2 – Please drive left

7. Mai 2018

So sind wir also in Calais gelandet, da wollte ich eigentlich nicht mehr bleiben, weil ich mit Calais sehr schlechte Erinnerungen verbinde. In Calais wurde uns mal das Auto aufgebrochen, auf dem abgesperrten Hotelparkplatz und es wurden alle persönlichen Dinge gestohlen, die wir dabei hatten. Keine wichtigen Dinge, die hatten wir im Hotel. Aber lauter sehr persönliche Dinge. Und die Tür vom Auto war auch kaputt.

Jetzt bin ich wieder versöhnt mit Calais. Der Campingplatz liegt am Meer und obwohl ich mit der Beschreibung der Dame von der Channel Tunnel Tiereinreise nicht hingefunden hatte, konnte ich mich dann, als ich endlich das Meer sah, ganz gut orientieren. Der Platz liegt am Meer, hatte sie gesagt, und ich habe mir also einfach eine Straße gesucht, die ans Meer führt. Vom Platz kann man direkt durch die Dünen ans Wasser gehen und Wanda tobt sofort mit einem Golden Retriever durch den Sand. Sie ist quietschvergnügt und ich beruhigt, denn es war ein sehr langer Tag im Auto.

Eine Zeitreise anzutreten macht einigermaßen nervös. Denn so steht es klipp und klar auf meinem Ticket, das ich nicht ausdrucken kann, weil ich meinen kleinen Drucker zu Hause vergessen habe: Abfahrt in Calais um 11.50 Uhr, Ankunft in Folkestone um 11.25 Uhr. Ich bin sehr aufgeregt. Grundsätzlich wäre ich auch aufgeregt, wenn ich keine Zeitreise machen würde, ich habe bemerkt, dass mich diese Tunnel Sache doch sehr beschäftigt, denn es ist etwas, das man nicht alle Tage macht. Gestern war ich sogar schon so weit, lieber zur Fähre zu fahren! Aber das geht ja nicht, denn die Fährgesellschaften stellen sich in Sachen Hundetransport noch depperter an als die Zuggesellschaft und das allein aus dem Grund, weil man auf der Fähre nicht im Auto bleiben kann und somit das Tier mitnehmen muss, im Zug aber Mensch und Hund ohnehin im Auto bleiben. Alles sehr crazy mit den Briten!

Ich also, völlig nervös, springe um halb acht aus dem Bett und packe zusammen. Wanda will noch nicht aufstehen, sie hat eindeutig die Faxen dick von den vergangenen Tagen und versteckt sich im Auto. Immer, wenn ich mich auch verstecke, kommt sie raus, geht zur Schiebtür und schaut, wo ich bin. Das machen wir ungefähr zehnmal, dann ist sie soweit, mit mir spazieren zu gehen. Noch einmal raus zur Düne, ich nehme mir meinen Frühstückskaffee mit. Es ist wunderschön, so allein durch die Dünenlandschaft zu spazieren. Diesen Platz muss ich mir gleich mal merken! Im Moment geht mir echt alles ein wenig zu schnell!

 

Wir sind dann auch schon um halb zehn bei der Tier Einreise und Wanda wird zum dritten Mal gescannt, alles passt, wir dürfen zum Ticketschalter. Auch dort ist viel weniger los als gestern am Nachmittag und es geht rasch voran. Dann kommt die französische Passkontrolle, es beginnt sich zu ziehen und bei der britischen Kontrolle stehen wir dann alle. Irgendjemand ganz vorn in der Reihe hat Probleme und die Kolonne wird immer länger. Gut, dass ich so früh dran bin. Die Dame vom Ticketschalter hat mich nämlich von 11.50 auf 11.20 vorgebucht, weil da noch Plätze frei waren. Nachdem wir die britische Kontrolle geschafft haben, geht es Richtung Zug, doch unser Buchstabe ist noch nicht dran. Jeder Zug wird mit Buchstaben versehen und die, die noch nicht dran sind, werden zurückgeleitet und parken dann direkt vor dem letzten Einkaufszentrum in Frankreich. Es ist sehr schön hier, keine Frage, doch der Parkplatz ist in der prallen Sonne und in die Cafes und Restaurants darf man keine Hunde mitnehmen. Also langweile ich mich in der Sonne, während Wanda sich im Schatten versteckt. Mittlerweile hat sie einen Weg gefunden, sich unter dem Auto aufzuhalten, ohne mit einem Ölstreifen am Rücken wieder aufzutauchen.

 

Dann geht es los. Ich muss ehrlich gestehen, wenn man so in der Warteschlange steht, also, kein Weg mehr daran vorbei führt, ein Verkehrsmittel zu benützen, und dann kommt jemand von der Crew vorbei und meint, es würde Verzögerungen „aufgrund technischer Probleme“ geben, dann finde ich das nicht prickelnd. Weder bei Flugzeugen, noch bei Fähren, noch beim Channel Tunnel Zug.

 

 

Was immer los war, wir starten mit einer Viertelstunde Verspätung und alles geht ganz normal über die Bühne. Beim Abfahren vom Zug geht mir dann wieder mal alles viel zu schnell, ich habe noch meine Schildchen mit dem Hinweis „links fahren“ ins Auto geklebt und schon bin ich auf der Autobahn. Und das nimmt mich einigermaßen her! Der Verkehr hier ist dicht, klar, es sind eine Menge Fahrzeuge zusammen mit mir vom Zug gefahren, die Lkw zischen an mir vorbei, die meisten Richtung London. Ich bin richtig erleichtert, als ich endlich von der Autobahn runterkomme. Doch das war nicht das Ende des Horrors! Nun folgt ein Kreisverkehr dem nächsten und wir nähern uns den Docks von Dover, wo es naturgemäß ebenso voll zugeht. Nach dem sechsten Kreisverkehr könnte ich heulen. Alle fahren unglaublich schnell und alles kommt mir verkehrt herum vor! Dann auch noch die Regelung, dass man sich in der inneren Spur einordnen MUSS, wenn man nicht die erste Abfahrt nimmt, ich bin nur noch am Schauen, Lenken, Blinken und Schwitzen. Die Gedanken kommen. Was war denn vor 22 Jahren anders? Ok, wir waren jünger. Wir, ja, wir waren zu zweit. Der Verkehr war vielleicht auch noch anders, weniger, langsamer? Ach, verdammt.

Als ich ein Schild mit „Cliffs of Dover“ sehe, verlasse ich schnell den Verkehrswahnsinn und besuche die weißen Klippen. Herrlich still ist es hier oben, wenn man auch noch lange den Lärm des Hafens hören kann. Doch irgendwo, dort, wo der staubige Weg eine Biegung macht und der Ginster in voller Blüte steht, ist der Lärm plötzlich weg. Wanda lässt sich großteils tragen, es ist ihr zu heiß, und ich wandere hinaus in die Felder und Wiesen.

 

8. Mai und 9. Mai

Zwischen Dover und Deal gibt es einen Campingplatz, den habe ich nach meiner Wanderung relativ rasch gefunden. Achtung. Die Entfernungsangaben sind hier in Meilen 😉 Auch die Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Es wäre nicht England, wenn man nicht höflich hinter mir hertuckern würde, mit 60 km/h in der 60 m/ph Beschränkung. Hier dürfte man also locker 90 fahren. Mir ist aber so und anders alles zu viel. Also auch meine 60 km/h. Nach gefühlten vielen Kilometern, die mehr als in Meilen sind, erreiche ich den Hawthorn Farm Campsite in dem kleinen Dörfchen Martin und hier ist es so beschaulich, dass mir fast die Tränen kommen. Ich werde darauf hingewiesen, Wanda an der Leine zu halten, wegen der Kaninchen. Die sitzen hier so auf der Wiese herum und schauen einfach. Kleine braune Fellknäuel, die die Idylle perfekt machen.

Wanda findet es erst mal super, dass es hier Wiese gibt und dann weniger toll, dass sie den Kaninchen nicht hinterher laufen darf. Aber sonst ist alles einfach wunderbar, wir können spazieren, Ball werfen, wenn keine Kaninchen in der Nähe sind und es gibt ein beheiztes Bad und heißes Wasser. Nicht dass das nötig wäre, heute hat es gefühlte 30 Grad und ich weiß nicht mehr, wo ich Schatten finden soll. Ich nutze den Rest des Tages also, ein wenig zu arbeiten und die Wärme aufzusaugen.

Neben Entfernungsangaben, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Währung habe ich auch die Zeitumstellung noch nicht auf die Reihe bekommen. Gestern sind wir also aus Versehen um halb neun ins Bett gegangen und heute um halb acht putzmunter gewesen.

 

10. Mai

Gar so einfach ist das diesmal nicht mit der Planung. Denn an sich kann ich mich ja treiben lassen, was immer zu Beginn einer Reise sehr schwer fällt. Tausend Gedanken, tausend Ideen, tausend Dinge, die ich noch erledigen wollte, unbedingt. Zum Beispiel im nächsten Farmshop frisches Gemüse kaufen, was leider misslingt, weil ich noch keine britischen Pfund habe und man dort naturgemäß nicht mit Euro zahlen kann. Und dann die M25, die mir im Magen liegt. Diese Ringautobahn um London kann man nicht vermeiden, wenn man von Dover in den Norden fahren möchte. Außer, man fährt ganz groß unten rum, also so 300 Kilometer mehr in etwa. Ich habe diese Autobahn noch in Erinnerung von meiner ersten Schottland Reise, es war ein einziger Horror. Man bekam damals T-Shirts an den Autobahnraststätten mit der Aufschrift „I survived the M25“ („Ich habe die M25 überlebt“). Daran muss ich jetzt denken, als wir losfahren. Und schalte tapfer den Verkehrsfunk ein, BBC1. Dort wird berichtet, dass – denn egal, welche Straßen gemeldet werden, die M25 ist immer mit dabei – es zurzeit auf der M25 gut aussieht, alles im Fluss ist. Also fahren wir.

Bevor ich überhaupt zu dieser Autobahn komme, müssen wir aber noch in den „Three Shop“, um Internet to go zu erwerben. Das ist einfacher als ich dachte, denn der nächste Shop ist ganz in Nähe in einem großen Einkaufszentrum und ich bekomme dort UNLIMITIERTE Datenmenge für drei Monate um 16 Pfund. Das ist eine Sensation und das ganze Procedere dauert genau zehn Minuten. Keine Formulare, kein Papierkram. Simkarte rein und fertig. Ich bin begeistert, hebe noch 200 Pfund vom Geldautomaten ab und es kann losgehen.

Die Zubringerautobahn M2 ist auch einigermaßen ok, also schon dichter Verkehr, aber nicht zu stressig. Ich bin aber immer noch mit dem links Fahren völlig überfordert, wenn es zu Entscheidungssituationen kommt und so fahre ich, nachdem ich auf einer Raststätte die GoPro für die M25 Aufnahmen bereit gemacht habe, falsch und lande auf einer winzig kleinen Straße, auf der es keine Umkehrmöglichkeiten gibt. So komme ich in das sehr kleine Dorf Braxted, das als „Dorf des Jahres 2015“ ausgeschildert ist und dort in einem Farm Shop mit Cafe. Leider darf Wanda nicht mit hinein und so nehme ich nur ein Sandwich für später mit. Und hier kann ich umdrehen!

 

Zurück auf der Autobahn geht es dann sehr flott weiter und auf der M25 muss ich feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist wie befürchtet. Es ist viel Verkehr, aber gut machbar und bald sind wir ein viertel Mal um London herumgefahren und können auch schon wieder runter von der Autobahn. Leider vergeige ich den Kreisverkehr bei der Abfahrt, finde mich auf einer Zubringerstraße nach London wieder und bin gleich darauf schon in der videoüberwachten Luftschutzzone Londons, für die Carissima natürlich kein Pickerl hat. Mal sehen, was da wieder daherkommt.

 

 

Irgendwann kann ich umdrehen und finde auch den Weg zurück auf die A12, eine Schnellstraße Richtung Norden. Die hatte ich mir irgendwie nicht ganz so schnell vorgestellt, aber ok, so ist das eben. Von den tausend Möglichkeiten, wohin es uns heute noch verschlagen könnte, wähle ich die allererste, denn ich bin müde und mir ist heiß und ich habe den Eindruck, Wanda geht es gleich. Und so bleiben wir gleich neben der Schnellstraße in dem kleinen Städtchen Colchester.

 

Auf dem Campingplatz ist es unglaublich laut, als würde man direkt an der Schnellstraße stehen, doch tausendmal besser, als das zu tun. Denn wir werden auf eine Rasenfläche gestellt, auf der sonst kein anderer Camper ist und die so schätzungsweise 4000 Quadratmeter groß ist. Ungelogen. Mit Baum in der Mitte. Wanda läuft erst einmal wie verrückt über ihr neues Grundstück und ich freue mich, dass ich zum ersten Mal echt nicht aufpassen muss, was sie grad anstellt, während ich uns abendfertig mache. Denn so weit, wie sie hier laufen könnte, entfernt sie sich nie von mir. Abendfertig, das bedeutet bei uns folgendes. Wir kommen an und als erstes bekommt Wanda Essen und Trinken, das sie meistens ablehnt. Dann werden die Campingstühle rausgestellt, mit einem Deckchen auf Wandas Stuhl, aber natürlich bleibt sie da nicht sitzen, weil alles so aufregend ist.

Dann wird der Strom angesteckt und natürlich als erstes der Kühlschrank angeschlossen. Wegen Bier und so. Dann wird die Windschutzscheibe so gereinigt, dass man beim nächsten morgendlichen Start Freude verspürt. Man deshalb, weil sie dann so sauber ist, dass JEDER sich darüber freuen würde. Dann kommt der Sichtschutz auf die Windschutzscheibe. Als nächstes mache ich die Heckklappe auf, lasse mal frische Luft durchziehen und richte das Bett her, mit Schlafsack aufschütteln und Decken und Pölster in die Sonne legen. In der Zeit, in der das Bettchen in der Sonne liegt, kontrolliere ich Öl und Wasser und fülle nach, was nachzufüllen ist. Dann Bett rein, Klappe zu und Tischchen aufbauen, damit ich langsam auch was zu essen kriege. Ja, und dann wird gekocht! So sieht ein normales Abendprocedere aus. Dazwischen spiele ich mit Wanda Ball, wenn sie mag oder wir gehen noch an den Strand, wenn einer da ist. Ich richte mich nach Licht und Sonne oder Regen und Wetter. Bei Regen sieht alles ein wenig gestraffter aus, weil Wanda nicht draußen sein mag 😉

Heute bekomme ich mein vor Stunden erworbenes Sandwich zu essen und beschließe, den viel zu süßen Wein, den ich gestern aufgemacht habe, in einem Risotto zu verkochen. Das wird dann vermutlich auch zu süß sein, doch ich bin ja seit Jänner geschmacksbehindert, und somit kann mir vieles egal sein. Wie das mit dem Geschmack/Geruch passiert ist, weiß ich nicht genau, ich weiß aber, dass ich mich sehr bemühen muss, damit es mich nicht zu sehr nervt. Das war nämlich so. Ich hatte eine ziemlich schwere Erkältung und diese zog sich einigermaßen hin. Immer rinnende Nase. Dazwischen war ich beim Tierarzt, weil Wanda auch krank war, und die Tierärztin meinte, ich solle die homöopathischen Eccineacea Kügelchen ruhig auch nehmen. Das hat auch geholfen. Und dann habe ich im neuen Jahr zwei neue Regale gekauft, beim schwedischen Selbstbauprofi, und dachte mir noch, bah, dieser typische Geruch. Und genau genommen war das das Letzte, das ich ordentlich gerochen habe. Eine Weile fällt einem sowas ja nicht auf, weil die Nase rinnt. Und im April meinte meine Freundin Sabine dann, das ist jetzt schon in Richtung chronischer Schnupfen, hej, da musst Du was tun. Ich habe also fast vier Monate lang nichts gerochen und meine letzte Geruchserinnerung war die an ein neu aufgebautes Ikea Regal.

Kaum war ich hier in England, sind zwei Dinge passiert. Ein sonderbarer Ausschlag an der Wange war plötzlich über Nacht weg und ich rieche wieder was. Das mit dem Riechen ist komisch, weil es keinem klaren Plan zu folgen scheint. Ich rieche warm besser als kalt, ich rieche also leider keine frisch zwischen den Fingern zerriebenen Kräuter, dafür aber gekochtes Gemüse, Suppe oder Curry. Dafür rieche ich frisch gekochten Kaffee oder Tee gar nicht. Ich rieche heiß gelaufene Bremsen und Kupplungen, die misshandelt wurden, ich rieche chemisch gedüngte Felder, doch die salzige Brise am Meer rieche ich nicht. Ich rieche es nicht, wenn Wanda Kaka macht und auch nicht, wenn ich in ein anderes Kaka trete und das dann freudig auf meinem Gaspedal verteile. Dafür rieche ich die Rapsfelder neben der Straße. Den Ginster rieche ich nicht mehr, darauf hatte ich mich schon seit Jahren gefreut, und das nervt. Ich warte gespannt auf weitere Verbesserungen. Am meisten fehlt mir trotzdem der Geruch nach Kaffee am Morgen.

Naja. Das waren die Gedanken in Colchester. Am Abend habe ich mir dann – in Anbetracht der hervorragenden Internetverbindung – eine Dokumentation auf ARTE angesehen, über den Friedensaktivisten Abie Nathan und seinen Radiosender „The Voice of Peace“. Die Sache nimmt mich nachhaltig mit und ich träume wahnsinnig verrückte Dinge, an die ich mich jetzt nicht mehr erinnern kann.

 

11. Mai

Was sehr schräg ist. Während ich das hier endlich niederschreiben kann, habe ich kein Internet und höre im Autoradio den European Song Contest. Aber alles der Reihe nach!

Vom Colchester kommen wir heute nicht wahnsinnig weit, aber das war genau mein Plan. Ich wollte ja grundsätzlich kleinere Strecken fahren und mehr Zeit vor Ort haben, auch angenehmere Arbeitszeiten, und das versuchen wir jetzt mal. Darum erreichen wir schon am frühen Nachmittag Hemsby, wo es einen sehr netten Campingplatz direkt am Meer gibt. Also, man geht aus dem Gelände raus, 50 Meter nach links und steht mitten in der Dünenlandschaft. Wanda ist begeistert. Auf der Fahrt dahin kommen wir wieder an einem Farm Shop vorbei, wo ich frischen Käse und Brot kaufen kann und auch Tanken ist noch drin.

Auf BBC Radio 2 wird schon den ganzen Tag über den European Song Contest berichtet. Ich höre wechselnd, je nachdem, wie es mit dem Empfang klappt, BBC1, BBC2 oder BBC4 und verstehe keinen einzigen Menschen, der in diesem Land Privatsender hört. All diese Sender senden ohne Werbung! Und bringen so ziemlich alles, was einen interessieren könnte. In den vergangenen drei Tagen habe ich also das Mittags Music Quiz mit sehr anspruchsvollen Fragen gehört, eine politische Debatte über den Brexit und zweimal die Mittagstelefonstunde, wo ein Zuhörer ein Thema vorgeben kann und dazu können andere Zuhörer anrufen. Sehr spannend, was sich da grad tut im Land. Hauptthema in den vergangenen Tagen ist natürlich der Song Contest und die Chancen Großbritanniens. Zwischendrin höre ich die Ankündigung, dass UNSERE Conchita eine Gala moderiert, mit dem London Symphonie Orchestra! Totaler Wahnsinn!

Dann also mit Wanda ans Meer. Sie bringt wieder Steine, das macht sie seit unserer ersten Reise und ich denke mir, ist zwar nicht so super, aber solange sie darauf nicht herumnagt, lasse ich sie mal. Wir gehen zwei Stunden spazieren und danach ist sie rechtschaffen müde, denn es war auch für sie anstrengend – Meer, Steine, Sand, andere Hunde und Menschen, die von Wanda begeistert sind, weil sie so süß ist.

Ich arbeite den ganzen verbleibenden Nachmittag und bin sehr zufrieden, als mir die vermaledeite Internetverbindung meldet, dass mein Datenvolumen aufgebraucht ist. Ich krame den Beleg heraus, doch dem kann ich nicht viel entnehmen. Wenn ich diesen Saubeutel aus dem Einkaufszentrum erwische!!! Was immer er mir verkauft hat, offenbar habe ich doch keine unbegrenzte Datenmenge. Mistkerl!

 

 

12. Mai 2018

Heute haben wir eine längere Strecke vor uns. Grund dafür ist, dass das Wetter schlecht werden soll und dass ich gern auf einem Platz gelandet wäre, der optimal ist und die Möglichkeit gibt, mal zwei Tage zu arbeiten. Der Platz unserer Wahl liegt in der Nähe des Castle Howard in der Grafschaft York. Ich erinnere mich, dass ich das erste Mal in dieser Gegend war, als ich 13 war und original kein Wort verstanden habe. Der Dialekt ist echt heftig und ich bin froh, dass ich nun groß bin und das auch sagen kann. Mit 13 war das schräg.

Auf dem Weg – denn diese Strecke nimmt fast den ganzen Tag in Beschlag – bleiben wir bei einer alten Mühle stehen. Dort findet man sich plötzlich vor einer Furt, ja einer Furt im mittelalterlichen Sinne, sprich, die Straße führt durch einen kleinen Bach und ein Schild weist darauf hin, dass diese Furt nicht für alle motorisch betriebenen Fahrzeuge geeignet ist. Wir verzichten großzügig auf einen Test – ich liebe die englische Sprache, die so schön umständlich und nobel auf einfache Dinge hinweist.

Auch bei unserem nächsten Stopp ist das so: eigentlich hätte ich einen Park gesucht, bei einem Schloss, habe diesen aber nicht gefunden. Dafür aber einen kleinen Dorfkrämer, in dem wir unsere wichtigsten Einkäufe erledigen können, und ein Naturreservat, in dem man spazieren kann. Das Schild im Eingangsbereich ist episch. Man möge bitte darauf achten, dass hier Rinder und Ponies zu Nachtzuchtzwecken gehalten würden. Diese seien nicht an Menschen gewöhnt. Selbstverständlich dürfe man hier spazieren und auch seine Hunde mitringen, solange man diese unter Kontrolle habe. Ein sehr schönes Wort, denn in Großbritannien wird das sehr oft anstatt einer Leinenpflicht angeführt – dass der Hund unter Kontrolle zu halten ist. Auf dem Schildchen steht also noch neben diesem Hinweis, dass man den Hund anzuleinen habe, wenn man sich Vogelbrutstätten nähere. Aber: sollte man von Rindern oder Ponies angegriffen werden, dann solle man die Leine auf jeden Fall los lassen! Ich denke mir, auf dieses Abenteuer lassen wir uns ein und Wanda stürmt auf die völlig leere Weide und hat plötzlich 20 Hektar für sich allein. Mich freut es, dass es hier so viele Worte für Schilder gibt, denn ich mag es, wenn Menschen lesen.

Nachdem Wanda müde ist, gibt es ein Sandwich und Tee für mich. Sonderbarerweise halte ich hier die Tea Time noch besser ein als zu Hause, das Land bringt es mit sich. Gegen Abend hin wird es zäh, ich bin müde, Wanda will nicht mehr aussteigen, der Himmel hängt tief, es sieht nach Regen aus und ein paar Schauer haben uns schon erwischt. Aber immerhin erreichen wir den angepeilten Platz in der Nähe von York und bei der Zufahrt kommen wir durch die Eingangstore des Castle Howard und alles fühlt sich ganz aufregend mittelalterlich an. Auf dem Platz ist man hin und weg von Wanda und sofort beginnen ein paar Kinder, mit ihr zu spielen, sie macht eine Weile mit und versteckt sich dann unter dem Auto. War einfach viel heute.

Tja. Und so sitze ich jetzt hier und kann nicht überprüfen, ob diese sonderbare Internetconnection nun besteht oder nicht, denn gestern Abend tat sie das dann doch noch. Aber hier hat Drei keine Empfang, auch nicht per Telefon. Das Wifi am Platz ist nicht frei und nachdem es jetzt seit etwa zwei Stunden wie aus Kübeln gießt, habe ich auch keine Lust, zur Rezeption zu gehen und eine Stunde Internet zu kaufen. Wenn Ihr das hier lest, ist es also Vergangenheit. Aber ziemlich coole Vergangenheit. Ich habe mir eine Flasche Wein aufgemacht und höre den European Song Contest auf BBC2. Ziemlich cool, irgendwie 😉

Und hier geht es dann weiter…