5 – Jenseits von Inverness

26. Mai 2018

Nachdem wir jetzt so unglaublich nah an Inverness sind, beschließe ich, einfach dran vorbei zu fahren. Ursprünglich wollte ich ja dort Halt machen, doch der Campingplatz gefällt mir allein von den Bildern her schon nicht und auf Stadt habe ich auch grad keine Lust. Wir fahren also Richtung A9, die uns an Inverness vorbeiführen wird und kommen nach wenigen Kilometern in die Ortschaft „Boat of Garten“ und es interessiert mich, wieso dieser Ort so heißt. Weil, Garden, das wäre englisch. Warum Garten? Leider kann ich das Geheimnis nicht lüften, nur so weit, als dass die Ortschaft bis ins 18. Jahrhundert einfach „Garten“ hieß und dann wegen des Fährbetriebes über den Fluss „Spey“ mit dem Zusatz „Boat“ ausgestattet wurde. Es wird auch „Osprey Village“ genannte, Ospreys sind die Seeadler, die man hier viel beobachten kann.

In „Boat of Garten“ gibt es einen entzückenden nostalgischen Bahnhof, der nächste Zug (Dampflok!!!) fährt aber erst in einigen Stunden und steht leider noch nicht auf dem Bahnhofsgelände.

 

Nach ein paar Meilen sind wir auch schon flugs in Inverness, ich bleibe an einer Raststätte stehen, um einen schnellen Espresso zu bekommen und dann sind wir auch schon vorbei und ich biege Richtung Fortrose ab, das ist eine kleine Stadt auf der Halbinsel „Black Island“ und dort soll man wunderbar Delphine beobachten können. In Speyside waren ja leider keine… Fortrose ist eine wirklich entzückende Stadt, das Wetter ist herrlich, die Kamera bereit und ich denke, wenn wir da jetzt raus an den Strand marschieren, dann könnte ich ein Tässchen Tee vertragen. Oder einen Kaffee. Der Espresso war nämlich echt klein. Also stecke ich den Wasserkocher an den Solarstrom an und wie ich mir noch denke „bisher hat alles so saugut funktioniert, nicht, dass ich jetzt einen Fehler mache, denn so ein Wasserkocher, der zieht schon abrupt viel Strom“, da schalte ich ihn auch schon ein. Ich bin manchmal so. Zisch macht es und dann geht gar nichts mehr. Die Anzeige vom Solarstrommodul ist definitiv tot, da ist nicht mal mehr eine Fehlermeldung gekommen. So ein Mist.

Dafür haben wir dann aber Seehunde gesehen, keine Delphine. Die Seehunde schwimmen vor der Küste herum, spielen im Wasser, legen sich auf den Rücken und lassen den Bauch aus dem Wasser gucken. Es ist lustig, ihnen zuzusehen und wahrscheinlich denken sie sich dasselbe über uns.

 

An sich wollte ich ja heute bis Brora kommen, da soll ein netter Campingplatz am Meer sein und die werben stark mit langen Dünenspaziergängen. Es wäre nicht ich, wenn ich nicht wieder alles anders machen würde 😉 Ich finde nämlich, nachdem es erst Mittag ist (und ich überhaupt nicht an mein kaputtes Solarmodul denken will), dass wir die Falls of Shin noch besuchen sollten. Ich weiß nicht, was das ist, ist aber grün und somit touristisch interessant in meiner Überblickskarte Großbritannien 1:600.000 eingezeichnet. Also biege ich irgendwo nach Tain in die Pampa ab und bleibe dann auch gleich bei einem Monument stehen, denn hier beginnt der so genannte „Pictish Trail“, der Überreste der piktischen Kultur präsentiert.

„Die Pikten waren eine Gemeinschaft aus Kämpfern, Bauern und Händlern verschiedener Völker, die im ersten Jahrtausend nach Christus hier in der Gegen ansässig waren“, sagt Carissima. Wikipedia, frage ich? Nein, steht auf dem Schild dort, sagt sie. Ahja, da steht es. Allerdings auf Gälisch. Und das erklärt jetzt auch gleich, wieso ich dieses Kapitel extra gemacht habe, denn wir sind ja immer noch in Schottland. Aber jenseits von Inverness, das ist ein bisschen wie bei Jenseits von Afrika. Hinter dieser Stelle werden Drachen sein. Unbekanntes Land. Hier werden die Straßen schmal, einspurig, verlassen. Ortstafeln sind zweisprachig angeschrieben, in Englisch und Gälisch. Failte, willkommen, liest man überall. Die Menschen, die hier leben, sind durch ein Königreich von den Iren getrennt und sprechen dieselbe Sprache. Und damit meine ich nicht das Englisch der Krone. Es ist schon sehr spannend auf der Welt.

 

Die Falls of Shin, die Wasserfälle ds Flusses Shin, zeichnen sich erst einmal durch ein überdimensionales Touristenzentrum aus. Neu gebaut, riesiger Parkplatz, riesiger Kinderspielplatz, kaum Menschen da. Die Wasserfälle selbst sind winzig, das interessante daran ist – für mich zumindest – dass das Wasser hier schon die torfige Färbung hat und dass in diesem Wasserfall die Hochseelachse nach oben springen, um zu laichen. Das ist einfach unglaublich, sowas habe ich das letzte Mal in Alaska gesehen. Es wäre auch gerade die Jahreszeit, um Lachse zu beobachten, aber ich sehe keine. Die Aussicht ist trotzdem grandios.

 

Beim Weiterfahren hat das Hündlein so richtig keinen Bock mehr. Das merke ich immer daran, dass sie auf meinen Schoß springt und dann allerlei Faxen macht. Zum Beispiel mit den Vorderpfoten gegen das Fenster srpingen und so tun, als wäre sie hier gefangen (was sie ja auch irgendwie ist) und damit die an Kreuzungen neben uns stehenden Autofahrer völlig aus der Fassung zu bringen. Es ist ziemlich heiß geworden, immer noch kein Vergleich zu unseren Reisen in den Süden, aber trotzdem, im Auto ist es warm. Ja, wir wollten an sich weiterfahren bis Brora, das am Meer liegt, aber als wir dann um eine Kurve biegen und ich das kleine Dörfchen Lairg sehe, da denke ich nur noch, ma, wenn es hier einen Campingplatz gibt, dann bleiben wir stehen, dann falle ich aus dem Auto, stelle ich den Sonnenschirm auf und bleibe für einige Tage.

Und so kam es.

 

Zuerst einmal habe ich das Solarteil auseinandergenommen. Die Vorstellung, dass von jetzt an Schluss mit will campieren sein soll, nur weil ich kein Fuzelchen Strom mehr selbst erzeugen kann, geht mir unglaublich auf die Nerven. Ich baue also den Energiewandler aus und nehme ihn komplett vom Strom, was genau gar nichts bringt. Dann baue ich das Anzeigemodul aus, das auch nichts mehr tut und erkenne, dass man das nicht vom Strom nehmen kann, weil die Kabel alle wunderbar verschlossen in dem Kästchen enden und in der Betriebsanleitung steht, man solle es AUF KEINEN FALL öffnen, das Kästchen. Hm. Ich lese mir die Betriebsanleitungen von Kästchen und Energiewandler noch einmal durch und es sieht aus, als müsste ich, wenn ich das Kästchen stromlos machen will, dieses von der Batterie abklemmen. Das stresst mich und vor allem nervt es mich, denn diese Zusatzbatterie befindet sich unter dem Bett. Und ranzukommen, muss ich also das Bett komplett abräumen, mit allem, was sich dort befindet, wo normalerweise ein zweiter Mensch schläft: Apotheke, Bibliothek, Kabelsalat, Hundekörbchen, zwei Flaschen Wasser (ach, da waren die!), Fotosaurüstung und jede Menge Zeug, das ich schon gesucht habe. Dann kann ich das Bett hochklappen und alles, was sich darunter befindet, aus dem Auto räumen: eine aufblasbare Couch, zwei Radltaschen, einen Sack mit Grillkohle, ein Werkzeugkasten, der Sack mit Schmutzwäsche, eine Tasche mit 15 Gaskartuschen, die ich gleich in die Kiste mit dem halb aufgebrauchten Notvorrat an Bier räume, da ist ja jetzt Platz. Und dann sitze ich vor der Batterie und trau mich nicht, das ganze Zeug abzuklemmen. Man weiß ja nie. Also lese ich mir die Betriebsanleitungen nochmal durch. Lesen soll ja beruhigen, sagen sie immer. Und da lese ich dann, dass empfohlen wird, das kleine Anzeigekästchen mittels Sicherung vor Überspannung zu schützen. Diese Sicherung möge man doch bitte zwischen Batterie und Kästchen anbringen. Ich sehe mir die Sache genauer an. Ja, sapperlot – der fast Beste aller Männer hat tatsächlich den Rat in der Betriebsanleitung befolgt. Da ist ein kleiner Unterbruch im Kabel, wohlverschlossen, und darin steckt eine 15 Ampere Sicherung, die es offenbar zerstört hat, als ich den Wasserkocher eingeschalten habe. Sicherung ausgetauscht und wie durch ein Wunder läuft wieder alles. Jetzt stehe ich da, stolz wie Oskar, inmitten des unglaublichen Chaos, das nun ausgebreitet auf der Wiese liegt. Carissima staunt. Was da alles Platz hat, sagt sie. Ob das das zulässige Beladungsgewicht von 1000 Kilo nicht übersteigt. Darauf habe ich jetzt aber keine Antwort.

 

27. und 28. Mai 2018

Während ich dies hier schreibe, sitze ich auf einem Parkplatz mit Blick in die Highlands und warte bis es dunkel wird. Warum, dazu später. Erst mal habe ich drei Nächte auf dem Campingplatz in Lairg verbracht und es ist einfach sagenhaft traumhaftes Wetter, der Himmel blau, wie er nur sein kann. In dem kleinen Dorf ist genau genommen gar nichts los. Jedes zweite Geschäftslokal ist geschlossen, jedes dritte Haus steht zum Verkauf. Nur ein Restaurant mit Pub gibt es noch im Dorf. Der Campingplatzbesitzer würde gern verkaufen. Er betreibt den Platz mit seinem Vater und langsam werden ihnen die Winter zu hart. Vor allem finanziell. Er meint, weiter unten, vielleicht in der Nähe von Edinburgh, würde es noch besser laufen.

Hinter dem Zaun, vor dem ich parke, wohnt eine ältere Dame, die ein wenig mit dem ebenfalls älteren Nachbarn flirtet. Am zweiten Tag meines Aufenthalts kommt er zum Nachmittagskaffee und stellt sich als absoluter Kotzbrocken heraus. Er redet unentwegt, die Dame kommt nur zu Wort, wenn sie ihm noch Kaffee oder Kekse anbietet und alles, was er sagt, ist einfach negativ. Er weiß, dass die Kleiderspenden der Heilsarmee unrecht verteilt werden, dass alle anderen zu Unrecht etwas bekommen, das ihnen nicht zusteht und das die Welt im Gesamten einfach schlecht ist. Er steigert sich extrem in seine eigene Rede hinein, wird immer lauter, sie versucht ihn zu beruhigen. Irgendwann geht er dann von selbst. Eine halbe Stunde später taucht ein jüngerer Mann auf, ihr Sohn, wie sich später herausstellt, und scheißt sie zusammen, weil irgendwas im Gewächshaus nicht so ist, wie es sein soll. Auch das lässt sie sich gefallen. Dann zischt er wieder ab. Ein wenig später spricht sie mich durch den Zaun an. Ob ich ganz allein unterwegs sei und wie das so sei, will sie wissen. Vermutlich träumt sie von nichts anderem, bei den Kotzbrocken, mit denen sie umgeben ist. Sie bietet mir sogar ihre Waschmaschine an, ob ich nichts zu waschen habe, ihre Maschine habe grad nichts zu tun, sagt sie. Angesichts des prall gefüllten Schmutzwäschesacks bin ich sogar versucht, ja zu sagen, aber dann denke ich mir, die hat eh schon Kummer genug und lehne ab. Wir reden noch ein wenig über ihre Katzen und meinen Hund und dann gehe ich zurück an die Arbeit. Später legt sich dann die Katze, die Wanda gestern noch mit Argusaugen beobachtet hat, in Wandas Palazzo und sie merkt das gar nicht.

 

Am nächsten Morgen liegt dann als Belohnung für das gemütliche Heim eine tote Ratte vor meinem Bus. Das macht sie immer so, wenn sie sich bedanken will, erklärt mir Myra, die Nachbarin.

 

29. Mai bis 31. Mai

Heute fahren wir weiter. Ich weiß noch nicht genau, wie weit ich kommen möchte, aber Brora wäre zur Not ein Ziel, das zwar sehr nahe ist, aber wunderbar am Meer liegt. Vorher unbedingt Dunrobin Castle besuchen und noch vorher wieder einmal eine Seehundaussichtspunkt, doch da ist heute nichts los.

Dunrobin Castle ist ähnlich wie Alnwick. Schweineteuer und Hunde kategorisch nicht erlaubt. Außer Begleithunde. Ich möchte gern wissen, wie man das nachweisen muss, dass der eigene Hund die Begleithundeprüfung gemacht hat. Gibt es da einen Ausweis? Der müsste doch Photoshop nicht widerstehen können, so gesichert kann der nicht sein. Wäre echt einen Versuch wert, nur zur Gaudi.

So aber habe ich aufgrund des Hundeverbots wieder mal das Glück dieser Erde gepachtet, denn ich parke direkt vor dem Schloss und folge dann dem Waldwanderweg, der gleich liks davor in den Wald führt. Und auf diesem Weg spaziert man dann gemütlich hinunter an den Strand und hat einen atemberaubenden Blick auf das Schloss. Genauso, wie man es von drinnen gar nicht sehen kann. Ich freue mir einen Haxen aus und beim Zurückgehen finden wir sogar noch einen geheimen Eingang in den Schlosspark. Das lassen wir aber lieber, so ganz ohne Begleithundeausweis 😉

 

Und dann ist schon wieder so viel Tag vergangen, dass wir tatsächlich in Brora aufschlagen. Zum Glück, muss ich sagen, denn dieser Platz hier ist einfach zauberhaft. Der kämpft jetzt mit dem Platz in Speyside um den schönsten Campingplatz der Reise! Also. Man ist hier am Meer und zwischen Dünen und Campingplatz liegt nur der Golfplatz. Und den darf man einfach queren. Denn – und das hätte meine Golfplatznot letztens erheblich gemildert: in Schottland gibt es tausende Golfplätze, alle natürlich in Traumlage. Und rein rechtlich ist das so, dass die Betreiber einen Golfplatz anlegen dürfen und auch bespielen dürfen ABER sie besitzen den Platz nicht. Das bedeutet, dass nicht nur sämtliche Wegerechte gelten, wie sie immer gegolten haben, nein, rein theoretisch dürfte man auch kreuz und quer herumgehen, wie es einem gefällt. Was natürlich keiner tut, denn auch wenn es Schottland ist, ist es irgendwie britisch. Sorry, will hier keinem Schotten auf den Schlips treten. Bled kumma auf österreichisch.

 

Das alles erklärt mir ein netter Herr mit Hund, den ich beim Spazierengehen kennenlerne, denn am ersten Tag gehe ich brav noch die elendslange Strecke am Strand entlang ins Dorf, weil ich mich nicht auf den Golfplatz traue. Er erzählt mir, dass er auch immer darauf achtet, da niemanden zu stören, aber am Abend, wenn keiner mehr da sei, dann kann es schon sein, dass er zwischen 18er und 19er einfach quer über den Platz geht. Was das heißen soll, wissen jetzt nur die Golfer, aber nachdem es ein 19 Loch Platz ist, nehme ich an, dass er da irgendwie zwischen den Löchern kreuzt. Und die sind ja gut beschriftet. Direkt neben dem Eingang zum Campingplatz liegt zum Beispiel das 12er.

Naja. Am ersten Tag wusste ich das alles noch nicht und bin in die Stadt über den Strand gegangen und zurück dann über die Straße, sehr anstrengend und Wanda musste getragen werden. Die zweieinhalb Stunden waren ihr zu viel. In den kommenden Tagen ging das dann recht flott über den Golfplatz, 45 Minuten pro Strecke, da sind wir sogar einkaufen gegangen. Achja, fällt mir grad noch ein, natürlich dürfen auch die Kühe und Schafe weiterhin am Golfplatz weiden, so wie sie es gemacht haben, als es noch kein Golfplatz war. Nur die Löcher sind geschützt. Und in der Früh fährt ein Mann mit einem kleinen Gefährt den ganzen Platz ab und sammelt die Kuhfladen ein.

 

Und sonst?

Sonst passiert endlich das, was passieren soll, wenn ich auf Reisen bin, die Gedanken beginnen frei zu fliegen und Geschichten entstehen. Der erste Krimi, der so lange schon in meinem Kopf herumtanzt, bekommt seine ersten Seiten und es ist ganz anders, als bisher im Konzept angedacht, aber besser, finde ich natürlich, jetzt hier sitzend und auf die Nacht wartend. Aber wie bin ich hierhergekommen, genau, das wollte ich ja noch erzählen. Also, Brora, bester Ort bis jetzt, überrascht täglich mit dem Wetter. Hält sich an nichts. Da ist Regen angesagt und es hat 26 Grad und blauen Himmel, da ist es überall sonst warm und sommerlich und wir sitzen den ganzen Tag in der Nebelsuppe, alles ist drin. Der Nebel heißt hier übrigens nicht „fog“, sondern „mist“, weil er vom Meer kommt und auf schottisch, besser Gälisch, sagt man „ha“. Mit Betonung auf dem „a“. Das hat mir der Mann vom Campingplatz erklärt. Der findet es ganz offensichtlich cool, dass ich nicht übers Wetter klage, wenn die Nebelsuppe tief auf dem Platz aufliegt, warum auch, dann habe ich so richtig Lust zum Schreiben.

So, und wie ich so schreibe und recherchiere bekomme ich eine Polarlichtwarnung herein. In der Nacht von 1. Auf 2. Juni soll die Aktivität eine „5“ erreichen, was bedeutet, dass der Norden Schottlands betroffen ist. Es werden Lichter zu sehen sein, wenn man nicht grad im Nebel sitzt. Ich muss also planen! Mit Karten, Wettervorhersage im Netz, BBC Wettervorhersage und dem Polarlichtwatch sitze ich da und überlege, wo die besten Chancen wären. Für den ganzen nächsten Tag sind extrem schwere Gewitter prognostiziert, mit Unwetterwarnungsstufe 2 und Warnungen für die Autofahrer. Die Gewitter ziehen entlang der Ostküste und über die Highlands Richtung Norden. So, wie es aussieht, gibt es etwas weiter nördlich im Westen einen Landstrich, der bis zum Abend frei sein müsste. Also komplette Planänderung und an die Westküste wechseln!

Vorher spricht mich noch eine Frau an, die mich vom Campingplatz Speyside kennt! Sie wollte mir sagen, dass sie findet, ich sei super organisiert. Mit so einem kleinen Auto und all dem Zeug, dass ich mithabe. Wir kommen ins Plaudern, übers wild campieren und Campingplätze und andere Möglichkeiten und ichempfehle ihr dem Brit Stops Reiseführer. So wie tags drauf auch der netten Dame mit den beiden „King Charles“ Spaniel, die direkt neben mir steht. Als sie mich anspricht, bin ich grad so im Schreibfluss, dass ich mich gar nicht auskenne und ihre Hunde als „King Richard“ Spaniels bezeichne. Irgendwas kommt mir spanisch vor… hahahahaha… Stunden später komme ich drauf, was es war. However, die Dame ist weit über 60 und reist ebenfalls allein, seit vor 13 Jahren in Mann gestorben ist. Sie war sogar bei ihrer Tochter in Bulgarien, mit ihrem Wohnmobil.

Jetzt bin ich aber schon wieder vom Thema abgekommen.

 

Erster und zweiter Juni

Wegen der Polarlichtwarnung kommt es also, dass ich heute einmal quer durch die Highlands bis Ullapool gefahren bin und dann noch ein Stück weiter in den Norden. Im „Creag a‘ Chnocain“, dem Knockan Crag Naturreservat, bleibe ich stehen, um mal in die Landschaft zu schauen. Der Platz wäre perfekt, etwas erhöht, freie Sicht nach Norden und leicht bewölkt. Und ein Klo am Parkplatz. Was will man mehr? Ich beschließe, es zu versuchen und baue mal mein Equipment auf.

 

Kurz darauf kommt ein Paar im Wohnmobil, die ich schon aus Brora kenne. Manche Menschen trifft man wieder, in Brora hat mich eine Dame angesprochen, die mich von Speyside kannte. Carissima ist ja auch auffällig genug, dass man sich an uns erinnert…

Während ich hier in der prallen Sonne sitze, die Wärme genieße, den Ausblick genieße, feststelle, dass ich kein Netz habe, mir das aber wurscht ist und mir ein kühles Bier aufmache, kommt ein Auto um das andere, die Menschen steigen aus, gehen zum Aussichtspunkt, kommen zurück und fahren weiter.

Zwei Schotten mit drei Hunden bitten mich, auf ihre Autos aufzupassen, sie wollen eine Wanderung auf den Berg gegenüber machen, dort übernachten und bei Sonnenaufgang wieder zurückwandern. Kurz nachdem sie die Straße überquert haben, entdeckt einer der Hunde einen Highland Deer, einen kleinen Hirschen und rennt los. Ich beobachte von meinem Aussichtspunkt aus, wie der Hirsch etwas in Not kommt, dann aber ein sehr kluges Ausweichmanöver ins Loch (fragt mich nicht welches das ist, hier gibt es Millionen Lochs) macht und so einen Vorsprung gewinnt, weil der Hund kurz die Spur verliert und dann gemütlich an einer anderen Stelle ins Wasser steigt und davon schwimmt. Zum Glück bekommt der Hund das so gar nicht mit und rennt endlich zurück zu den verzweifelt rufenden Männern. Unglaublich dramatisch war das.

Und dann passieren einige Dinge kurz hintereinander.

  1. Es wird Abend, will heißen, es wird nicht finster, aber dämmrig.
  2. Es beginnt leicht zu tröpfeln, ich muss also die Kamera und alles sonst auch ins Auto räumen.
  3. Die Tagesbesucher sind weg.
  4. Der Regen hört auf.
  5. Die Midges sind da.

Über die Highland Midges liest man so viel! Diese kleinen, gierigen Stechmücken sind nicht wie unsere Gelsen, sondern eher wie die Piccolini in italienischen Pinienwäldern. Sie sind winzig, sie sind schnell, sie kommen zu tausenden und die Beißstellen jucken wirklich sehr lange. Ich hatte mich vorbereitet. Vorsorglich Vitamin B genommen, acht verschiedene Gelsenmittel eingepackt, Gelsenstecker griffbereit. Aber was hier passiert, ist einfach abartig. Grade war noch gar nichts, dann mache ich die Tür vom Auto auf, es macht wusch, ich habe 15 Stiche im Gesicht und im Auto schwirrt es. Also, Kühlschrank ausstecken, Gelsenstecker einstecken, Stiche versorgen. Wecker auf halb eins stellen, da ist es dann wirklich dunkel, ins Bett gehen.

Dann kommen die beiden Männer mit ihren Hunden zurück. Sie mussten umdrehen, einer der Hunde hat sich verletzt. Beide sind richtig erschöpft und ich erzähle ihnen, was ich in Sachen Hund und Hirsch beobachtet habe, denn das konnten die beiden ja nicht sehen, sie waren zu weit entfernt. Und dann muss ich natürlich auch noch fragen, ob sie so etwas wie die riesigen roten Punkte, die vor kurzem auf Wandas Bäuchlein aufgetaucht sind, schon mal gesehen haben. Leider nicht. Etwas hysterisch und verunsichert gehe ich also schlafen.

Leider keine Polarlichter. Um halb eins war die Wolkendecke total zu, um drei ging die Sonne wieder auf. Ich kaputt, übernächtig, verschwitzt und zerstochen, mache mich auf den Weg. Nachdem das Wetter halbwegs passt, beschließe ich, die schöne Runde, seit zwei Jahren „500“ genannt, von dieser Richtung aus zu fahren. „500“, weil Du von Inverness aus einmal um die nördlichen Highlands fährst und das sind genau 500 Meilen. Ich bin das vor 22 Jahren schon gefahren und war beeindruckt. Eine Dame hat mir erzählt, seit sie es „500“ nennen und eigene Straßenschilder gemacht haben, kommen dreimal so viele Touristen her.

Beeindruckend ist es trotzdem.

(Die ersten beiden Bilder zeigen Ardvreck Castle)

Einige Kilometer nach dem Nationalpark bleibe ich bei einem „Tea Room“ stehen und versuche es mal wieder mit englischem Kaffee. Glück!!! Die Dame kocht mit einer kleinen italienischen Maschine, fragt mich, ob das passt, ja klar passt das! Sie erzählt mir, dass bis vor zwei Tagen alles ruhig war, dann plötzlich, hat die Saison begonnen. Die Midge Saison. Bis September wird jetzt hier an der Westküste gestochen, was das Zeug hält. Ich kaufe mir noch ein Mittel gegen das Jucken und die Dame rät mir zu einem Moskitonetz, das man über dem Kopf tragen kann. Dazu kann ich mich aber nicht hinreißen lassen.

Weiter geht es Richtung Norden, nach Durness. Nebel, Regen, Sonnenschein und tief liegende Wolken wechseln einander ab, mal sieht man das Meer, mal zuckelt man auf einer einspurigen Etappe durch die Highlands. Es ist irre, wie sich hier binnen weniger Kilometer alles ändert: das Wetter, die Landschaft, die Autofahrer. Am sonderlichsten verhalten sie die in Leihautos, die müssen neben dem links fahren auch noch damit zurechtkommen, dass sie alles falsch rum machen müssen. Und das merkt man ihnen an.

 

Ganz oben in Durness gibt es übrigens eine John Lennon Gedenkstätte. Der war hier als Kind immer auf Sommerurlaub. Ich bin schon rechtschaffen erschöpft, das Fahren auf einspurigen Straßen, das dauernde Stehenbleiben, Ausweichen lassen, 200 Meter weiterfahren, wieder stehenbleiben, erschöpft ganz schön. Ich bin aber so hysterisch wegen der Midges, dass ich weiterfahren will, weiter Richtung John O’Groats, wo keine sind. Allerdings sollten wir tanken, doch die Tankstelle in Durness hat zu. Mich juckt es mittlerweile am ganzen Körper. Give peace a chance.

 

Ceannabeinne Beach. Wir wandern hinunter an den Sandstrand, der fast direkt an der Straße liegt. Wenn es nicht nur knapp zehn Grad gehabt hätte, könnte man hier glauben, in der Karibik zu sein. In der Karibik, aber völlig allein Paradiesisch. Wanda will runter ins Wasser, besser gesagt, in den Sand. Immer wenn wir am Strand sind, gibt es Stöckchen und Muscheln und Belohnungen. Dass wir hier nicht übernachten, kann sie überhaupt nicht verstehen, habe ich den Eindruck.

 

Dann wieder eine tolle Brücke, über den Kyle of Tongue. Die Tankstelle in Tongue hat auf, aber leider ist das Benzin aus. Diesel könnte ich haben. Will ich aber nicht. Ich auch nicht, sagt Carissima, die langsam ein wenig besorgt klingt. Die Tankanzeige ist seit einigen Kilometern konsequent auf „leer“ und konsequent macht diese Tankanzeige ja normalerweise generell gar nichts. Wir zuckeln weiter. Bettyhill. Keine Tankstelle. Einsame Häuser, Dörfchen, Schafe, Ginster, Heidekraut. Keine Tankstelle.

 

Irgendwann, ich bin schon nicht mehr sicher, ob ich jetzt vor lauter wenig Benzin oder vor lauter Jucken heulen möchte, kommt Thurso in Sicht. Endlich eine Tankstelle, wie wunderbar. Auf der Tankstelle treffe ich sogar zwei andere T3 Fahrer, ein britisches Paar. Jetzt wird alles gut, denke ich, seit ich das erste Mal müde war, sind ungeführ sechs Stunden vergangen, fahre noch die paar Kilometer bis Dunnet zum Campingplatz. Doch der ist leider voll.

Manchmal sind die Tage eben wie sie sind und manchmal hat man dabei auch noch Glück. Ich kann mich erinnern, dass ein paar Kilometer vorher ein einsamer Camper auf einer Wiese stand, vielleicht sollte ich da mal hinschauen. Das mache ich auch und finde einen winzig kleinen Bauernhof Campingplatz mit einigen Stellplätzen, alles frei bis auf zwei. Kurz nach mir biegt ein Schotte in die Auffahrt, mit einem winzig kleinen Wohnmobil aus den 70er Jahren, der Mann sieht aus, als säße er in einem Spielzeugauto. Ich nötige ihn, die am verlassenen Rezeptionshäuschen angegebene Nummer anzurufen und kurz später kommt der Besitzer. Der sieht aus wie Konstantin Wecker mit 20 Kilo weniger und geht mit einem Stock. Sein Humor ist großartig. Draußen setzen sich die Nebelschwaden auf die Felder, es wird kalt und Wanda dreht durch, weil hinter dem Zaun kleine Schafkinder spielen und sie nicht reinkann. Ein Abend bei Hasenöhrls.

 

3. bis 5. Juni, Brora

Bin ich froh, dass wir noch einen Campingplatz gefunden haben! Der Solarstrom reicht nicht für den Heizstrahler und der war heute Nacht bitter notwendig! In der Früh hat es acht Grad und ich heize mal ordentlich ein, bevor ich aufstehe. Immerhin, wenn es so kalt ist, haben die Midges keine Chance. Wenn ich geglaubt habe, das gestern war jucken, dann habe ich mich getäuscht, denn heute geht es erst richtig los.

Wir zuckeln bei starkem Wind nach John O’Groats, wo ich die T3 Fahrer wieder treffe und einen Niederländer kennenlerne, der darauf besteht, ein Foto von mir am angeblich nördlichsten Punkt Schottlands zu machen. Das ist zwar nicht wirklich der nördlichste Punkt, aber zwischendrin ein Foto mit mir selbst drauf ist auch ganz nett.

In John O’Groats ist die Route 500 offiziell zu Ende. Ich habe mich nun für heute entschieden, zurück nach Brora, dort mal Wäsche waschen und so lange bleiben, bis das Jucken aufhört. Allen, die die Midges noch nicht erlebt haben, kann ich an dieser Stelle gleich sagen: am vierten Tag wird das Jucken am unerträglichsten. In der Früh habe ich Blutstreifen im Gesicht, weil ich mich im Schlaf aufgekratzt habe.

Vor dieser leidigen Nacht aber haben wir noch Heilige Stätten aus piktischer Zeit und die Überreste der Highland Clearances besichtigt. Die Geschichte regt mich dermaßen auf, dass ich den nächsten Tag damit verbringe, mich um die Schlachten von Bonnie Prince Charles, den Grafen von Sutherland und den Niedergang der Clan Kulturen einzulesen. Was für ein gebeuteltes Land.

Der Rest ist Brora. Möven, Sand, Muscheln, Wind, Meer, Ebbe, Flut. Nebel, Sonne, Wolken und ein kaltes Bier. Ich könnte ewig hier bleiben, doch als ich am Vormittag des 5. Juni zur Rezeption marschiere, um dies anzukündigen, bedauern die beiden Herrschaften das sehr, doch der Platz sei nun leider ausgebucht. Alle Plätze entlang der „Route 500“ seien jetzt wohl nur noch mit Reservierung möglich, Saison beginnt. Den beiden tut es sichtlich leid, sie suchen noch in ihrem Computer herum und schließlich kann ich heute Nacht noch bleiben.

Ich mache noch am Abend alles aufbruchsklar, damit wir morgen gut wegkommen, wir haben eine lange Fahrt vor uns. Jetzt echt Skye, fragt Carissima. Sie weiß, dass ich eigentlich nicht auf die Insel wollte, weil ich einen unglaublich nervigen Verehrer hatte, der von dort war. Ich muss aber gestehen, dass mich diese Brücke zu sehr reizt, um darauf zu verzichten. Außerdem sollen die Midges noch nicht auf Skye sein. Also, vermutlich sind sie schon dort aber schlafen noch oder so irgendwie.

 

Als ich die Heckklappe noch einmal aufmache, um alles schön zu ordnen, knotzt der Blues auf meinem Bett und bohrt in der Nase. Das muss jetzt aber echt nicht sein, sage ich. Er schaut weg. Macht die Sache aber auch nicht besser, finde ich. Ich mache mir ein sehr gutes, sehr hopfiges „Pale Ale“ auf, aus einer kleinen Brauerei, und er nimmt das zweite, das letzte Bier das ich habe, so ganz nebenbei. Fläzt auf Wandas Stühlchen, die nun versucht, zu mir auf den Schoß zu kommen, und trinkt. Blickt versonnen in Richtung Sonnenuntergang. Es ist jetzt halb elf und der Sunset beginnt gerade erst, heute mit rot gefärbten Wolken. Da sitzt sie nun allein und lässt sich von den Paaren nerven, seufzt er versonnen. Hab mich schon gewundert, wo Du immer so bist, sage ich. Ich wollte mal vorbei schauen und mir Deine Trommel borgen, sagt er. Sicher nicht, sage ich, das ist kein herkömmliches Instrument. Die borge ich nicht her. Hast doch eh erst einmal getrommelt, seit wir hier sind, sagt er. Na und, das eine Mal war dafür grandios, sage ich, und außerdem hast Du eine eigene Gitarre, wo ist die überhaupt? Hab‘ ich in einem Pub in Inverness vergessen, sagt der Blues und macht einen auf extrem Schotte, indem er das Inverness auf der letzten Silbe betont und dabei das R rollt, dass jedem Briten das Teegebäck am Tellerchen zerbröseln würde. Dann musst Du sie dort wieder holen, sage ich. Mach ich sowieso, sagt der Blues und bläst sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sein Haar ist irgendwie anders, seit er in Inverness war, was immer er dort getan hat. Gewaschen, ja es ist gewaschen! Und an der linken Schläfe hat er ein Zöpfchen geflochten, wie der Highlander. Ich stelle mir meinen Blues in Schottenrock und muskulös vor, wie er mit Sean Connery Schwertkampf übt. Das Gesicht schmutzig und blutverschmiert wie Bruce Willis in Die Hard, und zwar in jedem Teil und zwar immer nach spätestens 15 Minuten des Films.

Manchmal, wenn mich der Schelm reitet, dann stelle ich mir vor, wie Bruce Willis, besser gesagt John McClane, eine ganz normale Ehe führt und am Ende des Tages dann heimkommt. Seine Frau blickt kurz auf, rollt mit den Augen, schon wieder! Schon wieder verletzt, schon wieder das Gwand beim Teufel und zwar alles, Hose, Hemd, alles komplett hinüber. Geh Dich mal duschen, sagt sie, das Essen ist gleich fertig, und er, der mindestens vier Tage zu spät zu diesem Essen kommt, donnert seine durchgeschwitzten Socken in die Ecke, das einzige Kleidungsstück, das noch ganz ist. Stellt sich schnell unter die Dusche und setzt sich dann im Bademantel, mit einem kühlen Bier auf die Terrasse und sagt zu ihr: „Das war wieder ein Tag!“

Ich muss grinsen. Was ist denn so witzig, will der Blues wissen. Ach nix, sage ich. Denke ich mir. Ich an Deiner Stelle fände auch nichts witzig. Hej, geht’s noch, sage ich empört. Naja, sorry, ich wäre ja nicht hier, wenn alles cool wäre, oder?

 

6. Juni oder wie wir uns streckenmäßig wieder mal vergogelt haben

Man kann sich mit den Distanzen hier ordentlich vergogeln. Und zwar nicht wegen der Meilen auf Kilometer Umrechnung, sondern weil die Straßen so schlecht sind. Single Track Roads, also einspurige Strecken, die rechnet man eh ein. Also, Geschwindigkeit im Schnitt 20 km/h und dann noch jede zweite Ausweiche stehen bleiben und jemanden vorbei lassen oder überholen lassen. Das hat auch was, diese absolute Langsamkeit. Doch nicht nur diese Straßen machen langsam, sondern auch die, die von der Bezeichnung her bei uns als Bundesstraße durchgehen würden, also jene mit einer zweistelligen Zahl. So wie A77. Die Autobahnen heißen M8 oder M25. Die, die bei uns Landesstraßen wären, heißen dann A832 zum Beispiel. Aber schon die zweistellig angeschriebenen Straßen sind zum Teil so schlecht, dass ich froh bin, mittlerweile keine Probleme mehr mit der Bandschiebe zu haben. Lautstark entschuldige ich mich bei Carissima, wenn wir wieder in ein viel zu großes, viel zu unerwartet daherkommendes Schlagloch plumpsen, mit 50 km/h wohlgemerkt, obwohl man hier 75 fahren dürfte. Aber das habe ich eh schon aufgehört.

Ich habe also mit „Midges Vorschau“, Karten und guter Zeitplanung beschlossen, heute bis nach Skye zu kommen, denn dort sollen noch keine Midges sein. Daumen mal Pi und grob überschlagen 250 Kilometer auf halbwegs vernünftigen Straßen. Unterwegs ein Stopp bei den „Falls of Measach“, ein Wasserfall, über den ein edler Spender des „Scotland Nature Trust“ eine kleine Brücke hat bauen lassen, für die Wanderer. Und diese kleine Brücke ist der Hammer, wenn man Höhenangst hat. Vorne steht ein Schild, dass nicht mehr als sechs Personen gleichzeitig über die Brücke gehen dürfen und in der Mitte SCHAUKELT es! Mir reißt es in den Knien und ich kann mich fast nicht mehr bewegen. Das Hündlein trippelt wacker hinter mir her. Die Aussicht in die Schlucht ist überwältigend und lässt sich mit keinem Bild der Welt in ihrer ganzen Tragweite darstellen.

 

Dann geht es weiter in das „Beinn Eighe Nature Reserve“, ein Naturpark an der Küste. Es fällt schwer, NICHT mit offenem Mund zu fahren, so traumhaft ist die Landschaft hier. Allerdings auch so mückengesättigt. Carissima sieht mittlerweile aus, als hätte sie einen Schnurbart, so dick ist die Schicht aus Mücken an der Vorderfront. Die Scheibe kratze ich jeden Abend sauber, anders kann man das nicht nennen. Als wir in den Naturpark einfahren, sehe ich bereits ein, dass sich das heute nie und nimmer ausgeht mit Skye. Nicht, weil es nicht lange genug hell wäre, haha. Die Sonne geht um kurz vor Mitternacht wirklich unter und um halb drei wird es schon wieder hell. Aber ich bin fix und fertig. Seit knapp acht Stunden im Auto, natürlich mit kleinen Pausen, ein bisschen mit Wanda gehen und spielen, aber trotzdem. Und so gebe ich kurz vor Shieldag einfach w.o. Bis zum nächsten Campingplatz wären es 30 Kilometer, allerdings einspurige Straße, und ich kann nicht mehr. Wir bleiben also auf einem Aussichtspunkt neben der Straße stehen, die Aussicht ist atemberaubend, und ich mache mal Abendessen für das Hündlein. Irgendwann kommt ein Mann mit zwei Hunden und wandert vom Parkplatz in die Berge. Dann kommt ein Mann mit Motorrad und fragt nach dem Mann mit den Hunden. Ich gebe bereitwillig Auskunft und als der Mann mit den Hunden wiederkommt, richte ich ihm aus, dass da jemand nach ihm gesucht hat. Das passiert ihm immer, meint er, man kenne einfach sein Auto. Er hat sich einen alten Rettungswagen zum Camper umgebaut, im Moment ist der allerdings nicht camptauglich, weil lauter Paddelequipment drin ist. Er ist Kajakguide und erzählt mir, dass sehr viele Touristen zum Paddeln hierherkommen. Ein Traumsommer, meint er. Allerdings viel zu trocken. Und dass ich mir hier den weltbesten Platz zum Übernachten ausgesucht habe.

 

7. Juni oder warum ich bei 20 Grad mit der Schiunterwäsche herumsitze

Der Mann mit den zwei Hunden hat mir außerdem gesagt, dass ich unbedingt nach Shieldag reinfahren soll, wenn ich am nächsten Tag aufbreche, denn die Stadt sei zauberhaft. Ist sie auch. Mehr ein Dorf. Kleine Häuschen drängen sich am Wasser, es sieht nach richtig Zivilisation aus. Und nach reichhaltigen touristischen Angeboten. Irgendwie bin ich das nicht mehr gewohnt, bis jetzt war ich, abgesehen von der „500“ sehr weit weg von Touristenansammlungen. Hier aber finden sich die Sportlichen, die Kayakfahrer, die Wanderer, die Mountainbiker, die Frischluftfans, in Mengen.

Irgendwo bleibe ich dann auf einen Kaffee stehen und mir vergeht’s gleich wieder, weil es das dauernd selbe ist, Hunde nicht in der Bar, Hunde nicht im Cafe, Hunde nirgendwo drinnen. Anstatt also, wie ich anfangs vorgehabt hatte, ordentlich zu frühstücken, trinke ich nur schnell einen Cappuccino (der halbwegs geht) und ärgere mich. Am meisten wohl über mich selbst, weil es mich so ärgert. Es hat ja grade Mal 15 Grad, Wanda hätte das locker verkraftet, im Auto zu warten. Jaja, so ist das mit den Justament Standpunkten, lacht der Blues und legt seine Beine auf das Armaturenbrett. Dafür muss er sich ziemlich verbiegen, das kann nicht bequem sein, doch er tut es wahrscheinlich ohnehin nur, um mich zu ärgern. Ich sag mal nichts. Carissima prustet entrüstet, sagt aber auch nichts. Das Hündlein schläft.

Die Brücke nach Skye verwirrt mich ein wenig. Es wurde ja viel Aufhebens darum gemacht, als die Brücke gebaut wurde. Die Inselbewohner waren nicht unbedingt alle glücklich damit, immerhin zerstört eine Brücke auf das Festland – in diesem Fall auf die nächstgrößere Insel – ja doch das Inselbewohnertum. Und die Fährleute gingen fast alle pleite. Man musste sich neue Konzepte überlegen, zum Beispiel Seehundtouren. Die werden in Plockton angeboten, wenn man keine Seehunde zu sehen bekommt, ist die Tour gratis. Jedenfalls ist die Brücke im Vergleich zu all den Brücken, die wir bisher gesehen und befahren haben, einfach miniklein. Ich denke mir, die hätte man wahrscheinlich schon viel früher bauen können.

„Skye,  auf Gälisch An t-Eilean Sgitheanach, auch Eilean a’ Cheò, was übersetzt so viel wie Insel des Nebels heißt,  ist die größte Insel der Inneren Hebriden. Sie liegt unmittelbar vor der Westküste des schottischen Festlands im Atlantik“, zitiert Carissima. Auch hier waren die Highland Clearances geschichtlich einschneidend. Das war 1854, doch schon 15 Jahre vorher haben etwa 30.000 Bewohner die Insel verlassen, die Wirtschaft war im Keller und die Menschen hungerten. 1995 kam dann die Brücke und wider Erwarten hat ihnen das den Arsch gerettet, denn nun begann der Tourismus zu boomen. Denn so wie wir haben einfach viele Touristen keinen Bock auf Fähren. Und nun war eine Insel zugänglich, ganz bequem.“

Total zu verstehen, sage ich, und wir fahren über die nicht aufsehenerregende Brücke. Das mit dem Tourismus stimmt absolut. Wir kommen aus der Einsamkeit der Highlands und hier scheint alles ein bisschen Disneyland. Bars, Pubs, Cafes ohne Ende, Souvenirläden, Einkaufsmöglichkeiten… also, nicht wie Salzburg, Gott bewahre. Aber wenn man aus den Highlands kommt, kommt es einem doch viel vor. Der Touristenstrom fällt am meisten bei den Sehenswürdigkeiten auf. Wo wir sonst allein oder zu zweit waren, stauen sich zum Beispiel hier die Autos vor dem Parkplatz zum „Old Man of Storr“, einer auffälligen Felsnadel. Die Menschen wandern im Konvoi hinauf, bergsteigerisch ausgerüstet, als ginge es auf den Everest, für die Bewältigung eines Hügelchens, und ich storniere sofort mein Vorhaben, das auch zu tun. Gleich beim „Kilt Rock“, einer Felsformation an der Küste. Der Parkplatz ist voll, die Menschen drängen sich. Schön ist es aber doch. So viele Menschen können gar nicht hier sein, als dass einem die Freude an dieser umwerfenden Landschaft vergehen könnte.

Das Tollste überhaupt: vor der Küste spielen zwei Gruppen Delphine, die kein Mensch bemerkt, weil alle auf die Felsen starren. Es ist zauberhaft.

 

In Staffin, einem winzigkleinen Dorf an der Ostküste, finde ich einen Campingplatz und beschließe, hier gleich zu bleiben. Das Paar, das den Platz seit drei Jahren betreibt, ist unglaublich nett, leider, so sagen sie mir, sind die Midges schon da. Ich sehe am komplett zerstochenen Gesicht der armen Frau, dass hier die Saison so richtig begonnen. Doch noch ist früher Nachmittag und ein kräftiger Wind vom Meer bläst die kleinen Quälgeister davon. Ich wandere durch die Heidelandschaft hinunter an den Strand, denn dort soll man fossile Saurierfußabdrücke finden. Und ich habe so ein Glück! Ich sehe wieder Seehunde!

Die Fußabdrücke zu finden ist dafür eine ziemliche Herausforderung, doch die Handvoll Touristen, die extra deshalb hierher kommt, hilft zusammen und jeder, der sie gefunden hat, erzählt dem nächsten, wo zwischen schwarzem Sand, Felsen, Seetang und Muscheln die Abdrücke zu finden sind. Sie sind viel kleiner als ich dachte, darum der Vergleich mit Wanda 😉

 

Als wir zurückkommen, lässt der Wind nach und das ist echt eine Qual! Es ist wunderbares Wetter, es ist herrlich warm, doch sobald man das Auto verlässt, wird man zernagelt. Zugegebenerweise ist es eh schon nach zehn, aber ich könnte hier bis Mitternacht sitzen, so schön ist es. Naja. Und so sitze ich bei 20 Grad mit den langen Schiunterhosen da, damit mich die Midges nicht fressen. Aber nicht lange, denn sie nehmen jede freie Stelle und da nützt auch Schiunterwäsche nichts! Und das ist dann auch der Grund, warum ich am nächsten Tag schon wieder abreise. Schweren Herzens eine schöne Küstenrunde drehe und zurück Richtung „Festland“ fahre.

 

8. und 9. Juni oder vom Warten auf den Hogwarts Express

Als ich zu Hause losgefahren bin, vor über einem Monat, da hatte ich mir einen schicken Campingplatz in Fort William herausgesucht und geplant, länger hier zu bleiben. Nun hat sich die Situation aber erheblich geändert. Erstens ist in Fort William mittlerweile Midges Alarm der Stufe 5, will heißen, wenn man hier ins Freie geht… naja, ich höre jetzt mal auf mit den verdammten Viechern. Zweitens darf man im Hogwarts Express mit dem Hund nicht in der ersten Klasse fahren, was ich aber wollte zwecks Harry Potter und so. Drittens geht es in Fort William zu, als wäre hier Hochsaison und es ist fraglich, ob ich überhaupt noch einen Platz bekomme ohne Reservierung. Ich beschließe also, die Strecke Fort William – Mallaig mit dem Auto zu fahren und gleich herauszufinden, wo denn dieses Viadukt ist, wo man den Zug so schön fotografieren kann.

Auf dem Weg dahin bleiben wir noch beim Eilean Donan Castle stehen, der Schauplatz, an dem der „Highlander“ gedreht wurde. Hier wollte ich noch einmal her. Das letzte Mal, vor 22 Jahren, war hier eine Schlossruine und wir waren die einzigen Besucher. Ein kleines Foto im Eingangsbereich wies darauf hin, dass hier dieser Film gedreht worden war. Und heute! Drei große Parkplätze mit Parkeinweisern, ein riesiges Besucherzentrum mit Cafe, Geschenkeladen und Kinderspielplatz und das Schloss teilrenoviert! Ich bin absolute baff. Es ist immer noch schön, aber sehr, sehr überlaufen. Immerhin kann man hier am Parkplatz in aller Ruhe seine Jause genießen, direkt vor dem Schloss. Das mit der Jause finde ich super. Am Nachmittag Sandwiches und Tee.

 

Dann Fort William, Richtung Mallaig wird die Strecke ganz verlassen und einsam und wunderschön. Die Zugfahrt muss in der Tat zauberhaft sein. Als wir in Mallaig ankommen, steht der Express dort, Abfahrt Richtung Fort William in einer Stunde. Ich denke mir, da warte ich doch auf einem Bahnhof in der Pampa, das ist sicher toll. Und da sitzen wir dann, Wanda und ich, und warten am westlichsten Bahnhof Großbritanniens auf den Zug, in den wir nicht einsteigen.

 

Ich hab‘ eine Riesenfreude mit den Fotos. Und wo das Viadukt ist, für morgen, das weiß ich jetzt auch. Also geht es eine einspurige, holprige Straße zu einem Pub, das wird unsere heutige Brit Stopps Übernachtung. Als ich den Pub betrete, fangen zwei Hunde im Barraum wie verrückt zu bellen an und lassen sich kaum mehr beruhigen, der Wirt rollt nur noch die Augen. Aber Wanda schließt er natürlich sofort ins Herz – Wanda ist hier echt der rockin‘ Star – und so speise ich heute Abend in einem Pub. Beim Auto hätten wir ohnehin nicht bleiben können, Midges… aber ich höre jetzt auf damit.

 

Am nächsten Tag werde ich extrem früh munter, die Luft ist klar und kalt und ich mag ja solche Vergleiche nicht gern, weil jede Gegend einzigartig für sich ist, aber hier erinnert mich alles an Alaska. Es ging mir in Uig schon so. Hier wieder.

Für meine Begriffe extrem früh kommen wir beim Besucherzentrum an, ich kaufe mir noch einen Kaffee und plaudere mit einer Frau, die mir in der Zwischenzeit auf Wanda geachtet hat, da meint die, der Zug komme schon in zehn Minuten. Der fährt also von Fort William eher flott hierher und für den Rest der Strecke braucht er dann ewig, vermute ich, aber egal, im Laufschritt auf die Strecke. Denn es gibt direkt beim Besucherzentrum eine Aussichtsplattform, aber man sieht das Viadukt da nicht so wie im Film. Darauf, dass nun täglich hunderte Menschen zu dem Ort pilgern, an dem das Filmteam stand, hat man sich in den vergangenen zehn Jahren nicht wirklich eingestellt. Die Menschen irren ziellos umher, suchen den besten Platz zum Fotografieren, rennen querfeldein und mittendrin ich mit Wanda, wir schaffen es gerade noch rechtzeitig. Fast an die richtige Stelle.

 

Das Weiterfahren gestaltet sich für mich extrem schwierig, weil es hier so viel zu sehen gibt. Inveraray mit dem Schloss, Tarbert, ein Städtchen entzückender als das andere.

 

Aber man kann nicht überall bleiben! Ich habe mir ja vorgenommen, den „Mull of Kintyre“ zu besuchen, einfach, weil ich den Song so cool finde. Ich weiß nicht, was dort ist, außer einem Leuchtturm, aber ich möchte hin. Ich hätte einen Campingplatz „in der Nähe“ herausgesucht, aber naja. Was soll ich sagen. Erstens muss ich natürlich stehen bleiben, weil ich wieder Seehunde sehe, dann wird die Straße immer schlechter, dann haben alle Campingplätze die „ausgebucht“ Schildchen heraußen und irgendwann finde ich mich auf einer Schotterstraße wieder, die so steil ist, dass man mit der ersten fahren muss und dann ist die Straße aus. Und das ist der „Mull of Kintyre“. Zum Leuchtturm darf man nicht mehr fahren und am Ende der Straße sieht man Irland. Der Abend verläuft sonderbar, ausgesetzt, wild, einsam und ohne Netz. Hatten wir gestern auch nicht. Ich kann nichts kochen, weil der Wind so über das Land fegt und Wanda will nicht mehr raus. Da stehen wir nun, am Ende der Welt.

(Resultat vom Hogwarts Express schauen, nur so nebenbei: ich habe an den Oberschenkeln gezählte zehn Stiche (durch die Jeans durch!!!) und Wanda vier Zecken…)

 

 

10. Juni oder wie ich plötzlich den Wunsch nach Zivilisation entdecke

Ich wache extrem früh auf und wir machen uns sofort auf die Socken. Es ist Sonntagfrüh und ich bin der einzige Mensch auf der Straße. Das Wetter hat gedreht, ein Sturmtief steht an.

 

Wir müssen zurück nach Inveraray, dann Tarbet und weiter nach Glasgow. Ich möchte heute in eine richtige Stadt, aber bitte nicht Glasgow, und habe mich für die Hauptstadt der Grafschaft Ayrshire entschieden: Ayr. Wanda tut irgendwie komisch, ich möchte gerne mit Fredi dazu schreiben und einen Tierarzt in der Nähe haben.

Und hier geht es dann weiter!