Die geheimen Dörfer, 1

28. September 2017
Nachdem ich die sechste Nacht hintereinander aus einem Alptraum (ja, man darf das so schreiben) aufwache, bin ich ein wenig gerädert. Der Campingplatz macht in zwei Tagen zu und außerdem nerven mich meine Nachbarn. Die rechts von mir (wie trefflich) können es nicht fassen, dass noch so viele Menschen unterwegs sind („haben die nichts zu arbeiten!!!“) und die links von mir, Salzburger wohlgemerkt, bringen den Mund nicht auf, stapfen aber uneingeladen zu mir auf den Platz, wenn sie was brauchen und tun dann blöd, wenn Wanda an ihnen hochspringt. Die sollen ausgezeichnet froh sein, dass ich keinen Pitbull habe. Nachdem diese beiden Vorfälle aber, im Vergleich zum Weltgeschehen, immerhin ist Deutschland wieder weiter rechts gerückt und Trump dreht immer mehr durch, völlig banal sind, nehme ich an, dass meine schlechte Laune durch und durch an mir selbst liegt. Also müssen wir weiter und der Sache auf den Grund gehen.

Es wäre nicht dieser Tag und diese Stimmung, wenn nicht beim Einsteigen ins Auto plötzlich der Blues an der Beifahrertür rütteln würde. Carissima seufzt. Nun mach ihm schon auf, sagt sie, der reißt mir ja den Türgriff ab. Ich beuge mich über den Hundekorb, öffne die Tür, werfe den Korb nach hinten aufs Bett und nehme Wanda auf den Schoß. Der Blues steigt ein und wir fahren los. Was machst Du denn schon wieder hier, frage ich. Bin ziemlich entnervt. Er seufzt. Du begibst Dich an Orte, die mit viel Vergangenheit verbunden sind, lässt Dich von lästigen Nachbarn ärgern, kommst nicht in die Gänge und arbeitest zu viel. Das ist das klassiche Blues Rezept. Hast Du’s endlich kapiert, fragt er, zieht die Stiefel aus und stellt seine Füße gegen die Windschutzscheibe. Das habe ich früher auch immer gemacht, ziemlich gemütliche Position. Und so direkt hat er noch nie beschrieben, woher er kommt, fällt mir auf. Aber da sind wir auch schon mitten in Sovicille und ich bin mir nicht sicher, wohin ich fahren muss. Kannst Du mal die Karte nehmen, frage ich. Allein Reisen ist eine Grundsatzentscheidung, sagt er, und zündet sich eine Zigarette an. Du Arsch, sage ich. Immer gerne, sagt er. Du kannst doch nicht einfach das, was ich sage, gegen mich verwenden! Ich bin richtig empört. Kann ich doch, merkst Du ja, sagt er.

 

Wir schweigen. Ich lege eine CD ein und fahre in Richtung Grosseto, verpasse zwei Abzweigungen, fahre auf die Schnellstraße, wieder ab, verfahre mich ganz fürchterlich, fahre wieder auf die Schnellstraße und wieder ab und bin in knapp fünf Stunden in Sovana, Routenplaner hat zwei Stunden 15 kalkuliert. Der Blues schläft, sein Kopf ist an der Nackenlehne ein zur Seite gerutscht und er schnarcht. Wanda und ich besichtigen Sovana. Für Wanda sieht es vermutlich so aus: boooooooooooo sind hier viele Katzenbabies, wieso darf ich nicht mit denen spielen, woooooooo Tante, lass mich doch an das Katzenbaby ran, hmmmmmmmmmm hier riecht es aber gut, oh, verdammt, nimm mich hoch, da vorne kommt ein unangeleinter Pitbull um die Ecke. Für mich sah es so aus: Alter, von wegen geheimes Dorf, das ist ja voll und durch nur noch touristisch. Nicht mal ein Lebensmittelgeschäft gibt es, nur Lokale und Andenkenläden. Naja, pitoresk ist es ja, das Dorf. Aber irgendwie auch ausgestorben, nicht authentisch. Ach, ich nehme Wanda besser auf den Arm, da vorne kommt ein unangeleinter Pitbull um die Ecke…

 

Wieviel klarer ist Pitigliano, nur wenige Kilometer entfernt, wie es da steht und vermittelt: mich bringt nichts um. Ich bin, wie ich bin.

Bei der Aussicht auf Pitgliano – wie oft bin ich genau an dieser Stelle schon stehen geblieben – fällt mir ein „Agro Camping“ Schild auf. Ob das der Bauer ist, bei dem ich vor acht Jahren schon mal war? Damals hatte ich Carissima nur geborgt und war ein wenig verzweifelt. Der ehemals fast beste aller Männer hatte mich in Pisa einfach stehen lassen mit dem Wunsch, mit dem Fahrrad nach Assisi zu pilgern. Ich gab ihm meine guten Karten und war vortan ohne Karten unterwegs, mit einem Auto, das ich keine Sekunde aus den Augen lassen konnte, denn was, wenn einer das Auto stiehlt, dass nicht einmal mir gehört. So war das damals. Und als ich nach einem Ritt über mehrere Kilometer ziemlicher Rumpelstraße um die Ecke biege, weiß ich, das ist dieser Hof. Der Mann, der den Hof bewirtschaftet, ist auch immer noch derselbe. Er zeigt mir alles und so stehe ich dann da, wieder mutterseelenallein, auf einer schönen Wiese. Sag mal, woher hast Du eigentlich die neuen Stiefel, muss ich den Blues nun fragen, nachdem wir eingeparkt haben. Rom, sagt er. Er trägt wohlgemerkt schwarze Cowboystiefel mit gestickten Mustern in dunkelblau. Es sieht ziemlich Las Vegas aus, meiner Meinung nach. Aber Rom? Wie auch immer. Er will sich offenbar ohnehin nicht mehr dazu äußern, weil er ein Handtuch nimmt, sich in die Wiese in die Sonne legt und Wanda Stöckchen wirft. Ob sie ihn sehen kann, weiß ich nicht, aber die Stöckchen bringt sie nicht zurück. Naja, das macht sie bei mir auch nicht immer.

 

30. September 2017
Gestern noch ordentlich mit der weiteren Planung rumgetan. Soll ich bis Sperlonga fahren oder nur bis Rom? Bis Rom sind es knapp 200 Kilomter, bis Sperlonga nochmal 200. Das müsste doch machbar sein. Und zum Glück fallen mir meine gesamten Erfahrungen ein, wie lange 400 Kilometer Landstraße sein können, was alles dazwischen kommt und wie ich dann jeweils am entsprechenden Ziel ankomme. Also entscheide ich mich für Rom und schicke Ugo über facebook eine Nachricht, ob ich kommen kann. Klar meint der. Sowieso. Also auf nach Rom!

Der Blues steht fix fertig zusammengepackt oben am Bauernhaus. Das bedeutet bei ihm, er hat seine Stiefel an, eine Zigarette im Mund und einen neuen Seesack um die Schulter hängen. Was immer er darin transportiert. Ich habe ihn noch nie gefragt. Wer fragt schon seinen Blues, was er zum Reisen braucht. Aber uninteressant ist das sicher nicht.

Die Bäurin – sie ist gestern Abend runter auf die Wiese gekommen, auf der wir stehen, und wollte wissen, ob es mir gefällt, kommt gleich aus dem Haus. Sie erzählt mir, dass diese Gegend eine der drei letzten in Italien ist, die null Lichtverschmutzung aufweist und deshalb der Sternenhimmel so wunderbar ist. Schräg, denke ich, ich hatte mich gestern Nacht schon gewundert, was man hier alles an Sternen sehen kann. Dachte, es liegt an der Jahreszeit! In dem Moment tut es mir unendlich leid, nicht das Stativ ausgepackt und ein wenig Sterne fotografiert zu haben. Echt schade, ich Depp. Der Blues lehnt sich gemütlich an Carissima, die versucht, ihm einen Tritt zu geben. Dann sehe ich die Demeter Prospekte. Ob das ein Demeter Hof sei, frage ich die Frau. Ja, meint sie und ich denke mir, ich würde mir das ja viel mehr umhängen, aber bitte. Ob sie mir den Laden zeigen soll? Ja, klar! Ich kaufe selbst abgepackte Minestrone, Tomatensugo und Weizen und lasse mir auch noch die 300 Jahre alte Eiche zeigen, die das Wahrzeichen des Hofes ist. So verrückt. All diese Geschichten, die man auf Reisen so hört.

 

Ich weiß ja nimmer genau, wie ich letztes Mal nach Rom gekommen bin, aber ich kam aus Assisi. Jetzt bin ich weiter westlich unterwegs und nehme ab dem Bolsano See die Nationalstraße 2 nach Rom. Bestens ausgeschildert. Und die Straße in einem Zustand, dass es einem die Plomben aus dem Gebiss schüttelt. Wahnsinn. Carissima ächzt. Wanda sitzt auf meinem Schoß und ist unglaublich unruhig. Wie schon in Frankreich klettert sie immer wieder an mir hoch und versucht, sich um meinen Nacken zu legen wie eine Katze. Das fühlt sich zwar super an, ich finde das aber zu gefährlich und muss sie immer wieder daran hindern. Was für eine mühsame Fahrt, so wunderbar die Gegend auch ist!

In Rom hat es 30 Grad. Agnese begrüßt mich und mir fällt erst jetzt wieder der etwas unerzogene Hund der Familie ein, der sofort zum Auto rennt und wie verrückt versucht, hinein zu kommen. Mein Hündlein verteidigt das Revier wacker und keift aus dem Fenster, dass mir fast das Trommelfell platzt. Nachdem beide Hunde beruhigt sind, wird mir klar, dass das wirklich nur eine Nacht klappen kann. Und mit draußen sitzen und kochen ist auch nix, denn bei jeder Bewegung, die ich mache, flippt der Schäferhund, der jetzt an der Kette sein muss, aus. Also spazieren wir die entsetzlich stark befahrene Via della Magliana zurück zur nächsten Pizzeria, die war gut vor zwei Jahren, kann ich mich erinnern. Und heute hat sie geschlossen. Also wieder zurück. Der Blues latscht einige Meter hinter mir und pfeift ein Liedchen. Wenn Dinge nicht klappen, ist er in seinem Element. Du bist ein echter Sack, rufe ich zurück. Ich weiß, ruft er.

 

Erster Oktober 2017, Sonntag
Wir fahren weiter. Agnese will kein Geld nehmen für die Übernachtung und so ringe ich ihr das Versprechen ab, dass sie nächstes Mal was nimmt. Sie grinst. Und wir fahren los. Kommen gut voran. Und als ich in Sperlonga auf den Campingplatz einbiege, sehe ich das große, große Schild, auf dem vier Hunderassen abgebildet und durchgestrichen sind. Damit wirklich jeder kapiert, dass man hier keine Hunde duldet. Gar keine. Kein großen, keine kleinen. Ich könnte ausflippen, normalerweise checke ich das vorher ab, aber dieses Mal… eben nicht. Fahre also die schmale Auffahrt wieder hinauf und überlege, was ich tun soll. Hm. Von hier bis zu den Campi Flegrei sind es nur noch 100 Kilometer und auf der Strecke kommen kaum mehr Campingplätze, daran kann ich mich erinnern. Auch sonst ist hier alles ziemlich ausgestorben um diese Jahreszeit und die Zugänge zu den Stränden mit Zäunen verbarrikadiert. Also, auf nach Pozzuoli! Nachdem ich heute sehr früh aufgebrochen bin, weil ich mich noch von Ugo verabschieden wollte, bin ich am frühen Nachmittag hier und ziemlich froh. Jetzt erst mal gemütlich machen und morgen weitersehen!

Fazit: irgendwie das nächste Dorf, dass sich verpisst hat. Aber gut, in Sperlonga war ich wenigstens schon mal 😉 Und dafür ging sich auch ganz bequem der Besuch der Abbazia di Fossanova aus, wieder einmal eine Empfehlung von Agnese. Echt sehenswert. Leider durfte ich aufgrund meines winzigen Hündleins nicht in die Kirche, war aber trotzdem super!

 

2. Oktober 2017
Wir besuchen Pozzuoli, das ich bei meinem letzten Aufenthalt einfach nicht gesehen habe. Saß fünf Tage im Vulkankrater und ging nicht raus. Jetzt aber schon. Wir besuchen also den Neptun Tempel:

 

Das Anfiteatro:

 

Den Hafen und den Parco di Villa Avellino und den phänomenalsten Bahnübergang aller Zeiten. Also. Da gibt es eine Fußgängerbrücke über die Eisenbahn. Und etwa 200 Meter weiter, da gibt es einen Fußgängerübergang über die Eisenbahn, aber keine Brücke, sondern ein echtes Andreaskreuz, ein Türl und einen Bahnwärter, der das Türl zumacht oder sich davor stellt, dass keiner mehr rüber gehen kann, wenn der Zug kommt. Ich muss an Bahnwärter Thiel denken und fühle mich gleichzeitig in einem kleinen, wundervollen Märchenwunderland, in dem es noch Bahnwärter gibt für Fußgänger und Radfahrer.

 

Der Blues trottet hinter uns her und nörgelt. Es ist ihm zu heiß, zu trocken, er ist durstig und die Füße tun ihm weh. So wie uns allen, nur dass das Hündlein von mir getragen wird, es ist mal wieder Wandatag. Als wir zurück kommen, steht die Hitze im Vulkankrater und ich arbeite noch, bis es dunkel ist. Dann treffe ich bei Wandas Abendspaziergang ein Paar aus Deutschland, die sich unbedingt mein Auto ansehen wollen, wir reden übers Reisen, Doktorarbeiten, die Frage, wie man als gebürtiger Rumäne in Deutschland so behandelt wird und dass die Griechen das wahrscheinlich freundlichste Volk Europas sind. Irgendwann ist es halb zwei und der junge Mann besteht darauf, nun doch noch eine Flasche Wein aus seiner Heimat zu öffnen, der Wein ist wunderbar, aber einfach zu viel. Der nächste Tag ist das heulende Elend und ich versuche einen Tag lang, mich zu sortieren. Der Blues liegt auf meinem Bett und hört nicht zu lachen auf. Carissima schweigt. Das Hündlein ist froh, dass wir einen Nachmittagsschlaf machen. das wäre exakt des Hündleins Reisestil. Und ich bin froh, als es endlich Nacht ist.

 

4. Oktober 2017
So haben ich also den Tag der deutschen Einheit (nicht dass er mich was anginge) mit Wäsche waschen, Pediküre und Kopfwegtabletten verbracht. Heute um halb acht fit wie ein Turnschuh und erst Mal die Arbeit sortieren, die mir gestern noch unübersichtlich vorkam. Heute alles im grünen Bereich. Wir wandern auf den Vulkankraterrand und sehen uns das mal von oben an. Und planen, wie es morgen weitergehen soll.

 

Übrigens sollen die Campi Flegrei, in denen wir uns hier befinden, wieder aktiv werden. Sollte das der Fall sein, müssen 80.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Schon gruslig, die Vorstellung dieser Flucht. Mehr dazu habe ich HIER gefunden. Und hier noch die Solfatara aus der Luft: