Die geheimen Dörfer, Teil 2

5. Oktober 2017
Ich bin ja immer der Meinung, tip-top vorbereitet zu sein. Heute also, perfekter Tag. Um acht Uhr aufgewacht, alles klar, ich will in den Nationalpark Cilento, Wald, Hund frei laufen lassen, alles gut.  In meiner Karte habe ich bei meiner letzten Reise in diese Gegend ein Agricamping eingezeichnet, von hier weg knapp 200 Kilometer und gut in drei Stunden erreichbar. Oder vier. Mein Nachbar, ein Mann, der sich nach einem burnout nicht mehr gesammelt hat und nun mit Frührente auf der Straße lebt, hat mir auch noch seinen Cilento Reiseführer geborgt, um alles abzuchecken. Ja, es stimmt, IM Nationalpark gibt es keine Campingmöglichkeiten.

Ich packe also, stecke meinem Nachbarn noch eine Packung Nudeln in seinen Lebensmittelvorrat, verabschiede mich von dem sehr freundlichen Mann an der Rezeption, der mir, wie auch schon letztes Mal, herzlich die Hand drückt und ob ich eh wiederkomme, klar sage ich, der Blues jault auf, er liegt hinten am Bett und Wanda schaut wie üblich völlig lieb aus dem Fenster, und dann geht es los. Wanda hat ab jetzt beschlossen, dass das Hundekissen auf dem Beifahrersitz nicht für sie bestimmt ist und schläft auf meinem Schoß. Neapel. Stau. Mist, keucht Carissima. Ich schalte die Heizung ein und lasse meine Füße garen. Der Blues liegt auf der Matratze und pfeift ein Liedchen.

Wanda wird schon nach einer Stunde nervös und kann nichts damit anfangen. Ich bleibe dreimal stehen, sie muss nicht aufs Klo, will nichts trinken und ich verfluche diese zweieinhalb Kilo Hund für den Mangel an Kommunikationsmöglichkeiten. Fahre von der Schnellstraße ab, kurve durch die Gegend, stelle fest, dass es hier zwar nationalparkmäßig schön, aber völlig ungeeeignet für Hunde ist, fahre wieder auf, fahre ab, kurve eine fuzikleine Straße in ein Dorf rauf, da ist nix außer Stille, wieder zurück. Und den Agricamping finde ich nicht mehr. Als wir tanken, sieht Wanda den Tankwart als ernste Bedrohung und lässt das Monster raus, der Mann ist überrascht und schweigt. Das Hündlein steht zähnefletschend hinter der Beifahrerscheibe und fixiert den Mann.

Sag mal, sagt der Blues, als ich wieder einsteige, kannst Du mir 200 Euro borgen? Wieso denn das, frage ich. Ich will mir eine Gitarre kaufen, sagt er. Du kannst doch meine nehmen, sage ich, in diesem Affenzirkus komme ich eh nicht zum Spielen.  Nö, sagt er, ich will eine eigene. Und wenn ich dann gehe willst Du ja nicht, dass Deine Gitarre weg ist, oder? Das ist ein Argument. Ich habe aber keinen Geldscheißer, sage ich trotzdem entnervt. Ok, sagt er.

 

Und dann kommt genau der Punkt, den ich befürchtet habe. Ab irgendwann gibt es nichts mehr. Nicht, weil es nichts gibt, sondern weil hier sonst so viel ist und nun die Saison vorbei ist. Sprich, wir fahren eine herrliche Straße der Küste entlang und jeder Campingplatz hat zu und sonst kann man nirgendwo stehen bleiben. Irgendwann, dieser Tag, der eine dreistündige Route hätte beherbergen sollen, hat sich bereits verdoppelt, schaffe ich es, stehen zu blieben und studiere meine Karte. Bis Diamante, das kenne ich , sind es nur noch 60 Kilometer. Die dauern dann noch einmal fast zwei Stunden und das liegt nicht an mir. Und dann bin ich wieder am Lido Tropicana und denke mir, ist öd gelaufen, alles, aber es war es wert. Hier bin ich richtig und Wanda darf nach Herzenslust frei herum laufen.

Vor zwei Jahren war ich hier exakt einen Monat früher und das merke ich. Wo wir damals zehn Fahrzeuge vorne in der ersten Reihe mit Blick aufs Meer waren, stehen nun unzählige Wohnmobile. Trotzdem finde ich noch einen freien Platz vorne. Ganz in der letzen Ecke, aber das ist auch ganz gut so, denn hier fährt niemand mehr durch, falls Wanda mal wieder ihre drei Sekunden „ich gehorche heute nicht“ hat.

 

6. Oktober 2017
Kurze Zwischenbilanz also. Auf das geheime Dorf auf der Amalfi Halbinsel habe ich verzichtet, weil ich endlich wieder einen Platz finden wollte, an dem das Hündlein frei laufen kann. Gar nicht so einfach. Hier ist das super. Wir gehen eine halbe Stunde in die Stadt, den Strand entlang, und Wanda jagt Plastisackerln, Blätter, Wellen und Insekten. Das Städtchen Diamante ist jetzt noch shr belebt, mir gefällt das und ich erfahre, dass das die Hauptstadt der Pfefferoni ist, mit denen Kalabrien sich so identifiziert. Alles in Pfefferoni! Sogar die Marmelade in scharf. Viele Menschen am Platz haben Hunde und Wanda ist anfangs noch empört, wir müssen mit dem Training „wann darf ich bellen und wann nicht“ nochmal von vorne anfangen. Dafür scheint jeden Tag die Sonne und der Strand ist fast menschenleer. Ein Paradies.

 

Am Abend beginnt es ein wenig zu tröpfeln und in der Nacht kommt der Sturm. Carisima wackelt und bebt in den Sturmböen und ich werde oft wach. Im Morgengrauen beobachte ich, wie der am Strand zurück gelassene Sonnenschirm meiner Nachbarn von den Wellen geholt wird, die so enorm hoch sind, dass ich mich nicht traue, hinaus zu laufen, um den Schirm zu retten. Als ich ein paar Stunden später wieder wach werde, ist die Situation unverändert, der Wind stürmt und rüttelt und alles, was nicht fest gebunden ist, fliegt einfach davon.

 

7. Oktober 2017
Trotzdem machen wir uns auf den Weg nach Diamante, denn heute ist Markt. Auf dem kurzen Fußweg dorthin bleibt ein hoch motivierter Italiener mit dem Auto stehen und bietet mir an, mitzufahren. Der Rucksack auf meinem Rücken, groß und eckig und für Wanda gedacht, wirkt offenbar so, als wäre ich seit Wochen auf Wanderschaft. Der Mann ist sichtlich enttäuscht, dass ich nur zum Markt will, aber winkt und meint mit „ciao bella“ wohl nicht das Hündlein.

Und dann unser Ziel: Eine herrlich lange Strandpromenade mit dem Wochenmarkt und allem, was das Herz begehrt. Tomaten, Paprika, Äpfel, Nüsse, Steinpilze, Käse, einfach alles. Wir füllen den Rucksck bis zum Rand und gehen dann zurück, der Wind tobt und ich koche das erste Mal im Auto. Gebratene Steinpilze, ein Fest.

 

Am Nachmittag kann man außer spazieren am Strand nichts machen, weil der Wind so hereinbrettert. Weder Kochen, noch Schreiben, noch Sitzen. Nachdem unser gesamtes Equipement im Auto ist, inklusive Tisch, ist es urgemütlich, aber nicht besonders bewegungsfrei. Aufgrund der Windrichtung steigen wir durch die Heckklappe ein uns aus.

Als ich nach dem Nachmittagsschläfchen, das erst zweite auf dieser Reise, aufwache, liegt das Hündlein in meinem Arm. Hat sich irgendwie ganz gemütlich da zusammengerollt und den Kopf auf meinen Oberarm gelegt. Ich schaue auf. Der Blues ist weg. Mit ihm meine letzten 200 Euro in bar. So sieht das also aus, wenn der Blues sich eine Gitarre in den Kopf gesetzt hat. Auf dem Tisch liegt ein Zettel mit einer schwungvollen, aber knapp leserlichen Botschaft. „Ich will als Straßenmusikant mein Glück versuchen“ steht da. Oh Mann. Das haben vor dem Blues schon vier andere versucht und wo sind die gelandet!

Wanda und ich gehen einkaufen, es gibt einen sehr kleinen Supermarkt (so nennt er sich) in einem Kilometer Entfernung. Dort bekommen wir Brot, das gibt es auf dem Markt nämlich nicht, und ein paar Kleinigkeiten. Der Sonnenuntergang am Abend ist wieder gigantisch… wie jeden Abend in Diamante.

 

8. Oktober
Irgendwann in der Nacht hat der Wind aufgehört. Heute ist Sonntag. Wir gehen ziemlich lange am Strand spazieren, weil ich keine Lust habe, zu arbeiten, und das gleich dreimal. Wanda hat extrem an Muskeln zugelegt, das ist offenbar das Laufen im Sand. Ich nicht. Jetzt wo der Blues weg ist, kommen die neuen Ideen. Die Erkenntnis, dass das Leben zu kurz ist, um an etwas oder jemandem fest zu hängen. Außer an einem zweieinhalb Kilo schweren Hündlein vielleicht.

Ich entscheide mich als erstes für einen Klapptisch, den ich noch vor unserer Reise zum Nordkap umsetzen möchte. Außerdem beschließe ich, unsere USA Reise um ein jahr zu verschieben. Erstens waren dann wieder Wahlen in den USA und zweitens müssen wir noch einiges verändern, Carissima und ich. Es ist gut, dass nun Zeit ist, über all das nachzudenken. Und sollte der Blues zurück kommen, dann könnten wir ja ein Band gründen. Für irgendwas muss so ein Blues doch gut sein.

 

Die Zeit vergeht. Ich arbeite viel und wie mir vorkommt effektiv, denn ich weiß ja, oder glaube es, dass am 14. Oktober das Internet weg ist. Also meines. Und ich habe noch keinen TIM Shop zum wieder Aufladen entdeckt und weiß auch nicht, ob ich das noch machen soll. Wir sind jeden Tag mindestens zwei Stunden spazieren am Strand und Wanda liebt es. Sie bringt Steine, Stöckchen und Muscheln, von denen es hier kaum welche gibt. Ich komme auch drauf, warum sie sich manchmal partout tragen lassen will: das hat nichts damit zu tun, dass sie müde ist, sondern damit, dass ihr die Sonne direkt ins Gesicht scheint. Das zipft sie an und dann hüpft sie so lange an mir hoch, bis ich sie trage.

Meine Nachbarn gegenüber sind eigenartig, die neben mir sehr nett und der schräg gegenüber, tätowiert ohne Ende, Besitzer zweier Kampfhunde, ist unglaublich entzückend und erlaubt immer, dass Wand mit seinen Hunden spielt. Nur wenn ich sie dann von der Leine lasse, kriegt sie Angst und versteckt sich hinter mir.

Und sonst passiert hier gar nichts, nicht einmal der Gemüsehändler kommt auf den Campingplatz, wie das noch vor zwei Jahren der Fall war. Einen Tag, bevor das Internet weg sein soll, ist es dann weg und ich beschließe, weiterzufahren. Ich habe die Zeit wirklich optimal zum Arbeiten genutzt, jetzt geht es weiter. Außerdem hat Wanda entdeckt, dass es nun ein Revier gibt – wir sind lange genug hier – und das verteidigt sie natürlich. Es geht nicht mehr nur um den Bus, sondern um die 24 Quadratmeter, auf denen er steht. Wandas Bellen schallt durch die Luft, wenn jemand es wagt, über unseren Platz die Abkürzung zum Meer zu nehmen. Und wenn Wanda bellt, dann könnte feines Kristall zerspringen, wenn welches in der Nähe wäre.

Beim Zahlen macht der Mann vom Campingplatz noch einige gute Späßchen bezüglich Wandas Größe, die ich unglaublich lustig finde, aber leider nicht wiedergeben kann und ich stelle fest, dass ich tatsächlich neun Tage hier war.

 

14. Oktober
Am Tag der Abreise ist sie ganz besonders. Immer. Wenn ich beginne, alles zu putzen und einzupacken, sitzt Wanda erwartungsvoll und sehr brav irgendwo und wartet. Ich weiß nicht, was genau sie mit fahren verbindet, ist es das gute Essen (an Fahrtagen gibt es immer Nassfutter), ist es das Neue? Spürt sie nur meine Aufregung? Was geht in meinem Hündlein vor?

Ich wollte in einen Ort namens Paradiso fahren, nur zum Spaß, hier in der Nähe, doch ich verzichte dann darauf. Was soll ich in Paradiso, wenn Diamante mein Paradies ist? Wehmütig mache ich mich auf den Weg. Carissima schnurlt so schön, dass mein Herzbald wieder lacht. Wir fahren ein Stück weiter nach Süden und bei Belvedere geht es dann ab ins Land, über den Passo dello Scalone nach Sant‘ Agata di Esaro. Die Straße ist der Hammer, oft bricht der Asphalt in einer zwanzig Zentimeter Stufe quer über die Fahrbahn ab, dann wieder die Bankette in einem meterlangen Riss. Der Ausblick ist dafür aber genauso der Hammer und ich bleibe ziemlich oft stehen, um Fotos zu machen. Oder meine Kamera zu suchen, oder die kleine Kamera, von der ich plötzlich glaube, sie in Diamante am Hunde Areal zurück gelassen zu haben. Oder meine Sonnenbrille, die im Zuge der Kamerasuche und -findung auf einmal verschwunden ist. Carissima seufzt. Ihr ist ein wenig warm, ich genieße die Heizungswärme an den Füßen. Wanda hat beschlossen, dass ein Mitfahren auf dem Beifahrersitz auf keinen Fall mehr in Frage kommt. Wenn man da nicht konsequent ist hat man verspielt. Ich habe schon lange verspielt.

Wenigstens habe ich getankt, denn Tankstelle gibt es hier oben in den Bergen keine, die Dörfer sind winzig klein und lieblich und zweisprachig ausgeschildert. Warum wohl? „Die Arbëresh [ar’bəreʃ] sind eine alteingesessene albanische ethnische Minderheit in Mittel- und Süditalien und auf der Insel Sizilien“, zitierit Carissima, „und kamen sporadisch in mehreren kleineren und größeren Migrationswellen ins heutige Italien. Am Anfang waren es Söldner im Dienst der lokalen Feudalherren und der Könige von Neapel, ab dem 15. Jahrhundert kam es zu größeren Flüchtlingswellen, im 16. und 17. Jahrhundert zu Migrationswellen der albanisch-griechischen Bevölkerung (Arvaniten) aus den zahlreichen albanischen Gemeinden in Griechenland. Nach mehr als fünf Jahrhunderten weg aus der Heimat spricht ein Teil der Menchen der in Italien gegründeten albanischen Gemeinden noch heute eine konservative vor-osmanische albanische Sprache.“ Oh, sage ich, so wie die Hutterer in Amerika! Genau, sagt Carissima, und in Italien sind diese historischen Sprachminderheiten seit 1999 geschützt. Woher, beginne ich. Aus der wikipedia, sagt sie. Ahja, stimmt. Das hatte ich vergessen. Dass mein Auto aus einem mir unerfindlichen Grund einfach immer Netz hat. Und sich alles merken kann. Carissima ist sichtlich stolz.

Wir brauchen lange für die 80 Kilometer durch die Berge und ich beschließe, bei Lungro in Richtung Schnellstraße abzubiegen und nicht die gesamte Strecke weiter zu fahren. In Firmo (auf albanisch Ferma) geraten wir in einen Hochzeitszug und fahren kilometerlang zwischen hupenden Autos an ein unbekanntes Ziel. Und dann sind wir irgendwann fast wieder am Meer und folgen der Schnellstraße Richtung Norden. Ich habe mir die Karte gut gemerkt, bringe aber dauernd die Namen der anzupeilenden Städte durcheinander und muss ständig wieder nachsehen. Ein wenig mühsam. Hinzu kommt, dass Wanda wohl dringend aufs Klo muss, ihr aber kein Platz, an dem ich stehenbleibe, passt. Ich verstehe das, entlang der Straße gibt es unzählige Parkbuchten, doch alle sind verschmutzt, mit Glasscherben übersät oder bieten kein Stückchen Gras.

 

Das geht auch noch so weiter, als wir nach Taranto, nach dem großen Hafen mit der Ölraffinerie, wieder ins Landesinnere abbiegen, Richtung Martina Franca. Und auf einmal wird die Landschaft wieder unglaublich lieblich und ich sehe die ersten Trulli, die kleinen, runden Häuschen, die aussehen wie im Auenland. „Die Trulli“, erzählt Carissima, „sind vor allem in Apuglien vorkommende Rundhäuser, deren Steindächer sich nach oben hin zu einem so geannten falschen Gewölbe verjüngen. Die ersten dieser Häuser entstanden im 17. Jahrhundert auf Anordnung des Grafen Giangirolamo II. Acquaviva d’Aragona. Die Trulli werden ohne Zement, Mörtel oder sonstige Bindemittel durch eine besondere Technik gebaut, die die „Trullaro“ beherrschen. Der Grund für seinen Auftrag, Häuser ohne fixe Verbindung zu errichten war, dass der Graf keine Steuern zahlen wollte. Die Häuschen konnten im Falle einer königlichen Inspektion ganz einfach abgebaut und dann wieder aufgebaut werden. Die Trulli sind als „arme Leute Häuser“ bekannt geworden. Viele davon fügen sich in die Landschaft, andere wiederum stehen auch in dörflichen und städtischen Ansammlungen, wie zum Beispiel in Alberobello, wo es ein geschlossenes Viertel nur aus Trulli gibt. Dieses wurde 1996 zum Weltkulturerbe ernannt.“ Wow, sage ich. Und nach Alberobello fahren wir! Genau, sagt Carissima.

Vorher aber kommen wir noch an Locorotondo vorbei, eines der geheimen Dörfer, die wir besuchen wollten. Es leuchtet im Abendlicht und ich freue mich wie ein Kind, weil es so unglaublich schön aussieht. Und dann – es grenzt an ein Wunder – finde ich sogar den Campingplatz. Es ist kühler hier als in Diamante, die Sonne schon beim Untergehen, und wir stehen in einem Zauberwald aus Pinien und herbstzeitlosen. Und Pilzen, die ich noch nie gesehen habe. Es ist zauberhaft.

 

15. Oktober 2017
Oh Wahnsinn, es gibt hier sogar eine Waschmaschine. Ich nutze den warmen Tag und mache mal wieder alles frisch und sauber, es ist ein herrliches Gefühl, eine frisch gewaschene Jeans anzuziehen, das kann ich Euch sagen! Aufgrund zweier Waschgänge, die extrem viel Zeit benötigen (zu Hause wasche ich nie mit Waschgängen, die über zweieinhalb Stunden dauern, hier scheint das normal zu sein) und einem Ratscherl mit den Nachbarn, deren Irish Setter es Wanda angetan hat, kommen wir erst nach vier hier weg. Der Radweg durch die Felder ist unglaublich schön und wir sehen einsam da stehende Trulli, die hübsch zurecht gemacht und bewohnt sind. Nach bereits vier Kilometern stelle ich fest, dass wir es bei gutem Fotografierlicht nicht mehr nach Locorotondo schaffen. Das wäre der Plan gewesen. Also Planänderung, zurück nach Alberobello, in die Weltkulturerbe Stadt. Und erst mal dort gucken.

 

Alberobello ist extrem touristisch, aber das ist wohl kein Wunder bei diesen Bauten. Einfach anschauen und genießen 😉

 

Dann sind wir noch einmal bei den Nachbarn eingeladen, denn die beiden Hunde haben einen Narren aneinander gefressen. Ich checke vorher noch die Zwischenergebnisse, ja, Österreich hat wieder einmal gewählt.

 

16. Oktober 2017
Heute habe ich beschlossen zu arbeiten, denn all die vielen Erlebnisse gestern waren Wanda wohl zuviel. Hinzu zu allem kam ja noch, dass sie tagsüber mal 20 Minuten abgängig war und offenbar von irgendwem gefüttert wurde, sprich, gestern Abend noch das Wohnmobil meiner Nachbarn vollgekotzt hat. Danach hat sie dann auch noch ein Häuflein gemacht, direkt an Max‘ Schlafplatz. Was immer ihr unser neu hinzugekommener Nachbar – denn den verdächtige ich – gefüttert hat, es hat ihr nicht wirklich gut getan. Der ist aber heute weg und mit ihm alle Besucher, die nur über das Wochenende da sind. Eine Frau mit zwei Dackeln hat mir gestern erzählt, dass viele Menschen aus Bari hierher kommen, um das Wochenende zu verbringen, weil es so schön ruhig ist. Und das ist es wirklich. Jetzt, wo niemand mehr da ist, rennt Wanda den ganzen Tag kreuz und quer durch das Gelände und erkundet alles. Die Dame von der Campingplatz Rezeption sagt, das ist auch total ok, ich soll sie einfach laufen lassen. Naja. So einfach geht es dann doch nicht, ich bin zwischendrin besorgt, was sie so treibt, vor allem, weil eine der wilden Katzen, die hier um Futter betteln, nicht vor ihr flüchtet, sondern sie aktiv angreift. Wanda versteht die Welt nicht mehr und schreit jedes Mal fürchterlich, wenn die Katze in die Nähe kommt. Also aufpassen.

Dann erfahre ich noch, dass morgen zwischen acht und vier der Strom abgeschaltet werden wird und das stellt mich in Ermangelung meines verreckten Energiewandlers vor ein logistisches Problem. Die Campingplatz Dame, die Anna heißt, erklärt mir, dass der nächste Supermarkt zwei Kilometer entfernt ist und um acht aufsperrt. Aaaaaaaaaaalso. Wenn der Strom um acht aus ist, kann ich einfach losradeln, gefrorene Erbsen kaufen, bin um halb neun oder neun wieder da und versorgen den Kühlschrank. Dann habe ich, wenn ich die externe Festplatte nicht anstecke, noch zweieinhalb Stunden Zeit zum Arbeiten, bevor der Computer aus ist. Und danach könnten wir ja nach Locorotondo radeln. Ich beschließe, dass das gut ist, so werden wir es machen.

PS. Wanda hat sich bis zum Abend gut erholt und ich merke, dass ihr der Tag Pause und schlafen gut getan hat.

 

17. Oktober 2017
Gleich nach dem Frühstück in den Supermarkt geradelt ung gefrorenen Spinat und Bohnen gekauft. Das Zurückfahren zum Platz war wieder extrem mühsam, weil es nur bergauf geht und ich die Radltschen mit den Einkäufen voll hatte und Wanda im Rucksack. Das hängt sich alles ziemlich an! Die Kühlung ist also soweit gesichert. Was sprachlich nicht ganz angekommen ist bei mir, ist, dass es nicht nur keinen Strom, sondern auch kein Wassser gibt, also nicht nur kein warmes sondern gar keines. Zum Glück habe ich meinen Kanister angefüllt uns so habe ich noch drei Liter Brauchwasser und zwei Liter Trinkwasser für diesen Tag. Geht sich aus. Dann habe ich meine erste astrologische Beratung auf italienisch gemacht und bin das erste Mal dankbar, dass es google translate gibt, das mir so viele Wörter schenkt und mir die Übersetzung meiner schriftlichen Ausarbeitung ermöglicht hat.

Wanda hat einen neuen Freund gefunden und um halb fünf war dann auch tatsächlich der Strom wieder da.

 

18. Oktober 2017
Das erste Mal seit langem wieder viel Hoffnung, dass die Zukunft doch ein wenig mehr bringen wird, als die Verarmung in einer Einzimmerwohnung – ein Gedankengang, der mich leider seit einigen Wochen wieder sehr plagt. Während ich am Vormittag alles abreisebereit für morgen organisiere, kommen dann die guten Gedanken und ich beschließe, morgen doch noch zu bleiben. Und dann wird der Nachmittag extrem kreativ.

Viele neue Ideen! Inspiration. Daran glauben, dass eine der vielen Ideen den Durchbruch bringt. Wow, ein guter Tag, der beste seit langem. Und endlich bin ich frei genug, um auch wieder einmal ein Buch anzufangen, an meinem nächsten Buch weiter zu schreiben, bewusst so richtig fein in der Abendsonne fotografieren zu gehen. Wir wandern hinunter in das Städtchen und das Licht ist sagenhaft schön. Hier gibt es mitten in der Stadt Olivenhaine und Gärten, es ist wunderschön trotz aller Touristenmengen. In einer kleinen Bar schauen wir dann in die Abendsonne und über die Dächer der unzählbar vielen Trulli.

 

Und essen. Muss man sich ja vorstellen. Seit fünf Wochen in Italien unterwegs und noch nie essen gewesen. Heute also Pizza. Wanda ist so brav, dass ich es nicht in Worte fassen kann. Carissima, die seit Tagen ein wenig nach Benzin roch, habe ich gestartet und ein wenig laufen lassen und nun ist der Geruch weg. Sie kriegt dafür einen Trullo Magneten. Ein perfekter Tag.

 

So. Und morgen geht es dann HIER weiter 😉