebbe kommt, bietet sich ein schlatziger, grüner, stinkender Algenteppich soweit das Auge reicht. Die Touristen sind wacker. Da liegen sie mitten in dem höllischen Gestank und genießen die Sonne. Es riecht wie in Saturnia, nach Schwefel, nur ungefähr fünfmal so stark. Im Wasser sind Quallen zu sehen, aber auch das macht niemandem etwas aus. Ich frage mich warum.

Überhaupt habe ich heute meinen neugierigen Tag. Am Morgen zum Beispiel, als ich schon ziemlich dringend zum Klohäuschen gestapft bin, da stürzte eine Holländerin aus dem Küchenteil, in dem abgewaschen wird, schrie „Fridhelm, komms Du mal“ und sah dabei extrem verängstigt aus. Ich konnte aber nicht in die Küche, weil Klo. Und als ich zurück kam, war da nichts. Die Frau hatte aber ausgesehen, als wäre sie dem Leibhaftigen begegnet. Und nun frage ich mich schon den ganzen Tag, was sie gesehen hat. Oder eben, da flog ein Armeeflugzeug extrem tief (ich konnte sehen, dass der Copilot grüne Augen hat!!!) über den Platz in Richtung Meer, als ob es wassern würde. Vielleicht ein Löschflugzeug wegen der Waldbrände? Sind die schon so nah? Ein ziemlich hübscher Typ mit Heckenschere scheint zu wissen, was das war, weil er angeregt mit einem Franzosen darüber diskutiert. Aber wenn ich mich jetzt dazu stelle, dann kriege ich wieder mal nur die Hälfte mit, weil ich ja nicht sehr gut französisch kann. Und außerdem beschäftigt mich die Holländerin wesentlich mehr als das Flugzeug. Verdammt. Ich werde es nie erfahren!

Nun ist die Hitzewelle auch in Österreich, habe ich gehört. Hier auf der Ile de Ré hat es angenehme 25 Grad und immer kommt ein leichter Wind vom Meer. Es ist wirklich genau das, was ich mir erhofft hatte. Ich werde noch ein, zwei Tage anhängen. Mindestens 😉 Und Euch schicke ich später noch zwei Videos, zum Trost.

Wenn ich mich in meinem Campingstühlchen nach hinten lehne und in den Baum über mir schaue, sehe ich jeden Abend die Maikäfer fliegen! Manchmal stoßen welche zusammen und stürzen ab, dann brauchen sie eine Weile, bis sie wieder fit sind und neu starten:

 

 

Und wenn dann die Nacht da ist, beschützt uns der alte Leuchtturm. Das Signal: viermal langes Blinken, drei Sekunden Pause. Alte Seefahrer können jetzt sofort feststellen, wo ich sitze!